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Verzeichnis des Inhalts:


1. Nacherzähltes
2. Vorerzähltes
3. Icherzähltes
4. Naturerzähltes
5. Liebesverflixtheiten
6. Icherzähltes II
7. Weihnachtserzähltes
8. Kreuz und Quer
9. Icherzähltes III
10. Anderes
11. Weiteres
12. Unweiteres













1. Nacherzähltes und zurück

Die Gefangennahme
Klein Venedig
Der Haustausch
Das letzte Abenteuer
Der Liebesbrief
Die Badestelle
Der Boxkampf
Der Weltverbesserer
Das Olympische Spiel
Der Halbleser













2. Vorerzähltes und zurück

Die Weltfrage
Die Weltfrage II
Die Weltfrage III
Die Weltfrage IV
Die Weltfrage V
Die Weltfrage VI
Die Weltfrage VII
Die Weltfrage VIII
Die Weltfrage IX
Die Weltfrage X














3. Icherzähltes und zurück

Der Anfang
Der aufrechte Gang
Das erste Wort
Das Kranksein
Vom Zauber des Gefahrenwerdens
Das Erlernen der Angst
Wie ich Gott spielte
Ein Paradiestraum
Denken frißt Angst
Sieben Stullen und doch kein bißchen dick

















4. Naturerzähltes und zurück

Von Wald und Wiesen und Mülltonnen
Wiesentag
Wassermusik
Tropfenerleben
Erdenzeit
rosig
himmlisch
Licht
Wald
Fliege















5. Liebesverflixtheiten und zurück

Sonntagmorgen
Sonntagabend
Montagabend
Dienstagabend
Mittwochfrüh
Mittwochabend
Donnerstagabend
Freitagabend
Sonnabendmorgen
Sonntagmorgen

















6. Icherzähltes II und zurück

Wie ich geradeaus lief und mich dennoch beinahe verlief
Vom richtigen und vom falschen Leben
Wie ich meinen Körper näher kennenlernte
Vom Warten
Warum ich plötzlich zwei Mütter hatte und mir das arg peinlich war
Wie ich die Vorteile der Männlichkeit erfuhr
Was es bedeutet, nicht verstanden zu werden
Vom Diebstahl und was noch geschah
Wie ich das Singen aufgab und zum Lippenbewegen überging
Vom an den Haaren-Herbei-Ziehen und weiteren Geschehnissen


















7. Weihnachtserähltes und zurück

Fünfzehn
Sechszehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Einundzwanzig
Zweiundzwanzig
Dreiundzwanzig
Vierundzwanzig



















8. Kreuz und Quer und zurück

Kreuz und Quer
Verkehrte Welt
Richtige Welt
Weltraum
Erdraum
Lebensverlängerung
Lebensverkürzung
Gelärm
Ruhe
Kreuz und Quer
















9. Icherzähltes III und zurück

Von der Einschulung
Von der Deutschstunde
Von der Mathestunde
Von der Heimatkundestunde
Von der Werkunterrichtsstunde
Von der Sportstunde
Von der Musikstunde
Von der Schulgartenstunde
Von der Schwimmstunde
Von der Wißbegierde







10. Anderes und zurück

Das Vorspiel
Das Vorsehen
Das Spiel
Die ersten Minuten
Die zweiten Minuten
Die Halbzeitpause
Die Minuten nach der Halbzeit
Zwischen Halbzeitpause und Endpfiff
Endpfiff
Das Nachspiel






11. Weiteres und zurück

Vom Verstehen
Vom Gehen
Vom Regen
Vom Segen
Vom Sehen
Vom Geben
Vom Erreichen
Vom Verlangen
Vom Warten
Vom Erfüllen















12. Unweiteres und zurück

Prolog
Start
Weg
Ziel
Ankunft



















1. Nacherzähltes

Die Gefangennahme

Irgend hatte ihn der Tag nicht gemocht. Aber am frühen Morgen hatte er noch frohlockt, der Tag, ein Sonnenstrahl traf sein Gesicht, ließ ihn erwachen, er spürte das Leben, ganz nah, unmittelbar. Langsam wurde ihm wach. Zuerst spürte er seine Glieder wieder. Dann kehrten die ersten Gedanken zu ihm zurück. Sein Hirn startete durch, während er aus dem Fenster schaute.

Plötzlich hörte er es an der Wohnungstür schellen. Er entstieg seinem weichen, übergroßen Bett, schlurfte in Pantoffeln und Nachthemd zur Tür, schaute durch den Spion und sah seine Nachbarin. Er irrte mit seinen Gedanken umher. Was will sie?, fragte er sich. Schon am frühen Morgen, sie. Immer wieder sie. Er wollte mit ihr nicht sehr viel zu tun haben, wollte seine Ruhe, wollte nur Nachbar sein, alleinstehend, von Ruhe verwöhnt. Und nun, nun wo er frei sein wollte, doch immer nur frei sein wollte, verhaftete ihn der Tag. Sicherlich braucht sie ein Ei, oder der Schnaps ist ihr ausgegangen, dachte er, und hatte wieder diese Schnapsfahne vom Neulich in seiner Nase. Eklig, einfach nur eklig.

Er trat zurück. Mist, sie hatte ihn gehört. Sicherlich. Sie klingelte nochmals. Redete etwas von Notfall. Ja, sie war ein Notfall, per se ein Notfall. Und er würde Arzt, Feuerwehrmann, Polizist oder Psychiater spielen müssen. Kurz überlegte er noch, ob er einfach wieder in sein Bett zurückkehrt, aber sie würde ihn sicherlich nachher auflauern, der Tag nahm ihn so oder so gefangen, er würde ihm nicht entkommen können. Höchstens wenn er sich sofort und jetzt verhaften lassen würde, dann, aber auch nur dann, würde er zumindest dem RestTag entkommen können.

Kaum öffnete er die Tür, so schwafelte sie bereits herum. Sie habe Geburtstag, genau heute Geburtstag, er dachte nur, na und?, was interessiert es mich, während er wehleidig nickte, Zuhören spielte. Sie habe ihre Tür ins Schloß geschlagen, ob er sie wieder öffnen könne, oder zumindest einen Schlosser und überhaupt holen könne.

Er sah sich bereits mit ihr auf der Couch in seinem Wohnzimmer sitzen, auf einen Schlosser warten und obwohl er es bereits sah, voraus sah, konnte er es nicht mehr verhindern. Die Kausalitäten nahmen ihren eigenen Lauf, verhafteten ihn dabei, rissen ihn mit sich, als wäre er in einen Strudel geraten, wehren zwecklos, nur abwarten, und hoffen, daß der Strudel sich von allein auflöst, ihn wieder frei gibt, an die Oberfläche, zurück zu seinem Leben.

"Wollen sie noch einen Kaffee, ich brüh noch einen.", tat er freundlich, während ihm nun doch ein zwei ihrer Tränen rührten. Dreißig sei sie heute geworden, sagte sie, und immernoch ohne Mann. Er wußte nicht recht, ob er sie bedauern oder beglückwünschen sollte, entschied sich dann lieber für das Kaffeekochen. Bereits die fünfte Tasse hatte er mit ihr zusammen getrunken. Der Schlosser ließ sich Zeit.

"Wollen sie nicht irgend wann einmal eine Frau kennen lernen?", fragte sie vorsichtig, während er sich ein wenig am Kaffee verbrühte. Er wollte einstweilen nicht, sollte er ihr dies aber sagen. Würde sie ihn dann als einen Frauenhasser brandmarken oder gar als einen Männernarr. "Sie müssen doch auch immer so allein sein, wissen sie, ohne Frau, das ist doch nicht das Leben, da verpaßt man doch das Schönste."

Er zündete sich eine Zigarette an während sie weiter, immer weiter redete. Eine Frau mit Dreißig. Frauen mit Dreißig können komische Gedanken haben. Er sah sich nicht als Familienmensch, könnte er sich ein Tier aussuchen, als welches er wiedergeboren werden möchte, dann den Elefanten. Er kommt nur zum Erledigen des Schwengelns zu seinen Elefantinnen, sonst geht er seiner Wege, philosophierend spaziert er durch die Savanne, schaut dabei dem Leben zu und denkt sich sein Teil. Weswegen sollte er sich bei den Frauen ständig herum treiben?

Sie bemerkte, daß sie mit ihrem Gerede nicht mehr zu ihm durchdringen konnte, beließ es denn auch dabei, und schwieg fortan, kleine Kullertränen im Neun-Sekunden-Takt gebärend. Er reichte ihr ein frisches Handtuch. Taschentücher waren gerade aus gegangen, er hatte vergessen, welche nachzukaufen.

Seine leidige Fürsorge verfluchte er allerdings alsbald, denn sie hatte wieder Witterung aufgenommen. Plötzlich lud sie ihm zum Abend ein, er sollte mit ihr Abendbrot essen, wegen ihres Geburtstages, dann würde sie nicht so allein sein, und er ja auch nicht. Welch ein Zufall. Er sagte, aus einem Affekt heraus, zu.

Und nun nahm er Straße um Straße, wohlweislich immer um sein Haus, seine Wohnung einen großzügigen Bogen machend, sie nicht, bloß nicht zu erreichen. Nebenbei hatte er noch einen Hundehaufen getroffen, und ein Fahrzeug hatte den Inhalt einer Pfütze an seine Hosenbeine verbracht. Alles egal, sagte er sich, bloß nicht nach Hause, nach Hause wollte er noch nicht. Und als dann die letzten Sonnenstrahlen des blassen Novembertages hinter den Häuserfronten der Kleinstadt verschwanden, spürte er einen Finger seinen rechten Zeigefinger berühren, wie zufällig, es war jedoch kein Zufall, sie, die Nachbarin, hatte ihn entdeckt, als sie aus dem Delikatessengeschäft gekommen war.

Er ging mit, denn Flucht war zwecklos, das wußte er jetzt, er würde gehen, mit ihr gehen müssen, wäre er bloß in Prag geblieben, sagte er sich, aber hier, in dieser Kleinstadt, war leider alles möglich, er würde sicherlich seine Freiheit einbüßen, dabei hatte der Tag so gut begonnen, mit einem Sonnenstrahl, der ihm traf, als er gerad aus seinem Fenster sah.



Klein Venedig

Sie lag auf einer Decke, die Decke lag auf einem Rasen, der Rasen lag auf der Erde und die Erde schwebte im Weltraum, sich den Kräften des Raumes hingebend. Über ihr befand sich nichts außer dem Himmel, blau und vor Hitze flimmernd. 34 Grad Celsius hatte der Bademeister auf eine Schultafel mit weißer Kreide geschrieben. Solch kleine Tafel, mit der sonst Kinder verwöhnt werden, die beginnen sollen, ihr Leben mit der Schule zu teilen. Unter der Lufttemperatur stand noch die Temperatur des Wassers im Schwimmbecken, 23 Grad Celsius. Ingo sagte dazu immer pubwarm. Sie lächelte, als sie daran denken mußte.

Kaum, daß sie zehn Minuten auf der Decke lag, wurden ihr die Sonnenstrahlen bereits unerträglich heiß. Sie schaute um sich, sah einen nahen Baum, unter dem Schatten zu finden war. Ein wilder Apfelbaum, riesengroß, und dafür mit winzigen Früchten, die erst im September reif werden würden, sie also jetzt, im August noch nicht treffen konnten.

Der Platz ist gut, freute sie sich über ihre Wahl, während sie sich auf den Rücken legte, mal das eine, dann wieder das andere Bein anhob, schaute, wie es ausschaute, ob die letzte Rasur ihrem Wohlbefinden noch genügte. Ja, sagte sie sich, gut. Glatte Beine waren schon immer ihr Wunsch. Nun, nachdem sie endlich die ersten häßlichen Härchen an den Beinen wachsen sah, konnte sie selbst etwas für ihren Wunsch tun. Nebenbei schaute sie auch immer mal wieder in den Spiegel, beobachtete dabei einen Pickel, den sie am frühen Morgen entdeckt hatte, direkt rechts neben der Nase, sie hatte ihn ein wenig überschminkt, er verhielt sich zum Glück ruhig, noch ruhig.

Ingo wollte eigentlich auch zum Baden kommen, so hatte er es ihr gesagt, sonst wäre sie gar nicht gegangen, schon wegen ihrer hellen Haut nicht, wäre sie nicht gegangen. Langsam füllte sich das Bad mit Badende und Nichtbadende. Die Badenden erkannte man daran, daß sie sofort oder in kurzer Kürze zum Wasserbecken gingen, die Nichtbadenden legten sich derweil lieber auf die Wiese, nahmen sich etwas zum Lesen hervor oder schlossen ihre Augen ganz und lieferten sich allein der Sonne aus. Manchmal kam es vor, daß ein Nichtbadender zum Badenden wurde, aber nur für einige Minuten. Badende blieben dagegen zumeist Badende, nur kurze Momente verweilten sie außerhalb des Beckens um etwas zu essen oder zu trinken oder auch nur um miteinader laut zu reden, was wohl im Bad selbst nicht möglich ist.

Sie gehörte eher zu den Nichtbadenden. Nur einmal hatte sie sich von Ingo überreden lassen. War ihm gefolgt. Im Bad hatte er sie dann unter das Wasser gestukt, was unter Jungs sicherlich ein besonderer Freundschaftsbeweis sein wird, dachte sie sich, während es ihr um ihre EinstundenFrisur leid tat.

Eigentlich wollte Ingo mit ihr ja nach Venedig fahren, ganz allein. Die Eltern hatten es ihr aber nicht gestattet, wie sie sich immer auszudrücken pflegten, wir gestatten dir dies oder das nicht. Sie mochte dieses Wort nicht. Gestatten! Sie war quasi bereits eine erwachsene Frau, hatte alle Zeichen des Erwachsenendaseins bereits erhalten, Feierstunde und Geschenk nebst Sekttaufe. Und das bereits vor einem Jahr. Nächstes oder übernächstes Jahr würde sie die Schule abschließen, je nach dem, wie sich das Leben für sie entscheidet.

Sie schaute ein wenig gelangweilt um sich, versuchte irgend Ingo zu finden. Er kam immer recht spät, aber wenn er sagte, daß er kommt, dann kommt er meist auch. Kaum zehn Schritte entfernt bemerkte sie eine ältere Dame, deren Augen sich hinter den dunklen Gläsern einer Sonnenbrille verbargen. Aber sie schaute wohl zu ihr, sie fühlte es einfach. Und als sie sich ein wenig räkelte, den Bikini zurecht zupfte, rekelte sich die Dame auch, ein wenig, während sie angestrengt in einem Buch las.

Beinahe hatte sie die ältere Dame vergessen, als sie diese wieder bemerkte, während sie sich gerade ein wenig mit einer Sonnenschutzcreme schützte. Sie schaute zu ihr hinüber, lächelte ein wenig zu ihr, sie wollte sie damit, mit dieser kleinen Geste aufmuntern, aber die ältere Dame versteckte sich sogleich wieder hinter den Seiten eines Buches, welches sie anscheinend mit hoher Konzentration zu lesen versuchte.

Sie schlief bereits ein wenig ein, döste vor sich hin, als sie eine kalte Hand auf ihren Rücken spürte. Ingo. Er hatte sie gefunden. Nun doch noch gefunden. Sie freute sich, lächelte und war, einfach nur glücklich, denn sie dachte nicht mehr, ließ keinen Gedanken neben ihren Gefühlen mehr zu.

Ingo wollte gleich zum Wasser, sie wollte aber nicht, nicht recht. So blieb er bei ihr, aber sie mußte mit ihm Federball spielen. Sie mochte Federball nicht besonders. Fand es nicht fraulich genug, dieses Spiel, aber sie spielte mit ihm, lachte sogar öfters und freute sich, wenn das Spiel gelang. Nur einen kurzen Moment lang war sie etwas irritiert, als sich der Federball zu der älteren Dame verirrt hatte, diese ihr Buch weglegte, um den Federball aufzuheben und diesen in ihre Hand zu legen. Ein klein wenig verwirrt war sie deshalb, aber sie ließ sich nicht weiter auf dieses Gefühl ein, was versucht war, bei ihr zu landen. Aber weiter spielen wollte sie auch nicht. Sie ging lieber zum Schwimmbecken, mit Ingo, was sie eigentlich nicht wollte, aber nun doch wollte, wieder einmal wollte.

Am Schwimmbecken angelangt, wunderten sie sich zuerst, daß es sichtlich entleert war, nur Wasser, nach Chlor riechendes Wasser, sonst nichts, keine Menschen. Sie fanden ein Pappschild, - vorübergehend geschlossen - sonst nichts. Ein paar Jungs, die Ingo kannte, fachsimpelten bereits, woran es liegen könnte, diese Schließung, zu viel Chlor im Wasser, oder gar eine Bakterienverseuchung.

Sie gingen zu dem großen Apfelbaum zurück, legten sich auf die Decke, dösten vor sich hin, während die Sonne langsam den Schatten auf die andere Seite des Baumes warf, dort wo die ältere Dame saß und ihr Buch las. Nach ein zwei halben Stunden erschien dann einer von Ingos Freunden und berichtete, daß das Bad wohl verseucht sei, irgend welche Krankheitskeime hätten sich bei einer Überprüfung im Wasser gefunden.

Während sie nun beinahe darüber zu streiten begannen, wo die bessere Badalternative zu finden sei, ging die ältere Dame bereits zum Ausgang des offenbar verseuchten Schwimmbades. Irgend gefiel ihr das Bad wohl nicht mehr besonders, womöglich vermißte sie auch das Gekreische vom nahen Schwimmbecken, welches sonst immer recht gut zu hören war, oder sie wollte sowieso gehen, jedenfalls ging sie recht flotten Schrittes zum Ausgang.

Das Bad leerte sich immer mehr und mehr, aber sie wollte bleiben, nicht wegen des schönen Bades, nein, vielmehr, um einen Liebesbeweis zu erhalten. Wie lange würde es Ingo mit ihr hier wohl aushalten, ohne das Schwimmbecken nutzen zu können? Sie war gespannt und sie genoß es zusehends, ihn unruhig neben sich liegend zu wissen.

Am späten Nachmittag entgingen sie endlich dem Bad, dann auch, und nächstes Jahr würden sie gemeinsam nach Venedig fahren, komme was wolle, sagten sie sich.



Der Haustausch

Der Tag begann sonnig, beinahe heiß, am Morgen bereits 22 Grad Celsius, Mittags sollten es dann 32 Grad Celsius sein, im Schatten. Stolz ging er, der Hausherr, mit der Freundin seines Freundes durch das Haus, das er sanieren wollte, von Grund auf, und so sah das Haus aus, mehr wie eine Ruine, kurz vor dem Einsturz, nur noch von dem Gedanken, der fernen Idee eines renovierten Hauses vom Einsturz abgehalten.

Dennoch redete und redete er, erschloss sich so seinen Traum, das Haus, vollkommen neu, ließ es vor den Augen der Mittdreißigerin entstehen, in der vollkommensten Klarheit neu entstehen. Er war von Beruf Werber und so vermochte er das Haus zu kommunizieren. Sein Freund war Handwerker, weswegen er für ihn auch so wertvoll war, für die nächsten zwei Wochen jedenfalls. Sie wollten beginnen, neue Fußböden einzuziehen, auch die Decken wollten sie überprüfen. Leben, leben taten sie in zwei Wohnwagen, die auf einem nahen Campingplatz standen.

"Hier also wird einmal die Küche entstehen!", sagte Ines, die Freundin seines Freundes. Karsten schaute bereits das Schlafzimmer "Und hier sehen sie das Schlafzimmer, mit Badanschluss und begehbaren Kleiderschrank!", er zeigte Ines einen Raum, von dessen Wänden bereits sämtlicher Putz abgeschlagen war, in dessen Decke ein mittelgroßes Loch die Sicht zum Obergeschoss freigab. Ines schmunzelte ein wenig, ließ sich aber bereitwillig verführen. Irgend war es zwar nicht romantisch, dort, in diesem angehenden Schlafzimmer, dazu fehlte einfach alles, aber schließlich waren sie, sie dort.

Peter hatte bereits die Dielung im ebenerdig liegenden Wohnzimmer entfernt, war nun dabei, die Balkenkonstruktion zu überprüfen und befand, daß einer von diesen ganz sicher ausgewechselt werden müsse. Karsten kam helfend herbei, jedenfalls stand er dann daneben, neben Peter und gab das nötige Werkzeug, ein Beil, zum Prüfen der Qualität der Balken. Sie würden noch ein ganzes Zeitchen benötigen, für die Fußböden und insbesondere für den Fußboden des Wohnzimmers, so sah es jedenfalls nach dem Balkentest aus, denn es mußten sogar einige Balken der Tragekonstruktion gewechselt werden, damit die Wohnstube nicht im Irgendwann in den Keller hinabsinkt.

Das Arbeiten gingen recht wortlos vonstatten, während Peter immer wieder einmal ein wenig schniefte, stöhnte, sich räusperte und das Wörtchen Scheiße durch seine geschlossenen Lippen preßte, blieb Karsten recht ruhig daneben stehen, half wo er konnte, und er konnte nicht viel helfen, da er ein anerkannter beidseitiger Linkshänder war, allein seine Zunge saß am rechten Fleck.

So wurde gebaut und gebaut, die Tage vergingen, gingen dahin, die frühen Vormittage arbeitete man, den heißen Mittag ruhte man und den Nachmittag versuchte man Freizeit zu leben. Andreas zeigte Ines immer wieder Nachmittags das immer schöner werdende Schlafzimmer, während sich Peter und Petra zu gemeinsamen Radtouren trafen. Ja, so hatten sich zwei Interessen getroffen, die sonst beim Partner nicht auf Gegenliebe trafen. Das Fahrradfahren ist zwar recht hübsch anzusehen, es ist aber leider nicht für jeden bestimmt, auf dem Fahrrad seine Nachmittage zu verbringen.

Petra und Peter genossen die kurzweiligen Touren in die nahe Umgebung des Hauses, sie hatten auch schon einen recht hübsch versteckten See gefunden, an dem sie sich sahen, so daß sie immer wieder zu dem See fuhren, so oft sie eben konnten, es vermochten.

Das Haus wurde unterdessen immer fertiger, immer wieder mehr ein Haus. Andreas nahm sich extra nochmals 14 Tage Zeit, für das Haus, sein gesamter Jahresurlaub ging daher hinweg, für das Haus, und auch Peter ließ sich darauf ein. Nur Abends, wenn sie dann abends zusammen saßen, kam eine recht komische Stimmung über sie, als wüßten alle über Alles Bescheid, als gäbe es gar keine Geheimnisse zwischen ihnen, wie es eben während einer guten Ehe ist.

Decken und Fußböden waren dann fertig und vollbracht und der Urlaub beendet, der Sommer auch, es regnete die letzten Tage nur noch, und sie waren recht froh, daß es wieder zurück ging, in die Stadt, in der sie einstweilen noch recht nah, nur durch ein zwei Straßen getrennt, lebten.

Im Juni des nächsten Jahres war der Termin des Einzugs heran gerückt. Kurz zuvor hatten sich Petra und Ines im Kreissaal getroffen, auch die Papas, und doch war dort nur Freude, auch wenn man sich danach gerne aus den Augen verloren hätte, wenn dies irgend möglich gewesen wäre.



Das letzte Abenteuer

Erste Arbeitstage sind wie erste Leben, man weiß noch nicht, auch nicht im Unterbewußten, wie einem sein wird. Das Sein noch nicht ausgebrütet. Selbst das Ei noch nicht. Die Henne noch nicht. Urzustand. Er ging dahin. Nutzte den Bus. Fuhr mit diesem zum Büro. Schaute nach vorn und sah doch nur zurück. Alle Ampeln auf grün. Zumindest für kurze Augenblicke, die dem Bus genügten die Kreuzungen zu passieren. Stationen hielten ihn dagegen fest. Leute, Menschen und andere Gestalten stiegen ein und aus, suchten einen Platz inmitten der bereits besetzten Plätze.

Er saß recht komfortabel am Fenster. Fensterplatz. Neben ihm saß eine Frau, mittleres Alter, so dachte er, und er hatte eine genaue Vorstellung, was mittleres Alter bedeutet, denn er befand sich auch im mittleren Alter. Zwischen Geburt und Tod eben. Dazwischen ist der Zeitraum des mittleren Alters gelegen. Die Frau hatte sich geputzt. Lippenstift, beinahe orange, dazu Liedschatten, mehr grünlich und das Gesicht gefärbt mit einem leichten rotichweißnichtwarumunddochrot. Da ein bißchen und dort ein bißchen Farbe, zum Verdecken des mittleren Alters. Sie roch nicht schlecht, ein wenig des süßlichen Parfüms traf ihn stets, wenn es eng wurde, im Bus. Sie hatte wohl ein wenig Platzangst in sich. So kamen und gingen die schweißtreibenden Momente und er, er bekam dann immer einen hübschen Geruchsschwall ab. Er lächelte.

Im Büro, der erste Tag so la la la. Er würde sich irgend kennenlernen müssen, mit den anderen. Er hatte ein Einzelzimmer, aber ohne Bad und Dusche, auch ohne Balkon, dafür vollklimatisiert und ein kleiner Kühlschrank in einer Ecke stehend, vom Vorgast. Kaum am Schreibtisch gesessen, meldete sich bereits der erste Gast, eine E-Mail, vom Chef. Er solle dies und das ausarbeiten, checken, wohl ein Lieblingswort des Chefs. Er checkte, nachdem er sich richtig eingecheckt hatte. Noch seinen Saft hervor geholt hatte, aus seiner neuen Aktentasche heraus, dazu seine Stullen mit Bierwurst und sonstiger Wurst. Alles in die Kühlgelegenheit verbracht hatte, auch seinen Stift hervor geholt hatte, zum Schreiben von Wörtern auf Papier und zum Kritzeln von Bildchen auf eben dem gleichen Papier, immer links unten, manchmal rückten sie auch ein wenig nach rechts und nach oben, je nachdem, wie andauernd er einen Zettel beschrieb.

Er checkte für den Chef. Er erarbeitete die Arbeit, schickte sie per E-Mail hinaus, erhielt Antwort, zuerst ein Lob, schön schön, stand dort, dann noch ein paar Änderungswünsche. Und der Chef hatte ihn mit seinen Vornamen genannt, Rob, er freute sich riesig, beinahe wahnsinnig. Die weitere Arbeit erledigte sich recht schnell, er schrieb einfach nur und schon war Feierabend. Er zog seine Jacke an und wollte gehen, nach Hause, als er den Schlüssel zum Büro nicht mehr fand. Aber der Abend war spät, seine Kollegen hatten längst das Bürohaus verlassen, er würde bleiben müssen. So blieb er, gestrandet im Büro. Er fand es gar ein wenig abenteuerlich, im Büro zu übernachten, das hatte er noch nie getan, so noch nie getan.

Er schlief gut. Am frühen Morgen die erste E-Mail vom Chef. Er begann wieder etwas zu checken, im Internet zu recherchieren, sich an seine Arbeit heran zu wagen. Mittags bestellte er sich ein Gericht beim Italiener, der seine Speisekarte im Schreibtisch hinterlegt hatte. Davor genügte ihm eine Bierwurstschnitte vom Vortag. Kaffee hatte er zum Glück noch genügend zu stehen, in einer übergroßen blechernen Büchse aufbewahrt, vom Vorgänger.

Wieder war der Abend schnell heran gekommen. Er dachte aber beizeiten an den Verlust des Schlüssels, ging hinaus, suchte die Kollegen, doch sie waren nicht. An der großen Wandzeitung ein großer Zettel, heute Betriebsausflug, er war anscheinend der einzige Arbeitende heute in diesem Büro gewesen. Und es war Freitag, verdammt, so dachte er, er würde im Büro bleiben müssen. Wenn es doch wenigstens in diesem Bürohaus einen Pförtner gäbe, er könnte diesem Bescheid sagen. Aber es gab keinen Pförtner, nur er war dort, und er hatte seinen Schlüssel verlegt, egal, er würde bleiben müssen.

Er hatte es sich bereits bequem gemacht, auf seinem Schreibtisch, als eine Putzfrau herein kam, mitten am Freitag Abend putzte sie die Büros, er schöpfte Hoffnung, aber nein, gerade in seinem Büro sei sie nur zufällig hinein geraten, sie habe für dieses keinen Schlüssel, weil es ein halbes Jahr leer gestanden habe, zuvor leer gestanden habe, brauchte sie es eigentlich nicht zu putzen. Nur das neue Namensschild habe sie neugierig gemacht, Rob Caruso, stand dort und sie wollte wissen, ob er mit dem bekannten Sänger verwandt sei, wenigstens ein wenig.

Das Wochenende verlief recht ruhig. Er hatte sich auch schon mit seiner neuen, doch so mißlichen Lage abgefunden. Hilfe würde erst am Montag eintreffen können. Davor war einfach nur abzuwarten und dabei schön ruhig zu bleiben. Aus Langeweile bestellte er sich üppige Portionen beim Italiener, sogar eine ganze Kokosnuss ließ er sich kommen, extra für ihn gekauft, vom Italiener. Nur, öffnen konnte er die Nuss zuerst nicht, er probierte es dann mit einem Brieföffner, und, nach einigen Versuchen gelang es, ihm war richtig froh, als es ihm gelungen war, und als die Milch an ihm hinunter floß, an seinen Beinkleidern entlang, egal, ihm war dennoch so froh dabei.

Am Sonntag Vormittag hatte er seinen letzten Streichholz verbraucht und der Italiener hatte noch nicht geöffnet. Er würde aber gerne rauchen wollen, sogar rauchen müssen, war ihm ganz gewiß. Verzweifelt entschloss er sich dann jedoch mit dem Rauchen aufzuhören, radikal aufzuhören vom Jetzt zum Sofort. Er rührte keine Zigarette mehr an, bis ein Lichtstrahl das Zimmer traf. Ja, richtig, die Sache mit der Lupe und dem Licht. Er zerknüllte ein wenig Papier, tat es in einen Aschenbecher, zertat seine Uhr, nahm ihr das Glas und hielt es zwischen Sonnenstrahl und Papier derart geschickt, daß sich der Sonnenstrahl in sich bündelte, seine Stärke vervielfachte und das Papier zuerst zum Rauchen und dann zum Brennen brachte. Der Rest blieb eine Kleinigkeit. Doch, er rauchte gerne. Er war eben ein Genußmensch, sagte er sich.

Der Montag war da und freudig ging er auf den Flur, hin zu einer offenen Küchenecke, und richtig, Menschen, Kollegen, dort in der Küchenecke. Als er die Kollegen dann reden hörte, über sich reden hörte, ganz leise sagten sie, daß sie ihn am liebsten in der Luft zerreißen würden, ja daß sie aus ihn Hackfleisch machen wollten, schließlich habe er ohne große Erfahrung auszuweisen, sofort diesen wichtigen Posten bekommen, da wußte er, er würde sie nicht um einen Schlüssel bitten können, zumindest sein Job, wenn nicht sogar sein Leben wäre in Gefahr.

Die Tage gingen dahin, auch Wochen und Monate. Er hatte bald die Telefonnummern sämtlicher Lieferdienste bei sich, sein Büro glich einer gemütlichen Wohnstube, ihm fehlte an nichts, außer an seiner Freiheit, er war im Büro gefangen, nur Freitags kam eine Abwechslung, Freitags kam stets die Putzfrau und er bewirtete sie, und sie redeten dabei, über alles Mögliche.

Eines Tages, es war wohl bereits ein halbes Jahr vergangen, bemerkte er, daß er sich plötzlich allein im Bürohaus befand, keine Geräusche auf dem Flur, nichts mehr. Am Abend des Tages traute er sich dann hinaus, sah die anderen leeren Büros, ja, die Firma war verzogen. Aber gab ihm dieses das Recht, einfach so das Büro im Stich zu lassen? Dazu Akten und Computer, persönliche Unterlagen. Zumal am Montag wieder eine Arbeitsanweisung des Chefs, per e-Mail bei ihm eintraf. Nein, natürlich nicht. Am liebsten hätte er seinem Chef Bescheid gesagt, vom Verlust des Schlüssels, aber er stand kurz vor einer Beförderung, sein Chef hatte bereits solches angedeutet, sollte er sich etwa mit dieser schlimmen Nachricht alles zunichte machen?

Er blieb im Büro, noch ein Vierteljahr verging, als ihm mitten an einem Sonntag ein rettender Gedanke kam, er könnte ja einen Schlüsseldienst benachrichtigen, sich einen Schlüssel nachmachen lassen, und dann endlich das Büro zum Verlassen verschließen. Er freute sich über die nahe Rettung. Aber am Sonntag wollte er den Schlüsseldienst nicht holen, die Firma würde sicherlich nicht den Sonntagstarif zahlen wollen. So wartete er bis zum Montag, ließ dann den Schlüsseldienst kommen, der jedoch den Auftrag ablehnte, ohne Kennzahl würden sie keinen Schlüssel nachmachen können, wegen der strengen Sicherheitsbestimmungen eben. Er versank in sich, angesichts der schlechten Nachricht.

Die nächsten Wochen waren ihm die Schwierigsten. Er mußte sich voll auf seine Arbeit konzentrieren, denn es ging um seine nahe Beförderung und doch dachte er immer wieder an seine ausweglose Situation. Eingesperrt im Büro. Unfrei. Um das zu vergessen, ein wenig zu vergessen, arbeitete er sogar siebzig Stunden pro Woche und manchmal sogar Sonntags, Gott sah es ja nicht, denn sein Büro hatte er sicherlich vergessen, so war ihm jedenfalls.

Wieder einmal war Montags und er erhielt Post vom Chef. Längst war dort eine neue Firmenanschrift angegeben, aber egal, er freute sich über jede dieser Nachrichten, denn sie verbanden ihn irgend mit der Außenwelt. Und als er gerade die neue Arbeits-Aufgabe checkte, wurde es laut auf dem Flur, er schaute kurz hinaus und sah vollkommen neue Menschen, die er zuvor noch nie gesehen hatte, dort, auf dem Flur. Und kaum, daß er beruhigt weiter arbeitete, kam bereits eine Frau mittleren Alters in sein Büro, dies sei ihr Büro, meinte sie, während sie sich in seinem Wohnzimmerspiegel die Lippen schminkte, in beinahe Orange.

Oh, wie war ihm froh! Endlich würde er sein Büro verlassen dürfen. Er übergab ihr sogleich alles, mit Ausnahme der Akten natürlich. Nichts von seiner Einrichtung wollte er mitnehmen, denn er wußte, es würde sie sehr schwer treffen, dort in seinem ehemaligen Büro, ganz ohne Schlüssel.



Der Liebesbrief

Briefpartnerschaften sind fast wie Lebenspartnerschaften, allein, sie benötigen zum Leben nur das Schreiben und Lesen. Christina schrieb liebend gerne Briefe und seit dem sie in Michael einen kongenialen Partner aus dem Sachsenland fand, den sie durch eine Freundin kennen gelernt hatte, schrieb und schrieb sie Briefe um Briefe. Zuerst ging es um Popgrößen und andere Showgrößen, dann um das Leben, um ihr Leben, sie schrieben sich sogar intime Details, zum Beispiel schrieb sie ihm über ihren ersten Besuch beim Frauenarzt und er meinte, ihr eine Locke zukommen lassen zu müssen. Das fand sie allerdings ein wenig peinlich, aber gut, auch mutig, jedenfalls hob sie diese auf.

Ihre Briefe legte sie stets in den gleichen Schubkasten, neben einem Bücherregal, ganz nach unten, darüber ein Fotoalbum und Hausaufgabenhefte. So waren sie vor Entdeckungen eigentlich sicher, so ziemlich sicher jedenfalls. Gut, einmal hatte ihre Schwester die Briefe gefunden, sie daran sogar ein wenig hochgezogen, laut, halblaut vorgelesen und sich dabei amüsiert. Aber Christina war sich ziemlich sicher, daß sie nur neidisch war, nur deshalb lachte sie über die Briefe, obwohl sie die Briefe doch gelesen hatte, anscheinend alle gelesen hatte, mit Wonne und Genuß.

Christina war die Entdeckung der Briefe nicht wirklich peinlich, gut, die Locke wäre ihr peinlich gewesen, aber diese hatte sie ganz sicher versteckt, an einem sicheren Ort außerhalb des Hauses. Als ihre Schwester jedoch bemerkte, daß sie mit ihren Bemerkungen bei Christina keine Wut, nein, noch nicht einmal eine Traurigkeit hervorrufen konnte, gelangten die Briefe auf seltsame Weise zu ihrer Mutter, direkt auf den Küchentisch. Der Inhalt war zwar nicht vom literarischen Interesse aber er war dennoch hoch brisant, denn sie, Christina und Michael hatten sich in den heißesten Phantasien geweidet, ja, ihre Briefe enthielten mehr, als sich manch Mann und Frau vor oder während einer Ehe zu sagen getraut hätten. Pate der Beschreibungen waren sicherlich zahlreiche Liebesbüchlein, aber dennoch, wie aufschlußreich.

Es kam zum  Eklat. Am Küchentisch. Sie würde diesem Michael nicht mehr schreiben dürfen. Diesem Dahergelaufenen. Auch hatte ihre Mutter bereits einen Brief-Ersatz-Partner gefunden, ein netter gar liebenswürdiger und so hilfsbereiter Junge, den sie im letzten Urlaub auf Sylt kennen gelernt hatten, da sollte der Junge aus dem Sachsenland zurück treten, zurück weichen, sich einfach auflösen.

Christina mußte sich fügen. Jedenfalls für den Augenblick. Und als der erste Ersatz-Brief kam, gut, las sie diesen, schrieb artig zurück, aber sie vermißte ihre große Liebe, diese so ganz außergewöhnliche Brieffreundschaft. Und doch tat sie, was die Mutter wollte, so wenig aufmüpfig war sie, ein gutes Mädel eben. Als ihre Schwester dann jedoch immer wieder von diesen ach so schönen Liebesbriefen sprach, sie damit ärgern wollte, beschloß Christina, nicht mehr auf die Briefe des Ersatzes zu antworten, sie würde sich einfach tot stellen. Und so tat sie es dann auch, antwortete nicht mehr und nicht mehr.

Auch Michaels Briefe blieben liegen, denn sie täuschte eine Stauchung ihrer Schreib-Hand vor, sie würde nicht so bald wieder schreiben können. Und so blieb ihr nur das Warten, bis der Verband wieder abgenommen werden konnte, den sie sich extra umgetan hatte, dazu noch das Attest von einem wohlmeinenden Arzt, der ihre Hand recht schnell und ein wenig wehleidig untersucht hatte.

Unterdessen schrieb Michael Briefe, Brief um Brief, die sich bei der Mutter sammelten. Mit ein wenig Geschick hätte sich Christina diese sicherlich nehmen können, sie tat es aber nicht, wegen des Ablenkungsmanövers, sie wollte alle in Sicherheit wiegen, ihre Krankheit richtig auskosten, zumal der Ersatz-Schreiber immernoch schrieb.

Dann kam der Tag der Heilung, der Ersatz-Schreiber hatte aufgegeben und so wollte ihr erster GenesungsBrief an Michael geschrieben sein. Wie hatte sie sich auf diesen Tag gefreut. Sie schrieb und schrieb, beinahe sechs Seiten, dazu ein rosafarbener Umschlag, sogar ein wenig Parfüm sprühte sie auf das Briefpapier. Sechs Tage wartete sie gespannt auf Antwort, leerte jeden Tag vor ihrer Mutter den Briefkasten, und als sich dann am achten Tag ein Brief fand, fand sie ein leises Weinen. Ihr Brief war zurück gekommen, -Empfänger unbekannt verzogen -, stand drauf, nichts weiter.

Sie würde die alten Briefe schauen müssen, ob Michael seine neue Anschrift in ihnen bereits mitgeteilt hatte, aber sie waren offensichtlich vernichtet, jedenfalls lagen sie nicht mehr im Sekretär ihrer Mutter, und als sie nachfragte, bestätigte sich nur ihre Vermutung, die alten Briefe waren weg, und neue kamen bereits seit drei Wochen nicht mehr. Er hatte das Schreiben wohl aufgegeben, schließlich hatte sie auf runde zehn Briefe nicht geantwortet, sich aus gutem Grunde tot gestellt und nun war er tot, kein Brief mehr von ihm. 

Welch ein Gefühl von Traurigkeit. Kein Gedanke gelang mehr, alles wie festgetrocknet, kein Blut floß mehr, das Gesicht weiß, und alles andere so dunkel, unüberschaubar, unklar, abweisend, nicht menschengerecht, alles vertan, so war ihr, ihr in diesen einem Augenblick des Erkennens des eigenen Leides. In ihr grollte nur diese Wut, über sich, über die Welt, über das, was die Welt erhält, sie hatte ihre Liebe verloren und so wollte sie nie wieder einen Brief schreiben, das beschloß sie in diesem Augenblick, sie war als Briefeschreiberin nun endgültig gestorben, einfach tot.



Die Badestelle

Der Inn floß vor sich hin, während sie überlegte, ob das alte Wasser ihren jungen Körper berühren sollte. Wo das Alte doch so jung tat, mit Wellen spielte, dabei das Ufer mit sich umspielte. Und dennoch, trotz seiner Verspieltheit, wie sollte der alte Fluß jung tun dürfen, sich einfach jugendlich aufspielen. Kein Jungbrunnen war in ihm, sah man von seiner ewig jungen Quelle ab, die sie nicht sah, niemals sah, genau so wenig, wie der Mensch des anderen Menschen Quelle schaut, doch nur immer und stets den Körper für sich einnimmt.

Das Alte, Falten werfend, vom alten Fett umschmeichelt, die Haut ergraut, mit rötlichen und braunen Stellen, dazwischen das Junge hervor schimmernd, als blaßer Abgeschmack der Jugendlichkeit. Die Augen allein zeitlos, ewig jung tuend, also wissend und unwissend zugleich. Und Haare tragend so grau, als seien sie ewig alt, obwohl sie nicht viel langsamer wachsen als zu jeder anderen Lebenszeit auch.

Sie hatte sich einen lichten Platz am Ufer ausgesucht, als sie das erste Mal am Fluß war, vor einigen Wochen. Sie kehrte stets zu diesem Platz zurück. Daneben, zwischen zwei Bäumen hatten andere Badegäste eine Schaukel vergessen, befestigt mit zwei Seilen zwischen den Bäumen. Sie saß gerne auf der Schaukel, ließ sich treiben, träumte dabei Dinge, die vierzehn Jahre so träumen können. Hinter ihr allein der Wind, ab und zu, der sie nach vorne trieb, immer wieder einen kleinen Schubs gab. Und der Inn schaute zu, dabei, schien es mit einem gewissen Vergnügen zu schauen, dieses junge Treiben. Seine Oberfläche wellte sich und wellte sich, ließ ein leises Räuspern erklingen, auf das Ufer schlagen und in sich, Wasser auf Wasser, ohne feste Kante ohne Halt, schlug es auf, im Liebesrausch.

Sie kam und ging zum Fluss, wie es ihr in den Sinn kam. Recht unstet, aber stets wenn sie kam, schien der Inn aufzuleben, eine gewisse Lebendigkeit zu zeigen. Als werbe er um sie. Und sie schaukelte derweil sehr gerne, lachte ein wenig vor sich hin, sang ein wenig von einem Lied, das sie noch in ihrem Ohr hatte, vom letzten Musikhören.

Das Wasser war recht kalt, fast unangenehm, als sie das erste Mal hinein stieg. Ihr fröstelte. Sie hatte sich entschieden gehabt, längst zuvor entschieden gehabt, für das Bad und daher ließ sie sich selbst von dieser unangenehmen Kühle nicht abhalten, schwamm sogar ein wenig, spielte mit den Wellen Nasenstoßen, so als ob sie etwas Lebendiges in ihnen vermuten würde. Ihre Heiterkeit schien denn auch den Inn zu erheitern, ließ ihn ein wenig spielen, mit ihr und ließ das Wasser ein wenig warm werden. Aber nach einer kurzen Zeit war ihr dennoch kalt, ihr fröstelte, sie ging zum Ufer, trocknete sich sorgsam ab und ging hinweg.

Sie ließ sogar ein wenig Zeit verstreichen, seit ihres ersten gemeinsamen Bades, denn sie hatte diese kaum überbrückbare Kühle, diese Distanz zwischen ihnen gefühlt. Dort das Wasser, welches alles bereits wußte, seinen Weg einfach ging, immer weiter ging, dort sie, die sich entscheiden konnte, ja, mußte, wenn sie denn ihr Leben Leben nennen wollte. Sie saß auch kaum noch auf der Schaukel, zu jung schien ihr dieses Vergnügen. Selbst als der Frühling längst vorbei war und der Sommer kam, war sie nicht mehr so oft bei ihm, denn die Hitze, die nun aufkommende Hitze ließ den Inn älter und älter ausschauen, zwar kannte er noch immer seinen Weg aber er trug nicht mehr sehr viel seines Wassers mit sich herum. Seine Kraft, seine Anziehungskraft ließ nach, wirkte nicht mehr so uneingeschränkt auf sie, wie noch während der ersten Tage, als gerade noch Frühling war.

In den nächsten Wochen fand sie dann ein Bad ganz in der Nähe für sich. Zwar nur ein gekacheltes Freibad, nichts Natürliches, nur Künstliches, Schein eben, aber sie genoß es, mit Wärme und Gleichmut umworben zu werden, weglos und zeitlos zugleich, nur auf den einen einzigen Date aus, daß dieser geschehe und vernünftig ausgehe. Das Bad tat ihr wohl, obwohl das Wasser war und blieb wo es war, kaum schlau, eher dumm, nur zum Zwecke des Badens überhaupt da, anwesend.

Als sie dann im Spätsommer zum Inn zurück kam, wieder einmal kam, freute sie sich über dessen Reife, nun doch wieder über dessen Reife. Sie hatte ihn vermißt, ihn, mit seiner Erfahrung, seinem Wissen. Der Inn nahm es recht gelassen, ihr Treiben, denn er wußte wohl, daß sie immer wieder zu ihm zurück finden würde. Sie spürte immer stärker diese Art von Geborgenheit, diese Möglichkeit des Loslassens in sich und wollte ihn nun auch erfreuen. So ging sie denn baden, obwohl sie bereits gebadet hatte, in dem gekachelten Freibad. Der nasse Badeanzug mußte nochmals ihre Haut bedecken, das war ihr indes egal.

Kaum tauchte sie mit ihrem Badeanzug in den Inn ein, schon schlug dieser heftig Wellen. War es der aufkommende Wind? Auch erschienen Gewitterwolken. Schon quollen die ersten dicken Tropfen aus einer dunkelgrauen Wolke, als sie schnell dem Inn entstieg, ihre nassen Sachen abstreifte und beinahe davonlief, das Umschauen vergessend, den Blick nur nach vorn, immer nach vorn gerichtet.

Die Wochen vergingen, ohne daß sie nochmals zum Inn gegangen wäre. Erst im Herbst erschien sie wieder bei ihm. Alles war aber anders. Er schien abwesend, irgend erkannte er sie noch nicht einmal, wie leblos floß er dahin. Selbst die Schaukel war nicht mehr und das Wasser eiseskalt, kurz vor dem Gefrierpunkt. Ein Gespräch, wie sie es früher beinahe führen mochten, konnte erst gar nicht aufkommen, keine Welle schlug um ihre Gunst, keine Emotion war dort, nur noch Kälte. Sie hoffte auf das nächste Frühjahr, auch wenn sie dann älter sein würde, nicht mehr so unbefangen, aber warum sollte es nicht einen Neuanfang geben können, sagte sie sich, während sich der Inn immer weiter von ihr entfernte, ja, beinahe bereits Eis trug, so schien es ihr jedenfalls.



Der Boxkampf

Wilhelm war ein Junge, anmutig und schön, nichts mochte diesen Eindruck brechen, nicht sein tauber linker Arm, nicht seine Zornesfalte darüber, die seiner Stirn auf ewig anzumerken war. Der große Wilhelm war dann der Wilhelm für ganz Deutschland. Ein stattlicher Mann, nur versehen mit diesem kleinen Makel, wie alles Deutsche gern einen Makel mit sich herum trägt. Nur das, allein das mag das echte Deutsche sein, das Bemakelte.

Als es dann Sommer wurde und in Serbien geattentatet werden sollte, befand sich Wilhelm am Strand, bereits an diesem, als die anderen Jungs zum Spiel riefen. Es sollte geboxt werden, zwei Feinde waren auserkoren, ein Ring um sie gebildet, selbst ein Kampfrichter bereits gefunden. Wilhelm wollte eigentlich nicht zu ihnen gehen, diesem Spiel nicht zuschauen, denn er war sich nicht sicher, wer als der nächste Kämpfer in den Ring steigen müßte, wenn der erste Kampf entschieden sein würde, aber die anderen Jungs überzeugten ihn, mit zu gehen, mit zu schauen, sich für einen der Kämpfer zu entscheiden, also für den Mitschüler zu sein, der gegen einen Schüler der Parallelklasse kämpfen sollte.

Der Kampf wurde geführt, wie mit Worten, zuerst wie mit Worten, kein Blut war zu sehen, an den Stellen, wo die Fäuste trafen und doch bluteten die Kämpfer längst. Es bildeten sich gemäß der Natur zwei Gruppierungen, die den Klassen entsprachen. Die Jungs schrien wie wild, feuerten ihren Favoriten an, immer weiter an, zu Höchstleistungen im Ringe. Schon saß der erste Schlag richtig, ein Niederschlag, Volltreffer, leicht aus dem Hinterhalt heraus, aber ein Volltreffer mitten unter die Gürtellinie, dieser magischen Grenze zwischen ehrenwertem und unehrenhaftem Kampfgebiet.

Wilhelm blieb ganz ruhig in der Runde im gelben Sand sitzen. Nur nicht auffallen, sagte er sich, denn wie sollte er wissen, wer als Nächster boxen sollte, wenn denn der erste Kampf vorbei war. Er wollte dieser Jener nicht sein, nein, er nicht, auch wenn er eine starke, überstarke Rechte sein Eigen nannte, die allerdings all die Kraft der Linken mit in sich vereinen mußte. Zum Glück war der Kampf, trotz Unterschlags längst nicht entschieden, Pausengong. Der niedergeschlagene Kämpfer erholte sich zusehends, der andere, mit allen Mitteln kämpfende wurde ein wenig verbuht, aber dies tat ihm wohl nur allzu gut. Denn in der zweiten Runde des Kampfes setzte er seine Schläge plötzlich wie automatisch, ohne großes Nachdenken. Der bereits Niedergeschlagene schien sich nicht mehr erholen zu wollen, Wilhelm fürchtete das Schlimmste.

Schon sah er sich in der illustren Runde um, sah seine Freunde, die ihm unentwegt zwinkerten, als wollten sie ihn aufmuntern, ja, ihn dazu ermutigen, dem Verlierer beizustehen, denn er war ein Mitschüler seiner Klasse. Einer von ihnen würde in den Ring steigen müssen, die Ehre der Klasse zu retten. Er versuchte sich nichts anmerken zu lassen, schaute lieber den blauen Himmel, und ein wenig die Sonne, auch die Felsen im Hintergrund. Er wollte ruhig bleiben und er beschloß, einfach aufzustehen und wegzugehen, egal wer gewinnt oder verliert, so schaute sein Plan aus.

Der Kampf war beendet. Wilhelms Mitschüler am Boden, blutend, schwitzend, schwer atmend, eine Elendsgestalt in Sportkleidung und ein Jubelgeschrei der Gegenpartei. Der Ringrichter beendete den Kampf endgültig indem er den Arm des anderen Kämpfers empor hob. Alles, all seine Mitschüler schauten nun auf Wilhelm. Er sollte anscheinend die Klassenehre retten. Er war mit dieser Klasse eben verbunden, auch war er, aus wissender Dummheit, mit zum Kampf gekommen, der indes viel zu schnell endete, die Umstehenden wollten die Fortsetzung und Wilhelm sollte dafür sorgen.

In Berlin rannten die Menschen die Linden hinunter, der Balkon des Schlosses in Wilhelms Hand, er würde jetzt sein Ja-Wort geben müssen, und er hoffte, daß er den Krieg begrenzen könne, auch durch den Jubel der Massen ein wenig schneller beenden könne, er würde den Jubel in Motivation ummünzen müssen, und eins zwei drei, er würde Recht behalten können, das Licht käme zu ihm, so hoffte er.

Der Ring war schnell gebildet, Wilhelm kämpfte verzweifelt gegen die Übermacht. Nur einmal mit der Rechten richtig treffen, sagte er sich, und er traf, der Gegner fiel bereits, als der Ring von allen gestürmt wurde, nun jeder mitboxen wollte, irgend mitboxen wollte.

Wilhelm war ein Junge, anmutig und schön, nichts mochte diesen Eindruck brechen, nicht sein tauber linker Arm, nicht seine Zornesfalte darüber, die seiner Stirn auf ewig anzumerken war. Ja, das blieb ihm, sonst war er, sein Körper jedoch arg geschunden, er würde sich erholen müssen, irgend im Norden, wo es keine Strände gibt, an denen man Boxkämpfe abhalten könnte und als er dieses dachte, sah er ganz in der Nähe einen Mann im Liegestuhl sitzen, der eine Zeitung las, dabei aber unentwegt zu ihnen hinüber schaute. Er wollte bereits zu ihm gehen, als er von seinen Mitschülern fortgetragen wurde, einfach fortgetragen wurde, so blieb der Zeitungslesende nur als der Mann in seinem Gedächtnis haften, namenlos, einfach namenlos.



Der Weltverbesserer

Er war mit sich unzufrieden, obwohl alle Zufriedenheit der Welt mit ihm war. Er, Berliner, der seit drei Jahren eine Fabrik auf dem Lande besaß, hatte an sich ein Problem bemerkt. Irgend dachte er, daß ihm das einfache Leben fehle. Ja, was immer zum einfachen Leben zu zählen wäre, er dachte, es würde ihm fehlen. Zuerst dachte er nur wenige Augenblicke am Tag daran, wenn er gerade durch seine Fabrikhalle ging, Arbeiter beobachtete oder wenn er an der Kantine vorbei ging, von der er sich stets sein Mittagessen ins Büro bringen ließ. Im Laufe der Zeit dachte er immer öfter an das einfache Leben, ja, dieser Gedanke wurde für ihn bald zu einem ständigen Begleiter.

Das liebste Tun in seinem Beruf waren ihm immer die Kundengespräche gewesen, er verhandelte gerne, und er verhandelte nicht nur gerne, machte nicht nur gerne Geschäfte, sondern er lernte gerne Menschen kennen, und darin lag wohl eines seiner Erfolgsgeheimnisse begründet. Nur, in letzter Zeit betraute er mit den Kundengesprächen immer öfters seine Mitarbeiter und nun, seit zwei Monaten hatte er diese Aufgabe ganz von sich getan.

Auch kümmerte er sich kaum noch um die Ingenieure, seine Entwicklungsabteilung, und auf dem Golfplatz hatte man ihn bereits seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Dafür mochte er stundenlang an einer Drehbank stehen, einem Mitarbeiter bei dessen Arbeit zuschauen. Ja, manchmal übernahm er sogar die Führung, entließ den Arbeiter zur Kantine und legte selbst an der Maschine los. Er hatte es ja gelernt, einst, sozusagen, fast vom Vater.

Nur, der letzte Schritt, den letzten Schritt hin zum einfachen Leben hatte er bislang nicht gewagt. Dafür nahm er sich ständig vor, ein Buch zu schreiben, über die Verbesserung des Lebens der einfach lebenden Menschen. Er erhoffte sich mit diesem Buch eine gewisse Anerkennung, auch wollte er das Leben weiterentwickeln helfen. Nach der Abschaffung der Leibeigenschaft sollten nun die Arbeiter neue, bisher ungeahnte Freiheiten erhalten, ja, ein Stück von Selbstverantwortlichkeit sozusagen.

Stunden-, Tagelang saß er denn Vormittags in seinem Büro und versuchte die Wörter recht hinzubiegen, damit er ein fundiertes Buch zur Erhebung der Arbeiterschaft schreiben könne, nur, er blieb bereits an der ersten Seite hängen, die er nur schrieb, um sie stets wieder verwerfen zu können. So hatte er es sich eigentlich nicht vorgestellt, das neue Leben, sein neues einfaches Leben.

Eines Tages erschien er denn zur Frühschicht in vollkommen einfacher Arbeitskleidung, einem Blaumann, sogar seinen Namen hatte er bereits auf ein Schild, welches am Blaumann befestigt war, sticken lassen, Lew, einfach nur Lew. In seinem Betrieb nannten sich alle Mitarbeiter beim Vornamen, sogar die Chefs, selbst Chefs, die gleichzeitig Arbeiter sein wollten.

Wieder zog es ihn zu einer Drehmaschine und nachdem die Frühschicht bereits gegen 14.00 Uhr zu Ende war, nahm er gleich noch die Spätschicht mit, bis 22.00 Uhr, er hatte seinen Spaß. Noch nie hatte er sich so befreit gefühlt, er spannte die Teile ein, ließ den Meißel über sie gehen, sah den Span, wie er sich abhob, kräuselte unter leichtem Säuseln, paßte auf den Meißel auf, daß er ihn nicht zu viel zumutete, schaute nach der weiß-milchigen Kühlflüssigkeit, daß sie auch ja, sein zwischen Spindel und Einspannvorrichtung befindliches Werkstück traf, damit es nicht ausglühe. Zudem variierte er die Geschwindigkeiten, den Vorlauf des Meißels, er wollte den perfekten Punkt finden, an dem sich im besten Falle Schnelligkeit und Qualität treffen mag.

Er hatte sich eine einfachere Drehmaschine ausgesucht, an der das eigene Geschick noch nicht vom programmierten Geschick eines Computers ersetzt war. So fertigte er die Einzelstücke für die Musterabteilung, mußte sich sogar ein wenig Kritik gefallen lassen, vonwegen der Genauigkeit seiner Arbeit, wobei er letztlich beide Seiten befriedigte, die Musterabteilung als seinen Auftraggeber und sein Ego.

Eine Woche drehte er Tag für Tag Stücke, seine Mitarbeiter sahen ihn längst nicht mehr als Chef, er wurde mit einbezogen in ihre Gespräche, durfte fachsimpeln, über Autos und Fußballspiele, auch Frauen natürlich. Beinahe vergaß er über diese Arbeit sein Buch, das so wichtige Buch über die Erhebung der Arbeiterschaft. Aber die Urlaubswoche des Drehers war vorüber, er würde dessen Platz räumen müssen und so wartete am nächsten Montag wieder sein Buch auf ihn, aber er hoffte, er komme jetzt besser, schneller mit dem Buch voran.

Am Montag begann indes wieder das, was er umgehen wollte, er schrieb, um verwerfen zu können, der Papierkorb war weiterhin der beste Freund seines Geschriebenen. Dennoch versuchte er das Buch endlich zu beginnen, auch wenn er nun wieder zum Golfplatz ging oder durch den nahen Park spazierte und seine Mittagspause meist bis zum Abend ausdehnte, wobei er es sich nun zur Angewohnheit gemacht hatte, außer Haus zu essen.

Nach mehreren Monaten des Schreibversuches stellte sich indes heraus, daß seine Mitarbeiter die Geschäfte nur nach ihren Möglichkeiten geführt hatten, der Betrieb war plötzlich Pleite. Nichts half mehr, kein Bankbesuch, kein Politikerbesuch, er würde aufgeben müssen. Als er denn ging, nach Berlin zurück, nahm er sein Buch mit, er wollte es noch vollenden, irgend dachte er immernoch an das einfache Leben, welchem er dienen wollte.



Das Olympische Spiel

Es war so ein Tag, damals vor Jahren, an dem sich alles fügt, als wäre das Alles in einem Getriebe vereint, Zahnrad um Zahnrad greifen ihrer Natur nach ineinander, ohne sich wehren, einen anderen, eigenen Weg gehen zu können.

Peter war damals dreizehn und er wurde auserwählt, von einem Trainer, der durch die Schulen des Landes streifte, um junge Sport-Talente zu erspähen, sie später zu trainieren, für den sportlichen Wettkampf. Fortan steckte sein Leben in einem Gerüst fest und er hatte dieses Gerüst tagtäglich auf gleichem Wege zu begehen, außer Sonntags, an diesen Tagen war Ruhe angeordnet oder auch ein Wettkampf.

Der Trainer entschied für ihn, daß er im Zehnkampf die größten Erfolge haben werde und so trainierte er den Zehnkampf. Eine Entscheidung, die ihm leicht fiel, schon deshalb, weil er das Bewegen seines Körpers mochte und zwar nicht nur in eine Richtung hin, sondern in mehrere und dies am liebsten gleichzeitig.

Als er dann 22 Jahre alt geworden war, stand wieder eine Olympiade an. Die im Vier-Jahres-Abstand veranstalteten SportSpiele. Zu diesen gehört stets ein Organisationskomitee, es hat dafür zu sorgen, daß das Spiel gelingt. Zuallererst ist die Spielstätte vorzubereiten, dann sind die Regeln festzuhalten, dazu der Ablaufplan. Und wenn dies alles dann gelingt, wenn die Sportler ihr Bestes zum Spiel beitragen, dann umfaßt alles ein großes schillerndes Bild von ungeheurer Wucht, Ausstrahlung, ein Bild, welches in jedem einzelnen Kopf neu entstehen muß, um leben zu können und lebt, weil es in jedem einzelnen Kopf entstanden ist. Das Entstehen des Bildes ist letztendlich auch das Ziel des Spieles, und das Dabeisein soll daher als das Alles gelten.

Peter hatte sich gut vorbereitet, auf seine ersten Spiele, er hatte sogar das Meditieren von seinem derzeitigen Trainer übernommen. So schöpfte er die innere Kraft, um das vierzehnstündige Training recht gut bestehen zu können. Gut, manchmal vergaß er auch das Meditieren, erachtete dieses nicht als zu wichtig an, aber sein erster Trainer, der längst in das Organisationskomitee der Spiele berufen war, ermahnte ihn recht freundlich aber eingehend, daß er dieses nicht vernachlässigen sollte, denn all seine Kraft könne er aus der Meditation schöpfen, diese sei die Grundlage zum erfolgreichen Abschluß aller weiteren Bemühungen.

Die Spiele selbst vergingen dann schnell, es gesellte sich jedoch ein Bild von ungeheurer Kraft zu ihm, zu seinem Bewußtsein, er hatte das Spiel nicht nur mit gestaltet, als ein sportlicher Akteur, nein, er schien es begriffen zu haben, die Idee, die hinter den Spielen stecken sollte, hinter all den Siegern und Besiegten sollte doch nur die Idee des Spieles stehen, nur für das Spiel war man überhaupt dazu bereit, Sieger oder Besiegter zu sein, nur diesem Spiel galt die gesamte Olympiade.

Jahre später befand er sich dann selbst im Organisationskomitee, allein, diese erste Idee, die er eigentlich schon begriffen hatte, meinte, begriffen zu haben, konnte ihn kaum noch begeistern. Er fragte nach dem Warum, sich nun ständig nach dem Warum. Und als er diese Frage öffentlich stellte, blieb das Spiel ihm vollkommen fern, er gehörte nicht mehr dazu, allein, ihm war es recht, er meditierte jetzt öfters, schaute dabei nach sich und der Welt, erst als er später seinen Trainer begegnete, den nun alt gewordenen Meister, wußte er wieder um das Mehr seiner Bemühungen, um das Spiel. Er sah den Meister mit einen Lächeln entschwinden, und er sah ihn dabei das Mehr sehen und fühlte es dabei selbst, genau so, wie bei den Spielen, wenn sie gelangen, wenn sie nur für das Spiel Sieger und Besiegte hervor brachten.



Der Halbleser

Er erwachte. Dennoch sichtlich bemüht, den Tag zu beginnen, mit dem Aufstehen. Aber es wollte nicht recht gelingen. Irgend mußte er sich verlegen haben, während der nächtlichen Ruhe. Sein Rücken schien ihm arg steif zu sein, kaum beweglich, beinahe unbeweglich, sogar.

Nach den ersten erfolglosen Bemühungen des Aufstehens ließ er sich in sein Bett zurück fallen, versuchte dabei neue Kraft zu schöpfen, doch die Kraft schien ihm bereits während seines ersten Versuches abhanden gekommen zu sein. Leer fühlte sich sein Muskelgeflecht an, vollkommen leer, nichts, kein Gramm Kraft schien mehr in diesem enthalten. Aber er mußte versuchen, weiter aufzustehen, denn sein Zug wartete auf ihn, sein Zug zur Verkaufsfahrt. Er war Vertreter, einer der besten Vertreter, wie er immer sagte, zu seinen Eltern, seinen Geschwistern, man lebte eben gut von ihm.

Aber welch Mißgeschick, am gestrigen Abend hatte er sich dieses Buch vorgenommen, und nun ging es ihm natürlich schlecht. Er hatte die Geschichte mit einem leichten Entsetzen gelesen, denn es schien ihm sein Leben zu spiegeln. Eine Geschichte, so ganz sein Ich betreffend.

Egal, er würde versuchen müssen, aufzustehen, schließlich wollte er kein Mistkäfer sein, der sich nicht von selbst vom Rücken auf die Beine zu bewegen vermag, oder doch nur mit größter Anstrengung, kein einziger Gedanke sollte daran verloren sein.

Schon versuchte er sich aus dem Bett zu schaukeln, zum Glück hatte er die Anleitung dazu gestern Abend gelesen. Immer schön schaukeln, dann würde man sich schon irgend seitwärts bewegen können, hinaus aus dem Bett, immer hinaus. Es gelang ihm kaum, so kaum, er glaubte es kaum, wie schwer ihm dieses Unterfangen fiel.

Er ruhte ein wenig aus, während er auf dem Flur die ersten Geräusche schlürfender Latschen, die sich auf dem Weg zur Toilette befanden, hörte. Gespannt lauschte er, aber niemand suchte in sein Zimmer zu kommen. Er versuchte unterdessen weiter, sich aus seinem Bett zu bewegen, vom steifen Rücken auf die Beine zu kommen. Die Anzahl seiner Versuche zählte er längst nicht mehr, schon hatte er jede Hoffnung verloren, als es endlich gelang, er plumpste mit einem Ruck aus seinem Bett und lag nun vor diesem, sich kaum bewegen könnend, nur da liegend, erst einmal nur da liegend, aber glücklich über seine neue Situation.

Langsam beschlich ihn das Gefühl, er müsse sich in einem Traum bewegen, er träumte diese unheilvolle Geschichte, die ihn so sehr bewegt hatte. So zwickte er sich denn auch, aber, es tat weh, dieses Zwicken und er wurde nicht wach davon, also mußte er sich derzeit im wachen Zustand befinden.

Seine Arme und Beinchen wollten ihm kaum gehorchen, mühsam bewegte er sich durch das Zimmer, während sein Name bereits vom Draußen gerufen wurde, es war inzwischen viel Zeit vergangen, den Zug hatte er längst verpaßt, sein Vater machte ihn darauf aufmerksam, er solle zur Firma kommen, sogleich, sein Chef habe bereits angerufen.

Schrecklicherweise kam er nur recht langsam zur Zimmertür voran, die er zudem abgeschlossen hatte, aus einem dummen Fehler heraus, zudem vermochte er sich kaum bemerkbar zu machen, so leise sprach er, auch kam ihm seine Sprache recht merwürdig vor, so wenig menschlich.

Während er sich zur Tür immer weiter vor bewegte, spielte sich vor dieser ein rechter Tumult ab, sein Chef schien einen Angestellten vorbei geschickt zu haben, der ihn zur Firma begleiten sollte, er hörte die Stimmen seines Vaters, seiner Mutter und seiner Geschwister und dazwischen immer der Angestellte, alles ein einziges Stimmengewahr, er vermochte allerdings nicht einzugreifen, die Situation zu klären, weder hatte er bereits den Weg zur Tür überbrückt, noch war ihm seine Stimme zurückgekehrt.

Zufällig schaute er denn, wie aus einem Reflex heraus, auf dem Weg zur Tür zu einem seitlich von ihr angebrachten Spiegel, weswegen er vollends erschrak, allein, er kannte sich nun mit seinem Leben nicht mehr aus, er hatte die Geschichte an diesem Punkt nicht weiter gelesen, er schallt sich einen Narren, daß er das Lesen hier, hier bereits aufgegeben hatte, die paar Seiten hätte er jetzt gut gebrauchen können, um wissen zu können, was ihn nun erwarten dürfte. Verzweifelt sank er denn auch zu Boden, es drehte sich alles in ihm, auch sein Körper drehte sich wieder, auf daß er auf dem Rücken lag, nun wieder auf seinem ach so steifen Rücken lag und sich nicht weiter fortbewegen konnte, wollte, er würde seine Schwester bitten müssen, die Geschichte weiter zu erzählen, damit er sie recht verstehen könne, auch wisse, was er nun zu tun hätte.

Nur eines war ihm plötzlich klar, seine Familie würde ihn in diesem Zustand links liegen lassen, einfach so links liegen lassen, er, der Brotgeber würde ersetzt werden, werden müssen durch eigenen Erwerb. Oh, er würde seines Lebens beraubt sein, sagte er sich, er sah dies nun in aller Vollkommenheit, und so war ihm nun klar, bewußt, daß er erwacht war.





2. Vorerzähltes

Die Weltfrage

"Wieso kam das Kamel nicht durch das Tor?", fragte Jana. "Sie haben das Tor zu niedrig gebaut.", antwortete sie, die Mutter, ein wenig genervt. "Warum haben sie das Tor denn zu niedrig gebaut?", wollte das Mädchen wissen, während sich die Straßenbahn im zügigen Tempo durch den Verkehr schlängelte, dabei die Fahrgäste schwitzen lies, mangels einer Klima-Anlage.

Einige Fahrgäste hörten bereits seit einiger Zeit den Fragen und Antworten zu und man konnte es ihnen anmerken, sie versuchten den Punkt zu bestimmen, an dem die Mutter genervt aufgeben würde, die Fragen ihres Kindes, des kaum sechsjährigen Mädels mit dem blonden gezopften Haar und dem kleinen bunten Röckchen sowie den weißen Sandalen und dem roten T-Shirt zu beantworten.

"Mutti, nun sag schon, warum haben sie das Tor zu niedrig gebaut und wo liegt eigentlich dieses Jerusalem?" Das Kind schaute bei der Fragerei interessiert den Verkehr, draußen, neben der Straßenbahn zu, als ob es die Antwort nicht wissen wolle, aber der Ton, welches das dünne, etwas fiepsige Stimmchen angeschlagen hatte, war doch recht energisch.

"Was weiß ich, vielleicht hatten sie nicht genug Steine, oder sie wollten keine Kamele in die Stadt lassen." "Wie in Berlin?". "Ja, wie in Berlin.", antwortete die Mutter erleichtert, denn draußen, neben der Straßenbahn fuhren zum Glück nur Autos und auch unter den gehenden Menschen waren offensichtlich keine Kamele zu finden.

"Dann ist Jerusalem wie Berlin, ja Mutti, nun sag schon?, quengelte das Mädchen, während es an seinen Fingernägeln zu kauen begann. "Laß das, nimm die Finger aus dem Mund!", bestimmte die Mutter energisch, wahrscheinlich auch deshalb, weil sie die ewige Fragerei irgend satt hatte.

Das Mädchen nahm die Fingernägel recht schuldbewußt von den Zähnen und war nun plötzlich ruhig. Die anderen Fahrgäste schienen erleichtert. Die Mutter hatte gewonnen, weil das Mädchen noch ein Kind war, mit Kinderangewohnheiten, die man leicht tadeln konnte, wodurch das Fragen verstummte, weil es sich schuldig fühlte und deshalb lieber still blieb. Im Erwachsenenalter darf man Nägel kauen so viel und so oft man will, stellte Jana für sich fest. Lustvoll beschwor sie diesen Gedanken, stellte sich vor, wie sie mit ihrer Tochter Straßenbahn fahren würde und ihr dabei zeigen würde, wie man am besten Nägel kauen könne.

Ja, das Nägelkauen erschien ihr plötzlich direkt und absolut mit dem Erwachsenendasein verbunden. So frei würde sie nur als Erwachsene entscheiden dürfen. Um so mehr irritierte sie, daß kein Erwachsener Nägel kaute. Nein, sie sah keinen einzigen von ihnen an seinen Nägeln kauen. Selbst die Fernsehtante, die immer das Kinderprogramm moderierte, kaute keine Nägel. "Wieso machen Erwachsene nicht das, was sie dürfen?", fragte sie plötzlich und recht laut.

Selbst die Mutter erschrak darüber ein wenig, nicht über diese Frage, sondern über die Lautstärke, die sie erreichte. Die anderen Fahrgäste schauten sich bereits recht verblüfft um. Zum Glück hatten zumindest die Scheiben der Straßenbahn stand gehalten, waren nicht zersprungen wie manch anderes Glas es getan hätte. Ein Fahrgast, ein älterer Herr mit Strickpullover und Cordhose meinte dennoch erstaunt sagen zu müssen, sie sei ja so frech wie Oskar.

Sie ist ein Mädchen und heiße Jana, wollte sie bereits erwidern als ihre Mutter aufstand und mit ihr ausstieg. Sie waren angekommen, am Alexanderplatz. Dort wollten sie etwas einkaufen, im nahen Kaufhof, auch sollte sie ein Eis bekommen, das war ihr versprochen worden, Bananeneis, das schmeckte ihr am besten.

"Paßt ein Kamel eigentlich durch die Kaufhaustür?, fragte Jana, als sie gerade die Glastüren zum Kaufhof passierten. "Könnte sein.", antwortete die Mutter, während Jana den Eingangsbereich mit ihren Augen maß. "So groß sind Kamele!", sagte sie erstaunt. "Manche sogar noch größer." "Hat dieses Jerusalem auch ein Kaufhaus?" "Natürlich, sicher, ganz bestimmt." "Dann könnten sie doch auch viel größere Tore bauen, mögen sie etwa keine Kamele?"

Die Mutter antwortete nicht mehr. Sie suchte die Kinderabteilung, um Jana ein neues Kleid aussuchen zu können. Jana bestand jedoch auf ein T-Shirt, natürlich mit einem großen, beinahe übergroßen Kamel drauf.

Danach, nach dem Einkauf, gingen sie hinaus, wie alle anderen auch, immer in Richtung Alexanderplatz, zur Weltzeituhr, die Mutter wollte ihr Kind dieses technische Wunderstück zeigen, auch damit das Kind auf andere Gedanken komme. Kaum an der Weltzeituhr angelangt, sah Jana, das aufgeweckte Kind, einen Mann weinen, sie staunte, zeigte mit dem Finger, nach diesem, schrie beinahe, "Mama, kuck mal, der Mann weint ja!", und beinahe hätte sie darüber Jerusalem vergessen, wenn die Mutter nicht im Scherz gesagt hätte, der Mann weine, weil er wohl nicht nach Jerusalem durfte. "Aber er ist doch gar kein Kamel.", sagte Jana entrüstet, ob der entdeckten Ungerechtigkeit. Die Mutter ging indes weiter, nahm ihr Kind an die Hand, zerrte es hinweg, zur Straßenbahn, das Kind stolperte, guckte dennoch immer und stets nach hinten, zu dem Mann, der nun bemüht war, zu lächeln, wenigstens zu lächeln.



Die Weltfrage II

Er kaute schon lange keine Fingernägel mehr. Er hatte sich das Kauen abgewöhnt, spätestens mit Beginn der Pubertät einfach abgewöhnt. Was sollten die Mädels von ihm denken, hätten sie ihn dabei beobachten können, bei dieser kindlichen Unsitte, und, vor allem, was hätten seine Kumpels gesagt.

Er probierte es mal wieder. Etwas verschämt. Hinter einer halb geöffneten Zeitung. Der Tagesspiegel eignete sich vorzüglich zum Verdecken des Entdeckens. Hinter dieser Zeitung versteckt sich zumindest ein Nagelkauer, sagte er sich, und fand den Reim recht komisch.

Nein, das Fingernagelkauen war nicht sein Ding. Das stellte er wieder einmal für sich fest. Er hatte es sich total abgewöhnt. Leise fluchte er sogar, als er bemerkte, daß er beim Kauen beobachtet worden war, von Draußen nur, einem Fußgänger, das genügte ihm jedoch bereits als kleine Peinlichkeit.

Am S-Bahnhof Alexanderplatz stieg er aus der Straßenbahn, ging zur nahen S-Bahn, er wollte soeben nach Potsdam fahren, er wohnte dort, seit er sich kannte und er kannte sich seit zwanzig Jahren, also war er in etwa 22 Jahre alt. Darüber befand er jetzt jedoch nicht, sein Alter war ihm recht egal, derzeit, er hatte dieses Gespräch noch im Ohr, vom Kamel und dem Tor, das dieses Mädel seiner Mutter aufgezwungen hatte.

Im Gegensatz zur übrigen Fahrgemeinschaft empfand er die Fragerei recht lustig, er saß direkt vor dem Mädel und der Mutter, einer offensichtlichen Mittzwanzigerin, vermutlich allein erziehend, aber mit Freund, der immer mal wieder kommen durfte. Egal, sagte er sich, warum hatte das Mädel aber etwas von einem Tor geredet, war es nicht eine Öse gewesen, die der Kreuzträger meinte, als er sagte, ehe komme ein Kamel durch eine Öse, als daß ein Reicher in den Himmel komme.

Ja, so war es doch, so und genau so, sagte er sich, während der Hauptbahnhof Berlins, dieser gläserne Wurm, ja, dieses ösenartige Wesen die S-Bahn und mit dieser ihn, förmlich durch ihr Inneres hindurch sog. Bald sah er linker Hand das Kanzleramt, recht futuristisch, als wollte es nicht von hier sein, ja, da wohnen die Reichen, sagte er sich und die kommen nicht in den Himmel, so muß es sein, wirklich sein. Allerdings ist denen das wohl egal, sie mögen es eben warm, nicht so kalt, da darf es ruhig auch ein Feuerchen sein.

Bin ich eigentlich reich, fragte er sich, nein, das Reiche, das sind immer die anderen. Es gibt, zum Glück, immer noch reichere Menschen, so daß man sich immer und stets auch als arm bezeichnen kann. Er würde also in den Himmel kommen können. Das sagte er sich. Jedenfalls wenn Gott das Reiche nicht allzu eng definiert. Früher war reich, wer sich nicht um Essen und Wohnen sorgen mußte, da sind wir aber alle stinkreich, stellte er erschreckt für sich fest, während eine Dame in roten Pumps zustieg, oder war es ein Herr? Egal, so ist Berlin, er schaute jedenfalls interessiert und, ja, es wird schon eine Frau gewesen sein, mit echten Silikonkissen in der Brust, ach, zwei Kissen lagen in ihrer Brust, werden sie später sagen, wenn sie irgend unter die Erde kommt.

Er war ganz abgekommen von seinen Gedanken, und ihm irritierten immernoch die roten Pumps der Dame. Bahnhof Zoo entstieg sie dann dem Zug, Dienstantritt? Ach, ihm ärgerte sein Denken, warum sollte sich eine Dame nicht genau so kleiden dürfen.

Er versuchte zu Arm und Reich zurück zu finden. Nach seiner letzten Definition von Reichtum würden die Mehrzahl der Mitteleuropäer, der Amerikaner und der Japaner und der Australier und noch mehr Menschen zu reich für den Himmel sein. Recht viele Afrikaner hätten dagegen gute Chancen in den Himmel zu kommen. So ungerecht ist die Welt, sagte er sich, es werden die bestraft, die erfolgreich sind, die Leistungsträger.

Man könnte natürlich arm auch anders definieren, arm ist wer arm dran ist, da könnte dann sogar ein Bill Gates in den Himmel kommen, ganz neue Perspektiven täten sich auf. Ja, Arm ist, wer arm dran ist. Man löst die Armut einfach vom Geld, so ließe es sich unbeschwert leben und Gott bekäme wieder ein Stück Arbeit, er müßte viel mehr Menschen durch das Himmelstor lassen. Das wäre nur zu gerecht, sagte er sich, während er sich Potsdam näherte, ausstieg und noch immer ein klein wenig an dieses vorlaute Mädel dachte, ja, so was braucht die Welt, dachte er, während er sich ganz still und leise in die Menschenmenge begab.



Die Weltfrage III

Er ging dahin, obwohl ihm keiner seiner Schritte ins Bewußtsein rückte. Sophie hatte gerade Schluß gemacht. Schluß gemacht! Er dachte diese zwei blöden Worte recht oft, ohne sie dabei zu erwähnen. Schluß gemacht, das war für ihn ein Gefühl von Verlassensein, vom Gewohnten und wieder zu sich kommen, zu sich selbst, Eigenbezogenheit.

Welch großen Worte, er war Student der Philosophie. Er war es gewohnt, große Worte zu machen, wie andere kacken, beinahe im Tagestakt. Jedes Seminar verlangte nach große Worte. Kleine Worte waren verpönt. Man mußte sich in das Spinnennetz aus großen Worten begeben, um als philosophisch begabter Mensch anerkannt zu sein. Lebensbegabt war er weniger. Sein Leben hatte ihn im Griff, nicht anders herum, er reagierte nur, so wie jetzt auf Sophie.

Es war früher Morgen. Sophie stand auf, er träumte noch. Sophie packte ihre Tasche, er träumte noch. Sophie beschrieb ein Stück Papier, und selbst zu diesem Zeitpunkt träumte er noch von einem gemeinsamen Leben. Sie gab ihm eine Sechs unter all ihren Liebhaber. Für die Liebe zu Sophie vollkommen unbegabt stand dort drauf. Gut, nicht genau so, aber wer betreibt schon Zahlenkunde, wenn es um Liebe geht.

Er aß sein Frühstück, ein Leberwurstbrot, von der groben fetten, dazu ein Glas Milch und ein Bier. Es war noch übrig geblieben, vom letzten gemeinsamen Abend, als er begeistert versuchte Schoppenhauer zu lesen und dabei ebenso begeistert seine sieben Bierflaschen leerte. Wer ihm das Biertrinken lehrte? Ein Dozent hatte gemeint, sagen zu müssen, daß sich philosophische Schriften am besten mit Wein lesen ließen, da die Philosophen, zumeist, beim Schreiben auch Wein genossen hätten. Zuerst probierte er daher Wein, später fand er heraus, daß Bier bei ihm besser wirkte als Wein, denn Wein machte ihn schläfrig, so daß er kaum eine Seite unter Weineinfluß lesen mochte, aber mit Bier traf ihm sogar eine Eingebung, endlich hatte er heraus gefunden, was die Welt im Innersten zusammen hält, es war das Bierglas, also die Hülle, ganz klar, die Hülle, ohne Hülle gibt es keinen Kern, also wird das Innere vom Äußeren gehalten, um dies zu erkennen mußte man allerdings keine Philosophie studieren, meinte jedenfalls der Dozent.

Er spazierte unterdessen den Alex, die Humboldt-Universität immer weiter von sich zu entfernen, und liebst du mich nicht, so gebrauch ich dich halt, nicht mehr. Er ging dahin, denn Sophie hatte ihn verlassen, er wußte nichts mehr mit seinem Leben anzufangen, allein die Frage des Seins oder Nichtseins erhielt ihn noch. Als, unerkannter, Philosoph war er dem Leben verpflichtet. Ja, er machte aus dem Leben sogar eine Wissenschaft, die Wissenschaft über das Leben, wollte er sie einfach nennen. Er würde darüber nachdenken, warum das Zähneputzen sinnvoll ist, auch wollte er sich darüber klar werden, warum Straßenbahnen Scheiben an sich haben, damit man durch sie hindurch sehen kann? Ja, er wollte es allen Zweiflern beweisen und wenn er sich dazu allein, nur noch allein, ohne Sophie, ficken müßte, egal, er würde es allen beweisen.

Als er dann vor dem S-Bahnhof Alexanderplatz stand, kam gerade eine Straßenbahn vorbei. Er schaute interessiert durch ihre Fenster, versuchte durch sie hindurch zu schauen, als er einen jungen Mann sah, der hingebungsvoll, leicht versteckt hinter einer Tageszeitung, an seine Nägel kaute, er mußte darüber lächeln, wie hingebungsvoll dachte er nur, als er bereits von dem jungen Mann bemerkt wurde, der daraufhin leicht errötete, seine Zeitung zusammen faltete und der Straßenbahn entstieg.

Er verfolgte ihn, mit Blicken, dann mit Schritten, ja stieg ihm nach, die Treppen, leichtfüßig, schaute die kommende S-Bahn, setzte sich ihm gegenüber, schaute zu, wie dieser schaute, wollte dieses Schauen lieben. Eine Frau mit roten Pumps stieg ein, sah recht professionell aus, der junge Mann schien aufgeregt. Er schaute ein wenig resigniert und fuhr dennoch, dennoch bis Potsdam mit, wo sie sich dann verloren, im Menschengewimmel.



Die Weltfrage IV

Sie saß ganz dicht bei, bei dem Mädchen mit der Kamelfrage, gleich hinter ihr saß sie und sie schaute das blonde Haar, das etwas zu frech sitzende blonde Haar. Roland wollte bislang kein Kind mit ihr. Nur mit ihr nicht? Diese Frage beschäftigte sie immer wieder. Würde er mit einer anderen Frau ein Kind haben wollen? Und wenn, wie würde diese Frau ausschauen müssen? So, wie die Frau mit dem Kind? Diese Frau, die vor ihr saß, diese Frau, mit diesem vorlauten Kind. Diese Frau, die in diesem lächerlichen Kleid steckte, einem Kleid mit lauter Blümchen drauf, zudem eine rotfarbene samtene Kappe auf dem Kopf auf halblinks gesetzt, entsetzlich schrecklich schaute sie aus, dennoch hatte sie ein Kind bekommen können, ist es ihr gezeugt worden.

Ihr Kind würde niemals vorlaut sein. Sie würde es erziehen. Richtig erziehen. Auch würde ihr Kind ihre Gene tragen und daher würde es ganz anders sein, viel angenehmer, als dieser Schreihalz vor ihr, der keine Grenzen, weder in Lautstärke, noch im Tonfall kannte. Gut, auch die Gene Rolands würden das Kind mit bestimmen, aber auch diese Gene schienen ihr recht freundlich gestimmt, wenig laut, kaum daß sie mal stritten, mit ihr oder mit sonst wem, nein, recht unscheinbar kämen sie daher. Ja, Rolands Gene würden sich ihren Genen unterordnen, ganz klar.

Er will erst einmal eine Weile im Job tätig sein, als Gerichtsvollzieher, bevor er ein Kind, wenn überhaupt, haben mag. Sie wollte sofort, jetzt und sofort, Beine breit und raus, einfach raus, wie im Lauf, ohne Gymnastik, Schwangerenberatung und Ultraschall. Er denkt immer nur an die Kosten. So ist Roland. Ein Kostenfanatiker. Gut, als Gerichtsvollzieher muß er so sein, genau so sein. Wenn er den Kuckuck spielt, dann nur mit Gewinn.

Was erzählt die Kleine nur immer von diesem Kamel? Ihr Kind würde nur Sinnvolles reden wollen, ganz klar, und ein Kamel, ja ein Kamel sei, wer dabei böses denkt. Ein Kamel gibt es als Zigarettenmarke, das kann nicht laufen, wird aber sicherlich durch jedes Tor in Jerusalem passen, sogar hochkant und gleich zehnfach, als Stange oder im Dutzend, sogar als Paket im Tausend paßt es noch durch das Tor. Fragt sich nur, ob die Israelis Tabak rauchen dürfen, schließlich ist Rauch niemals sauber, also doch auch niemals koscher und die Palästinenser werden doch auch keine amerikanischen Zigaretten rauchen? Gemeinsam werden sie also die Kamele wieder durch das Tor zurück jagen, in die Wüste, so dachte sie, während sie ganz still war, denn die Kleine, das blondgelockte Mädchen war nun auch still, so still geworden. Sie hatte sich von ihrer Mutter erwischen lassen, beim Fingernagelkauen.

Sie kann sich gar nicht daran erinnern, jemals an ihren Fingernägeln gekaut zu haben. Roland? Eigentlich auch nicht. Aber was heißt schon eigentlich. Sie konnte es nicht wissen. Und waren sie nicht immer besonders kurz, seine Nägel, gerade wenn er aus dem Bad kam, waren sie immer sehr kurz, und er blieb stets sehr lange im Bad, angeblich um sich bettfein zu machen, so sagte er immer, bettfein, woher er das nur hatte?

Neben der Straßenbahn rollten Autos, Taxen und Omnibusse auch Lastkraftwagen, große kleine, die Fahrer schauten meist angestrengt, als wenn sie sogar für die einzelnen Explosionen ihrer Motoren verantwortlich wären. Sie kannte sich mit diesem technischen Zeugs nicht aus, aber Roland hatte es ihr trotzdem erklärt, so wußte sie jetzt, warum Roland unbedingt ein Auto mit einem Hubraum von 3000 Kubikzentimetern benötigen würde, weil er es eben benötigte. Sie hatte ihm dieses Auto kaufen lassen, sollte er doch, ihr war es letztendlich egal gewesen, aber gestaunt hatte sie doch, darüber, daß es so sehr auf die Größe des Hubraumes ankommen würde. Sie schaute mehr nach der Größe des Innenraumes, was kann man transportieren? Paßt auch ein Kind nebst Kinderwagen gut in das Auto? Wie schauen die Sitzbezüge aus. Alles äußerst wichtige Fragen, die Roland kaum interessierten.

Nun schrie es sogar, das Kind, erkenntnisgeschwängert. Aber dieser ältere Herr, was der sich gleich einmischte, was meckerte der sogleich, einfach schrecklich, bemerkte sie für sich. Ja, genau so könnte Roland sein, ausschauen, in zwanzig, dreißig Jahren schon und sie wußte plötzlich nicht mehr ganz genau, ob er wirklich für sie der Richtige wäre. Mein Gott, sie brauchte einen Mann, einen richtigen Mann, einen, mit dem man Kinder zeugen kann, denn sie wollte mindestens drei haben. Mit Roland war maximal ein Kind möglich, so hatte er es angekündigt, und das eine Kind auch erst in fünf Jahren. Ein Kind! Und es würde gleichzeitig das zweite und dritte Kind sein müssen, eine gespaltene Persönlichkeit, die gleich mit dreifachen Hoffnungen umgehen müßte.

Die Mutter stieg aus, mit ihrem Kind, endlich. Nein, sie würde Roland nichts weiter erzählen, von ihren Gedanken. Alles nur Unsinn, Unsinn, sagte sie sich, was interessierte es die Welt, ob sie ein, zwei oder drei Kinder bekommen würde und wann sie sie bekommen würde. Zum Glück war diese Mutter mit diesem Kind ausgestiegen, der Alexanderplatz glitt an ihr im Schrittempo vorbei, rechts der Kaufhof, links die Weltzeituhr, sie steht immer kurz vor zwölf , es kommt nur darauf an, vom richtigen Standort aus zu schauen. Ja, sie zeigt alle Zeiten der Welt an, also gar keine.

Sie würde heute noch ihr Philosophieseminar an der Humboldt-Universität geben müssen, so nahm sie einige Unterlagen aus ihrer schwarzen Tasche, las ein wenig Bekanntes und hoffte dabei ein paar Unbekannte zu treffen.



Die Weltfrage V

Die Straßenbahn fuhr, langsam, ein wenig ruckend an, fuhr weiter, nahm Gleis um Gleis, leise surrten die Elektromotoren, stickige Luft im Wageninneren, einige Fenster waren geöffnet, Frischluft vom Draußen, fast alle Sitzplätze mit Menschen besetzt, mit Fahrenden, Mitfahrenden, von A nach B Fahrenden, eine Anzeige, unter der Wagendecke angebracht, zeigte Station um Station an, Türenöffnen und -schließen, Menschen mit Gerüchen einsteigend, Bratwurst und Döner, auch Pizza, mitunter Schweiß in all den bekannten parfümierten Variationen, Gesichter, meist beschattet, kaum lustig, dazu Kinder und andere Halbintellektuelle, er saß ganz vorne, in der Straßenbahn, hatte sich einen Platz ganz vorne gesichert, damit er vorausschauend mitfahren konnte, so gut es eben ging, die Sicht nicht verdeckt wurde, von der Kabine des Fahrers, er saß rechts und versuchte zu schauen, durch dunkles Glas, so gut es eben ging.

Er fuhr Straßenbahn nicht sehr gerne, wenn er jedoch mitfuhr, so wollte er seinen Spaß haben, nicht nur von A nach B gefahren werden, nein, er wollte Unterhaltung genießen, Menschen erleben. Gestern wollte er bereits wieder einmal mitfahren, sein Auto stehen lassen, nur deswegen, aber er kam nicht dazu, die Zeit langte nicht mehr, er mußte das Auto nehmen und alles nur deshalb, weil sein Toaster entflammt war, einfach so, ohne Vorwarnung, verbrannte Toaststullen inklusive.

Die Straßenbahn fuhr jetzt einen Bogen, nach rechts, dort wollte sollte sie hingelangen, nach rechts, dann wieder gleich nach links, sie schlingerte nur so von rechts nach links und wieder zurück, er hielt sich in seinem Sitz fest, schaute nach vorn, um die nächste Kurve bereits erahnen zu können, es ging wieder nach rechts. In der Innenstadt ist man vor keinem Richtungsschwenk sicher, man muß sich dann festhalten, ganz festhalten, an Sitz und Stange, am besten, an Beides gleichzeitig.

Ein wenig staunte er über eine recht laute Mädchenstimme, die sich kreischend gab, ein Fest an Kreischlauten abgab, was sagte sie nur? Er verstand es nicht. Zu sehr war er mit den Kurven beschäftigt, immer wieder Schwenks, er liebte Schwenks, sie machen das Leben berechenbar, wenn es nur geradeaus geht, dann denkt man immer, gleich wird etwas Schreckliches geschehen, schwenkt es jedoch ständig, dann befindet man sich in Sicherheit, denn man ist mit dem Schwenken genug beschäftigt.

Nun ist es zu ihm gedrungen, das Kindergerede, irgend ein Kamel hatte die Kleine also zu ihrem Lieblingstier erkoren, gut, sollte sie, aber mußte sie deswegen gleich so lautkreischend sein, nein, das mußte sie nicht. Er fühlte sich ein wenig gestört, im Fahrgenuß, andererseits mußte er nun sowieso aussteigen, und so ging er zur Tür und stieg aus, die Straßenbahn fuhr weiter, leise säuselte der Elektroantrieb, und er blieb stehen, schaute ein wenig wehmütig, dann ging er dahin, dahin, wo sein B lag, das B, welches immer zum A gehört, nachfolgend kommt, als Nachfolger, als nicht hinwegzudenkende Folge von A.



Die Weltfrage VI

Er, stattlich, sucht Sie, zwecks gemeinsamer Freizeitgestaltung, gern auch FKK und Freebowling. Der Berliner Kurier hatte wieder einmal Heiratsannoncen gedruckt, zwei Blätter voll, Männer suchen Sie und/oder Ihn, Frauen suchen Ihn und/oder Sie. Er suchte Sie, fand sie aber nicht, trotzdem es offenbar genug Frauen gab. Gleich neben ihm, in der Straßenbahn, saß eine hübsche Sie, kaum zwanzig, lächelnd, immer lächelnd, blond, blau-grünäugig, offenbar intelligent, denn sie laß Kafka, das Schloß, oder wie es hieß, womöglich eine Germanistin auf dem Weg zur Uni.

Er suchte verzweifelt den Text für seine Annonce. Irgend ein Vorbild müßte es doch geben, welches er als sein Bild, als seine Visitenkarte verwenden könnte. Er, 32, geschieden, mehrfach enttäuscht, sucht Eichkätzchen zum Bau eines Liebesnestes. So ein Blödsinn, sagte er sich, dümmer geht's nimmer. So ein Müll kann man doch nicht abdrucken lassen von sich, wenigstens hatte der suchende Buhlende lediglich eine Chiffre gewählt, hatte sich also nicht zu erkennen gegeben, der wohl zu Recht Geschiedene.

Die Straßenbahn fuhr säuselnd die Greifswalder Straße entlang, immer in Richtung Alexanderplatz, und damit die Fahrt nicht zu langweilig wurde, war jede Station nur über eine kleine Biegung zu erreichen, ein Schwenk nach rechts und links kündigte stets die nächste Station an. Er versuchte unterdessen weiter zu lesen, Annoncen, eine fand er recht hübsch, Er sucht Sie, bitte melde dich. Ja, keine Versprechungen, kein Nichts, einfach nur der Eintrag, daß man suchend ist, vielleicht könnte man noch das Alter, Größe und Gewicht hinzu fügen, dachte er sich. Er, 23, 1,82 Meter, 79 Kilo sucht Sie, bitte melde dich. Das muß genügen. Alles andere kann nur zu Irritationen führen.

Er markierte die Annonce. Die neben ihm sitzende durch Kafka ausgewiesene Germanistikstudentin lächelte, sie mußte seine Markierung bemerkt haben, er lächelte zurück, beide lächelten, ein wenig, bevor er weiter den Kurier las und sie Kafka, das Schloß. Er wollte sie schon ansprechen, da bog die Straßenbahn ein wenig nach links, und er mußte sich festhalten, sie mußte sich festhalten, Ruhe, er würde sie nicht ansprechen können, auch wenn sie weiterhin lächelte, kaum vermochte er überhaupt noch lächeln, unbefangen Sonntagszulächeln, wie sollte er da sprechen können.

Nein, er nahm es sich vor, zu sprechen, nun und jetzt, er schlug bereits den Kurier zu, bemerkte, wie ihm seine Hände näßten, versuchte sie am Kurier zu reiben, ein wenig zu trocknen, es ging nicht, aufrichtig, nicht, dabei war er Student der Kommunikationswissenschaften. Das gerade er nicht zu sprechen vermochte, daß dürfte er keinem erzählen, noch nicht einmal seiner Mutter, so viel war ihm sicher. Aber es ist wohl wie mit den Psychologiestudenten, beruhigte er sich, die studieren auch nicht Psychologie, um anderen helfen zu können, sondern nur deshalb, weil sie mit sich selbst Probleme haben. Gut, nicht alle werden deshalb Psychologie studieren, sagte er sich, während er nun, nun doch den zweiten, oder war es der dritte Anlauf?, versuchte.

"Hmh", begann er endlich sein Sagen, als plötzlich ein Mädchen, welches ein paar Reihen hinter ihnen saß, kreischend schreiend war. Die Studentin der Germanistin bemerkte deshalb kaum das "hmh", und selbst wenn sie es bemerkt hätte, dann würde sie sicherlich angenommen haben, daß es ihm wegen des Geschreis entrutscht sei. Er ärgerte sich, doch blieb ihm kein Stück des einstigen Mutes, um weiter sprechen zu können.

Berlin Alexanderplatz, die Studentin entstieg etwas hektisch der Straßenbahn, er würde weiter fahren, auch das Mädchen samt Mutter stieg aus. Mist, blöde Kuh, sagte er sich, obwohl er wußte, daß das Mädchen nicht für seine Kommunikationsprobleme verantwortlich war.

Zwei Stationen weiter, gleich neben dem alten Gastmahl des Meeres, welches sich nunmehr nur noch auf die Nordsee beschränkte, so hieß das Restaurant jedenfalls jetzt, ja, da war die DDR bereits weiter, das gesamte Meer lud dort noch zur Verspeisung ein, also neben dieser Restauration stieg er aus, und, fast hätte er es kaum bemerkt, wenn er nicht immer schauen würde, ob er etwas vergessen hat, auf dem Sitz, wenn er aufsteht, sieht er ein Handy in Schutzhülle auf dem Fußboden liegen, es mußte aus der Tasche der Sie gefallen sein, als sie Kafka hervor kramte. Ein Handy, er nahm es sofort auf, er würde nun auf den Anruf der Sie warten, einfach nur warten, oder, er könnte bei der Telefongesellschaft nachfragen oder im Adressbuch des Telefons schauen. Jedenfalls wäre er ein riesengroßes Kamel, wenn er dies nicht täte, sagte er sich, und schon klingelte das Handy.



Die Weltfrage VII

Das Denken beschäftigt einem in Mengen, wenn man nichts zu tun hat. Sie hatte nichts zu tun. Verzweifelt versuchte sie dennoch nicht zu denken. Sie versuchte aus dem Fenster der Straßenbahn zu schauen, welches ein wenig mit Werbung verklebt war, einer löchrigen Folie, die die Welt vom Draußen in ein Raster einschloß, wie ein zu groß geratener Bildschirm, und dort waren zwei Botschaften, zum einen das Raster, welches von Außen betrachtet eine Werbung für Köstritzer Schwarzbier hergab und die von innen nach Außen sichtbare Welt. Sie war bereits wieder beim Denken, verzweifelte sie an ihrer Selbstbestimmtheit.

Können Menschen denken, und wenn Menschen denken können, denken sie auch autonom? Die Straßenbahn hielt Greifswalder Straße Ecke Hufelandstraße. Hier war immer Daniel zugestiegen. Nun schon lange nicht mehr. Womöglich war er in eine Grube gelangt. Sie wußte es nicht recht, und wenn, wenn er in eine Grube gelangt war, dann würde ihn sein Name schon wieder dort rausholen, sagte sie sich, obwohl sie wußte, daß er tot war.

Eine Träne hatte sie noch übrig, für ihn, dann fuhr die Straßenbahn wieder an und sie versuchte weiter nicht zu denken, während ihr Hirn tat was es wollte. Sind Menschen die besseren Tiere? Sie schaute in ihre Handtasche, kramte dort ein wenig herum, bis ein männlicher Endvierziger neben ihr Platz nahm, sie mußte ihre Tasche beiseite nehmen, gern tat sie es nicht, dennoch tat sie es, weil es die Ordnung von ihr verlangte, er roch ein wenig zu menschlich, Achselschweiß! oder war es bereits Körpergeruch?

Die Straßenbahn fuhr weiter Gleise entlang während sie versuchte, den Geruch des männlichen Menschen wegzudenken. Daniel war nicht gemordet worden, er hatte einen Krebs liebgewonnen, den er deshalb nicht besiegen wollte, ach wär es doch ein Löwe gewesen, aber nein, ein Krebs, mehrfüssig, ekelig und dennoch in ihm. Eine Horrorvorstellung.

Gerade eben hatte sie es erfahren, ein Arzt von der Charite' informierte sie, sie wollte ihn ein letztes Mal sehen, Sachen zusammen packen und dann würde sie gehen, ohne Denken, denken zu wollen. Der Herr stieg Mollstraße aus, einen Geruchsstreifen nach sich ziehend, sie atmete auf, versuchte eine Träne wegzudrücken, die gerade jetzt erschien, jetzt, als wollte sie nicht warten wollen.

Wieso waren die Menschen in der Straßenbahn bloß so gelassen, so wenig traurig, sie mochte es nicht ertragen, diese Abwesenheit von Traurigkeit. War ihr, ihr allein etwa nur so, so traurig? Einige lachten sogar und ein Mädchen schrie und erzählte von Kamele, nein, nicht von Krebse, ausdrücklich nicht, nur von Kamele, Krebse kannte sie noch nicht, dazu war sie zu jung, zu wenig eingeweiht, in das menschliche Leben.

Irgend saß sie zusammen mit allen in der Straßenbahn und doch allein, allein, sie ein Menschlein, allein, wegen ihrer Trauer, wegen ihres momentanen Andersseins. Stehend, ja fast Stehend, wo alles andere Drehend, ja, doch Drehend ist. Gesichter, so egal, überall so egal, und sie mittendrin, gerötete Augen und Tränen, die begannen zu kommen, wie sie es gerade wollten, und als sie sie anhielt, war sie wieder unter ihnen, mit ihnen und doch so weit weg.



Die Weltfrage VIII

Er hatte sich den Fahrpreis gespart, das Fahren mit der Straßenbahn jedoch nicht. Kaum zugestiegen, schaute er sich um, nach verdächtigen Personen, Kontrollpersonen. Früher mochte man sie leicht erkennen, sie trugen die Uniform der Verkehrsbetriebe, nun gingen sie eher leger umher, Jeanshose, alte Cordjacke, abgefahrene Schuhe dazu und, sie setzen sich einfach wenn sie einstiegen, um nicht wie Kontrollpersonen auszuschauen. Dann, einen kurzen Moment nachdem kein Mitfahrer mehr entkommen konnte, standen sie auf, lächelten höflich, während sich ihre Augen längst in Jagdposition befanden.

Spitzbübische Augen, mit einem leichten Flackern auf der Netzhaut, Energieüberschuß, welcher wohl vom Adrenalin stammte. Sie schauten umher, taxierten, wer wohl gewinnbringend mitgefahren, also schwarzgefahren ist. Immer wieder kam es dann vor, daß sich niemand anbot, das zusätzliche Entgelt zu zahlen. Schwarzfahrer gab es anscheinend nicht mehr, kaum noch, eine aussterbende Rasse, sie gehört daher eigentlich unter dem Schutz irgend einer Schutzorganisation.

Er schaute, sah jedoch keinen Kontrolletti, wie die Kontrollpersonen in Berlin beinahe liebevoll genannt werden. So setzte er sich, in der Nähe der Mitteltüre, fuhr entspannt gespannt bis zur nächsten Station, Greifswalder Straße Ecke Danziger Straße. Schon prüfte er jeden einsteigenden Fahrgast, checkte ihn ab, nicht, ob er ein Terrorist sei, nein, in Berlin checkt man nur ab, ob ein Kontrolletti dabei ist. Er schämte sich deshalb nicht, nein, ihm war dies noch nicht einmal bewußt, daß es bei ihm nur um ein paar Euros ging, wenn seine Einschätzung falsch ist, in Jerusalem aber gleich um das Leben.

Menschenkenntnis wird so zur Überlebenskenntnis, die Busfahrt zum Survivaltrining, nur wenn man Jungfrau ist, darf man hoffen, zusammen mit dem Attentäter ins Paradies zu gelangen, denn dort werden langsam die Jungfrauen knapp, jeder will schließlich seine 40 haben.

Er atmete auf, kein Kontrolletti war zugestiegen. Zwei Euro sparte er. War es ihm das wert, dieses ständige Überspanntsein, nur wegen der zwei Euro? Andererseits, wo gibt es sonst für Umsonst einen Adrenalinkick solcher Güte? Er müßte sonst viel Geld für solch einen Gummiseilsprung zahlen oder gar, in Jerusalem sein Leben dafür auf's Spiel setzen. Aber an Jerusalem dachte er überhaupt nicht, auch wenn ihm bereits einige Zeit ein Mädchen nervte, welches andauernd darüber sprach.

Nein, er dachte allein an diese, seine Fahrt, sie sollte glücklich enden, ohne Sonderzahlung und bösen Blicken der anderen Fahrgäste. Noch war er unbescholten, nicht stigmatisiert, er, ein angesehener Fahrgast, wie alle übrigen auch. Keiner mochte ahnen, daß er keinen Fahrschein besitzt.

Die nächsten zwei Stationen waren schnell übersprungen, er wurde und wurde nicht kontrolliert, langsam zählte er bereits die noch ausbleibenden Stationen, zwei waren es noch bis zum Alexanderplatz, Berlin Alexanderplatz, plötzlich eine, nein zwei drei Stimmen von hinten -Fahrscheinkontrolle- , aber sie klangen ein wenig zu fröhlich. Dennoch schreckten sie ihn auf, als er jedoch zum hinteren Teil des Wagens schaute, war ihm wieder ruhiger. Zuvor zugestiegene Schüler, kaum sechzehn wohl, hatten sich mit ihren gerade erst gebrochenen Stimmen einen Scherz erlaubt. Jetzt grienten sie. Er griente auch. Bloß nicht auffallen.

Als er denn ausstieg, fühlte er sich besser, obwohl er nun vollendet beendet gesündigt hatte, fühlte er sich plötzlich besser. Denn er dachte, er sei dabei nicht ertappt worden. Aber was wußte er schon davon, er hatte ja noch nicht einmal von Jerusalem einen Begriff , wie sollte er dann vom Wissen um die Welt wissen.



Die Weltfrage IX

Gerade ging sein Leben weiter während er stehen blieb und nach hinten, hinter sich schaute, denn er stand in einer Straßenbahn, und vermochte daher vor und gleichzeitig zurück gehen, also die berühmte, weil eigentlich unmögliche Auflösung des Gordischen Knotens zu betreiben.

Er 51, 180 Meter, bis vor wenigen Jahren noch 182 Meter groß fuhr dennoch eher gelangweilt mit der Straßenbahn, er bemerkte es nicht, dieses Auflösen des Knotens, ihm war seine Fahrt nur allzu alltäglich, denn nichts anderes war sie für ihn, denn er dachte nicht über sie nach. Alles war ihm so normal, das Einsteigen, Stehenbleiben, Zurückschauen, Vorwärtsfahren, alles hatte er bereits dauernd erfahren, es konnte ihn längst nicht mehr aufregen.

Er sah sich noch als Junge, das erste Mal, Straßenbahn fahren. Ein Erlebnis. Straßenbahn und Schaffner und Fahrer zu erleben. Das Anfahren. Die Mutter, wie sie das Kleingeld hervor holte und der Blick eines Jungen der an der Haltestelle stehen blieb, mit wehmütigen Augen, anscheinend war bei ihm niemand mit Kleingeld zugegen oder es gab in seiner Familie nur großes Geld, welches lieber in den Lebensbedarf investiert wurde, statt für eine Fahrt ins Blaue auch wenn sie am Alexanderplatz enden würde.

Dies war das Vergangene, welches in ihm ständig zugegen war, bewußt oder unbewußt, es prägte ihn, und es fragte ihn nicht, ob er davon geprägt werden wollte. Seine Gegenwart war derweil allein darauf gerichtet, zum Alexanderplatz zu fahren. Ein wenig freute er sich dabei über eine kecke Mädchenstimme die er gackern hörte ohne das zugehörige Aussehen sehen zu können. Er stellte sich ihr Gesicht vor, Sommersprossen, rote lange Haare zu einem Zopf gebunden, ein leicht freches Gesicht, dazu eine unmögliche Kleidung von Stiefel und Kleid.

Er hätte sich gerne in dem Mädchen wiedererkannt, aber so war er nie gewesen, auch nicht, wenn er sich vom Heute aus betrachtete mußte er feststellen, daß er so nie gewesen war. Ihm interessierte im Damals allein der Schaffner, die Straßenbahn und der Fahrer, mehr nicht. Er schaute sie beim Tun zu, stets ein wenig verblüfft, wie gut ihnen ihr Spiel doch gelang, welches Mutter immer Arbeit nannte. Welch schönen Dinge doch Erwachsene spielen durften, war ihm stets ein wenig neidig. Nein, an Jerusalem oder die Welt dachte er dabei nie.

Aber das Mädchen schien eine kleine Philosophin zu sein, eine KindErwachsene, und so spielte sie längst das Spiel der Erwachsenen. Ihm lächelte. Zum Glück wußte die Kleine noch nicht, dachte er, daß die Spiele der Erwachsenen zumeist nur zum Anfang Spaß machen, dann, nach dem Anfang können sie auch langweilen, weil sie Alltag geworden sind. Nein, das wußte sie wohl noch nicht, auch wenn sie philosophierte und philosophierte. Er lächelte, altersweise, und beinahe sah sein Lächeln ein wenig verloren aus, verloren zwischen dem Gestern, dem Heute und dem Morgen.

Erst als er am Alexanderplatz ankam gab er sein Lächeln auf. Er staunte lieber, aber auch nur ein wenig, denn die Kleine sah seiner Vorstellung überhaupt nicht ähnlich. Aber das, was das Äußere anbelangt bleibt sowieso im Gestern, sagte er sich, aber das Andere, die Gedanken, die wird sie mitnehmen und womöglich in zehn fünfzehn Jahren würde er sich mit ihr unterhalten können, über Gott und die Welt oder auch über Kaffee und Kuchen, je nachdem, ob sie seine Studentin sein würde oder in der Mensa arbeitet, egal, er freute sich bereits auf die Zukunft.



Die Weltfrage X

Jerusalem ist die Stadt Davids und Jesus war auch dort, ja, selbst Hadrian war wohl dort, baute eine Mauer und andere waren auch dort, so wie er selbst auch dort war, kürzlich, vor Tagen. das Mädchen war anscheinend noch nie dort, sprach aber gerne von Kamele und vom Tor, so als wäre es erst im Gestern gewesen, als Jesus dieses Gleichnis aufsagte.

Ihm staunte die Intelligenz, auch wenn er eigentlich Anderes zu tun hatte, er mußte nachdenken, selbst nachdenken, denn er würde gleich ein wichtiges Gespräch führen, am Alexanderplatz, für ihn ging es dabei um Alles oder Nichts, für einen Außenstehenden jedoch nur um gar nichts.

Das Wichtige ist oft so unwichtig, und das Unwichtige oft so wichtig. Er dachte auch darüber nach, es tröstete ihn aber nicht, denn das alles ist nur Gedankenspiel, so befand er für sich, ja, das alles ist nur Gedankenspiel, wenn es um die eigenen Gefühle geht.

Er hatte sie vor drei Jahren, zwei Monaten und zehn Tagen kennen gelernt. Das hatte er sich spaßeshalber ausgerechnet, erst gestern, nun also, mußte er einen Tag zurechnen, schon waren es elf Tage.

Ja, so ist es mit Aussagen, sogar mit objektiven Aussagen, ohne Bezugspunkt sind sie nichts wert, ohne Pflog halten sie nicht, schweben sie umher, wie ein Staubkorn, bereit, sich überall abzulegen und doch nirgends heimisch zu werden.

Die Straßenbahn ruckelte ein wenig beim Anfahren, dann das leise Surren, dazwischen Gelärm der Fahrgäste, Rascheln von Zeitungen, Buchseiten, Handys, die klingeln oder zum Tönen gebracht werden, am Boden scharrende Taschen, und Atemgeräusche, leise Atemgeräusche, kaum wahrnehmbar aber doch da, anwesend, Herzschläge, auch, und das entfernte Pupsen eines Damendarmes oder war es ein Herrendarm? Egal, er roch es nicht, hörte es womöglich noch nicht einmal, er dachte nur an das Später, während er Teil des gewöhnlichen Lärmes war.

Das Mädchen war derweil zur Weltfrage vorgedrungen, behielt sie penetrant in ihrem kleinen Gedächtnis, bewegte auch noch ihre Mutter, zum Sagen und zum Verweigern des Sagens, Ruhe, er mußte nachdenken.

Berlin Alexanderplatz, Weltzeituhr. Eine Frau in roten Pumps sollte hier auf ihn warten. Sie wartete nicht. Er wartete. Schaute die Zeiten, Menschen und Menschen, die Wolthatsche Buchhandlung, gleich nebenan, sie lockte mit Sonderangeboten und der Biergarten mit Gerüchen vom Bratwurstverkauf, daneben, dahinter, Tschibo, Kaffee, der Allerbeste unter den Besten, und wenn die anderen blind waren, so war er doch wenigstens einäugig.

Er wartete, auf seine Verabredung, auf das Verstreichen von Zeit, auf sich selbst, auch, denn er befand sich gerade in Jerusalem, der Altstadt, der Klagemauer, dort hatte er ein Zettel hinterlassen, zur Errettung seiner Welt, irgend sollte helfen, dabei.

Nach einer halben Stunde der Anruf, von der Frau, auf die er wartete, sie wolle wissen, wo die Weltzeituhr sei, sie habe bereits den gesamten Kudamm abgesucht. Er staunte. Hatte er es etwa falsch erklärt oder war er davon ausgegangen, daß sie es schon wissen müsse, daß er die bekannte Weltzeituhr am Alex meinte.

Er bemühte sich, ihr den Weg zum Alexanderplatz zu erklären, als sie meinte, sie habe keine Zeit mehr, für das Gespräch, es sei sowieso aus. Er versuchte zu lächeln, immer wieder zu lächeln, während ein Finger eines kleinen Mädels auf ihn zeigte, welches er hätte wiedererkennen können, wenn er nicht mit seinem Lächeln so sehr beschäftigt gewesen wäre.



3. Icherzähltes

Der Anfang

Als ich vierzehn Jahre alt war, dachte ich, ich sei erwachsen, und als ich ein Jahr alt war, dachte ich, ich sei. Ja, ich sei wie jeder andere auch sei. Kein einziger Unterschied regte sich in mich. Dort die Erwachsenen, hier die Kinder. Das änderte sich jedoch mit der Zeit, wie gesagt, mit dem vierzehnten Lebensjahr dachte ich dann endlich, ich sei wieder dort angekommen, wo ich mich wie selbstverständlich bereits in meinem ersten Lebensjahr fand, gleichberechtigt in einer einzigen Welt, nämlich die der Erwachsenen.

Aller Lebensanfang ist schwer. Das erste Jahr war ich nur am Kämpfen, der kleine Körper wollte erst einmal beherrscht sein, da blieb kein einziger Augenblick zum Speichern der Lebensumstände. So merkte ich mir nicht, wie es war, gewindelt zu werden, einfach verdrängt. So merkte ich mir nicht, wie es war, gefüttert zu werden, einfach verdrängt, ja, noch nicht einmal das Nuckeln an der Brust mag ich besonders genossen haben, sonst hätte ich mir doch zumindest diese eine Angelegenheit meines kindlichen Lebens gemerkt. Nein, womöglich war ich damals derart mit dem Überleben beschäftigt, daß alles andere zur Nebensache wurde.

Aus meiner merklichen Unmerkfähigkeit hat mich erst das Fernsehen erweckt. Ja, das Fernsehen schafft Bewußtsein. Und, fast peinlich berührt es mich, daß es keine Nachrichtensendung, keine Wissenschaftssendung, keine Kindersendung und auch kein Sandmann war, der mich erwachen ließ, nein, es war die Werbung, genauer, die Mainzelmännchen, oder war es die Arieltante? Egal, so genau ist mir meine Erinnerung nun auch nicht.

Damals, so weit kann ich mich noch entsinnen, lag ich in meinem komfortablen Kinderbett, und sah erst einmal gar nichts, nur hören konnte ich etwas. So stand mein Kinderbett im Wohnzimmer meiner Eltern, ich lag lauschend in diesem. Und, die Neugierde muß mich getrieben haben. Jedenfalls zog ich mich am Bettgestell empor, um sehen zu können, und ich sah dann, das flimmerige Schwarzweißbild eines Schwarzweißfernsehers im Jahre 1967. Der Genuß war mir groß. Fernsehen, das ist doch etwas. Fern sehen zu können, wer will das nicht. Jedenfalls liefen die Mainzelmännchen oder wer auch immer durch das Bild, vielleicht war es auch eine Ostwerbung, schließlich hatte es mich in den Osten unserer Deutschen Republik verschlagen.

Und als ich so schaute, hörte ich plötzlich die Stimme meiner Mutter, wie sie beinahe beeindruckt zu meinem Vater sagte, "Guck mal, der Junge schaut bereits Fernsehen!". Ich glaube, in diesem Moment wurde mir erstmals bewußt, daß ich noch keine 14 Jahre alt war, daß ich beinahe noch ebendiese Zeit abzuwarten hätte, um gleichberechtigt ohne viel Aufhebens die Mainzelmännchen gucken zu dürfen.



Der aufrechte Gang

Manch Mensch unterscheidet sich lediglich durch seinen aufrechten Gang vom Tier. Und manch Mensch ist ein besonderer Mensch, weil er aufrecht durch sein Leben geht. Ich wollte auch ein Mensch sein. Erster oder zweiter Kategorie, egal, ein Mensch.

Als ich also alt genug zum Krabbeln war, der ach so schwierigen Vorstufe des Gehens, hielt ich mich damit nicht weiter auf. Ja, es schien mir damals wohl zu mühselig. Und ist es nicht auch wirklich mühselig, dieses Krabbeln? Man begebe sich auf einen beliebigen Boden und krabbele, ja, bereits nach wenigen Minuten wird nach einem die Erfahrung greifen, daß das Gehen doch einfacher geht, als das Krabbeln.

So übersprang ich frohen Herzens diese Zwischenstufe der Menschwerdung. Ich wurde sogleich ein Mensch, indem ich sofort mit dem Gehen begann, wenn ich meiner Mutter Glauben schenken darf, und sie lügt nie, jedenfalls nicht, wenn es um solch wesentlichen Details meines Lebens geht.

So ging ich denn fortan durch die elterliche Wohnung in der Kremmener Straße in Berlin Mitte, damals ein leicht ergrauter Stadtbezirk der Hauptstadt der DDR. Unser Haus war indes eine kleine Augenweide, gelber Putz hing an ihm, recht frisch, kaum ein Jahre alt, dazu eine ganz ruhige Straße mitten in Berlins Mitte, kaum Autos, nur ein bis zwei, pro Straße, kein Gelärm, kein Gestank, und ich wußte es dennoch nicht zu schätzen, denn all dies wußte ich nicht. Ja, ich begann doch erst mit dem Laufen, das war bereits schwer genug zu erlernen und forderte daher meine gesamte Aufmerksamkeit.

Zuerst mußte ein Gegenstand gefunden werden, an dem ich mich hochziehen konnte, am besten geeignet war diesbezüglich die Hand meiner Mama, feingliedrig, von Florenacreme geschmeidig gehalten und doch so fest zupackend wie nur eine Mutterhand zupacken kann. Und halb stand ich, halb zog sie mich hoch, und als ich noch balanzierte, freute sie sich bereits, und als ich mich freuen wollte, fiel ich wieder auf meinen Po, aber ich fiel weich, es glitschte nur ein wenig unangenehm.

Ja, der aufrechte Gang will gelernt sein. Aber bald hatte ich ihn gelernt. Und dann, ja dann ging ich und ging ich und ging ich, als wenn ich es immer so gekonnt hätte.

War es das, mit dem Gehen? Gut, meine eigene Erinnerung hilft mir hier nicht weiter, das Erzählen verlangte ein wenig erzählerische Phantasie, um eben das Gehenlernen in Wort und Schrift zu fassen. Genau genommen kenne ich mich nur gehend, davor war ich noch nicht und so fällt bei mir wahrhaftig die Menschwerdung und die Nutzung des aufrechten Ganges zusammen. Gut, bei Gelegenheit werde ich meiner Mama Fragen bezüglich der Krabbelei stellen, aber ich glaube, so in etwa, wie gerade erst beschrieben, hat es sich auch zugetragen, und wenn nicht, egal, dann hätte es sich eben so zutragen können, und ist nicht genau das, diese Feststellung, das Entscheidende?



Das erste Wort

Zuerst war das Wort, so jedenfalls Gott, und auch in meinem bisherigen Leben war zuerst das Wort, wenn nicht zuvor mein Daherkommen, mein Erwachen vor dem Fernseher und das Gehen gewesen wären.

Gut, als Drittes eigenverantwortetes Aktivum nun das Wort. Nach Sehen, Gehen nun das Reden. Und wenn ich mich recht entsinne, dann weiß ich es nicht mehr ganz genau, welches erste Wort ich gesagt haben könnte. Meine drei Brüder sagten jedenfalls etwas von Auto, Mama und Papa, ich sagte, nun gut, ich könnte gesagt haben, Mapa oder Pama.

Ja, so wird es gewesen sein, ich hab sie noch vor Augen, meine Eltern, meine Mama, meinen Papa, wie ich dieses Wort sagte, mal so, mal so rum, mal Pama, mal Mapa, je, nachdem, wer mir lauschte, dabei zuhörte. Und ihre Augen lächelten, ihre Gesichter strahlten, das erste Wort des Jungen vernehmend, wie glücklich fühlte ich mich, als ich sie glücklich sah, Glück kann abfärben, ihre roten Gesichter, mein rotes Gesichtchen, glücklich grinsend, große Augen drinnen, damals noch im schönsten Blau, ich sehe mich noch heute wie damals.

Ja, meine Eltern waren überglücklich, und sie wären noch glücklicher gewesen, wenn sie das Wort verstanden hätten, aber wer kennt schon solch ein Wort, Pama oder gar Mapa, sie wunderten sich doch sehr. Beinahe dachten sie, ich könne keine rechten Wörter sagen, bis ich dann Lexikon, Sonnenlicht und Magensäure sagte, dann, ja dann waren sie wieder etwas beruhigt, jetzt wußten sie, daß sie mich nicht zu einem Psychologen bringen müßten.

Wie kam ich nun zu diesem Wort? Ganz einfach, in mir steckte wohl schon damals der geborene Diplomat, eben ein Mensch, der zuvor überlegt, was seine gesagten Worte im Später anrichten könnten, also dachte ich mit meinem kleinen Hirn, es muß wahrhaftig eine phänomenale Denkanstrengung gewesen sein, also ich dachte mit diesem noch recht unterentwickelten kaum Synapsen habenden Hirn, daß ich das erste Wort nicht einfach so nur der Mama oder nur dem Papa schenken dürfte, würde sich doch stets der erst Zweitgenannte ärgern, so erfand ich denn auch diesen Wortzusammenschluß von Mama und Papa, und je nachdem, wer mich fragte oder ständig zu mir sagte, "Nun sag schon ... ", dem sagte ich dann irgendwann einmal Pama, für den lieben Papa, oder Mapa, für die liebe Mama.

Soviel zu meinem ersten Wort, im Nachhinein muß ich allerdings sagen, daß diese Wortfindung ein großer Unsinn war, aber, ich dachte eben mit einem viel zu kleinen Hirn, wäre ich ein Elefantenbaby gewesen, gut, dann wäre mir so eine Denkfehlbildung sicherlich nicht geschehen. Oder hätte mir Gott das erste Wort geflüstert, gut, dann wäre da sicherlich etwas ganz Geniales heraus gekommen, etwa Mama oder Papa, ja, dann wäre ich doch viel hübscher in mein sprechendes Leben gegangen, so war ich jedoch für mein Leben gezeichnet, und, es trat noch nicht einmal eine Besserung ein, im Gegenteil, mit dem Erlernen der Berliner Sprache schlich sich doch so manch weiteres Fehlkonstrukt in meine Lautenbildung ein, aber in Berlin merkt das zum Glück kaum einer, ich darf eben nur nicht hinweg gehen, hinaus, aus diese wundersame Stadt, sonst merkt sofort einjeder, daß ich es mit der Sprache nicht so habe, ja, daß ich gewissermaßen eine Naturbegabung im Fehlkonstruieren von Wortverbindungen bin.



Das Kranksein

Als die erste Krankheit kam, war ich darauf vollkommen unvorbereitet, deshalb ließ ich sie auch nicht einfach an mir vorbeiziehen, lag nur etwas erstaunt und wohl auch ein wenig regungslos in meinem Bett, während mein Gedärm brummelte. Wie alt werde ich gewesen sein, gut, wohl ein zwei Jahre alt, ganz betimmt, ein zwei Jahre alt, dies muß genügen, als erster Eckpunkt genügen.

Ich lag also da, in meinem Bett, es war schon ein richtiges, wenn auch ein Kinderbett. Hinter mir, quasi auf Kopfhöhe ein Kachelofen, rechts neben mir eine Wand, mit allen möglichen Tieren drauf, vor mir die große weite Welt, also mein Bruder, der durfte bereits auf einer richtigen Couch schlafen, weswegen ich ihn ein wenig bewunderte, auch hatte der kein Gitter vor sich, so daß er zwar aus seinem Bettlager fallen konnte, aber, was noch viel wichtiger war, er konnte aus diesem hinaus steigen, einfach so. Und ich, ich lag da, schniefte ein wenig, beobachte das mir bekannte Weltgeschehen und war dessen zufrieden. Die Welt war ich, der Raum, und meine relative Bewegungslosigkeit, gut, da war auch Zeit, und ehe ich es begriff, so war ich auch auch schon in den Armen meiner Mutter.

Ja, sie hatte einen Blick für kranke Kinder. Womöglich mochte sie gerade kranke Kinder ganz besonders, jedenfalls kümmerte sie sich nun um mich, ich mußte nichts weiter tun, als ein wenig weinerlich dreinzuschauen, denn ich dachte mir, dieses wäre der rechte Blick eines Kranken, ein wenig weinerlich, aber ohne zu weinen, denn Männer weinen nicht. Was ich zwar, damals, noch nicht wußte, aber meine genetische Polung wohl, so ließ ich es, immer öfter, mit dem Weinen und beließ es lieber bei dem weinerlichen Gesicht.

Gut, die erste Prozedur war mir recht Recht aber nun kam das obligatorische Magenelixier zum Tragen. Zum Glück kannte ich dieses noch nicht, denn ich hätte trotz rechter Polung doch geweint. Und so kam das uralte Rezept aller gutmeinenden Mütter zur Anwendung. Die reinste Naturmedizin, ein schön geriebener Apfel, extra bräunlich liegengelassen. So etwas hatte mein Gaumen zuvor noch nicht schmecken dürfen. Naturbrauner Apfelbrei. Er soll wohl gegen alles mögliche helfen, zuerst wohl gegen Durchfall, wobei ich im Nachhinein davon überzeugt bin, daß er mir jederzeit, ja, selbst bei einer Knöchelverletzung verabreicht wurde, kann ja nie schaden.

Ich kann mich noch ganz genau an den ersten, ach so vollen Löffel von diesem braunen Apfelpamps erinnern, frohgemut hatte ich ihn noch genommen, ihn zu Munde geführt, und dann der Gaumentest, es schmeckte einfach nur schal, farblos, irgend nicht nach Apfel aber auch nicht nach Apfelmus, dazu diese ekelige bräunliche Farbe und, da war auch gar kein Zucker dran, es schmeckte einfach, nicht.

Und als ich das alles, innerhalb einer halben Sekunde, also relativ schnell bemerkte, verfinsterte sich bereits meine Welt, alles wurde dunkel, ich saß da und wußte, ich würde davon keinen einzigen Löffel mehr essen wollen.

Allerdings, Mütter sind die reinsten Diktatoren, wenn es in dieser Beziehung keinen männlichen Nachwuchs mehr geben sollte und es bestünde dennoch Bedarf für einen oder auch zwei Diktatoren, gut, dann nimmt die Mütter, denn nur Mütter sind zur beispiellosen Rigorosität geboren.

Nun wird allen klar sein, daß ich mich nicht sehr lange zu weigern vermochte, gut, auch das Kind, und insbesondere das Kleinkind hat seinen eigenen Kopf, aber, wie sagt ein altes Sprichwort, der Klügere gibt nach, und manchmal ist es eben (zwangsläufig) das Kind. Jedenfalls hab ich mich zu einem Kompromiß hinreißen lassen, nur jeder dritte Löffel war fortan für mich bestimmt, einer war für den Papa und ein zweiter für die Mama, wenngleich ich sie, als ihr angestammter Stellvertreter, gleich mitessen mußte, zudem hatte ich noch ausgehandelt, und das war der wichtigere Punkt, daß ich den Brei nur bis zur Hälfte auslöffeln mußte, schließlich hatte ich ihn mir ja auch nicht selbst eingebrockt, die Krankheit war eben Schuld.

Nach runden drei Tagen war dann mein erstes Martyrium als krankes Kind beendet. Ich war plötzlich wieder gesund. Ob es an dem braunen Brei lag, nach dem Motto, daran wird die kranke Welt genesen. Nein, ich glaube nicht, ehrlich nicht, ich glaube eher, ich wurde deshalb so schnell gesund, weil ich den Brei nicht mehr ertragen mochte, er schmeckte einfach ekelig und so wurde ich auch in den nächsten Jahren nicht mehr krank, ich hielt mich einfach ganz tapfer gesund, sobald die Nase tropfte, mußte ich nur an den braunen Brei denken und mir ging es gleich viel besser, mein Leidensgesichtchen lächelte dann fröhlich und unbekümmert, als hätte es noch nicht die Welt kennen gelernt.



Vom Zauber des Gefahrenwerdens

Irgend ist jeder Mensch einmal ein Prinz eine Prinzessin, und zwar stets dann, wenn er mit einem Wagen in der Weltgeschichte herumgefahren wird. Die Mutter oder alternativ der Vater wird zum Fahrer des Vehikels ernannt und schon kann die Fahrt beginnen.

Bei mir übernahm meistens die Mutter das Schieben und Lenken des Fahrzeuges. Ich lag dann immer dick eingemummelt im Wagen, sah dabei durch eine durchsichtige Seitenbegrenzung, oder war diese nur am Kopfende durchsichtig?, eben aus durchsichtigem Plastik, egal, jedenfalls konnte ich während meines Liegens stets sehr vorteilhaft all die Menschen in ihren schweren Jacken sehen, wie sie an mir vorbeiliefen oder, wie ich an ihnen vorbeigefahren wurde.

Manchmal streckte sich eine wohlmeinende Hand zu mir in denWagen, versuchte meine Wangen zu streicheln, meine üble Wehrlosigkeit dabei ausnutzend. Ach wie hübsch, sagten dann die großen Stimmen, während ich noch überlegte, was dieses "hübsch" bedeuten soll. Irgend wann entschied ich mich dann dafür, daß es ein gutmeinendes Wort sein müsse, schließlich lächelten die Wortgewaltigen stets, wenn sie dieses "hübsch" verwendeten.

Wenn meine Mutter in Eile war, und sie war recht oft in Eile, dann wurde die Fahrt recht rasant, ja, und dadurch noch um so interessanter, Häuser, Menschen, Hunde flogen an mir nur so vorbei, während ich mich in meinem ersten Geschwindigkeitsrausch so wohl, so wohl, so vollkommen wohl fand. Nur die Wartezeiten vor den Geschäften waren ein wenig langweilig, Bäcker, Fleischer, Gemüseladen mußten abgefahren werden, da ließ sich nicht viel erleben, so im einfachen Stehen.

Und manchmal, oder meist? wurde aus dem Kinderwagen ein Zweisitzer, mein ein Jahr älterer Bruder durfte dann, obwohl er bereits recht gut laufen konnte, bei mir mitfahren. Manchmal versuchte er mit mir zu reden, aber was sollte ich schon sagen, außer Mapa oder Pama, gut, ich schwieg einfach und ließ ihn reden bis er nicht mehr reden wollte, dann war wieder Ruhe und ich konnte mich den Menschen, Autos, Häusern widmen, an denen wir vorbei fuhren.

Übrigens wurde von meinen Eltern alsbald ein Sportwagen angeschafft, so hieß der für ältere Kinder vorgesehene Kinderwagen. Leider war er viel weniger komfortabel, als der große Wagen, ja, die Federung war schlechter und, was noch gravierender war, wenn größere Einkäufe zu erledigen waren, war mein Platz plötzlich besetzt, von Leberwurst, Schinken, Kartoffeln und Blumenkohl, ich mußte dann stets nach Hause gehen, was recht mühselig war, aber mich wohl auf mein zukünftiges Erdenleben vorbereiten sollte. Ich höre noch immer die Stimme meiner Mutter, wie sie dann immer sagte, gut kannst du jetzt schon gehen, du bist ja schon ein großer Mann, so gut kannst du gehen.

Mich sollte das wohl ein wenig aufmuntern, indes, ich dachte immernoch ein wenig wehleidig an den schönen großen doch so komfortablen Kinderwagen zurück, und mir war zutiefst unbegreiflich, wie man so ein gutes Stück einfach so aufgeben konnte, für einen wackeligen Sportkinderwagen, ohne jeglichen Komfort, an dem das einzig gute Konstruktionsdetail war, daß er dem Kinde ermöglichte, in Fahrtrichtung zu sitzen.

Als selbst dieser Wagen nicht mehr gesehen ward, wurde mir bewußt, daß meine Prinzenzeit endgültig vorbei war. Ich mußte selbst in der Welt herumlaufen, ohne jegliche Fahrgelegenheit, ja, zudem sollte ich plötzlich meine Schuhe selbst zubinden, mit Messer und Gabel essen, auch das Geschirr in den Abwasch stellen und nebenher noch darauf achten, die Marmelade nicht Mommelade zu nennen, aber dazu später, denn es muß ja auch ein Später geben.



Das Erlernen der Angst

Nur das Naive kennt keine Angst, da es ohne Erfahrungen durch's Leben geht. Und so war ich naiv, und mehr noch, ein Kind, welches naiv war, also ein Kleinkind, denn alle Kleinkinder sind naiv und wenn sie nicht mehr naiv sind, dann sind sie auch keine Kleinkinder mehr.

Der Tag, genauer der Abend, an dem ich meine Naivität verlor, indem ich die Angst kennen lernte war zuerst ein ganz normaler Abend. Ich lag in meinem Bett, welches jetzt bereits ohne Gitter auskam. Hinter mir der Kachelofen, neben mir die mit den Tieren verzierte Tapete, vor mir mein Bruder auf seiner Couch.

Ich weiß nicht, was ihn getrieben hatte, als er aufstand und zum Fenster ging. Waren es die Lichter auf der gegenüberliegenden Hofseite, war es womöglich auch nur die Lust auf ein Abenteuer oder einfach nur die Neugierde auf das Tun des Verbotenen. Jedenfalls stand er plötzlich am Fenster, versuchte hinaus zu schauen und sah doch nicht viel. Er schob sich ein Stuhl ans Fenster, gelangte schließlich auf diesen um dann endlich auf dem Fensterbrett zum Stehen zu kommen.

Noch lag ich in meinem Bett, aber schon ward ich aufgefordert, mit ans Fenster zu kommen. Es war nicht viel zu sehen, zu solch später Stunde, nur Dunkelheit und ein paar Lichter die von den Fenstern des gegenüberliegenden Seitenflügels der Berliner Mietskaserne schienen. Und weil nichts zu sehen war, die Entdeckerlust meines Bruders jedoch selbst das nicht zu Sehende sehbar werden lassen wollte, bemühten wir uns schließlich, ein Fenster zu öffnen, allein, es klemmte, bereits der Riegel klemmte, ließ sich kaum bewegen, denn er war von den Eltern absichtlich mit ein wenig Pappe derart präpariert, daß er nicht allzu einfach zu verschieben war.

Aber irgend gelang es uns dann doch, ja, nun stand ich neben meinem Bruder, schließlich mußten wir mit vereinten Kräften den Riegel bewegen. Nachdem uns dieses so wundervoll gelungen war, kletterte ich wieder hinunter, von der Fensterbank, damit mein Bruder letztendlich das Fenster öffnen konnte, und plötzlich stand er frei vor dem Fenster, aber er sah wohl immernoch nicht mehr als zuvor, so lehnte er sich hinaus, und ich staunte ob seines Mutes, als plötzlich eines Nachbars Stimme rief, wir sollten ja das Fenster wieder schließen, irgend bemerkte ich, daß wir etwas Falsches getan haben könnten, womöglich durften wir gar keine Fenster öffnen und deshalb war auch der Riegel kaum zu bewegen gewesen.

Ja, mehr noch, da war plötzlich ein Gefühl welches ich noch nicht kannte, es war erregend aber auch hemmend, alles zeigte sich plötzlich so deutlich, so überaus deutlich, während mein Bruder nun sogar die außenliegende Fensterbank erklomm. Er hatte wohl von meinem Vater dessen Schwindelfreiheit geerbt, nein, ich war noch nie ganz frei von Schwindel, ich blieb denn auch im Zimmer, rief sogar, er solle zurück kommen, so glaub ich es jedenfalls jetzt, ja, ich sagte zu ihm, beinahe flehend, er solle zurück ins Zimmer kommen, denn ich sah ihn bereits unten, auf dem Hof liegen, und so überwand ich meine Naivität, die sich das Leben todlos dachte, ja, plötzlich wußte ich, daß es neben dem Leben etwas anderes geben könnte und weil ich dieses nun wußte, fühlte ich die Angst, ganz deutlich fühlte ich sie, die Angst um ihn, ja, komischerweise um ihn, obwohl er doch der Ältere war, also für mich allwissend und allmächtig.



Wie ich Gott spielte

Am Anfang war das Wort und Gott gab den Dingen einen Namen, damit sie sein konnten. So die Schöpfung in aller Kürze, gut, sie dauerte etwas länger, man sagt, sechs Tage sogar, und Gott war hernach derart ausgezehrt, daß er am siebenten Tag ruhte. Übrigens ist die Frau aus einer Rippe des Mannes entstanden, und so staunt Mensch, wie schön manche Rippen doch gelungen sind.

Ich war wohl kaum zwei Jahre alt, als ich wieder einmal ein paar neue Worte aufschnappte, womöglich Luftballon, Benzin, Teichwasserpumpe und Außenwandfarbe, an die ich mich immer wieder fasziniert erinnerte. Wie Kinder in diesem Alter eben sind, sie nehmen Worte wahr, nehmen sich dem Klang der Worte an, bringen ihn mit einen wohlklingenden Satz in Verbindung und bauen auf diese Weise eine Synapse nach der anderen auf.

Nicht, daß dieser Prozeß bewußt abgelaufen sei, nein, so weit kann ich mich noch erinnern, ich lernte einfach so Worte, beinahe grundlos, ich sammelte sie dann wie wertvolle Murmeln, denn ich hatte schnell erkannt, daß man mit ihnen schön spielen kann, und nichts anderes als Spielen, war für mich das Denken gewesen und zum Denken braucht man Worte, um das zu Denkende bezeichnen zu können.

Aber einmal, ich wollte gerade wieder in meinen, übrigens noch recht bescheidenen Vorrat an Murmeln greifen, als mir das rechte Wort zum Gegenstand nicht einfiel. Ich weiß es noch wie heute, ich lag am Abend in meinem Bett, und der Schweiß sammelte sich zwischen Haut und Schlafanzug, während ich nach dem rechten Wort suchte. Das Suchen beschäftigte meine ganze Person. Ich benötigte dieses Wort unbedingt, denn ich wollte davon träumend einschlafen, es gehörte einfach zu meiner Geschichte des Tages, den ich gerade erlebt hatte.

So wälzte ich mich denn in meinem Bett, aber das Wort wollte sich nicht zeigen. Hätte ich bereits etwas von krankhafter Vergeßlichkeit gewußt, ich wäre sofort zu einem Arzt oder auch zu einem Psychiater gegangen, hätte mich untersuchen lassen, auf Herz und Nieren und natürlich auch auf die ordnungsgemäße Verdrahtung meines Hirns. Es hätte ja gut sein können, daß ich geschludert hatte, beim Synapsenbauen. Und nun war alles falsch verdrahtet. Da ließ sich plötzlich kein Wort mehr finden, das zu dem betreffenden Gegenstand passen wollte.

Ja, nur ein Arzt oder eine Schlaftablette hätte mich retten können, aber wie sollte ich das wissen, als Kind? So blieb ich weiter wachend in meinem Bett liegen, suchte nach dem rechten Wort, bis, ja bis mir die rechte Idee erschien. Es war wie ein Geistesblitz, eine höhere Führung, ein Wort Gottes.

Und manchmal kann eine Idee so simpel sein. Ich nahm einfach ein mir bekanntes Wort, etwa Klodeckel und verwendete es für den Gegenstand, den ich gerade nicht bezeichnen konnte, etwa Außenwandfarbe. Und so hatte ich bald drei vier neue Bezeichnungen für Gegenstände gefunden, damit sie für mich existieren konnten, damit ich mit ihnen denken konnte, ja, mit ihnen einschlafen konnte.

Übrigens erwies sich im Verlauf meines weiteren Lebens die göttliche Wortwahl meiner eigenen überlegen, meist konnte ich mich bereits am nächsten Tag wieder daran erinnern, daß man zu Außenwandfarbe Außenwandfarbe sagt und wußte nicht mehr, daß ich zu Außenwandfarbe einmal hilfsweise Klodeckel gesagt hatte. Und so durfte ich zwar einmal Gott sein, aber es war nur ein Spiel, mein Spiel, in das mich meine Vergeßlichkeit drängte.



Ein Paradiestraum

Träume sind Schäume, sie produzieren mehr oder weniger Schaum. Zumeist werden sie zudem nur vom Unterbewußten bewußt erlebt, man hat sie also nicht wirklich selbst erlebt, kann auf sie keinen Einfluß nehmen, hat keine Gestaltungsmöglichkeit, ja, ist absolut davon abhängig, was das Unterbewußtsein gerade erleben möchte. Meist sind es wohl Handlungsalternativen, die durchdacht werden, damit das Ich später in der Realität nur noch das Ja oder das Nein zum bereits erdachten Ergebnis sagen muß.

Man stelle sich die Traumfabrik also wie den Stab einer großen Armee vor, er schmiedet Plan um Plan, damit nachher der Feldherr entscheiden kann, welchen er wählt. Nicht das Unterbewußte bestimmt also das Sein, sondern es dient dem Sein. Natürlich macht es sich auch manchmal über das Sein lustig, so ist es mir geschehen, als ich kaum vier Jahre alt war.

Jeder hat wohl seinen Lieblingstraum in diesem Alter. Der eine trifft Feen und Prinzen oder auch die Saurier, nein, mein Traum war handfesterer Natur. Es war eigentlich ein sehr irdischer Traum, auch wenn er ohne meine eigenen Erfahrungen auskommen mußte und daher für mich etwas recht Außerirdisches darstellte.

Ich lag also in meinem Bett, halb schlief ich, halb wachte ich, als mich wieder einmal der, mein Traum begegnete. Ich sah mich auf einer recht kleinen Insel, weißer Sand, dazu grüne exotisch anmutende Bäume, erst viel später wurde mir bewußt, daß es Palmen waren, und ich lag auf einem recht großen Bett, welches mit Samt bezogen war, womöglich sogar mit rotem Samt. Eigenartiger Weise sah ich in dem Traum stets viel älter aus, so alt wie ein Jüngling eben ist. Aber, zu meinem jetzigen Erstaunen, ich war mir stets schrecklich sicher, daß nur ich es sein kann, der dort lag.

Und nun kam das Irre des Traumes, um mich herum standen stets zig Schönheiten, eine Jungfrau, es waren wohl Jungfrauen, denn wir hatten nie Sex miteinander, also eine Jungfrau schöner als die andere, und alle nur notdürftig bekleidet. Ja, ich lag in einem Hochglanzfoto eines Reiseprospektes.

Nur, er kam nicht aus einem Reiseprospekt, mein Traum, denn ich dürfte bis dahin so ein Prospekt noch nicht gesehen haben. Ich lag also da, und um mir herum diese Schönheiten, dann, ich weiß oder wußte auch nicht warum, überkam mich stets ein wohliges Gefühl und, wie sollte es anders sein, ich schlief vollends ein.

Hatte ich das Paradies gesehen? Sicherlich, Frauenrechtlerinnen würden eher zur Hölle tendieren, aber, ich war mir da immer sehr sicher, es war etwas Außerirdisches, was mich alle paar Wochen überfiel, mich mitnahm, auf eine Reise, von der ich noch rein gar nichts wußte.

Mein Verhältnis zu den Frauen des täglichen Lebens blieb allerdings recht spröde. Im Kindergarten fand sich jedenfalls keine, die meine Leidenschaft, mit Bauklötzen zu spielen, teilte. Nein, manchmal war ich auch grob zu ihnen, zog ihnen an den Zöpfen oder sagte böse Worte, wie dumme Kuh oder alternativ, blöde Kuh, so wie ich es von meinem Vater gelernt hatte.

Das also zu meinem Paradiestraum, natürlich hatte ich auch andere Träume, wie zum Beispiel den Millionärstraum, das war ein recht handfester Traum des Mammons, zudem den Aufsteigertraum, der mir einredete, daß ich irgend wann einmal Erich Honecker beerbe, gut, zumindest dieser Traum hat nur geschäumt, außer, wenn mich doch noch ein Leberdilemma erreicht, was Gott verhüten mag.



Denken frißt Angst

Es war ein wunderschöner Tag im Mai, ich war kaum drei und mein Vater nahm mich mit zu einem Spaziergang. So gingen wir denn von der Kremmener Straße, in der wir wohnten, zur Schönhauser Allee, wo sich ein Schuhgeschäft befand.

Da es nicht oft vorkam, daß sich mein Vater für eines von uns vier Kindern besonders frei machen konnte, war ich recht glücklich darüber, an der Seite meines Vaters spazieren gehen zu dürfen. Oh, ich glaube, ich bekam vor lauter Stolz kein einziges Wort hinaus, womöglich nur "Schöner Tag, schau nur, Papa, dort hinten, auf dem Baum, eine Amsel.", oder ähnlich verqueres Zeugs. Also kein Männergespräch, wie es sich eigentlich hätte anbahnen müssen, eben ein Gespräch über Sport, etwa dem BFC Dynamo, einem ostdeutschen Fußballverein, an dessem Stadion, dem Jahnstadion, wir gerade vorbei gingen. Oder etwa über Autos, es war uns ja gerade der neue Trabant erschienen, der nicht mehr ganz so rund aussah, mehr eckig, und daher moderner.

Mein Vater mußte mein Gesprächsdefizit erkannt haben und so sprach er bereitwillig von der Amsel, ja, ahmte sogar einen Vogellaut nach, beinahe täuschend echt, er war eben halbwegs auf dem Lande aufgewachsen, als Neubauernkind, nachdem die elterliche Wohnung am Moritzplatz ausgebombt war.

Im Schuhgeschäft angelangt, suchte sich mein Vater ein Paar neuer Schuhe aus, währenddessen ich auf einer Bank sitzen bleiben sollte, ganz stille, so sagte er es mir, und warten, bis er denn fertig ist. Ich kümmerte mich nicht weiter um meinen Vater, wahrscheinlich war ich schon damals nicht besonders kenntnisreich bezüglich der neuesten Schuhmode, auch interessierte mich der Vorgang des Schuhekaufens an sich überhaupt nicht. So bemerkte ich auch gar nicht, wie mein Vater längst die rechten Schuhe ausgesucht hatte, sie bezahlte und aus dem Laden gegangen war.

Nun saß ich da und fühlte eine gewisse Angst in mir. Schließlich war mein Vater nicht mehr im Geschäft und eigentlich hätte ich nun alles Recht der Welt auf meiner Seite gehabt, welches es mir erlaubt hätte, lauthals kreischend zu weinen. Nein, nichts von alledem. Allein die Angst blieb, sie ließ sich nicht besiegen, denn dummerweise besaß ich auch mit meinen drei Lebensjahren keinen besseren Orientierungssinn, als heutzutage. Es war ja höchstens ein Fußweg von 15 Minuten, ein paar Straßen, und ich wäre zu Hause gewesen. Aber da war diese Angst.

Und so setzte ich mich wieder auf diese Bank, welche recht schön gepolstert und mit rötllichem leicht angedrecktem Kunstleder überzogen war, bis mir das Denken zur Hilfe kam. Erstaunlicherweise hatte das Denken eine Lösung parat. Ich solle einfach nur warten, er wird schon zurück kommen, schließlich hatte er gesagt, daß ich auf der Bank schön ruhig sitzen bleiben solle. Und so blieb ich denn sitzen, vollkommen ohne Angst, ja, mein Denken hatte wohl die Angst gefressen, ohne daß ich das Wort Aussitzen damals schon gekannt hätte.

Ja, gut, das Happy End, mein Vater kam natürlich wieder zurück, er hatte mich einfach vergessen und zu Hause erzählte er dann ganz stolz, daß ich artig auf der Bank sitzen geblieben sei. Zum Glück hatte er nicht bemerkt, daß mir ein zwei Tränen gekommen waren, als ich ihn wiedersah, oder er hat weltmännisch darüber hinweg gesehen. Mir war es indes immernoch wie ein Wunder, daß das bloße Denken die Angst besiegen konnte, worüber ich noch ein paar Tage, womöglich sogar Wochen nachdachte.



Sieben Stullen und doch kein bißchen dick

Als ich noch recht klein war, womöglich weniger als einen Meter maß, ja, noch jede Treppenstufe einzeln nehmen mußte, sie recht mühsam steigen mußte, wohnten wir in einem Haus ohne Fahrstuhl. Später, als ich recht mühelos Treppen steigen konnte, ja, sogar bis zu drei Stufen in einem Zuge gehen konnte, wohnten wir in einem Haus mit gleich zwei Fahrstühlen. Noch später, als ich dann groß war, um nicht erwachsen zu sagen, bekam ich von der Bank einen Dispo, als ich ihn nicht brauchte und man nahm ihn mir weg, als ich ihn hätte brauchen können. Banken sind also nichts anderes als Fahrstühle, sie nennen sich nur anders.

Trotz der Treppen lebten wir in einem recht schönen Berliner Mietshaus, dem einzig in der Straße ordentlich verputzten übrigens, gelber Putz, ich mochte ihn, obwohl, interessanter fand ich schon die Fassaden der Nachbarhäuser, sie waren noch weitgehend unbefleckt von der Nachkriegszeit, so daß man sogar die Einschüsse der letzten Kriegstage entdecken konnte, wenn man es denn mochte.

Wir, also ich und meine Brüder sowie allerhand weiteres Kindergeschrei spielten öfters auf dem Innenhof. Er war ein recht lichter Hof, weil das Hinterhaus höchstens zwei Stockwerke maß, die langsam vor sich hingammeln durften, bis sie dann eines Tages abgerissen wurden, was den Hof noch größer und heller werden ließ. Mitten auf dem Hof befand sich eine Klopfstange, an der wir uns manchmal sogar herum hangelten, dann gab es da noch eine Fleischerei, die mich stets zu sich zog, übrigens nicht wegen des Fleisches, der Wurst oder dem Geruch, der beim Räuchern entsteht, nein, es waren diese Maschinen, in denen man etwas herein gab, um später etwas ganz anderes wieder heraus zu holen.

So wurden aus Fleischstücken rotfarbene Spaghetti oder Würste in allerlei Farben, mein jahresälterer Bruder aß dann recht gerne eine frisch fabrizierte Wurst, sei es nun eine Blutwurst oder eine normale Bockwurst gewesen, ich aß auch die Wurst, nicht so oft, aber doch oft genug, um mich am Lächeln des Fleischers erfreuen zu können.

Aber es gab auch Tage, womöglich waren es die Tage am Wochenende, an denen der Fleischer nicht arbeitete. Und dann war dort ein ganz besonderer Tag, es könnte ein Frühlingstag oder auch ein sonniger Herbsttag gewesen sein. Jedenfalls umwaberte uns eine recht milde Luft, als wohnten wir in einem Luftkurort, dazu stimmte die langsam untergehende Sonne den Hof in einem pastellenen rot-gelben-Farb-Gemenge. Das, diese Zusammenkunft des Sinnlichen muß es wohl gewesen sein, was unseren Appetit so sehr anregen sollte.

Denn als unsere Mutter aus dem im zweiten Stock befindlichen Küchenfenster zu uns rief, wir sollen doch zum Abendbrot kommen, da wollten wir lieber unten auf dem Hof essen und so schmierte sie eine Stulle nach der anderen, die wir uns oben an der Wohnungstüre abholten.

Mir war zuvor nicht recht bewußt gewesen, zu welchen Glanzleistungen mein Magen und der übrige Verdauungsapparat fähig ist, jedenfalls aß ich an diesem Abend sieben Klappstullen, und mein Bruder stand mir dabei in nichts nach. Wieso ich dennoch keine Magenschmerzen bekam? Ich weiß es bis zum heutigen Tage nicht, möglicherweise lag es aber an den Treppen, die ich jedes Mal hinauf klettern mußte, um mir wieder ein zwei Klappstullen abzuholen. Oder es lag einfach daran, daß mein Körper nicht die Freude meiner Mutter trüben wollte, die zwar etwas verwundert war, über unseren plötzlichen Appetit, aber dennoch freudig für Nachschub an Stullen sorgte, denn nach dem ältesten Sohn, einem ausgewiesenen dürren Nichtesser und Gernmäkler, hatte sie nun zwei Söhne, die endlich kräftig beim Essen zulangten, jedenfalls an manchen doch so besonderen Tagen.



4. Naturerzähltes

Von Wald und Wiesen und Mülltonnen

Er suchte die unberührte Natur, und er fand sie nicht, denn alles was er fand, war von ihm durch sein Finden berührt. Wer war er? Er war nichts als der Erzähler. Wer war der Erzähler? Das, was nicht Natur war. Was war Natur? Alles Natürliche. Was ist natürlich?

Der Baum stand schief im Wind. Der Wind hatte ihn geformt und sein Lebenswille. Der Baum stand auf einer Wiese. Die Wiese befand sich in einem Park, der so angelegt war, daß er Platz für fünfhundert Mülltonnen bot. Die Mülltonnen waren nicht häßlich, grünfarbenes Metall an einem verchromten Stil aufgehangen. Die Öffnung gegen ungewollten Besuch durch ein Blech geschützt, kein Vogel sollte im Müll suchen müssen.

Der Baum hatte die Gestalt von tausend Leben. Er war massiv. Sein Stamm maß seine einmeterundfünfzig im Durchmesser. Zehn Menschen würden wohl nicht genügen, um ihn umarmen zu können. Seine Äste waren ausladend, am Beginn mehrere Beine dick, dann sich verjüngend und ganz am Ende der Äste waren frische Triebe zu sehen. Unmerklich wuchsen sie aus dem Baum heraus. Leben. Lebenssinn. Lebendigmachendes Wachstum. Der Baum stand ein wenig schief, windschief. Er hatte sich dem Ostwind gut angepaßt, suchte sich trotz Wind zu halten.

Um den Baum herum hatte sich Moos gebildet. Es nutzte den Schatten des Baumes um sich gegen das herannahende Gras behaupten zu können. Hier lebe ich, denn hier kann ich besser leben, als du, schien es sagen zu wollen. Aber das Gras interessierte dies Wort wohl nicht, es wuchs eben, wo es wachsen konnte, denn es wußte, daß es auf keinen Baum angewiesen sein würde, zum Wachsen.

Im Geäst des Baumes hatten sich zahlreiche Vögel eingehaust, hatten sich ihre Nester gebaut, dafür, für den wohlfeilen Platz, sorgten sie für Musik, und der Baum mochte zuhören, mit all seinen Fasern zuhören, denn ihm waren dafür keine bestimmten gewachsen. Besonders morgens konzertierten die Vögel. Noch um vier Uhr in der Frühe, kaum, daß die Sonne erschienen war. Kein Mensch mochte ihnen zu so früher Stunde zuhören, nur der Baum, der Baum schien der Musik zu lauschen, ja, er schien sie sogar begleiten zu wollen, durch wohlklingendes Rascheln seiner Blätter. Oder war es der Wind, allein der Wind, der dieses tat?

Verstünden alle Menschen die Welt, bräuchte man sie nicht erklären. Gäbe es nur ein Verständnis der Welt, dann wäre die Welt arm, so arm wie jemand, der nur einen Taler in seiner Tasche hat. Ein einziges Goldstück. Zwar golden und wertvoll und von Jedermann zu verstehen, gleich, aber doch so langweilig, so wenig mehr, als eben ein Goldstück mehr sein kann. Erst wenn es verschieden wirkt, auf jeden verschieden wirkt, es also erklärungsbedürftig und - fähig wird, ist es interessant.

Der Baum war so ein interessantes Gebilde. Die einen maßen ihn nach seinen Jahren, seiner Stattlichkeit, die anderen sahen in ihm den Tod, denn er schien sich im hohen Alter befunden haben, er mit seiner ungeheuren Stattlichkeit. Wieder andere erklärten ihn vermutlich zu einem Lieferanten von Holz oder auch nur von Sauerstoff, zum Bruthilfsgestell für Vögel oder zum Landschaftsmöbel, ähnlich der Mülleimer, grünfarbenmetallen und verchromt.

Als ihm im Herbst die Blätter fielen, senkte er müde sein Haupt, so sprachen die über ihn, die es so wissen wollten, nein, er bereitete sich auf das Frühjahrserwachen vor und er genoß jetzt den Halbschlaf, die Zeit, in der er nichts tun mußte, als die Zeit zu dauern.



Wiesentag

Das Gras wächst an diesem Morgen in den Himmel, denn der Himmel hängt niedrig. Für Jedermann erreichbar. Derweil umsorgt Nebel das Land mit dem Nichtsehen, dem sich nicht Kümmernmüssen, um das was kommen möge. Ein paar Schritte weiter weiden Schafe, man schaut es an den auf dem Gras liegenden kleinen braunen Kügelchen, Fortgeworfenes und Erbrachtes, ja, Dung und Kot in einem. Der Erdkreis wird es den Schafen danken, und die Schafe werden dem Erdkreis danken. Segen liegt über dem Land, der Ostersegen, gesprochen vom Himmel, dem so tief liegenden Himmel.

Reif klebt an den Grashalmen. Weißlich, naß, absurd schön, nicht zu beschreiben, so schön. Alles glitzert in den ersten Sonnenstrahlen, die durch den Nebel finden, vom Weiten das Hupen eines Autos, es hupte in den Nebel hinein, wollte nicht Teil des Nebels sein. Der Katalysator machte es der Umwelt freundlich, und es fuhr seinen Weg, den Weg des Gerechten, denn gerecht ist, was der Welt recht ist.

Unten, am Boden, schieben sich die erstaufgewachten Regenwürmer durch den Sand, schauen, ein wenig betrübt, wohl, so wie immer eben, bisher hat niemand einen glücklichen Regenwurm gesehen, das Sandfressen schlägt ihnen wohl aufs Gemüt. Zu viel Pestizide sind drin, im Sand. Nein, es ist doch eine Ökowiese. Ökowunderschön. Selbst der Falter weiß es, fliegt von Blatt und Blatt, so vergnügt, wie das Schwanenweib beim Tanze auf der Bühne, der Herr Wind hebt und senkt den weißen Schmetterling gar graziel, es schwebt, es schwebt, das Ding Tausendschön.

Die Wiese riecht nach nasser Erde, obwohl der Nebel längst verschwunden, bleibt noch die letzte Nässe des Morgens, bis auch diese sich im Dunst des Tages auflöst, die Sonne Halm um Halm bleich werden läßt, ausgetrocknet, unappetitlich, und keine Creme zur Hand, allein das Schaf sorgt für die nötige Verjüngung. Oh, laß es sprießen, das Grüne, dann brauchen wir es nicht gießen, es lebt so gut, wie das Alte gut stirbt. Das Leben funktioniert, und dort ein Maulwurf, man sieht es am Hügel.

Schnöde aufgeworfene Erde. Zerstörtes Grasland. Der Maulwurf ist kein Ästhet, sonst würde er seine Hügel nach unten werfen, sie verbergen, ja, nur noch Kellerhügel werfen. Aber so? Hügel an Hügel so weit man schaut, offenes Land, kaum vernarbt, zu sehr benutzt vom Gräber, vom ewigen Gräber.

Kommen die Grillen, wird es Abend, aber nein, sie sind auch am Tage zugegen, nur am Abend, am Abend hören wir sie so gerne, so gerne ihr immergleiches Zirpen, Wiegenlied, Weise, und immer wieder das Gleiche. Sollten die Schafe wandern gehen? Man schaut sie träge im Grase liegen. Die Nacht kommt an und kein Hirte zu sehen, selbstüberlassen müssen sie schlafen, ein Elektrozaun zäumt ihre Angst und die Grillen. Oh, ihr ewiger Gesang schafft Träume, Träume vom Menschsein, vom menschlichen Sein.

Natur, du blödes Ding, wie lieben wir dich doch. Ja ja, du, blödes blödes Ding und die Grillen rufen die Nacht herbei. Frau Wiesenschön geht schlafen, der Mond darf leuchten, zur Hälfte, die andere bleibt verdeckt vom Schattenwesen Erde, ein Schaf blöckt und nebenan, ein Moped, ratternd, keifend, auf dem letzten Gang pfeifend.



Wassermusik

Das Blau des Himmels vereint mit dem Blau des Wassers, kaum sichtbar der Horizont, Trennlinie zwischen Erde und Himmel, Gratwanderungsland zwischen den beiden natürlichen Festen. Ein Kranich, fliegend, am Himmel, und unten, das Wasser, raumgreifend, umsichgreifend, seit der letzten Flut recht still, weniger laut, nur manchmal etwas voreilig, gewaltig, trotz aller bläulichen Himmlichkeit.

Ein Fisch ist niemals vogelfrei, aber der Mensch kann es sein, obwohl er auch nicht zu fliegen vermag. Das Wasser gab sich an diesem Tage träge, schaukelte die Boote über sich nur mäßig, und der Wind blies wenig, kaum spürbar, wenn die Boote keine Motoren gehabt hätten, wären sie nicht von der Stelle zu bewegen gewesen, höchstens mit Muskelkraft, von Sklaven, Häftlingen oder auch von Ruderern, die das Rudern als Sport an sich betreiben.

Das Wasser um sich zu haben, mag ein Naturereignis sein, die unbegreifliche Fülle zu spüren, auch den Grund nicht spüren zu können, nur seinen Sog, seine Schwere, und dagegen angehen, sich oben halten, das Wasser zwischen den Zähnen fühlen, salzig, verschämt aufdringlich, trotz aller momentanen Unbeweglichkeit doch ständig das Gesicht streifend, und seine Nässe an den Körper bringend, der da sucht, sich zu halten zwischen der Materie, aufrecht zu halten.

Im Meer sind alle Menschen potentielle Schiffbrüchige und womöglich sind alle Menschen auch außerhalb des Meeres potentielle Schiffbrüchige, das Wasser anzunehmen, als eine Kraft, die nicht beherrschbar ist, mag das Verdienst aller Gläubigkeit oder zumindest der Gewinn aller Naivität sein. Die Sonne erschien am Horizont, teilte ihn in mehrere Farben, ein Rot für den Untergang aber auch ein Gelb, welches sich noch für das Diesseits einsetzte, es noch zu leuchten suchte, wie ein guter Leuchtturm, wenn Sturm ist, um so heller, um so lichter, intensiver, so, daß es von Jedermann vernehmbar ist.

Mit dem Weggang der Sonne erschien die Dämmerung und der Wind frischte auf, wäre dort nun ein Mensch gewesen, hätte er sich fürchten können und mögen ja, sich fürchten können und mögen. Indes, es waren nur Fische und Vögel anwesend, das Oben und das Unten. Die Fische hatten sich längst mit dem Wasser arrangiert, schwammen in diesem und es war ihnen ihr Lebenselexier und die Vögel schauten nach dem nächstliegenden Landstreifen, sie würden ihn erreichen, noch vor der Dunkelheit, allein dem Menschen war hier ein Leben nicht ermöglicht, obwohl doch gerade ihm die Erde gehören soll, so bewohnt er doch nur ein Bruchteil von ihr, eine kleine Ecke, gewissermaßen, denn bescheiden ist der Mensch, edel und gerecht.

Ein Wal blies eine Luft-Wasser-Fontaine in den Himmel, ganz so, wie es die Art des Wales seit Jahrtausenden ist, daran hat sich nichts geändert, ein immerstetiges Spiel des Lebens, kaum bewußt, mehr unbewußt, aber dennoch so geräuschvoll, und die Nacht lag jetzt über dem Wasser, es war nun nicht mehr erleuchtet, nicht mehr sehbar, nur noch hörbar, gut, ein geübtes Auge mochte es erkennen, auch ohne dem Licht von Mond und Sterne, und der Mensch saß am Land, ein Licht bei der Hand, damit er sehen kann und dennoch sah er nichts.



Tropfenerleben

Er sah recht bescheiden aus, wie er da vom Himmel zur Erde kam, denn mit ihm kamen noch Tausende, was sag ich Millionen anderer Tropfen, bestehend aus Wasser und einer sie umgebenden Lufthülle, ihr Äußeres damit absteckend, ja, die Lebensform als Tropfen überhaupt ermöglichend. Wie würde sich der Tropfen selbst benennen, wenn er es könnte? Wohl Tropfen! Einfach nur Tropfen, um keine Verwirrung zu stiften, kein Anderes zu scheinen, als das, was man unter einem Tropfen versteht.

Einem Tropfen ist niemals naß. Das ist das Besondere am Tropfendasein. Und, er ist wohl der einzige Meister seinerselbst, der vom Himmel gefallen kommt. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als das Fliegen bereits zu können, vom Himmel her, denn es wird sein einziger Beruf sein, bis er auf die Erde trifft, wenn er Glück hat, im Meer, dort wäre er gleich wieder bei sich selbst, in sich vereint. Die Lufthülle abgestriffen, wie eine unnütze Haut. Ja, ein Tropfen braucht dann nur wenige Minuten, um sein Nirwana zu erreichen, und wenn er nicht neu geboren werden will, dann verschwindet er ganz schnell nach unten, dort wo es kein Verdunsten gibt.

Pech haben die Tropfen, die auf die erdige Erde stoßen, auf sie förmlich prallen. Sie zerschellen am Boden, wehren sich zwar noch ein einziges Mal tapfer gegen das Ende ihres Daseins, ja, springen einmal kurz vom Boden hinweg, himmelwärts, ein zwei Zentimeter hoch, aber doch umsonst, lediglich ihre Hoffnung stirbt eine halbe Sekunde später, während sie sich noch ihres Lebens erfreuen können. Dann, danach sind sie nicht mehr sie selbst, bilden nur noch einen nassen Film auf Erdiges, ja, versickern womöglich ins Erdenreich oder werden aufgehoben, von Sonne und Wind oder, getrunken von Tier und Mensch.

Tropfen sind die schönsten Lebewesen der Welt. Ihre Form würde jeden Test im Windkanal bestehen können, auch sind sie leicht durchscheinbar, man kann sie sehen und doch muß man sie nicht sehen und wenn ihre Schönheit von innen kommt, auch von innen kommt, so stimmt bei ihnen das Innen und das Außen vollkommen überein, keine Ungereimtheit ergibt sich, zwischen Innen und Außen, zwischen Sein und Dafürhalten.

Gerade noch schaute er, ob er ein blaufarbenes Meer finde, zur Erfüllung seines großen Glückes, dann war es jedoch nur eine Brücke und ehe er es sich überlegen konnte, ja, sich dagegen wehren konnte, landete er auf die Windschutzscheibe eines Fahrzeuges. Und wenn dort nicht der Scheibenwischer gewesen wäre, ja, er hätte noch die andere Seite erreichen können, als Tropfen, so war er aber längst nicht mehr, als die Brücke überquert war.

Wenn er jetzt noch lebte, hätte er sich sicherlich nach dem Sinn des Lebens befragen können, aber, die Zeit war ihm einfach zu kurz gewesen, die Zeit zwischen Himmel und Windschutzscheibe, womöglich hätte er ja mit Kohelet geantwortet, alles sei nur Windhauch, als Tropfen wäre diese Einsicht in das Leben sogar nachvollziehbar gewesen, bildete er doch mit dem zur Luft gehörenden Wind quasi eine Lebensgemeinschaft, eine Daseinsgemeinschaft auf Zeit, bis die Schwerkraft sie schied.



Erdenzeit

Das Glück auf Erden zu erfassen, in einem Augenblick, in dem es kein Pech geben kann, in dem alles Glück ist, was zu fassen ist, muß das höchste Glück sein. Der Sommermorgen war kühl. Kein Wölkchen hatte die Wärme am Boden gehalten, alles war entschwunden, nach oben, ganz langsam nur wurde der Erde warm.

Die Erdkrume aufgebrochen, nach dem letzten Regen, dort wo zuvor Pfütze war. Einer Mondlandschaft gleich, könnte man sagen, wenn man wüßte, daß die Art des Daseins nicht erdgerecht gewesen wäre. Ein Ort des Grauerdenen lag also dort und die ersten Sonnenstrahlen erreichten die aufgesprungene nach Nässe dürstende Haut dieses Ortes. Es hatten sich bereits Risse gebildet, lange unansehnliche Risse, meterlang und zentimetertief gaben sie ihr trauriges Bild ab.

Einrisse.

Nichts als Einrisse.

Leben zeigte sich nicht.

Nichts, als das Leben zeigte sich.

Wie definiert man Leben? Die erdige Leiche lag dort, ließ sich von den Sonnenstrahlen bescheinen, wartete darauf, mit Wasser benetzt zu werden, um wieder leben zu können, ja, um als das sterben zu können, als was es nicht leben wollte, nämlich als Ort, an dem sich Risse über Risse hervor tun, so die Haut zerfurchen, wie es kaum der Pflug eines Bauern besser könnte.

Ist schon geerntet? War bereits die große Ernte gewesen? Die Erde berichtete nichts davon, womöglich würde man ihr buddelnd auf die Schliche kommen können. Was der Abstrich beim Menschen ist ihr das Buddeln in die Tiefe. Irgend ließe sich ihre Geschichte rekonstruieren, ein Fingerabdruck erstellen, genetischer Natur natürlich, höchst geschichtlich, nichts verharmlosend, einfach und wirklich Wahrheit gebärend.

Als es Abend wurde war die Erde noch wie am Morgen, sie schien nicht gealtert, auch hatte sie sich nicht verjüngt, sie war einfach so, wie sie bereits Tage, Wochen, Monate war. Ihr dürstete und kein Wasser war.

Noch mehrere Tage, Wochen, Monate dauerten, dann war Wasser. Es kam, als sollte nun alles zuvor Versäumte nachgeholt werden, schnell füllten sich die Erdspeicher und bald darauf bildete sich wieder eine große Pfütze und als die Pfütze war, schien sich die Erde verjüngt zu haben, alles war nun neu, alles war nun anders. Das Alte abgestreift, wie ein Joch. Rundumerneuerung. Selbst die Tiere kamen nun zahlreich zu Besuch, sudelten sich in der Pfütze, tranken von ihr und verteidigten sie vor den anderen, denn sie war ihnen kostbar, zu kostbar um sie teilen zu wollen. Tiere sind geizige Geschöpfe, auch kennen sie keine Gastfreundschaft, jedenfalls trifft man diese bei ihnen nicht allzu häufig an.

Und als alles Glück auf Erden ausgesoffen war, von den Tieren und der Hitze der Tage, blieb allein die Erdenhaut. Zuerst war sie glatt und ansehnlich, noch ein wenig von Wasser getränkt, bis sie aufsprang, sich Riß um Riß zeigte, meterlang und zentimetertief, hoffend, auf bessere Tage. Was wird ihr wohl das Glück sein?



rosig

Eine Blume zu beschreiben, mit Worten, wer mag dieses sich nicht von Dichtung erhoffen. Blumen, die Lebewesen einer Fabelwelt des Schönen, des ungebrochen Schönen, eine ist und bleibt so schön wie die andere, man kann eine seine Lieblingsblume nennen, aber es gelingt nicht, die eine Blume einer Art schöner zu finden als die andere Blume der gleichen Art.

Sah ein Knab ein Röslein stehen, und als er es sah, wollte er es pflücken, er, wollte pflücken, obwohl er doch zum Jäger geboren schien, nicht zum Sammler, sammeln sollten doch die Frauen, auch die Blumen und die Rosen, wenn sie sich denn zum Sammeln eigneten.

Sah das Sehen eine Rose stehen, so wunderschön sich im Garten sehen, so wunderbar, so wundervoll eine Rose, so gut wie ein Röslein eben. Und unter sich, unter dem satten Rot seiner aufgeschlagenen Lider hatte es sich mit Dornen gewappnet, als gehörte alles Schöne verteidigt, mit Dornen, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben die Rosen weiter, bis sie eines Tages keine Dornen mehr haben, dann, ja dann können sie gefahrlos gepflückt werden, um ein paar Stunden, Tage, noch zu leben, in einem Kübel voller Wasser.

Und doch und doch, sie erhalten ihre Pracht, leuchten im schönsten Rot oder geben sich ihrem zarten Rosa hin oder bleiben ganz in Weiß oder oder oder sie huldigen dem Gelben, dem Orangenen, dem Türkis und immer wieder das Rot, in allen Variationen.

Trifft ein Sonnenstrahl das Blütenblatt so zeigt es sich in ganzer Pracht, läßt es zudem duften, zumeist recht süß und doch pikant und doch charmant und doch dezent und trifft sie all das Sehen, dann möchte sie ewig leben, läßt sich nicht vertilgen, von keinem einzigen Schnitt.

Ein Meer von Rosen, so scheint es, gäbe die Natur nicht her, man muß sie suchen, dort draußen und kann sie kaum finden, als suchte man das ewige Licht, und findet man sie, dann steht sie zumeist einzeln in einem Garten und schaut doch so frei nach oben als kenne sie keinen Zaun und keine menschliche Hand, die sie dereinst gepflanzt, ja, als hätte sie es selbst in ihrer eigenen Hand, ob sie gepflanzt und wo und wann und von wem.

Ja, und sah ein Knab ein Röslein stehen, so ließe er sie lieber leben und faßte sie nicht an, ließe sie das Leben leben und ließe sie ihr Leben leben, ja, ließe das Leben sein Leben leben. Und so steht es da, das Röslein, mag noch erwachsen werden, reifen, sich vergrößern, vermehren, und ließe den Knaben zum Manne werden, auf daß er jagen gehe, Wild und Frauen, ja, und Frauen, die dann seine Rosen bestaunen, ja, die er dann bestaunen mag, als wären sie wie seine Rosen.



himmlisch

Der Himmel lag darnieder, gestützt auf seine Glieder und wieder und wieder wurde es Tag und Nacht und Tag und Nacht. Nein, der Himmel hatte etwas, er gab sich im frömmelnden Blau, heute. Er lag zwar darnieder, aber womöglich aus reiner Freude, nicht so sehr aus Niedergeschlagenheit, mehr war es die Freude, die ihn niedergeschlagen hatte.

Schaut man nach oben, so schaut man das Unbekannte und damit es einem bekannt vorkommt, erscheint es im schönsten Blau, falls keine Wolken zugegen sind und auch die Luft nicht allzu diesig, kein Staub die Luft trübt, auch kein Sand und kein Nebel. Nein, schaut man nach oben, so verliert man sich schnell, schaut nach oben und entflieht der Welt, für einen Augenblick und schaut nach oben und schaut sich selbst.

Der Himmel kann sich verschieden geben, aber am Liebsten sehen wir ihn ohne Regen, im schönsten Blau eben. Und alles was man sah, war blau. Friedrichs Bilder schauen mehr, auch Wolken und Breite und Weite, mehr als nur blau, dafür sind sie bekannt, aber sie sind keine Natur, sondern Kunst, Himmelskunst.

Ist einem der Himmel egal, schaut man nur nach unten, zum Asphalt und zu den Steinen, Knüppeln und Gruben, und so ist man doch verloren. Wer einmal den Himmel geschaut, richtig geschaut, rücklings mit dem Gesicht nach oben, wie es der Mann einst beschrieben für seinen Joseph, ja, dann schaut man anders. Alles wird einem kleiner, hier auf Erden, und edel sei der Mensch, kein Grubenbauer und auch kein Hasardeur, er liebe die Frauen und auch die Männer, egal, ob sie edel leben oder in Armut.

Auf dem Meere kann man den Himmel besonders gut schauen, denn man muß sich nicht den Kopf verrenken, bereits am Horizont schaut man ihn, immer geradeaus, das Auge muß keine schiefen Wege sehen, einfach nur schauen und einmal im Leben, den Himmel sehen. Und steht das Wasser einem bis zum Hals, weil man eine tiefere Kabine buchte, so kann man doch den Himmel schauen, egal, wie hoch der Einsatz des Materiellen scheint.

Auch sonst bleibt einem stets der Himmelsblick, sogar dem Blinden, Eingesperrten ist er gegeben und auch dort erscheint er blau, der Himmel, denn er kann nicht anders, als blau. Außer wenn er darniederliegt, natürlich, dann ist alles anders, weniger blau, mehr anders.

Wie beschreibt man das Blaue? Beläßt man es einfach bei dem Farbnamen: Blau. Das war es dann. Blau. Nein, Blau steht für das Fremde und doch auch für uns. Denkt man sich also das Fremde und zugleich auch sich selbst, so gelangt man zum Blau. Ein Gefühl von Ferne und zugleich Nähe. Bedrohlich und frei von Angst. Alles in einem: Blau.

Und der Himmel lag darnieder, man konnte ihn fühlen, nicht nur sehen, und der Tag ging und die Nacht kam und der Tag ging und die Nacht kam, alles in allem war es nett anzuschauen.



Licht

Alles ist Licht, nur die Natur nicht. Welch Unikum allen Seins, das Licht scheint und wir, die Natur, reflektieren es nur, lassen es von uns abprallen, sind Gegenstände, weil wir es abprallen lassen und werden gesehen, weil wir es abprallen lassen und können nicht alles sehen, weil wir es abprallen lassen.

Als das Licht geboren wurde, schlief die Welt noch. Sie war quasi ein stummer Zeuge, ein Zeuge der nicht zum Zeugnis fähig ist. Das Licht erschien, und die Welt war wach, aufgewacht, erweckt. Das Licht kommt von der Sonne, auch, sie opfert ihr Sein für unser Dasein oder / sie lebt, weil wir leben sollen.

Manchmal, morgens, scheint das Licht wie eingeschlafen, man möchte es wecken, es wachrufen und doch braucht es keinen einzigen unserer Rufe, denkt man. Das Licht scheint, weil es seine Natur ist. Das Licht läßt Farben werden und das Licht läßt uns werden.

Ein Spaziergang durchs Licht, das wäre es, was einem fehlen könnte oder eine Reise zum Licht oder auch eine Pauschalreise, Abflug Tegel (TXL), mit einem vorgefertigten Programm, all inclusive, nichts vergessen, nur sein Leben darf man dabei nicht vergessen. Einfach entspannen, sich im Sitz des Fliegers setzen, alles um sich herum vergessen und dem Licht zuschauen.

In der Mittagshitze möchte man das Licht verdammen, könnte es nicht kälter scheinen, manchmal, wenn wir es kälter bräuchten, oder auch wärmer, länger, wenn wir es so bräuchten?

Licht ist Energie, so die Naturwissenschaft. Licht ist das Sichtbare und Licht ist das Geistige und Licht ist auch das Licht der Heimat. Licht erscheint stets anders, denn es scheint überall anders zu scheinen.

Es flog vorüber, ein Lichtstrahl, und er fühlte sich nicht wohl, flog weiter und weiter, bis er sich verloren glaubte, aber, er nannte sich nur anders, anders als zuvor, hatte seinen Panzer abgeworfen, war nun und sollte nun entkleidet sein und das Entkleidete paßte genau für die neuen Anzüge, die für ihn gewählt wurden.

Nachts soll es kein Licht geben, sagt man, nur das künstliche Licht, es ist ein wenig künstlicher, als daß der Sonne, sagt man, es schaut auch anders aus, gelber oder greller oder weißer, eben kein Licht, kein Sonnenlicht, eben.

Und sie zogen aus, das Licht zu finden, um es einfangen zu können. Viele Millionen, ja Milliarden waren damit beschäftigt und so wurde diese Beschäftigung als gut geheißen. Aber, nur während die Sonne schien, lohnte die Suche überhaupt, Nachts mußten sie warten und genau das machte sie so betrübt, sie jammerten dann stets, es gäbe gar kein Licht, welches einzufangen lohne. Doch am nächsten Morgen schritten sie wieder los, das Licht zu fangen. Und so lebten die Sonnentrahlen glücklich und unglücklich bis zum Ende all ihrer Tage.



Wald

Der Waldweg gab den Schritten nach, er war weich, von abgestorbenen Blättern, losem Sand und Moos, auch Farnkraut lag dort im Wege. Das Licht erreichte kaum den Erdboden, er blieb im Halbdunklen, der Weg blieb im Halbdunklen, nur die Köpfe der Bäume standen im Licht, standen dem Licht entgegen.

Der weiche Boden gab nach, ließ den Schritt federnd sein, ein Schmetterling kam des Weges geflogen und Ameisen, Tausendfüßler, Feuerkäfer am Boden, Unkraut am Wegesrand. Die kurze Hose war hier nicht nur wenig elegant, sie bietete zudem auch sonst wenig Schutz. Vom Weiten gackernde Vögel, oder waren es Weiber, gackernde Weiber, schafgesichtige Weiber, sie grasten den Weg ab, als verbarg sich hinter jedem Halm ein Wort.

Stille. Nun wieder Stille. Der Wald barg Stille, nur der Schritt, der eigene Atem, und ... , nein, einfach nur Stille. Der Mittag gab sich still, im Zenit herrscht Ruhe, wie im Auge eines Sturmes, unheimliche Ruhe, selbst dem Sand konnte man jetzt beim Knirschen unter den eigenen Fußsohlen lauschen, wenn man auf ihm ging, während sonst alles stille stand.

Die Luft, gesättigt von Sauerstoff, Überangebot und daher im Sonderangebot, auch gesättigt von Düften: Nadeln, Harz und altes Laub, zudem ein wenig von Pilzen, die sich am Erdboden und an leblosen Baumstämmen versammelten, Bäume, die längst schon am Boden lagen, gefällt, vom Wind oder der Zeit oder durch die Axt ungestümer Menschen oder auch vom Biber, der sich im Wald verirrte, vor Eifer nicht bemerkte, daß er sein Werk umsonst tat, es fehlte der Bach, der hätte gestaut werden können, vom Baumeister aller Dämme.

Unter der Rinde der liegenden Bäume lebten Maden, mehr oder weniger, sie versteckten sich dort wohl gerne, auch Käfer und die Zeit, verewigt in den Jahresringen, dicke und dünne, gute und schlechte Jahre. Dort, wo sich Baum und Erdboden trafen, hatte sich das Moos eingefunden. Fettes, grünes Moos, auch Ameisen, die über dem Moos gingen, zum Baum hin, ihn fort zu tragen, nach und nach, Stück um Stück.

Oben hing das Laub den Himmel zu, unten lag es nur am Boden. Äste, unten kahl, entlaubt, oben, ja, oben stand die Sonne, dort war ein Platz zu finden, so recht schön, und die Bäume ließen das Unten dafür gerne fallen, für das Oben.

Der Weg, nun durchzogen von Wurzeln, Stolperfallen, schaut man nur nach oben und schaut man nur nach unten, verpaßte man das Wichtigste, dem Wald beim Leben zuzuschauen. Bald glaubte man, der Wald sei endlos, als sich unmittelbar eine Lichtung in den Weg drängte. Man hatte sie kaum erahnen können, nun war sie da, nur zehn Meter im Durchmesser, das Gras bald einen Meter hoch stehend und überall Schmetterlinge, wollte man sie fangen, hier hätte man sie im Überfluss gehabt, hätte sie fangen und aufspannen können, zuvor natürlich noch morden, Sammler von Schmetterlingen kennen keine Gnade.

Man kann auch mit den Augen sammeln, verzichtet man auf allen weltlichen Besitz. Sammeln, mit den Augen, Eindrücke, Begebnisse, Erfahrungen, Bilder, einfach nur mit den Augen sammeln, sie sich merken, um sich daran erfreuen zu können, leidlos erfreuen zu können, denn was man nicht besitzt, das kann einem nicht leiden lassen.

Der Wald ging seinem Ende zu, der Waldspaziergang ward zu Ende, Ostern war auch zu Ende, längst, auch Pfingsten. Man hörte schon die Autos, lärmend und man sah sie, und man roch sie und man freute sich darauf, auf die Zivilisation, denn sie ist uns bekannt, bekannter als der Wald, ein Fremder, ein uns fremd gewordener Gesell.



Fliege

Gäbe es eine Zivilisation, unter den Tieren, die Fliege müßte ihr Oberhaupt sein, so vertraut sie doch ist, mit dem Fliegen, sich Abheben und mit dem Sitzen auf so manch übel riechender Hinterlassenschaft.

Die Natur, erschaffen für die, die fliegen können. Sie lief gewitzt über den Gartentisch, schaute sich um, dabei, man sah es kaum, aber sie war hoch konzentriert bei ihrem Gartentischbesuch. Würde sie bemerkt? Und wenn sie bemerkt würde, müßte sie flüchten oder könnte sie vom Tisch dennoch essen?

Ein zwei Schritte, suchende Schritte, Füße auf Plastik, den Rüssel, die Fühler nach vorn gestreckt, die brillenumwobenen Augen schienen alles zu schauen. Beinahe lustlos ging sie im Zickzack daher, schien nichts weiter zu beabsichtigen, als das Gehen, bis sie dann an einem Stück Kuchen gelang, welcher auf dem Gartentisch recht verlassen stand. Sie überlegte scheinbar, war dann doch übervorsichtig, sprang, hüpfte, flog auf den Teller um dann sofort wieder abzuheben, weiter zu fliegen.

Noch einmal schaute sie sich fliegend um, sondierte die Lage, schaute und schaute, nichts tat sich, sie schien unbemerkt, und als sie dieses bemerkte, ihre Unbemerktheit, obwohl sie doch eine Fliege war, Oberhaupt der tierischen Zivilisation, landete sie nochmals auf dem Gartentisch, ließ sich nun jedoch kaum noch eine Zeit, drang bis zum Teller vor, setzte auf, setzte ihren Rüssel an, schien sich liebend zu laben, am Kuchen, grün und fett. Satt und zufrieden wird es ihr dann gewesen sein, als sie abhob, nun ein wenig brummte, mehr brummte, ihr Gewicht hatte sich sicherlich enorm erhöht, sie würde nun ein wenig ruhiger fliegen müssen, womöglich sogar ein wenig weniger fliegen, sitzen bleiben, auf einem Blatt, ganz unerkannt, von Vogel und sonstiges Getier.

Am Tag danach kam die Fliege wieder, und es war wohl diese gestrige Fliege, obwohl, sie schaute vermutlich nur gleich aus, war es gar nicht, war eben nur Fliege, nicht diese eine Fliege, und war so unverwechselbar, weil nicht mehr als Eigen erkennbar, war nur eins, nur ein Oberhaupt und setzte sich wieder auf den Tisch, begann die Lage zu sondieren, drang zum Teller vor, mit dem Kuchen, schön und saftig muß er sein, er roch ihr recht gut, und sie drehte nur noch eine kleine Ehrenrunde, bevor sie sich labte.

Nach zwei drei Wochen war jedoch kein Kuchen mehr dort, wo er früher war, der Teller leer, längst von allen möglichen Tieren geleert, des Menschen Glück verschwunden, in den hungrigen Bäuchen der Insekten, vielleicht auch ein Bär, der das letzte Stück in seine Tatze nahm oder der Wind, die Sonne, Regen, der die letzten Krümel fort spülte.

Und jeden Tag kamen die Fliegen, flogen am verwaisten Gartentisch vorüber, lachten sie dabei?, über die Vergänglichkeit? Jedenfalls schienen sie satter als je zuvor, irgend hatten sie sich genährt, wie die Vögel sich nährten, und waren dabei im Oben und Unten verhaftet, immer und gleichzeitig im Oben und Unten.



5. Liebesverflixtheiten

Sonntagmorgen

"Ich liebe Dich."

"Aus welchem Buch hast du denn den Satz", Jörg lächelte, während er ihre kleine Nase mit seiner Nase berührte.

"Du bist aber auch gar nicht romantisch.", Sofia stupste seine Nase mit ihrer Nase, zwinkerte mit den Augen, tat beleidigt, ja, drehte sich von ihm weg, auf Bauch und Busen, lachte ein wenig, nahm sich ein Buch vor, vor sich, vor ihren Augen, versuchte zu lesen, während Jörg sein Unwesen mit ihr trieb. Sie mit einem Halm kitzelte, am Rücken und Beine und Füße, sie zog sich, ihre Füße zurück, noch beim Umdrehen, nun saß sie da, leicht gehockt, vor sich das Buch, neben sich, Jörg, lächelnd, bereit, zur nächsten Kitzelei.

Sonntag, sie liebte diese Sonntage, am Strand, dort am See, wo sie sich kennen gelernt hatten, vor drei Monaten, Ingo war zuerst stets mit ein paar Freunden gekommen, regelmäßig, zum Ballspielen und Schwimmen, große Jungs, allesamt, bis sie sich ihn ausgekuckt hatte, ihm zublinzelte, wenn sie aneinander vorbei gingen, zur Eistheke oder zum Wasser. Und dann, als Jörg einmal ganz allein auf der Decke am Strand lag, seine Mitburschen gerade woanders zugange waren, fragte sie ihn, ob er nicht das Radio etwas leiser stellen könne, die Musik sei ihr doch etwas zu laut. Richtig, die Musik mußte ihr auch etwas zu laut sein, denn sie lag nun schon seit ein zwei Tagen beinahe neben dem Radio, sie hatte ihre Decke immer weiter den Jungs angenähert, jedoch ohne jeglichen Erfolg.

Jörg meinte später zwar, er habe bereits zuvor gefragt, ob er das Radio leiser stellen solle, aber darüber schmunzelte sie nur ein wenig, nur ein ganz klein wenig. Sollte er doch glauben, daß er sie erobert habe, allein, mit dieser einen Frage nach der rechten Lautstärke.

Sie gingen gemeinsam schwimmen, ins Wasser, dort war sie zuerst nur der Ersatz für seine Mitburschen, er mußte etwas verwechselt haben, jedenfalls zog er sie ordentlich unter das Wasser, zeigte dann seinen Handstand im Wasser und sie mußte mit ihm Ball spielen. Draußen ruppelte sie ihn mit dem Handtuch ab, ja, tat recht fürsorglich und irgend veränderte er sich dann doch ein wenig und nach wenigen Tagen lagen sie an einer anderen Stelle des Strandes, die Mitburschen kamen manchmal vorbei, fragten, ob sie sich Jörg zum Ballspielen borgen dürften, sie war recht generös, warum auch nicht und manchmal, wenn sie es gerade für richtig hielt, ging sie sogar mit ihnen ins Wasser.

"Liebst du mich?", fragte sie nochmals, wobei sie sich hinter ihrem Büchlein versteckte, ihr hübsches Gesicht versteckte, ja, nur so fragte.

"Du stellst Fragen, natürlich lieb ich dich!", schon wieder spürte sie den Halm an ihren Armen, Beinen, am Bauch, er lachte, sie sollte auch lachen. Lachen bereitet doch zu zweit am meisten Spaß.

Sie lachte nicht, nein sie hielt ihm andauernd das Büchlein vor sein Gesicht, bis er nicht umhin konnte, den Titel zu lesen, irgend etwas vom Mutterwerden stand dort drauf. Schon wieder liest sie so ein Erziehungsbuch, dachte er, Kunststück, sie wollte ja unbedingt Erzieherin werden.

Jörg lachte nicht mehr und sie fragte noch einmal, "Liebst du mich.", während Jörg von ihr abließ, mit dem Kitzeln aufhörte, ja, den Halm etwas ärgerlich in den Sand warf, und auf's Wasser schaute, es ging gerade die Sonne auf, es war einer der letzten schönen Sonnensonntage Ende September, Altweibersommer, und der Herbst kündigte sich bereits an, das Laub begann sich zu verfärben, rotgelbbraun, bunt, er schaute auf's Wasser.



Sonntagabend

"Verflixt, wo ist die Butter?"

"Im Schrank."

"In welchem Schrank?"

"Mein Gott, im Küchenschrank, dort wo sie immer liegt."

"Dort ist aber keine Butter, Jörg."

Sie schaute aus dem Küchenfenster zum Hof hinaus, schaute gleich zum Nachbarhaus, konnte, wenn sie es denn wollte, dem Nachbarn dabei zusehen, wie er sich eine Butterstulle schmierte. Sie schaute jedoch lieber ins Leere. Dabei zwar das Nachbarhaus wahrnehmend, aber nur als Kulisse, nicht als Lebensmittel benachbarter Menschen, womöglich Freunde, Feinde oder Gleichgültige, Guten Tag-Sager oder Wegseher.

Verflixt, wo steckt bloß die Butter, dachte sie, während sie sich sah, wie sie dieses abhanden gekommen Stück Milchfett erst gestern bei Kaisers kaufte, ja, es einsteckte, mitnahm, in den Schrank legte, es muße also da sein, das Stück Butter. Auf dem runden Küchentisch lagen zwei Brötchen, eines davon aufgeschnitten, es fehlte nur noch die Butter, zum Genuß, dann noch ein wenig Nutella, und sie würde glücklich sein, weil sie dann stets glücklich war.

Sie schlürfte an ihrem Kaffee als Jörg in die Küche kam, er mochte sich gerade rasiert haben, eine rötliche Stelle in seinem Gesicht schien davon jedenfalls zu zeugen oder hatte er sich lediglich einen Pickel ausgedrückt?

"Hast du sie nun gefunden, die Butter, Sofia?", fragte er leicht spöttisch. "Weißt du, diesen Schrank meinte ich, gleich hier, diesen hier, den kann man doch gar nicht verfehlen." Er zeigte auf einen Küchenschrank, genauer, dem einzigen Küchenschrank, der in der Küche stand, einem aus blankgeputzten Kiefernholz.

Hält er mich für dumm, dachte sie, während sie ihn gewähren ließ, sollte er doch selbst nachschauen, und richtig, er schaute nach und fand, nichts. Die Butter war verschwunden. Sie lächelte nun ein wenig, denn er schaute jetzt recht erstaunt zu ihr, so als hätte ein unbekanntes Wohnobjekt die Butter gestohlen.

"Gut, dann essen wir eben die Brötchen ohne Butter, ist auch viel gesünder, wegen des Choles ..."

"Hast du etwa ein ganzes Stück Butter - pur - gegessen?", unterbrach sie ihn fragend.

"Wie kommst du denn darauf?"

"Einer muß die Butter ja gegessen haben. Gestern habe ich ein ganzes Stück gekauft! Das kann doch unmöglich einfach so beim Stullenschmieren verbraucht worden sein."

"Sehe ich so aus, als wenn ich an einem Abend ein ganzes Stück Butter essen würde?"

"Sehe ich etwa so aus?"

"Ja!", er lächelte.

"Ach, du kannst mich mal!", sie ging fort und kam nicht wieder. Am nächsten Tag fand er das Stück Butter, es lag in der Einkaufstasche.



Montagabend

Er saß verflixt einsam in seiner Küche und ließ im Topf auf dem Herd ein Essen warm werden, von dessem er nicht wußte, ob sie es essen würde. Liebe geht durch den Magen, sagt man, er liebte und er liebte mit seinen Augen, seinem Hirn, seiner Seele, Liebe, er verstand sie nicht, aber sie hatte ihn sich genommen.

Sofia lächelte, als sie ihn begrüßte, an der Wohnungstür, der Eintopf köchelte im Topf, sie liebte Eintöpfe, und Liebe geht durch den Magen, sie strahlte ihn an, sie schaute ihn, und sie versuchte dabei nicht, an das gemeinsame Essen zu denken.

Eigentlich wollte sie sich entschuldigen, wegen Sonntagabend, aber manchmal ist schon ein Wort eines zu viel. Sie wollte den Abend vergangenheitsvergessen genießen, mit ihm. Er zündete eine Kerze an, versuchte, den Küchentisch festlich zu gestalten, mit Allerlei, sogar dem guten Porzellan aus Meißen, das er von seiner Großmutter geschenkt bekommen hatte, als erste Ausstattung für seinen Haushalt, wenn du mal Gäste bekommst, Junge, sagte sie, während er das schwere Paket aufnahm, lächelte, sich artig bedankte um das Geschenkte hernach erst einmal in seiner Wohnung stehen zu lassen, ungeöffnet, bis es Sofia eines Tages entdeckte, bis dahin stand es nur im Wege herum, dann war es ein Beweggrund zum Lächeln gewesen, einem kleinen Lächeln, wie es nur Sofia hervorzubringen vermochte.

Sie verzog dazu ihren Mund, ein wenig, zog die Mundwinkel ein bißchen nach oben, und schon war dieses kleine Lächeln zu sehen. Er versuchte das Lächeln nachzuahmen, aber, es gelang ihm nicht sehr gut, sein Gesicht grimassierte nur, kein Lächeln, nur Anstrengung war auf ihm, an ihm zu sehen, so als ob sein Gesicht eine neuartige Sportart probierte.

Das Stück Butter habe er wieder gefunden, sagte er. Sie aß und sagte nichts, wollte er ihr etwa den Abend verderben, der so gut angefangen hatte? Warum sprach er nun ausgerechnet von der Butter. Sie holte sich ein Glas Wasser, setzte sich wieder, ohne ein Lächeln. Jörg bemerkte sein Mißgeschick, nur, die Butter war bereits aufs Brot geschmiert, nichts konnte sie mehr zurück bringen, er würde das Angerichtete essen müssen.

Er fragte noch, ob sie mit ins Kino wolle, sie sagte nichts, blieb einfach nur sitzen, starrte zum Fenster hinaus. Liebe kann schwer verständlich sein, zu viele Sprachen spricht sie und nicht alle Sprachen kann man beherrschen.

Sie ging alsbald, versuchte erst gar nicht, ihr Gehen zu entschuldigen. Kommst du morgen wieder?, fragte er noch, sie sagte, mal sehen, er schaute sie an, und sie schaute an ihm vorbei, sie ärgerte sich nun über ihr Gehen, sie hätten doch zusammen ins Kino gehen können. Und nun? Nun ging sie und sie würde erst am Dienstag zurück kommen können. Sie nickte. Ja, sie würde wohl am Dienstag Abend wieder kommen.

Die abwärtigen Stufen fraßen ihre Schritte, ein keiner Hall, Nachhall entstand dabei, während die Absätze ihrer Schuhe auf Treppenstufe um Treppenstufe trafen.



Dienstagabend

Sie sah schön aus, mit dem neuen Haarschnitt, er sah es, und er sagte nichts, denn er wollte nichts sagen, nichts Nettes. Noch nicht. Sie saß ihm gegenüber, lächelte ein wenig, die Butter hatte sich ja angefunden. Inständig hoffte sie, daß er nicht wieder mit der Butter beginnen würde, als er bat, daß sie ihm doch die Butter reichen möchte. Die Butter. Das Lächeln war ihr inzwischen abhanden gekommen. Eine Unachtsamkeit? Von ihm. Oder nur die bloße Bitte, die ganz normale Bitte, die Butter zu reichen, so normal, unmarkiert eine Bitte nur sein kann.

Ihr Haar war recht schön gelungen. "Schöne Frisur", sagte er dann auch. Sie versuchte zu lächeln, während sie noch über die Butter nachdachte, sich diese aufs Brot schmierte, nicht zu dünn, nicht zu dick, gerade richtig, um die Butter schmecken zu können, wie auch den Belag, alles mußte zusammen eine Komposition ergeben, einen Gleichklang. Mehrere Töne mußten aufeinander abgestimmt sein, auf daß es mundet, und es mußte behutsam getan werden, das Abstimmen, wobei es nicht auf den Wert einer Komponente ankam, sondern nur und wirklich auf das rechte Zusammenspiel. Alles mußte stimmen, bis zum letzten Detail hin, dann, erst dann mochte die Stulle ein Genuß sein.

"Du, ich, wir, bekommen ein Kind."

Er schluckte an seiner Salamistulle. Kinder plant man doch, sagte er sich, Kinder bekommt man doch nicht planlos. Deshalb also diese ewigen Babybücher. Er mochte Babys, jedenfalls fremde. Ob er ein eigenes mögen würde, könnte?

"Ein Kind?"

Sie schluckte, während sie versuchte, nicht zu zittern, bloß nicht zu zittern, hatte sie es doch gesagt, obwohl sie es nicht, nicht jetzt sagen wollte. Am frühen Morgen war sie beim Arzt gewesen und danach wußte sie, was sie bereits seit ein zwei Wochen dachte, ein Kind wartete darauf, in ihr groß genug zu werden, damit sie es großziehen könnte.

"Natürlich ein Kind, was sonst, denkst du etwa ein Elefant?"

"Elefant wäre auch nett."

Er legte die Salamistulle weg, stand auf, ging zu ihr, küßte sie, versuchte sie zu küssen, während sie sich hinweg drehte.

"Werden wir schon schaffen."

Er freut sich gar nicht, bemerkte sie für sich, während sie sich wegdrehte, das Küssen nicht recht wollte, ach, werden wir schon schaffen, sagte er, als ginge es um die Abzahlung eines Autos.

"Freust du dich nicht?"

"Werd ich schon. Bin nur ganz baff, irgend wie, ich dachte, du verhütest, machen doch alle so."

"Ich dachte auch, daß du verhütest."

"Willst du es behalten?"

Auf diese Frage hatte sie nur gewartet und sie hatte gehofft, daß er sie nicht stellen würde. Natürlich wollte sie es behalten, warum sollte sie sonst auf Verhütungsmitteln verzichten. Sie blieb noch ein wenig, bis sie ging.



Mittwochfrüh

Er saß in seiner Wohnung und überlegte, ob er Vater werden wolle. Sicherlich, ein müßiger Gedankengang, denn die Entscheidungsgewalt lag längst bei Sofia. Ihm ärgerte, daß sie es ihm nicht gesagt hatte. Warum sagte sie es nicht, vorher, bevor er zu ihr stieß, daß sie nicht die Pille nahm. Er schalt sich ein Greenhorn. Natürlich, natürlich, natürlich, er war es doch, er, das Greenhorn, das selbst hätte vorsorgen können.

Aber da war auch noch ein anderes Gefühl. Er fühlte sich auch geschmeichelt, auch geschmeichelt. Er hatte etwas zustande gebracht, in seinem Leben, endlich etwas zustande gebracht, ein Kind gezeugt, gut, das kann jeder, aber er, er hatte es getan, es würde sein, auch sein Kind sein, womöglich so aussehen wie er, wenn es ein Junge wird, als Mädchen käme es hoffentlich eher nach Sofia, denn sie sah ihm wirklich, wirklich sehr angenehm aus.

Langsam näherte er sich dem Vaterwerden, und er liebte es, diesen Gedanken zu hegen. Vater, ein großes Wort für ein kleines Geschäft, aber, er wußte ja noch nicht einmal, ob Sofia das Kind haben wollte, es hatte den Anschein, aber Frauen sind Frauen, eben wankelmütige Geschöpfe, womöglich sind es die Hormone, die sie so wankelmütig machen, mal so und mal so herum denken lassen, womöglich war es einfach das Frausein, daß sie dazu verdammte.

Er aß eine Butterstulle. Sie hatten sich wegen der Butter gestritten. Komischer Streit. Er fühlte sich unwohl. Wie kann man sich nur über Butter streiten. Und über was würde man sich sonst noch streiten können, wenn man sich bereits über Butter stritt. Die Stulle schmeckte ihm. Die Butter hatte einen leicht nussigen Geschmack, das mochte er, dazu das immernoch frische Brot, trotzdem es bereits zwei Tage alt war, immernoch frisch, er genoß es, obwohl er wußte, daß das frische Brot nur wegen der Zutaten, gemeinhin als Chemie verunglimpft, frisch blieb, so lange frisch blieb.

Draußen, auf dem Hof krakelte ein Kater, er hatte wohl eine Maus gefunden, oder ihm störte das Knurren eines Schäferhundes, der zu der älteren Dame aus dem Vorderhaus, erste Etage, links, gehörte. Er hatte einmal ein Paket für sie angenommen, Blümchentapete und ein Geruch von Niveacreme empfingen ihm, als er es ihr brachte. Sie war recht freundlich, bedankte sich artig,

Plötzlich Ruhe auf dem Hof, hatte der Kater den Hund verspeist oder andersherum, oder war Ruhe, weil der Kater ein Einsehen hatte oder der Schäferhund oder weil die ältere Dame ihren Hund einfach mitnahm, nach oben, erste Etage, links, drei Zimmer, Bad, Küche, große, hohe Räume, 3,60 Meter, dazu Stuck und Kronleuchter, Parkett, dicke Teppiche, keine Kinder.

Sie hatte wohl keine Kinder, oder sie waren nun aus dem Haus. Der älteren Dame soll das Haus gehören, munkelt die Nachbarschaft. Sie läßt es jedoch von einer Hausverwaltung verwalten, will wohl nicht weiter auffallen. Manchmal schaute sie aus dem Hinterhoffenster, etwas wehleidig, allzu wenig geschah ihr wohl auf dem Hinterhof, zu viel junge Leute, die keine Kinder großzogen, höchsten mal einen Kater oder auch einen Hund oder ihren Lebenspartner.

Womöglich mochte sie Kinder und er würde sie erfreuen können, mit seinem Kind, es würde dann auch mal ein Stück Schokolade oder auch ein Nimm zwei bekommen, während sie fragen würde, wann denn das zweite käme. Oder, sie ist überhaupt gegen Kinder, er müßte seine Wohnung kündigen und mit Sofia in eine andere Gegend ziehen.

Am Abend würde Sofia kommen, und er wüßte dann mehr, auch, ob er nun wirklich Vater, richtiger Vater werden will, oder nur Zahlvater, oder, er wußte es nicht, den Nachmittag verbrachte er auf einer Couch, er schlief recht unruhig, aber die Zeit verging, zum Glück, so wie sie stets vergeht, sie läßt einem keine Zeit, stehen zu bleiben, sie lebt selbst dann mit uns, wenn wir dazu nicht bereit sind, sie muß starke Schultern haben, wahrhaftig.



Mittwochabend

Beinahe hätte er das Klingeln überhört, Sofia war gekommen, und sie hatte ihren Schlüssel vergessen, so als wenn sie nicht mehr kommen wollte, aber, sie war gekommen.

"Ich hab ein Stück Butter mitgebracht", sagte sie zur Begrüßung, ehe sie sich küßten, flüchtig, aber immerhin.

Wollte sie nun Frieden schließen, mit ihm, dachte sich Jörg.

"Was wird es denn, Mädchen oder Junge?"

"Willst du es davon abhängig machen?"

"Was? Was abhängig machen?"

"Na, dein Vatersein." sie grinste, während sie sich auf der grüngelben Wohnzimmercouch rekelte.

"Wenn es so einfach wäre."

Draußen, vor dem geöffneten Fenster jubilierte eine Amsel, sie sang recht frech und unten, auf dem Hof klappte der Deckel eines Müllcontainers zu, dazwischen die lauten Rufe des ER von Nebenan, er unterhielt sich mit seiner 14-jährigen Tochter.

"Besser, wäre schon ein Sohn, der kann im Stehen pinkeln, weißt du.", er versuchte zu lächeln, denn eigentlich war es ihm egal, Mädchen oder Junge, Hauptsache ein Kind, besser, sein Kind und wenn nicht sein Kind, dann zumindest einsogutwie sein Kind.

Die Sonne ging unter, im Hinterhof etwas früher, denn woanders hatte sie noch 4 Etagen mehr Zeit, zu scheinen, hier zeigte sich bereits der Schatten des Nachbarhauses, es dunkelte, und Jörg lächelte.

Lebten wir in einem Flugzeug, uns könnte ständig die Sonne scheinen. Er hatte heute komische Gedanken, womöglich hing das mit seinem Vatersein zusammen, Sofia schaute den Fernseher an, sie fand das Bild schön farbig, als Ablenkung genial, denn sie würde ihn fragen müssen.

"Du, meine Schwester hat geheiratet, als sie ihr erstes Kind bekam."

"Meine Mutter nicht.", grollte es aus ihm heraus. Er wollte nicht, noch nicht heiraten

"Deine Mutter, deine Mutter."

"Ja, meine Mutter."

"Du liebst sie wohl mehr als mich!"

"Sollte ich das?", verflixt, stellte er für sich fest, hätte er bloß nicht von seiner Mutter erzählt, denn schon wieder ging sie. Er hoffte auf den Donnerstag, denn so lange die Hoffnung lebt, kann man getrost Butterstullen essen oder, alles wird gut, beziehungsweise, wenn es nur Elend gibt, dann ist auch alles wieder gut, selbst wenn es keine Butterstullen geben sollte, dann geben sollte. Nein, er wollte sich nie wieder mit Sofia streiten, schon gar nicht wegen der Butter.



Donnerstagabend

Er würde sich frei nehmen müssen, frei von seinen Verpflichtungen, die da Arbeit heißen und deshalb anders als andere Verpflichtungen meist Vorrang genießen, weil sie im besten Falle die Erfüllung aller anderen Verpflichtungen erst erlauben, gut, mit einer Ausnahme, dem Leben des Lebens selbst.

Er hatte einem Kind das Lebenslicht der Welt geschenkt, womöglich hatte er es damit unglücklich gemacht, womöglich aber auch glücklich. Er wußte es noch nicht und wer wird es von seinem Kind je erfahren? Er war ein Mann geworden, nun, das war ihm sicher. Ja, er war nun er selbst, denn er hatte sich selbstvergewissern dürfen.

Das Krankenhaus riecht wie alle deutschen Krankenhäuser nach einem geruchsschwachem Reinigungsmittel, dann noch ein wenig Creme, womöglich Nivea, wohl die Lieblingscreme aller Kranken und Gebärenden.

5. Etage, hatte Sofia ins Telefon gehaucht, Zimmer 518, ein Vierbettzimmer, in dem derzeit nur drei Frauen herumliegen sollen, sich dabei ausruhen, das jedenfalls versuchen. Bei der Geburt war er nicht anwesend. Warum auch. Wie hätte er schon helfen können? Außer mit dummen Geschwätz, "nun drück Schatz", "gut so", "ich liebe dich", "da ist es ja", womöglich auch nicht, womöglich muß man zehn Stunden warten, dabei dumm herum schwätzen ohne Unterlaß. Sofia wollte das nicht. Er sollte sie nicht als Leidende erleben, nein, sie wollte sein Mitleid nicht, sie wollte einfach nur das tun, was Milliarden Frauen schon getan haben.

Das Zimmer war groß und hell, hatte weißfarbene Wände, dazu vier Krankenhausbetten und, Sofia war nicht da. Sie sei zur Untersuchung, sagte man ihm. Er dachte sich nichts weiter, setzte sich einfach, wartete.

Als sie kam, ging er, denn sie wollte ihn nicht lange sehen. Ihr sei jetzt nicht nach Quatschen. Gut. Nein, nicht gut, er verstand sie nicht recht. Aber, er würde sie Freitag Abend sehen können, er würde dann auch das Kind, sein Kind sehen können. Noch ein Gute Nacht, dann hatte ihn seine Kneipe eingeholt. Er mußte einen ausgeben. Und er mußte lügen, denn er sollte sein Kind beschreiben, bis zum letzten Gramm. Er hätte Sofia beschreiben können, sie schien ihm ein wenig daneben, neben sich, wie damals, als sie sich kennenlernten und sie, sie die Butter einfach verlegt hatte.



Freitagabend

Schichtende. Er saugte Luft und ging aus der Werkhalle in die Nacht hinein. Die Montagebänder klirrten hinter ihm weiter, klirrten im Frohsinn alles Mechanischen, klirren zu dürfen. Neben ihm gingen Menschen wie er. Sie schwiegen, während sie gingen, schnell, recht schnell, denn der Bus wartete nicht, er würde in fünf Minuten fahren, in die Stadt, so wie stets.

Er war mit seinem Auto gekommen. Das tat er jetzt öfters, seitdem er ein zwei Mal den Bus verpaßte, weil der Schichtleiter ihn noch benötigte um die Mechanik in Gang zu halten. Die Maschinen waren noch zu neu, um eingefahren zu sein, im imposanten Land Nimmermüde. Sie stotterten oft herum, er mußte sie dann das Sprechen lehren, Schrödersprech, sagte er dann immer, Schrödersprech und Stoibersprech, Schrödersprech war was für die Firma, aber auch für ihn, denn nur Schrödersprech garantierte ihm den pünktlichen Feierabend.

Er versuchte es sich abzugewöhnen, ebenso schnell wie die anderen zu gehen, denn er würde auch so zu seinem Auto kommen, würde nicht rennen, schnell laufen, müssen.

Die angehende Nacht lockte mit ein paar Lichtern am Himmel, er sah sie wieder einmal, nach langer Zeit, in der er sie nicht besonders achtete, nein, wie die leuchteten, er versuchte den großen Bären oder doch zumindest den Wagen, den Himmelswagen zu erkennen, womöglich auch Jungfrau und wenn die nicht, dann doch die Altfrau, gut, nichts Schöneres als Sterne schauen.

Es war kalt, der Wind, er zeigte seinen Ausweis, der Pförtner lies ihn passieren, ein schmaler Durchgang, nur einzeln zu begehen, schmal und eng, er war durch, sah den Bus, einige rannten nun, denn er würde nicht lange halten, an der Haltestelle, der Fahrplan, der wollte das so, Fahrpläne sind erschreckend unsensibel, er ging zum Parkplatz, setzte sich in seinen Golf, erst neulich erworben, dafür den Ford von der Mama aufgegeben, verkauft, der Motor lief recht unrund, er mochte die kalte Luft nicht, erst beim Fahren wurde dem Motor warm, im Radio die Rolling Stones, die berufsmäßigen Ärgernisse aller Sisyphusgewaltigen, vor ihm der Vollmond, ob Sofia bereits schläft?

Um elf war er zu Haus. Sofia wachte noch. Das jüngste Kind bekam seine Zähne. Er saß allein in der Küche, wollte noch eine Stulle esssen, es fehlte ihm nur die Butter. Sofia fragte er lieber nicht. Er aß eine Stulle mit Nichts, nur eine Scheibe Salami, die aus Eberswalde, seine Lieblingssalami, drauf, er genoß es. Das Schlafzimmer lag im Dunklen, Sofia hatte sich neben dem Kleinsten gelegt, er würde allein schlafen müssen, er träumte von einer Butterstulle, ach, eine Butterstulle, nein, er vergaß den Traum schnell, denn er liebte, liebte immernoch, so unnahbar fern, und doch.



Sonnabendmorgen

Sofia war alt geworden. Er hatte es lange nicht bemerkt. Erst jetzt, jetzt, wo er sich sah, im Spiegel, wußte er, daß Sofia alt geworden war. Ihm sahen graue Haare entgegen, auch Falten, die Dritten, bereits, immerhin, ein strahlendes Lächeln stand ihm noch zur Verfügung, er blakte seine Zähne, schaute ohne Unterlaß, Sofia. Denn nichts war ihm klarer, als das: Er war gealtert.

Sofia war bei Freunden. Hatte dort übernachtet. Seit die Kinder aus dem Haus waren, übernachtete sie öfters bei Freunden, machte sich rar, denn sie wollte sich selbst verwirklichen, das hatte sie im Fernsehen gesehen, gehört, das Selbstverwirklichen, Fernsehen bildet .

Sofia fehlte. Aber er suchte zu verdrängen. Denn er wollte ihre Selbstfindung nicht stören. Er wollte sie nicht stören, ja, er wollte sich nicht stören. An einem Berg zu hängen, mag schön sein, Sofia hing nun gern an Berge herum. Sie kletterte. Woher sie das hatte? Er wußte es nicht. Womöglich aus dem Fernsehen. Womöglich haben sie dort kletterwillige Frauen gesucht, für eine Seilschaft, und mehr.

Ihm eifersuchtelte. Unwirsch strich er ein wenig Butter auf den Toast. Es war nur noch wenig da, von der Butter, und er wollte sittsam teilen, wenn sie nun doch bereits am frühen Morgen wieder käme, von ihrer Klettertour, dann würde sie sicherlich mit ihm zusammen eine Toaststulle essen wollen, und dazu würde sie nach Butter verlangen, Butter, er liebte Butter, denn sie war ihm zärtlich, zärtlich zu seinem Gaumen, seinem Gemüt, seinem Leben.

Das Telefon klingelte.

"Guten Morgen, Schatz!"

"Guten Morgen."

"Hast du gut geschlafen?"

"Ja."

"Ich liebe dich."

"Ich ...", sie hatte aufgelegt. Warum? Ihm eifersuchtelte wieder einmal. Warum nur? Warum versicherte sie ihm ihre Liebe? War sie etwa die letzte Nacht nicht bei ihm gewesen.

Wenn das Alter zuschlägt, möchte man wieder jung sein und wenn man wieder jung gewesen ist, weiß man das Alter zu schätzen. Wo stand Sofia derzeit? Wo? Ihm kreisten seine Gedanken, während es an der Tür klingelte, sein Jüngster erschien, zum Frühstück, er wohnte nur eine halbe Treppe tiefer, gern brachte er auch seine Wäsche mit, dieses Mal nicht, er wußte wohl, daß seine Ma beim Klettern ist.



Sonntagmorgen

Der Tag hatte längst begonnen, ein letzter Tag des Sommers, es regnete Sonnenstrahlen, alles leuchtete, ein Tag zum Lieben. Das Strandbad war voller Menschen, halb entkleideten Menschen, sie badeten, suchten sich, suchten sich und suchten sich.

Er badete noch schnell, trocknete sich, ging dann hinweg. Sie lächelte, sah ihn und ging zu ihm. Er schaute. Sie schaute. Er sagte nichts. Sie fragte, ob er nach Berlin fahren würde, mit dem Auto, zurück vom Strandbad. Er sagte, ja, obwohl er eigentlich zuerst zum Friedhof fahren wollte.

Sie unterhielten sich. Er versuchte smart zu wirken, sie versuchte gelöst zu wirken, sie wirkten verliebt. Er fuhr recht schnell, während sie lachte, fragte, lachte, fragte. Er fragte, ob sie mit ihm zum Friedhof kommen würde, sie schaute ein wenig verwirrt, aber sagte zu, sagte zu, ja, sagte zu.

Der Friedhof lag da, vor ihnen und ward vom matten rötlichem Abendlicht beleuchtet. Bäume ließen ihre Äste bis zum Boden hängen, ihnen fehlte schon seit Wochen der Regen, ersten Blättern war das Warten bereits zu bunt geworden. Grün schaut anders aus, aber die Bäume machten sich nichts draus.

"Wo möchtest du eigentlich hin.", fragte das Mädchen.

"Ich, ach ja, meine Eltern liegen hier.", sagte der Junge.

Sie nahm seine Hand. Frauen wissen manchmal, was einem Mann gut tun kann. Er freute sich, über ihre Anteilnahme, ungekünstelt, von unten kommend, ohne Worte, wortlos, und doch so gewaltig, er spürte ein Zittern an ihr.

Das Grab lag offen vor ihnen, nahe einer Wiese, auf der ein paar Butterblumen standen. Die Grashalme schaukelten ein wenig im Wind, streichelten dabei so manche Blume, eine Biene summte herum, und Mücken lagen in der Luft, es dämmerte, ein naher See atmete und der Atem roch dabei nach Algen, und sonst grünem Zeugs.

Sie küßte ihn, er küßte sie, danach gingen sie weiter.



6. Icherzähltes II

Wie ich geradeaus lief und mich dennoch beinahe verlief

Der Tag meiner ersten Reifeprüfung auf dem Weg zur Mannwerdung kam recht beschaulich daher. Nichts erinnerte an einer bevorstehenden Prüfung. Alles war wie immer und stets. Kaum ausgeschlafen, ging auch schon das Licht in unserem Kinderzimmer an. Es galt, sich zu waschen, mit allen möglichen Hilfsmitteln, wie zum Beispiel der bewußten Lüge: "Mama, ich hab mich schon gewaschen", dazu das Anziehen, was anfangs noch ein Abenteuer war, aber langsam zur Routine wurde, zumal, wenn kein Lob mehr zu erwarten war, obwohl man sich doch genau so schön die Schuhe zuband, wie beim allerersten ersten Mal.

Unten, auf der Straße angekommen, gingen wir zu viert zum Kindergarten, genauer, wir gingen zu dritt und der vierte durfte fahren, in einem Kinderwagen, welche Bevorzugung der Jugend, aber noch war mir das Laufen zu neu, als daß ich es schöner gefunden hätte, herumgefahren zu werden.

Irgend hatten wir uns an diesem Morgen verspätet, wir hatten fünf oder womöglich sogar zehn Minuten verloren, vielleicht beim übergründlichen Waschen oder auch nur beim Treppensteigen, egal, wir waren zu spät, aber es war der Kuchentag. Der Tag, an dem gewöhnlich zum Frühstück etwas Kuchen vom Bäcker gekauft wurde.

Dummerweise mußte mein jahresälterer Bruder an diesem Morgen wohl besonders schnell zum Kindergarten, er hatte jedenfalls keine Zeit oder auch keine Lust beim Bäcker vorbeizuschauen und uns den Kuchen hinterherzubringen. Auch war ich zwischenzeitlich gealtert, dokumentiert durch meinen Aufstieg in die nächstältere Gruppe, und so fiel diese Last plötzlich und unerwartet auf mich, ich sollte rasch beim Bäcker vorbei gehen, der sich auf dem Weg zum Kindergarten befand, ein paar Schnecken kaufen.

Nicht, daß mich eine Angst befallen hätte, nein, mir war wohlgelaunt, weil ich sowieso jeden Bäcker schon seit frühester Kindheit liebte, der Geruch vom frischen Brot, dazu diese sagenhaften Kuchenauslagen, nein, ein schöneres Geschenk des Tages hätte ich mir nicht erträumen können. Zumal dem Bäckereinkäufer ein Stück Kuchen zusätzlich zustand, sozusagen als Entlohnung des beschwerlichen Einkaufs.

So war der Einkauf auch Ratzfatz erledigt, mit einer Tüte in der Hand erschien ich vor dem Bäcker. Und hier endete mein Wohlgefühl, der Tag, der als schönster Tag aller Tage hätte in meinem noch so jungen Leben eingehen können, wurde mir plötzlich zu einer Last. Nach rechts oder links gehen, das war plötzlich die Frage. Zum Glück ging ich nach links, zufällig hatte ich damit die richtige Richtung eingeschlagen.

Aber, wie weiter? Mein Gedächtnis für Straßenverläufe war damals leider bereits genau so lausig, wie es sich jetzt, trotz einiger Übungseinheiten, immernoch gibt. Auch war kein Mensch zu sehen, den ich hätte fragen können, nach dem Weg zum Kindergarten. Zum Glück erinnerte ich mich jedoch an die Worte meiner Mutter, ich müsse nur immer geradeaus laufen. Der gerade Weg sei also richtig, sagte ich mir ständig.

Nun hätte natürlich alles gut sein können, aber ich glaubte meiner Mutter nicht recht. Der Weg zum Kindergarten war doch zuvor nie gerade gewesen. Da war der Radfahrer gewesen, dem wir öfters begegneten, das Müllauto auch und der alte Mann am Fenster, der das immergleiche Kissen benutzte, auf das er seine Arme legte, und da waren Hunde, auf die es aufzupassen galt, und die Laternen erst einmal, manchmal gingen sie einfach so aus, während wir an ihnen vorbei liefen. Nein, der Weg war niemals gerade gewesen, im gesamten letzten Jahr war er zuvor niemals gerade gewesen, darauf hätte ich schwören können.

Und so ging ich denn beklommen den Weg entlang, immer die Stimme meiner Mutter im Ohr, Junge, du kannst gar nichts falsch machen, du mußt nur dem geraden Weg folgen. Und wollte ich nicht aufgeben, so mußte ich glauben und wollte ich glauben, so mußte ich all meine zuvor gemachten Wegeserfahrungen aufgeben.

Aber daran dachte ich nicht, ich aß noch nicht einmal die zusätzliche Schnecke, die mir als Einkäufer zustand, ich suchte mit meinen Augen nur diesen Kindergarten, dieses gelbliche Haus, suchte es zu finden, und ging und ging Ewigkeiten, bis ich es fand, sie hatte Recht gehabt und als ich ihr freudestrahlend den Kuchen übergab, da lächelte sie, wohl weil ich lächelte, denn ich fühlte mich ein wenig erwachsener.



Vom richtigen und vom falschen Leben

Hatte ich mich verirrt, damals, in diesen Kindergarten? Diese Frage stellte sich mir recht bald, nachdem ich dort ankam, zumal meine Mutter von Arbeit redete, während wir dort spielen sollten. Sie ging zur Arbeit, als Erzieherin, wir gingen zum Spielen. Kann die Welt so verschieden sein?

Nicht, daß ich gedacht hätte, alles müsse gleich sein, in dieser Welt, aber ein bißchen gleicher hatte ich sie mir schon erhofft. Kinderglaube. Aber das tägliche Leben im Kindergarten lies mein Kinderglaube Kinderglaube sein, ich mußte erkennen, daß das Spielen nur etwas für Kinder zu sein schien.

Gut, es ließ sich gut spielen, dort, ein riesiges Platzangebot wartete auf uns, dort. Ich spielte am liebsten mit Bauklötzer, die konnte man danach wieder schön umstoßen, nichts erinnerte mehr daran, was man soeben erschaffen und es hätte gut sein können, daß man es nur erschaffen hatte, um es wieder umstoßen zu können. Genau so sinnlos schien mir das Spielen insgesamt. Ja, ich verlor jede Lust auf das Spielen. Saß in einer Ecke herum und schaute den Tag, wie er sich gerade gab. Mal war er schöner, mal weniger schöner, aber immer und stets war er ohne Sorgen, abgesehen vom Spielen.

Ja, das Spielen, ich versuchte sein Wesen zu ergründen, aber, ich war ja noch ein Kind, wie sollte ich als solches eine großartige Erkenntnis gewinnen können. Daran war nicht zu denken. Im Grunde genommen plagte mich ja nur ein Zweifel, dieser bloße Zweifel am Sinn des Seins. Ein ungutes Gefühl. Während die anderen Kinder spielten, ausgelassen und zufrieden, schaute ich ihnen gerne zu, denn sie bildeten ein lustiges Kabinett an Anschauungsfiguren. Da waren sie, die zänkischen, die lustigen, die stets so aufgeweckten, ja, die musischen, die bereits mit drei Lebensjährchen Lieder auswendig singen mochten.

Nur manchmal wurde ich bei meinem Tun gestört, eine Erzieherin war dann auf mich aufmerksam geworden, ich sollte endlich etwas spielen. So spielte ich denn das Spielen, damit sie mit mir zufrieden war, sie und die übrige Welt der Spielenden. Ja, vielleicht ist ja das gesamte Leben ein Spiel, auch ein Spiel, und ich spielte jetzt einfach das Leben.

Ich brachte es sogar so weit, daß ich Freude am Spiel zeigte, ich hatte also, ganz nebenbei, die hohe Kunst des Schauspiels erlernt. Emotionen zeigen, in Echtzeit. Dieses Spiel ging sogar so weit, daß ich mich ärgerte, wenn ein anderes Kind in seinem frühkindlichen Leichtsinn meine Bauklötzer umstieß. Das war doch nur mir vorbehalten! Das war doch mein Werk, also kam mir ein gewisser Urheberrechtsschutz zu, ich durfte es lassen oder auch zerstören. Egal, ich spielte ja sowieso nur das Spielen, wieso regte ich mich also auf? War es etwa mehr als ein Spiel, das Spielen? Irgend wo, tief in mir sang eine wortlose Stimme, daß es so sein könnte. Nur, die letzte Konsequenz wollte ich noch nicht denken, denn warum sollte ich ernsthaft annehmen, daß die Erzieherinnen auch nur spielten?



Wie ich meinen Körper näher kennenlernte

Der Körper ist die Staffage der Seele, der Körper ist die Seele oder die Seele ist der Körper. Das zum Körper. Nun zu meinem kindlichen Körper.

Als ich noch Kind war, so um die drei, vier Jahre alt, da hatte ich bereits sehr konkrete Vorstellungen von meinem Körper. So war mir ganz gewiß, daß alles was ich trinke wieder recht flüssig, also als gelbe Flüssigkeit meinen Körper verläßt, alles was ich essse, demzufolge in relativ fester Konsistenz auf der anderen Seite.

So meine erste Feststellung über mein Sein. Und diese Erkenntnis hatte nicht mit einem etwaigen gottgewollten Wissensvorsprung zu tun, nein, sie war aus meiner Beobachtung heraus entstanden, trank ich viel, so mußte ich oft Wasser lassen, aß ich Spinat, so war, nun gut, jeder weiß es. Als Kind war das alles klar, mir plötzlich sonnenklar, nur an eines mochte sich mein kindlicher Geist verzehren, nämlich daran, den genauen Weg der gegessenen und getrunkenen Lebensmittel zu verfolgen.

Woher sollte ich diesen schon ergründen können? Gut, der Bauch grummelte, wenn das Gegessene ihm nicht angenehm war, auch mußte alles in den Mund, dann durch den Hals, so weit war ich dann auch angelangt.

Eines schönen Herbsttages machte ich dann eine wundersame Entdeckung, die mich noch weitere zwei Jahre beschäftigen sollte, bis ich irgend einmal rein zufällig ein Gesundheitsbuch aufschlug.

Gut, die Begebenheit trug sich in etwa folgendermaßen zu. Deswegen "in etwa", weil das große Ganze sicherlich so und nicht anders geschehen sein mag, aber die Details, gut, hätte ich bloß früher Tagebuch geschrieben, mir wäre alle Mühsal des Erinnerns, zumal, des falschen Erinnerns erspart geblieben

Der schönste Teil des Kindergartentages war oftmals das nachmittägliche Spazierengehen. Wir, das waren in etwa zehn Kinder, gingen dann mit der Erzieherin zu einem nahen Park in dem sich ein Spielplatz befand. Es war ein Herbsttag, die Blätter der Bäume hatten sich bereits bunt gefärbt und auf dem Weg zum Spielplatz durften wir allerlei bereits gefallener Blätter aufheben, die dann von der Erzieherin haargenau als Blatt einer Kastanie, einer Eiche oder auch Buche identifiziert wurden, übrigens verehrte ich die liebe Frau seitdem als eine absolut fachkundige Naturkennerin.

Auf dem Spielplatz angekommen, spielten wir sodann auf der Rutsche und auch im Sandkasten, womöglich rannten wir auch um die Wette, das taten wir sehr gerne oder wir spielten Einkriege, wobei die Erzieherin öfters mitspielen mußte, schon um den Reiz der sportlichen Herausforderung zu erhöhen.

Nachdem nun einige Zeit gespielt war, entdeckte ich eine Parkbank, die im schönsten Sonnenlicht stand, diese benutzte ich fortan als erhöhten Beobachtungsposten, indem ich mich auf die Rückenlehne derselben setzte und meine kurzen Beine nebst Füße auf die Bank absetzte. Leider vergaß ich dabei, mich in Acht vor Verletzungen zu nehmen. Denn die oberste Rückenlehne fehlte der Parkbank vollkommen, dafür ragten zwei rostige Metallstreben hervor, an welche die fehlende Holzlatte dereinst befestigt war. Und kaum hatte ich darüber nicht nachgedacht, so war es bereits geschehen, ich rutschte irgend beim Sitzen aus und rammte mir eine dieser Eisenstangen in den linken Schenkel.

Ich dachte zuerst, jetzt müßte es weh tun, aber es tat nicht weh und dann schaute ich genauer hin und ich endeckte das ganze Wunderhafte der menschlichen Kreatur. Aus der Wunde kam kein Blut, sondern es erschien das zuvor gegessene Mittagessen, an das Mischgemüse kann ich mich noch heute großartig erinnern. Und während ich erleuchtet wurde, durch diese Entdeckung, ja, das Essen muß ganz einfach vom Magen zu den Beinen gelangen, das wußte ich jetzt, ja, während ich erleuchtet wurde, nahm mich die Erzieherin bereits hoch und trug mich fort.

Hier setzt auch schon meine Erinnerung aus, das Gehirn ist eben auch nicht mehr das, was es mal war. Jedenfalls kann ich mich noch gut daran erinnern, wie mich der Arzt entließ, denn ich hatte vergessen, ihm zu fragen, ob auch mein Frühstück dort aus dem Schenkel herausgekommen sei.

Fortan glaubte ich übrigens daran, daß zumindest all die feste Nahrung durch meine Schenkel fließt. Was Wissen einem alles Glauben machen kann! Ich war damals jedenfalls sehr begeistert über diese, meine erste quasi wissenschaftliche Entdeckung über die Struktur meines Körpers.



Vom Warten

Das Warten ist des Müllers Lust, nein nein nein, natürlich, das Wandern ist gemeint. Damals, im Kindergarten sangen wir dieses Lied öfters, deshalb bin ich mir des Textes ziemlich sicher. Das Warten ist ein Ding zwischen Hoffen und Leiden. Das Verrinnen von Zeit zur Erreichung eines zuvor gedachten Zeitpunktes läßt Hoffnungen sprießen und es läßt die Angst erwachen, die Angst, den ungewissen Zeitpunkt nicht zu erreichen, oder auch die Angst, das Ziel sei nicht mit den eigenen Vorstellungen vom zu erlangenden Etwas zu vergleichen.

Alles begann damit, daß ein Koffer gepackt wurde, gleich im Kinderzimmer, ringsherum Tapete mit Affen und Elefanten, in der Mitte ein großer Tisch, auf diesen, aufgeklappt, ein pappener Koffer, grau, kariert außen, innen mit feinstem Stoff ausgelegt, dazu mit eingenähten Taschen. In den Koffer wanderten allerlei Dinge des täglichen Bedarfs, also Bekleidung, Eßbesteck und auch ein wenig Spielzeug. Der Koffer sollte jedoch nicht mein Koffer sein, sondern meinem ein Jahr älteren Bruder sollte er zu einer Reise dienen.

Reisen, das Unbekannte entdecken, raus aus der Altäglichkeit des Kindergartenlebens. Ich zürnte mit meinem Alter und nur die Tatsache, daß ich auch zu eine Reise kommen sollte, ließ den Zorn ein wenig weniger werden. In einer Woche sollte ich auch reisen dürfen, mit meiner Gruppe vom Kindergarten zu einem kleinen Ferienparadies unweit von Berlin. Meine Mutter hatte es mir jedenfalls versprochen und auf die Versprechen meiner Mutter war bislang immer Verlaß gewesen, egal, ob es um die Androhung einer Schelle ging oder um ein später zu erhaltenes Bonbon

Ach die Erzieherin im Kindergarten sagte mir nichts anderes, ja, es sollte sein. Die, meine, kindliche Seele war beruhigt. Aber, als der Bus mit den lustig fröhlichen Kindern vom Eingang des Kindergartens aus in die bunte weite Welt fuhr, zusammen mit meinem Bruder, da begann die Qualenszeit. Das Warten.

Warten, auf die Rückkehr des Busses. Warten, auf die Erfüllung des Versprechens. Warten, auf die Befriedigung all der Neugierde, die sich in mir ansammelte. Wie würde das Ferienparadies ausschauen, würden wir eine Nachtwanderung machen, wie es gemunkelt wurde, wie lange würden wir fahren und was würden wir dabei sehen. Fragen über Fragen.

Sieben Tage galt es zu warten. Und sie kamen mir schlecht an, diese Tageswartungen. Zuerst kannte ich noch nicht den Begriff von sieben Tagen. Ich tastete mich sozusagen an das Warten heran. Nur eines wußte ich, der Bus müßte zurückkehren, damit wir, meine Gruppe und ich, losfahren könnten. Und so hatte ich mich strategisch gut an einem großen Fenster plaziert, welches genau den Blick zur Straße freigab.

Ich spielte nicht mehr, oder, doch, womöglich spielte ich doch, nämlich das Warten. Der erste Tag war ganz schrecklich, denn niemand dachte, daß ich warten würde, alle dachten, ich schaute die Natur und hätte bloß keine Lust zum Spielen, so saß ich denn allein am Fenster und wartete. Und da das Warten eine anstrengende Sache war, mehr der Arbeit, als dem Spiel verwandt, so arbeitete ich hart und man sah es mir sicherlich an, bis ich am nächsten Tag von der Erzieherin gefragt wurde, warum ich nicht spielen wolle. Ich antwortete nicht, sondern stellte die mir wichtigste Frage in meinem noch so jungen Leben, nämlich, wann der Bus zurück kommen würde, nächste Woche sagte sie und ich überlegte, wann das genau sein würde.

Erst eine Nachfrage bei meiner Mutter ergab eine befriedigende Antwort, fünf Tage waren es noch und ich lernte sogleich, wie man fünf Tage abzählt, nämlich an den fünf Fingern einer Hand. Also eine handvoll Tage waren es noch.

Ich beschränkte mich denn auch die nächsten Tage auf gelegentliche Blicke aus dem großen Fenster, es hätte ja sein können, daß sie früher zurück kommen, und dann, da war ich mir ganz sicher, würden wir sofort losfahren können.

Egal, die nächsten fünf Tage gingen plötzlich sehr schnell vorbei , ich hatte wohl die ersten zwei Tage gleich für die nächsten fünf Tage mitgewartet, alles Leid und Hoffen von sieben Tagen an nur zwei Tagen gekostet, aber, der Grund war wohl ein ganz anderer, ich hatte das Warten unbewußt abgekürzt, indem ich gar nicht mehr wartete, ja, ich spielte jetzt wieder ein anderes Spiel, das Spiel mit dem Spielen, Bauklötzer klötzern, Mädchen an ihren Zöpfen ziehen, oder auch Volkslieder singen, etwa, das Wandern ist des Müllers Lust und dann kam der Bus zurück, und dies hatte sich auch angedeutet, bereits ein Tag vorher, denn meine Mutter hatte zusammen mit mir einen Koffer gepackt.



Warum ich plötzlich zwei Mütter hatte und mir das arg peinlich war

Was hatte ich nicht alles geträumt, ersehnt, eine Reise, eine Reise sollte es sein, eine wunderschöne Reise, ich sah mich bereits im Paradies oder, zumindest was ich dafür hielt, denn das Wort "Paradies" kannte ich nicht, ich nannte es einfach "Ort meiner Neugierde", nein, auch das nicht, ich nannte es gar nicht, es war einfach nur Vorstellung, ganz ohne Bezeichnung, mehr Traum, als Wirklichkeit.

Die Fahrt mit dem Bus war sicherlich wunderschön, denn ich fuhr damals sehr gerne mit dem Bus. Ganz allein, ohne Mutter und Vater, sah ich mich dennoch glücklich, denn alles sollte nur für eine kurze Zeit sein, all die Trennung. Selbst die Fahrt war nur kurz, wir fuhren und waren schon da, es galt, die Unterkuft zu beziehen, es galt zu spielen, zu toben, Jungen und Mädchen getrennt, es galt sich sittlich und dennoch kindlich zu benehmen.

Am nächsten Tag wanderten wir einen Feldweg entlang, rechts von uns Sträucher, links ein Feld, die Pflanzen gerade im Entstehen, reckten ihre grünen Spitzen aus dem Boden, Lufterkundung, während sie nach unten hin Wurzeln schlugen. Mich interessierte die Natur recht wenig, ich genoß sie noch nicht einmal, glaube ich, ja, ich genoß sie ganz sicher nicht, aber, ich hatte da eine Frage, und zur Beantwortung aller Fragen, jedenfalls derjenigen von größerer Bedeutung, war die Erzieherin zuständig. Eine nette Person, die immer fröhlich zu sein schien, eine Frau mit Fröhlichkeitsgen, ich hätte sie mir damals nicht anders denken wollen, Erzieherinnen mußten eben nette, fröhliche Menschen sein.

Und als ich denn frohgemut zur Erzieherin vorgedrungen war, mitten durch die sie umgebende Kinderschar, so redete ich sie mit "Mama" an. Oh, wie war es mir peinlich. Sie hatte doch einen Namen, einen ganz anderen Namen, und sie war ganz sicherlich nicht meine Mama. Vor Schreck vergaß ich, glaube ich, sogar meine Frage, ließ mich wieder ein wenig zurückfallen und versank beinahe in den Feldweg, wäre fast ganz verschwunden, wenn die Erzieherin nicht so freundlich gewesen wäre, so zu tun, als habe sie meine Anrede einfach nicht gehört, auch die anderen Kinder hatten sie wohl nicht recht mitbekommen.

Dennoch war es mir eine einzige Peinlichkeit, das erste Mal von Mutter und Vater weg zu sein und sogleich die erste Frau, wenn auch eine Erzieherin, Mama zu nennen. Die nächsten Tage verbrachte ich damit, immer die rechte Anrede zu finden, wenn ich denn noch einmal eien Frage an diese wirklich nette Person hatte. Und sie nahm mich jedes Mal ernst, trotz meines Ausrutschers, und dennoch schwor ich mir, nie wieder eine andere Frau, als meine Mutter, mit Mama anzureden. Und, das habe ich, trotz all meiner kindlichen Zerstreutheit wohl bis zum heutigen Tage einhalten können.



Wie ich die Vorteile der Männlichkeit erfuhr

Mädchen tragen Zöpfe und Jungs Lederhosen, Mädchen weinen und Jungs weinen heimlich, Mädchen spielen Frauen und Jungs spielen Männer. Das wußte ich alles bereits, damals, mit meinen runden drei Lebensjahren. Ich war also frühzeitig aufgeklärt. Denn mehr muß ein zukünftiger Mann nicht wissen, alles weitere baut auf diese drei Gewißheitspaare auf.

Die Woche in dem illustren Ferienort in der Nähe Berlins drohte rasch an mir vorbei zu gehen. Zu viel war zu erleben, zu viel war zu spielen, zu viel war zu erfahren gewesen. Doch eines ließ das unaufhörliche Tageverrinnen anhalten, die Nachtwanderung. Sollte sie stattfinden, ja oder nein? Einmal wurde sie bereits abgesagt, es regnete, aber die extra mitgebrachten Taschenlampen mußten doch Verwendung finden.

Und richtig, das Wetter hatte ein Einsehen. Götter gab es in der DDR längst nicht mehr, daher war das Wetter an seiner Unbeständigkeit selbst schuld, aber das war mir als Dreijähriger längst nicht großartig bewußt, ich wußte nur, daß das Wetter an das Ausbleiben der Nachtwanderung einstweilen schuld war, von Göttern wußte ich gar nichts.

Der Tag vor der Nachtwanderung war dann recht feierlich, kein Regen, zwar Wolken, aber kein einziges Tröpfchen. Hoffnung. Taschenlampen ausprobieren und Gruselgeschichten erzählen. Ein Mädchen wußte zu berichten, daß es Hexen und Feen gäbe, auch den schwarzen Mann, die Jungs berichteten lieber von Wölfe und Geister, Hyänen, bis dann einer meinte, in Deutschland gäbe es keine Hyänen, die würden hier nicht leben können, ein anderer meinte daraufhin, aber Löwen, und der erste stimmte dem zu, denn er hatte erst neulich Löwen gesehen, im Zoo. So oder ähnlich liefen die Unterhaltungen, während alles gespannt auf die Dunkelheit wartete.

Und als es Nacht war und wir extra aus den Betten geholt wurden, da war nur noch Aufregung, und so gingen wir denn, und das Licht unserer Taschenlampen war mit uns, dazu natürlich Sterne und Mond, eine Erzieherin kannte sogar einige Sternbilder, den großen und kleinen Bären, glaub ich, nannte sie. Jedenfalls faßten wir alle mit jeden Schritt ein wenig mehr Mut, bis uns dann einen weiße Gestalt entgegenkam, die entsetzliche Laute von sich gab und dazu noch leuchtete, einige Mädchen kreischten, während die Jungs versuchten ruhig zu bleiben, und hier war er, dieser Moment der Glückseligkeit, ich durfte ganz ruhig sein, ja, voranschreiten, mit der Taschenlampe, ohne ein Mucks zu sagen und ich war glücklich, denn ich mußte nicht kreischen, ich durfte das Mannsein spielen. Das war viel angenehmer, als alll das Aufgeregtsein, auch wenn das Innere pulste, blieb das Äußere ruhig.

Ich fühlte plötzlich, wie einfach es doch ist, dieses Mannsein, viel einfacher als das Frausein, dieses Kreischen, dieses kindische Ängstlichsein, das alles war ich nicht und brauchte ich nicht sein. Ich atmete auf und insgeheim freute ich mich, daß ich dieses vorgestrige Mamawort vergessen machen konnte.

Und doch, als dann plötzlich hinter uns ein Geist aus dem Wald auftauchte, ein Schrei. War ich es? Ja. Ich verstand, daß alles Männlichsein nicht vor Überraschungen schützt, aber, zum Glück schrien alle, ich fiel nicht weiter auf und als wir dann wieder in unseren Betten lagen, nach geschlagenen zwei Stunden, kehrte noch lange keine Ruhe ein, die Nachtwanderung ließ uns gruseln, aber endlich hatte ich meine Taschenlampe ausprobieren können, sie leuchtete, glaube ich, am weitesten, jedenfalls könnte dies wirklich so gewesen sein.



Was es bedeutet, nicht verstanden zu werden

Das Kind lernt das Sprechen, als müßte es das Sprechen nicht besonders lernen. Silben, Wörter, Wortzusammenhänge, Sätze kommen zum Kinde, wie ehedem Maria zum Kinde kam, mirakulös, aber doch für den Sprachenfinder nur eine Banalität, mehr nicht. Mir ging es ebenso. Jedenfalls bis zu einem ganz bestimmten Tage.

Es war ein Tag im März, ich weiß es noch wie heute, denn ich wurde an dem Tag auserwählt, in das Zimmer der Kindergartenchefin kommen zu dürfen. Das war selbst für ein Kind eine Ehre, denn nicht jederknirps wurde in dieses heilige Zimmer vorgelassen. Ein etwas längerer Tisch, an der Frontseite eine fremde Frau mittleren Alters, halblanges dunkles Haar, Doktorenblick, rechts und links neben mir und gegenüber noch weitere sieben acht Kinder.

Zuerst zeigte sie uns Karten und wir sollten sagen, was wir auf ihnen sehen. Meine Freude war sogleich vorüber. Für solch ein simples Spiel hatte sie uns extra aus unseren Gruppenräumen kommen lassen? Ich rief sogleich: ein Baum. Richtig, ein Baum, aber sie verstand mich nicht recht. Sprach ich die falsche Sprache? Was wußte ich. Ein Baum ist ein Baum. Ich solle langsamer und deutlicher sprechen, meinte sie. Ich sagte ganz langsam und deutlich, e i n B a u m , damit mich auch diese seltsame Dame verstehen konnte.

Ich tröstete mich, indem ich mir dachte, ihr Gehör sei wohl nicht besonders flink, daher sollte ich extra langsam sprechen, wie bei älteren Damen durchaus üblich. So ging es dann eine ganze Stunde entlang. Immer schön langsam sprechen.Rechts, links neben mir und gegenüber kämpften sie derweil mit der Lautbildung, manche verhaspelten sich, andere wußten nicht, daß ein Elefant ein Elefant sei, sie sagten zum Elefanten einfach Nashorn, ich rief elegant dazwischen, ein Elefant, wurde jedoch wiederum nicht verstanden.

Ja, wie langweilig, ich sollte langsam und deutlich sprechen, e i n E l e f a n t, ja, e i n E l e f a n t , sagte die Dame, ich schwieg. Wollte sie mich wirklich nicht verstehen? Ich schaute zum Fenster hinaus, dazwischen noch Affen, Häuser und Kühe, Autos. Ich wurde gefragt, was ich sehen täte, ich sah eine H e n n e, worauf die Dame antwortete, richtig, e i n H u h n. Sie hatte mich verstanden.

Die Stunde zu Ende, ich war froh, endlich sprechen gelernt zu haben. Ich mochte das Chefzimmer plötzlich nicht mehr. Wie war ich dort bloß hinein geraten? War ich zu schnell, oder die anderen zu langsam. Ich mußte mich unbedingt anpassen, um nicht aufzufallen, schnelles Nuschelsprechen war hier sicherlich nicht erwünscht.

Und nur wer die Wünsche seiner Mitmenschen erfüllt, wird in Ruhe gelassen, oder man schert sich um die Wünsche der Mitmenschen nicht, dann wird man auch alsbald in Ruhe gelassen, ich versuchte es einstweilen mit der ersten Variante. Noch zwei Mal mußte ich erraten, was auf den Kärtchen abgebildet war, dann durfte ich die Gruppe verlassen.

Ich hatte getan, was von mir verlangt wurde, und so wurde ich in Ruhe gelassen, das System der DDR, wie es funktionierte, erfaßte ich bereits, wenn auch unbewußt, im Kindergarten. Frühkindliche Reife. Erwachsenenbildung. Politisches Talent. Hindurchlavierer. Vergißesdenker.

Die anderen, die weniger opportunistisch veranlagt waren, weiter steif und fest behaupteten, ein Kater sei ein Hund, ja, dabei noch nicht einmal Hund richtig aussprechen wollten, sich damit sichtlich Zeit ließen, die wurden weiter drangsaliert, mußten noch viele öde Stunden dort oben, in dem Raum, in dem Kinder mit Dümmlichkeiten gefoltert wurden, verbringen, aber sie konnten sich fortan Oppositionelle nennen, das dachte ich aber nicht, ich nannte sie einfach ganz arme Hunde und versuchte dabei Hund auf ihre Art auszusprechen.



Vom Diebstahl und was noch geschah


Warum die Sonne winterwärts immer schneller verschwindet, das war mir damals ein kleines Rätsel, das ich jedoch nicht lösen mochte, denn ich ging davon aus, daß selbst der intelligenteste Mensch der Welt, also meine Mutter, dies nicht wissen konnte. Ich befaßte mich lieber mit der Lieblichkeit des künstlichen Lichtes, während wir frühmorgens zum Kindergarten gingen und am späten Nachmittag diesen wieder verließen.

Die künstliche Beleuchtung und die dazugehörige Dunkelheit ließ alles anders erscheinen, alles verwandelte sich, alles schaute anders aus, und dieses zu genießen, ja, es aufzunehmen, dieses Neue in meinem Leben, damit war ich leidlich beschäftigt.

Dazu der Weihnachtsstreß. Gut, damals war dieser Begriff unbekannt, man sprach womöglich von Weihnachtsunruhe oder auch Glückseligkeit, wer weiß, jedenfalls durfte ich jeden Tag vor Weihnachten ein Türchen im Adventskalender öffnen. Und hinter jedem Türchen verbarg sich ein Bild, dies war die Überraschung des Tages, und selbst in der Kindergartengruppe wurden diese kleinen morgendlichen Geheimnisse ausgetauscht.

Als ich dann meinen ersten Weihnachtswunschzettel malte, veränderte sich mein Leben vollkommen. Mir wurde klar, daß ich bald etwas besitzen würde, daß man gerne mit -meins- bezeichnet. Bisher war mir dieses Glück entgangen, obwohl ich längst besaß und wohl auch öfters -meins- sagte, wenn sich meine Brüder mit meinem Spielzeug unterhalten wollten. Nein, es war nun eine bewußte Meinswerdung, dieses -meins- würde ich mir aussuchen, und es sollte meins sein und wer es mir wegnehmen wollte, der würde mit Knecht Ruprecht zu tun bekommen, denn von ihm sollte ich es ja erhalten, so sagten es alle recht geheimnisvoll.

Die Kehrseite des -Mein- ist das -Dein-, nicht, daß ich es nicht gewußt hätte, damals, mit meinen schlappen vier Jahren. Es war irgend im Blut, heute würde man sagen, in den Genen, dieses Wissen um das Dein. Aber ich sollte es bald ganz bewußt erfahren.

Im großzügigen Eingangsbereich des Kindergartens stand eine große Tanne, gleich neben der Garderobe. An dieser Tanne hing allerlei Buntes, Lametta, Weihnachtsbaumkugeln nebst Lichterkette, aber auch kleine Geschenkdöschen, und jeden Tag erhielt ein auserwähltes Kind eines von diesen Döschen, in dem meist ein Stück Schokolade war. Es lag natürlich in der Natur der Sache, daß nicht alle ein kleines Geschenk abbekommen konnten, denn es waren ja nur 24 Tage bis Weihnachten, abzüglich der Wochenendtage und des heiligen Abends selbst. Und so ergab es sich, daß ein Kind -mein- und -dein- verwechselte. Eine kleine Schachtel war leer.

Alles staunte. Und da ich seit Tagen sehr oft um den mirakulösen Tannenbaum schlich, ja, er mich magisch anzog, womöglich sogar um die Gabe eines der Döschen bat, wurde ich dieser Verwechslung verdächtigt. Ich weiß nicht, was mich mehr ärgerte, die Verdächtigung oder die Tatsache, daß ich bis zu diesem Tag noch kein Geschenk erhalten hatte, egal, die Vorweihnachtsfreude war mir ein wenig verdorben. Womöglich wurde ich sogar bockig, das konnte ich sehr gut, da war ich ein kleiner Meister drin, womöglich machte ich mich damit noch mehr verdächtig, gut, ich nahm es hin, davon würde schließlich die Welt nicht untergehen, auch meine kleine Welt nicht.

Nach einigen Tagen redete übrigens keiner mehr von der Verwechslung, allein, Weihnachten war mir nicht mehr das schönste aller Feste, es war mir nur noch wunderlich, und wieso sollte sich nur immer das liebste Kind ein Geschenk vom Weihnachtsbaum nehmen dürfen? Und würde Knecht Ruprecht seine Rute hervor holen, gerade bei mir, wo ich doch durch meine Bockerei bereits genug gelitten hatte?



Wie ich das Singen aufgab und zum Lippenbewegen überging


Es soll Zeiten gegeben haben, in denen ich gern und schön gesungen haben soll, diese Zeiten waren jedoch auf meine ersten Lebensmonate beschränkt, denn ich mag mich daran kaum, also gar nicht erinnern. So muß ich auf Erzählungen meiner Mutter vertrauen, gut, das tue ich gern, denn sie machen mir Mut, ich ein großer Sänger, ein kakophonischer Babysänger, warum auch nicht.

Das Singen gab ich übrigens bald auf. Es war einer dieser schönen Tage im Kindergartenleben. Draußen herrschten Minusgrade, drinnen war es mollig warm. Die Eiszapfen hingen tapfer an den Regenrinnen, man mochte sie sogar vom Fenster aus sehen, seltsame länglich glasartige Gebilde, die man nicht anfassen durfte, es sei zu gefährlich. Einen faßte ich dennoch an, und er zerbrach, brach ab, es war ein großes Unglück, schnell ging ich vom Fenster hinweg, von der Ferne einen verstohlenen Blick zum Ergebnis meiner Untat wagend.

Derweil hatte die Erzieherin zum Kreis gerufen. Wir setzten uns in einen Halbkreis auf dem Boden, ich schaute zum Fenster, immernoch recht verstohlen, aber schon beruhigt, gleich nebenan wuchs ein neuer, er mochte schöner, größer, älter werden dürfen, als der zerbrochene, ich wollte auf ihn aufpassen.

Bald erschall eine Triangel, auch sollten wir uns Instrumente nehmen, die im Halbkreis lagen, Triangeln über Triangeln, nur eine Blechtrommel war darunter, der Sozialismus liebte Triangeln. Ich nahm mir auch solch ein metallenes Gerät, schlug ein zwei Takte, es klang miserabel, mir fehlte jegliches Talent zu diesem Instrument.

Bald sangen wir dann los, die Erzieherin bildete die erste Stimme, wir den Chor und doch, schon schauten einige zu mir, sang ich so falsch? Welch Scham mich überkam. Ich Instrumentenfalschbediener hatte zudem eine fehlgeleitete Stimme. Ich wollte mich in den Boden verkriechen und versuchte ja nicht mehr aufzufallen.

Die einzige Ermunterung kam von der Erzieherin, sie wollte mir noch ein paar schiefe Töne entlocken, Erzieherinnen wollen einfach immer das Beste aus jedem Menschlein herausholen. Ich wollte aber nicht mehr. Zuerst bewegte ich noch nicht mal meine Lippen, alsbald jedoch zumindest die, damit ich nicht so auffiele.

Ach wie schaute die Erzieherin vergnatzt, mochte sie etwa meine stimmliche Vakanz? Womöglich sang ich bereits derart schlecht, daß es wieder gut klang. Egal, so weit dachten meine drei Jahre nicht, sie gaben noch etwas auf das Urteil der Gruppe, und so ließ ich diese walten, wie sie das Lied schön lallten. Die Erzieherin blieb derweil die erste Stimme und ich bei meinem Lippenbekenntnis, Singen, das kann ich nicht.



Vom an den Haaren-Herbei-Ziehen und weiteren Geschehnissen


Im Überschwange wird einem das Leben nicht lang noch langweilig. Es gab Tage im Kindergarten, die zogen sich hin wie leeres Gerede. Dies akzeptierte ich gerne, denn nichts ist betörender als die Langeweile. Wie ärgerte mich oftmals all der Aktionismus, den Erzieher verbreiten können, wenn sie gut erziehen mögen. Aktiv sein, meist nicht mehr als leeres Geschwätz. Sitzen, stille sitzen, sich seinem inneren Überschwange ergeben, das nenne ich leben.

Und wie verfluchte ich im Nachhinein den Tag, an dem unsere angestammte Erzieherin krank wurde. Ach, zuerst war das Glück vollkommen, denn zu uns würde meine Mutter als Ersatz kommen. Wie sollte ich nun, jetzt, noch stille sitzen. Ich mußte wollte sollte kosten, von all der Macht, die man zu haben glaubt, gerade, wenn man sie nicht hat.

So wurde ich vom bloß Sitzenden zum Aktivisten. Ich tat genau das alles, was man nicht tun durfte. Sollten alle beim Märchenerzählen leise sein, war ich laut, sollten alle singen, redete ich und wenn es zum Mittagsschlaf ging, hopste ich unbeirrt im Raume herum. Ja, was sollte mich erwarten, meine Mutter war doch meine Mutter, bei ihr durfte ich tun, was ich sonst nie tun durfte, und das nennt man wohl Macht.

Allein, es ging nicht lange gut, und was hatte ich noch für einen Mut, als mich meine Mutter mit sanftem Lächeln zur Toilette bat. Ein großer Raum mit Waschbecken und Klosettschüsseln, damals waren sie noch schön versteckt wie heutzutage üblich, in solch tollen Kabuffs mit Pappseitenwänden und Türen. Ach wie war ich froh, meine Mutter wollte mir sicherlich die Haare legen, mein Scheitel saß wohl nicht korrekt, bei einer anderen Erzieherin wär ich dran verreckt.

Nein, oh weh, oh Schrei, sie zog mich an den Haaren aus meinem Überschwange, und nichts tat wirklich weh und doch tat es weh. Woher das Gezerre? Ich versuchte zu lächeln, als sie es mir erklärte, ach, ich solle stille sein, und sie nicht blamieren mit meinem Herumclownieren.

Was war ich entsetzt, und hätte es gern meinem Vater gepetzt, schau, sie zieht an den Haaren, aber womöglich kam ich zur Einsicht, jedenfalls sagte ich nichts, denn Mädchen ziehen gern an den Haaren, das tun sie sich gerne wagen, so hab ich es zuvor oft gesehen, warum noch darüber reden?

Der Schock saß tief, oh weh, und wenn ich nicht gestorben wäre, so lebte ich noch heute, nein, es kam ganz anders, denn ich sollte in den nächsten Tagen zur Vorschule gehen, dort würde ich für die Schule vorgeschult werden, so blieben meine jungen Jahre von einem möglichen Traumata verschont, nur, lächelnden Frauen werde ich nicht mehr vertrauen, sie ziehen einem allzu gerne an den Haaren.



7. Weihnachtserähltes

Fünfzehn

Neun Tage bis Weihnachten. Er war es nicht gewohnt, Tage zu zählen. Aber über seinem Bett hing seit einigen Wochen ein Adventskalender und er durfte jeden Morgen, sobald er erwacht war, ein Tüchen öffnen. 24 Türchen waren es insgesamt, er würde sie zum Ende hin alle geöffnet haben. Das letzte Türchen war am größten und sie hatte auch die größte Zahl, die 24.

Er war noch nicht besonders alt, gut, er selbst fand sich schon recht alt, denn er sah die anderen Kinder, die jünger waren als er, und da gab es schon einige, dann waren da noch die älteren Kinder, die waren aber schon in der Schule, er stand sozusagen kurz davor, zur Schule gehen zu dürfen. Und daher gehörte er zu den ältesten Kindern im Kindergarten, ja, er war schon ganz schön alt.

Verzweifelt suchte er die Tür mit der 15. Sie hatte sich vollkommen versteckt, neben dem Stiefel des Weihnachtsmannes, der dort auf dem Kalender mit seinem schönen roten Wamst zu sehen war, dazu der weiße Rauschebart und der Sack, er schien ein Lied zu singen, fröhliche Menschen singen gerne Lieder.

Hinter der Tür verbarg sich eine Prizessin, die mit den langen Haaren, ja die kannte er, sagte Guten Tag und versuchte sich das Bild einzuprägen, denn nachher, im Kindergarten, wurden stets die entdeckten Bilder ausgetauscht und wer das schönste Bild nennen konnte, der wurde von den anderen bewundert.

"Stefan, willst du nicht langsam aufstehen", seine Mutter hatte gerufen. Er wollte nicht aufstehen aber er stand auf, denn er wollte seiner Mutter erzählen, was er hinter dem Türchen entdeckt hatte. Außerdem wollte er ihren Bauch begutachten. Er war in letzter Zeit immer dicker geworden, und als er befürchtete, seine Mutter könne platzen, denn das sagten alle Kinder, daß dies möglich sei, da fragte er sie, nein, es sei nur ein Brüderchen, welches sich dort im Bauch versteckte.

Nur ein Brüderchen. Und dann soll er auch noch von einem Storch gekommen sein. Wie werde der wohl aussehen. Er wollte es sich lieber nicht vorstellen. Jedenfalls tat sein Vater bereits die ganzen letzten Tage so wehleidig, wahrscheinlich mußte er auch daran denken, wie ein Kind aussehen muß, welches von einem Storch gebracht wird.

Der Bauch war tatsächlich wieder dicker geworden. Seine Mutter konnte sich nicht mehr zwischen Tisch und Sitzbank der Eßecke zwängen, welche in der Küche stand. Sie saß jetzt auf seinem Platz, er mußte durchrücken.

"Was war denn heute hinter dem Türchen?" Seine Mutter fragte interessiert.

"Eine Prinzessin, die mit den langen Haaren.", antwortete er, während er sich eine Marmeladenstulle schmierte. Das mußte er jetzt schon seit einigen Tagen selbst tun. Seine Mutter hatte ihn dazu gedrängt. Er fand Stullenschmieren langweilig, aber er versuchte es dennoch einigermaßen hinzubekommen. Erst Stulle, dann Butter, dann Marmelade. Man kann es auch andersherum machen, erst Marmelade, dann Butter, dann Stulle, dazu braucht man aber einen Teller und die Mutter darf nicht neben einem sitzen, so viel zum Stullenschmieren.

Gestern hatte sie ihm gebeten, doch einen Wunschzettel zu malen, damit der Weihnachtsmann weiß, was er ihm bringen soll. "Wer ist der Weihnachtsmann", hatte er gefragt, worauf die Mutter lächelte, sich den Bauch hielt. "Du weißt nicht, wer der Weihnachtsmann ist?". "Doch, aber wer ist er wirklich." "Er ist wirklich der Weihnachtsmann."

Er hatte den Wunschzettel noch nicht gemalt, er hatte ja noch zehn Tage Zeit. Was sollte er sich wünschen? Er schaute auf den Bauch seiner Mutter. Wie dick doch so ein Bauch werden kann, er schaute verwundert, bevor er sich umziehen ging, er würde sich ganz allein anziehen müssen, das ist anstrengend genug und die erste Last des nahenden Erwachsenenwerdens, welche ihm jetzt schon zur Last wurde. Auf dem Tisch lag der leere Zettel, daneben eine Menge Buntstifte, er malte eine fünfzehn auf das Blatt Papier.



Sechszehn

Acht Tage bis Weihnachten. Marion war mit Allerlei beschäftigt. Oft war das Allerlei einfach nur Essen. Sie gab stets dem dicken Bauch schuld, aber, sie nutzte den Umstand nur zu gern aus, jetzt in der Weihnachtszeit, daß sie für zwei essen müsse. Und so aß sie nicht nur für zwei, sondern auch für den Speck an Hüfte, Po und Schenkel gleich mit.

Sie fand sich nicht zu dick, warum auch, hochschwangere Mütter sind sowieso dick und das ist von der Natur, der Evolution und von wem auch sonst noch so vorgesehen, beruhigte sie sich, während sie vor dem Spiegel stand und die feinen Risse an der Oberfläche ihrer Haut am Bauche zählte. Ja ja, bei Stefan war das nicht so, er kam unerwartet, sie hatte, konnte sich noch nicht einmal mit dem beliebten Allerlei beschäftigen, selbst das Atmen lernte sie kaum, geschweige denn die nötige Gymnastik und das Rückentraining.

Ach ja, sie mußte sich waschen, anziehen und zu Karstadt, Geschenke kaufen, wenn nicht dort, dann beim Kaufhof oder, egal, irgend wo würde es schon etwas geben. Wo hatte der Junge bloß seinen Wunschzettel, sie schaute in seinem Kinderzimmer nach. Auf dem Tisch fand sie einen Zettel, auf ihm stand eine Fünfzehn und gleich daneben eine Sechszehn. Sie japste. "Mein Gott, der Junge kann Zahlen schreiben. Und das mit gerade mal 5 Jahren."

Ja ja ja, er ist eben intelligent, versuchte sie sich zu beruhigen. Sie würde ihm ein Lexikon, nein, einen Computer und, ja was schenkt man einem intelligenten Jungen? Ratlos ging sie zur Küche. Er würde, aber das sofort, zur Begabtenprüfung gehen müssen. Sie hatte es ja schon immer gewußt, ihr Junge ist etwas Besonderes. Schnell schmierte sie sich ein Brötchen, strich großzügig Butter drauf, dazu Marmelade, dazu Käse, "Iiee---gitt!", entfuhr es ihr, sie kostete aber, doch, es schmeckte, Frischkäse mit Marmelade auf Brötchen, warum nicht.

"Was also zuerst, Marion?, fragte sie sich, während sie die zweite Hälfte des Brötchens dick mit Leberwurst bestrich. Computer, Begabtentest oder Einschulung, bereits im Januar, zudem Förderklasse der Universität, sie hatte doch so etwas gelesen, erst gestern. Sie suchte die alten Zeitungen durch, fand den Artikel, ja, Mist, dachte, sie, erst ab 14 Jahren, und davor? Soll er davor dumm bleiben?

Ein schlaues Kind ist ja kein Weltuntergang, aber sie würde umdenken müssen, alles anders machen müssen, er sollte die bestmögliche Erziehung bekommen, überhaupt, fünf Sprachen, und nebenbei der Förderkurs in Mathematik. Hatte er wirklich selbst die Zahlen geschrieben, oder war es Jörg, ihr Gatte, der sich einen Spaß erlaubte. Lehrer, dazu Mathelehrer, sind zu allem Unsinn fähig. Das muß an den Zahlen liegen, wenn sie einem nicht zum Wahnsinn treiben sollen, dann muß man schon immer ein Stück wahnsinnig gewesen sein.

Sie schaute nochmals den Wunschzettel, nein, das konnte nicht Jörgs Schrift sein, viel zu sauber, beinahe gemalt, so kann der gar nicht schreiben, dachte sie erleichtert. Ach ja, Karstadt, sie könnte ja erst einmal das Hemd für Jörg kaufen gehen, danach würde sie weiter sehen.



Siebzehn

Sieben Tage bis Weihnachten. Er schaute in seinen Kalender, ein kleines rotfarbenes Büchlein, welches bereits recht abgegriffen war und vergewisserte sich, wie viele Tage ihm noch bis zum Weihnachtsfest blieben. Sieben Tage, er hoffte, richtig gerechnet zu haben, denn nichts schlimmer, als daß sich ein Mathelehrer verrechnet, aber das soll vorkommen, womöglich sogar vor dreißig Schülern. Indes, im Gymnasium durfte auch er mit dem Taschenrechner rechnen, und mit den Lösungswegen und den Kurvendiskussionen, gut, da befand er sich zu Hause, sozusagen in seinem eigenen Haus, da er kannte er jeden Weg, da fehlerte er kaum, und wenn er einmal einen falschen Weg ging, wer sollte es bemerken, der Klassenprimus? Gut, deshalb haßte er den Klassenpriumus, jedenfalls ein wenig, und, es gab in jeder Klasse mindestens einen Klassenprimus, sie waren durch Erziehung einfach nicht kleinzukriegen.

Bald sollten Ferien sein. Aber was heißt schon Ferien, seine Frau wollte entbinden, gut, da mußte sie selbst durch, sie wollte ja unbedingt ein zweites Kind. Ein Einzelkind fände sie nicht schön, meinte sie, deshalb nun das Zweitelkind. Bereits seit Tagen wollte sie den rechten Namen von ihm wissen. Ihm war es egal, sollte er doch Weihnachtsmann oder Christkind oder Otto heißen, egal, Hauptsache das Baby würde gesund sein.

Er schloß das Klassenzimmer hinter sich. Er hatte noch ein paar Arbeiten korrigiert, das tat er immer im Klassenraum, zu Hause würde er dafür sowieso keine Ruhe finden, auch war er dadurch für seine Schüler auch am Nachmittag, wenigsten ein Mal in der Woche, ansprechbar. Denn er korrigierte immer einmal in der Woche alle Arbeiten, das fand er gut so. Und er war bereits deshalb das leuchtende Vorbild für alle anderen Lehrer, sagte jedenfalls die Chefin des Gymnasiums.

Ha, Marion meinte, Stefan, sein Sohn, sei ein kleines Genie, er könne jetzt schon Zahlen schreiben. Und wie sie das sagte, so ehrfurchstvoll, als wenn das etwas Besonderes sei. Dabei hatte er als Kind bereits mit fünf Jahren bis fünf zählen können, erwiderte er seiner Frau. Sie schaute etwas verblüfft, gut, er war deshalb kein Genie geworden, aber wer mag schon Genies, oder einen Klassenprimus, noch nicht einmal der Lehrer mag einen Klassenprimus, und das wußte er aus Erfahrung. Sein Sohn sollte lieber mittelschlau sein, das Abitur heißt ja auch mittlere Reife, das legen die Mittelschlauen am besten ab, dann das Studium, Bachelor, das gezielte Studium für Mittelschlaue. Und nachher wäre er ein Vertreter der Mittelschicht. Er würde kein Verbrecher und auch kein Opfer sein müssen, um überleben zu können. Zudem könnte er SPD und CDU gleichzeitig wählen, eben die goldene Mittelschlauenmitte.

Er solle für Stefan einen Computer kaufen, meinte Marion, dazu ein paar Lernprogramme, und, ganz wichtig, ein Lexikon für Kinder. Soll er doch in den Brockhaus gucken, meinte er daraufhin, nein, Marion bestand auf ein Lexikon für Kinder. Jörg ging gerade an seinem Lieblingsbuchladen vorbei. Entschloß sich dann doch in das Geschäft zu gehen. Er sagte, er bräuchte für seinen Sohn ein Buch. "Für den Stefan?, fragte die Verkäuferin. Sie kannte seinen Sohn sogar mit dem Vornamen. Er versuchte nicht zu staunen, sonst würde er womöglich einen Euro mehr zahlen müssen . "Der Stefan schleicht immer um die Märchenbücher herum.", sagte sie lächelnd. "Er ist doch erst fünf, er kann doch noch gar nicht lesen.!", antwortete er nun doch etwas erstaunt.

"Doch er könne lesen.", meinte die Verkäuferin mit einem Augenzwinkern, "Jedenfalls liest er immer ganz leise die Überschriften, haben sie das noch gar nicht bemerkt?". "Zeigen sie mir lieber ein paar hübsche Bilderbücher. ", antwortete er leicht genervt, ein Genie hatte es in seiner Familie schließlich noch nie gegeben. Man stelle sich vor, alle Kinder würden selbst lesen lernen! Wie asozial, sollen die Grundschullehrer etwa arbeitslos werden?

Gut, das dachte er sich nur. Er nahm dann doch den Brachtband von Grimms Märchen mit. Dort waren neben der vielen Schrift wenigsten ein paar Bilder mit enthalten, wenn er doch nicht lesen kann, dann soll er sich wenigstens die Bilder anschauen können. Vorlesen, das Vorlesen wäre dann Marions Angelegenheit. Strafe muß sein. Gut, außer wenn der Neue gewindelt werden muß, dann würde er vorlesen. Draußen, vor dem Geschäft hatte es zu schneien begonnen. Er haßte Schnee, man konnte ihn nicht berechnen, er war einfach unberechenbar.



Achtzehn

Sechs Tage bis Weihnachten. Sie saßen in der Küche beim gemeinsamen Frühstück. Die Küche war so gut wie eine Wohnküche, eine Küche zum Kochen und Speisen, also zum Leben, in der sie saßen. Draußen war es noch dunkel, der frühe Morgen kannte vor Weihnachten seltsamer Weise kein rechtes Licht. Marion hatte eine Kerze angezündet, wegen der Festlichkeit, Jörg versuchte derweil die Tageszeitung zu lesen und Stefan spielte mit dem Essen. Er hatte wohl keinen Hunger mehr, nun nahm er das Weißbrot, entfernte den Teig von der Rinde und drückte diesen solange in seiner Hand, bis er wie Knete wurde, dann verformte er ihn zu einer Schlange, einem Hund oder auch nur zu einer Kugel.

"Stefan, muß das sein?", fragte Marion, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. "Was wünschst du dir eigentlich vom Weihnachtsmann, hole doch mal deinen Wunschzettel.", forderte sie Stefan zum Reden und Bewegen auf.

Er war ein Morgenmuffel, wie sein Vater. Morgens bloß nicht reden. Höchstens "Guten Morgen" sagte er und Marion mußte dies erdulden, denn gegen seine Natur soll man niemanden zum Reden zwingen. Alles andere wäre doch Folter, jedenfalls irgend wie, dachte sie sich, und fand das abscheulich, lieber ertrug sie die schweigende Gesellschaft ihrer Männer und hoffte, daß der familiäre Neuzugang, das Zweitelkind, mehr nach ihr kommen würde, ja, dann könnten sie den ganzen Morgen zusammen schwatzen, während die beiden Griesgrame mit leeren Augen vor sich hingucken würden.

Stefan brachte seinen Wunschzettel. Neben der Sechszehn hatte er jetzt auch noch die Siebzehn und die Achtzehn geschrieben. "Kind, willst du Zahlen geschenkt bekommen?", Marion lächelte. Stefan sagte nichts, ging einfach nochmals zu seinem Zimmer und kam mit dem Adventskalender wieder. Er zeigte auf die Türchen mit der 18, der 17 und der 16.

"Eine Prinzessin, einen Traktor und einen großen Schlitten willst du geschenkt haben?" "Ja, " antwortete Stefan, "mit der Prinzessin hat es aber noch Zeit, ich habe mich schon erkundigt, der Storch kommt erst im Frühjahr wieder."

Hinter der Zeitung begann es zu rascheln, Jörg versuchte nicht zu lachen. Marion gab sich auch alle Mühe, aber umsonst, sie lachten und Stefan fand das gar nicht komisch, er rannte hinaus, zu seinem Zimmer, dann kam er mit einem Tierbuch zurück. "Hier steht es doch, " schrie er beinahe.

Ja, da stand es wirklich. Ihr Junge konnte lesen. Jörg wollte es lieber nicht glauben, aber so war es. Ein Wunder war geschehen. Jörg versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, daß ein Wunder geschehen war, er fragte lieber, was für einen Traktor er denn haben wolle. Denn der Wunsch nach einem Traktor, das war doch die Normalität.

"Einen mit ABS und Servolenkung.", sagte Stefan sofort. Jörg versuchte nicht verwundert zu schauen, Marion stand lauf und ging zum Kühlschrank um in diesen unbeobachtet hineinlächeln zu können. "Papa kennst du kein ABS?, fragte Stefan, ungläubig, "Das ist, damit der Traktor immer gut bremsen kann."

"Und einen Computer willst du nicht?", fragte Marion leicht enttäuscht, denn sie wollte nun ganz unbedingt Lernspiele kaufen, ihren Jungen bereits in die dritte Klasse einschulen lassen und zudem zur Universität schicken.

"Nun laß doch den Jungen, wenn er vom Weihnachtsmann einen Traktor will, dann soll er ihn auch bekommen.", sagte Jörg.

"Stell dir vor, einen Traktor mit ADS, will der Junge", sagte Marion.

"Mama, ABS.", meinte daraufhin Stefan.

"Richtig, ABS.", erwiderte Jörg.

"Dazu kann man auch Antiblockiersystem sagen.", wußte Stefan zu berichten.

"Du sagst es.", antwortete Jörg, bevor er bemerkte, daß sich sein Sohn den Pullover mit Marmelade beschmiert hatte, mit schöner roter Marmelade. "Junge, kannst du immernoch nicht vernünftig esssen.", stellte er erleichtert fest, bevor er ihm den Pullover auszog und Marion sogleich aus dem Kinderzimmer einen sauberen holte und ihm diesen überzog. Stefan lächelte, zum ersten Mal an diesem Morgen.



Neunzehn

Fünf Tage bis Weihnachten. Marion saß in der Küche, das Radio brachte morgendliche Aufwachmusik mit dazugehörigem Aufwachgefasel, alles easy, sie hatte gestern noch einmal mit ihrer Ärztin gesprochen, das Baby würde wahrscheinlich am 26. Dezember niederkommen. So viel war sicher. Mißmutig trank sie an ihrem Kakao herum.

Treppensteigen macht keinen Spaß, besonders nicht, wenn man einen überdimensionierten Bauch vor sich herschiebt, aber Marion hatte erfahren, ein Baby könne früher als erwartet kommen, wenn es das Treppensteigen nicht besonders mag. Sie würde so gerne sofort entbinden. Heute und sofort. Dafür strampelte sie sich auf der Treppe ab, aber, es gelang ihr nicht, zwei drei Stufen zu überspringen oder wenigstens doch eine, der Bauch zu schwer, das Baby mochte nicht, und überhaupt, es liebte womöglich das Treppensteigen.

Jörg sagte bloß, sie soll sich doch den Bauch aufschlitzen lassen, Kaiserschnitt, macht doch fast jede Frau so, meinte er lakonisch und holte das Brotmesser heraus um die Lage des Schnittes anzuzeigen. Sie wollte nicht. Dann kam auch noch Stefan in die Küche, sah seinen Vater mit dem Brotmesser am Bauch hantieren, erschreckte sich. Sie hatte ihn trösten müssen, während Jörg lachend zum Bad ging, er versuchte sich wieder einmal zu rasieren, meistens gab er dann den Klingen die Schuld für die Schnittwunden, manchmal schrie er auch ohne Schuldzuweisung. Schon wieder schrie er.

"Laß nur, er schneidet sich doch jeden Morgen.", versuchte Stefan seine Mutter zu beruhigen. "Ja ja mein Kind, dein Vater rasiert sich nicht, er schneidet sich.", amüsierte sich Marion. "Papa, du bist ein Schneider.", rief Stefan, während Marion ihm eine Marmeladenstulle schmierte. Stefan aß und schaute dabei zum Bauch seiner Mutter, bis es ihr unangenehm wurde. "Was ist denn, Stefan, warum guckst du so?" "Bleibt der Bauch so, Mama dann gehe ich mit dir nicht mehr schwimmen.", stellte er klar.

Ein Ästhet ist er also auch noch, Marion stöhnte leicht. "Nein der bleibt nicht so. Als ich dich entbunden hatte, ging der Bauch doch auch zurück.", beruhigte sie ihn. "Ach so, dann kommst du also morgen mit zum Schwimmen. Papa spritzt mich immer nur nass, anstatt mit mir zu schwimmen und ich schaffe schon zwei Bahnen.", erzählte er stolz.

Sie lächelte, aber die Treppen hatten es in sich. Wenn sie es heute schaffen würde, könnte sie nächste Woche mit dem Jungen schwimmen gehen, ganz sicher, jedenfalls könnte sie vom Beckenrand aus zuschauen und Jörg entsprechend instruieren ... es kommt, es kommt, sie fühlte, wie es strampelte. Es hatte ganz offensichtlich vom Treppensteigen genug. Hinaus. Hinaus. Danach schien sein Drängen zu sein. "Mein Gott, ich habe immernoch keinen Namen für ihn, dachte Marion, während sie ihre Wohnungstür aufschloß und den Notarzt anrief.

Die Klinik hatte einen schönen Kreissaal, sie konnte ihn bereits einsehen, weil die Tür ein wenig offen stand, um so enttäuschender die Nachricht der uralt ausschauenden Hebamme, es dauere sicher noch einige Tage, der junge Arzt schloß sich diesem Urteil sofort an.

Auf dem Weg nach Hause schaute sie zur Ablenkung von diesem Desaster bei Karstadt vorbei, einen Traktor kaufen, mit ABS und Servolenkung, gibt es nicht, sagte der Verkäufer. Dann schreiben sie es doch einfach nur rauf, sagte sie, er sagte, meinetwegen, und schrieb auf dem Karton, "Inklusive ABS und Servolenkung".

Der erste Wunsch war somit erfüllt. Zufällig schaute sie dennoch bei der Computerabteilung vorbei und verliebte sich sofort in ein hübsches blaufarbenes Notebook, garantiert nicht für Kinder, dachte sie, aber sie könnte es ja für sich selbst oder für Jörg kaufen, dann würde der Junge den alten Computer bekommen, ein paar Lernspiele dazu und das wäre dann noch eine zusätzliche Überraschung. Sie überlegte, ob sie die wirklich billigen 999,- Euro ausgeben sollte, als sich das Hotel-Mama-Kind meldete. Nochmals zum Krankenhaus? nein, sie ging nach Hause, das Notebook müßte noch einen Tag auf sie warten.



Zwanzig

Vier Tage bis Weihnachten. Er haßte Weihnachten und ganz speziell Weihnachtsfeiern. Jörg versuchte gerade die guten Seiten von Weihnachten in sich wachzurütteln, um nicht die ganze Weihnachtswut mit sich herumzuschleppen, als er das Schulgebäude verließ und draußen ein paar Schneeflocken beim Fallen zum nassen Erdboden zuschaute. Es war Tauwetter, Frau Holle hatte es jedoch nicht mitbekommen.

Wenigsten würde es keine Weiße Weihnachten geben, Jörg atmete auf, während er sich zum Kindergarten seines Jungen hinnbewegte, er würde ihn heute abholen müssen, wie schon in den letzten Tagen geschehen, denn Marion meinte, sie könne nicht mehr so weite Wege, mitten in der winterlichen Kälte gehen. Nur wenn es ums Einkaufen geht, da kann sie gehen. Ein Notebook will sie kaufen, weil ihr die Farbe so gefallen hat, er soll es heute mitbringen. Er hatte schon am Vormittag vorbeigeschaut. Das Notebook hat viel zu wenig Gigabite. Den Kauf können sie sich sparen.

Aber wie sollte er es Marion erklären, Gigabite werden ihr vermutlich vollkommen egal sein. Vielleicht sagt er einfach, das Notebook war ausverkauft oder es hatte Farbfehler oder es waren nur noch welche in Rosa da. Egal, seine Filmsammlung hätte auf der Festplatte keinen Platz gefunden, er würde mindestens 1500 Euro ausgeben müssen, dazu eine ordentliche Grafikkarte und TV on Bord, und zumindest Dolby Virtual für die Phanatasyfilme, das würde er ihr sagen.

Der Schnee hatte aufgehört zur Erde hinab zu fallen. Endlich. Weihnachten könnte nun doch schön werden. Vielleicht entbindet sie ja am 25. oder 26., dann könnte das Fest richtig besinnlich werden. Sie, im Krankenhaus und er könnte dem Kleinen die neuesten Videospiele erklären. Er kann lesen! Rechnen sicherlich auch! Jörg staunte über seinen Sohn immernoch, während ihm ein Herr mit vier Kdw-Plastiktüten vom Bordstein schubste. Er hatte wohl mit den Geschenken zugleich das Recht erworben, einen Passanten morden zu dürfen, all inclusive, sozusagen.

Währenddessen hat ein Pkw-Fahrer gemeint, er müsse recht schnell durch eine große Pfütze fahren, Jörgs schwarze Jeans sahen nun ein wenig grau aus, die Lederjacke hatte auch ein wenig Schmutz abbekommen, er wischte sie mit einem Papiertaschentuch ab, keine mitleidigen Blicke der Passanten, ein vobeikommendes Mädchen lachte sogar.

Kaum im Kindergarten angekommen, nahm ihm die Kindergärtnerin, eine Blondine mit klugen runden Augen, verschwörerisch beiseite. "Ihr Sohn kann rechnen.", sagte sie flüsternd, als sei er von einer unheilbaren Krankheit betroffen, die lieber kein anderes Kind mitbekommen sollte, sonst würde keines von ihnen mit ihm spielen wollen. Jörg versuchte, nicht allzu erstaunt zu schauen, er sagte nur, er sei eben Mathelehrer, die Kindergärtnerin lächelte, "Aha!", ihr Gesicht zeigte Erleichterung, also doch keine Krankheit, nur krankhaft ehrgeizige Eltern, dachte sie, gut, das kannte sie schon.

Nachdem Jörg seinem Sohn die Schuhe zugebunden hatte, die Jacke angezogen, den Schal umgebunden, die Mütze aufgesetzt, erkundigte er sich so belanglos wie möglich, ob er rechnen könne. Stefan erwiderte bescheiden, "Ein bißchen."

Wie wehrt man nur den Anfängen, überlegte sich Jörg, sein Sohn soll schließlich normal aufwachsen. Will der Junge mit sieben Jahre rauchen, dann gibt man ihm eine Zigarre, das Problem wäre zunächst gelöst, will er aber mit fünf Jahren rechnen, was dann? "Sag mal, was ist vier mal sechs?", fragte er ihn, in der Hoffnung, er würde die Aufgabe nicht lösen können.

"Papa, was ist Mal?", fragte Stefan interessiert.

"Mal ist nur eine andere Bezeichnung für das Plusrechnen ." antwortete Jörg und erläuterte weiter, "Anstatt du Sechs plus Sechs plus Sechs plus Sechs sagst, also vier Mal das Plus, sagst du einfach vier Mal die Sechs."

Ruhe. Kein Laut, nur die Bremsen eines vorbeifahrenden Busses pupsten. Jörg freute sich. "24", piepste plötzlich Stefans Stimme. Jörg haßte sich für sein Lehrergehabe, erklär ich dem Jungen auch noch das Malnehmen, ich Depp, wie soll er nur durch die Schulzeit kommen, dachte er, während er ihm die Mütze über beide Ohren zog, was Stefan nicht mochte, wodurch es aber stets einen schönen Spaß gab.



Einundzwanzig

Drei Tage bis Weihnachten. Marion hatte soeben die schönsten Wünsche von ihrer Firma erhalten. Eine Weihnachtskarte in aschgrau. Tanja hatte unterschrieben. Darunter, "Laß dir ruhig Zeit!, wir kommen auch ohne Dich gut aus." , Blöde Kuh, Dumpfbacke, dachte Marion, dieser idiotische Hausdrachen macht sich über mich lustig, und das zu Weihnachten. Marion dachte sich in Rage. Wollte die mich nicht schon immer aus der Personalserviceagentur rausekeln? Ein Mistweib. Wenn sie es könnte, würde sie die blöde Kuh in Stücke fetzen, alle Glieder auseinander reißen und als Sondermüll zum Mond schießen.

Sie lachte. War es die Schwangerschaft, welche plötzlich solch ein Aggressionspotential in ihr wachrüttelte? Sie bastelte an den Weihnachtsplätzchen. Ja, sie bastelte, denn backen konnte man dazu nicht sagen. Aber sie hatte nun einmal jetzt die Zeit und so wollte sie Stefan und Jörg mit Plätzchen beglücken. Die ersten waren schon fertig. Naturfarben, also leicht schwarz. Sie zerriß die Weihnachtskarte während eines weiteren Tobsuchtsanfalls, "Luder", schrie sie, als Jörg neben ihr stand.

"Was riecht denn hier so ange ..!"

"Plätzchen. Plätzchen, mein Lieber, noch Fragen?"

"Ach sooo, du backst Plätzchen, lecker."

"Es sind meine ersten, sie sind wohl nicht besonders gelungen.", sagte sie, während sie zu Jörg fragend schaute, der sich alle Mühe gab, beim Kosten nicht das Gesicht zu verziehen, "Hmh, ausgezeichnet, deine Plätzchen, lecker, wirklich lecker.", gab er sein Urteil ab.

"Plätzchen, Plätzchen, lecker!", ahmte ihm sein Sohn nach. Er durfte jedoch nicht kosten, Jörg verbat es ihm, aber, Marion mochte es ihm nicht verbieten, wenn es Jörg schmeckt, warum nicht auch seinem Sohn.

"Iiiieeeh, Mama, die schmecken aber eklig.", versuchte der Junge seinem Image als Feinschmecker gerecht zu werden. Dazu spuckte er sogar den bereits gekauten Teil des Kekses aus, ab in den Müll. Marion war entsetzt, nicht über den Jungen, über sich, sie konnte nicht backen, und das war ihr noch gar nicht derart bewußt gewesen, aber jetzt wußte sie es ganz sicher, sie konnte nicht backen, und das, obwohl ihre Mutter die schönsten Gebäcke der Welt herstellte, sogar Lebkuchen, was ja heutzutage nur noch 4-Sterne-Köche selbst backen, war Marion überzeugt, gut, wenn sie nicht gerade mit dem Kalbsfilet zu sehr beschäftigt sind.

Marion warf ihre Mißgeschicke in den Müll, zudem packte sie die Backutensilien zusammen, um sie später in den Keller bringen zu können, wo sie bisher ihr Leben meistern mußten, nachdem sie diese von ihrer Mutter geschenkt bekommen hatte, als Teil der Aussteuer, wie sie immer sagte, "Kind, das wirst du alles später gebrauchen können.", meinte sie, Marion meinte es nun nicht mehr, nein, sie war sich ganz sicher, sie würde Gebäck nur noch beim Bäcker kaufen.

Kaum hatte sie alles zusammengeräumt, als Jörg mit seinem Sohn kam und Plätzchen backen wollte, sie hatten sich sogar Schürzen umgebunden. Marion tat verzweifelt, ließ es dann aber geschehen, zum Glück paßte Jörg mit den ersten Keksen auch nicht auf, sie wurden ebenfalls naturfarben. Dann jedoch, sie schmeckten. Ein Mathelehrer, der backen kann. "Hast du das Notebook nun gekauft, wollte sie wissen, während sie in einen Keks biß."

Natürlich, dachte sich Jörg, Weiber haben eben die Angewohnheit, solange zu nerven, bis sie bekommen, was sie haben wollen. "Stefan hat es ausgesucht!", sagte er, weil er das blaue nicht gekauft hatte, wegen der Gigabite eben. "Eins, mit einem ganz großen Display.", sagte Stefan, und Marion wußte nun, daß es das blaue, niedliche, kleine und doch so schöne nicht sein konnte.



Zweiundzwanzig

Zwei Tage bis Weihnachten. Stefan hatte gestern gehört, daß es keinen Weihnachtsmann gibt, ein Junge aus dem Kindergarten hatte mit seinem Wissen geprahlt, er habe es von seinem großen Bruder und die Mama habe es dann bestätigt.

Keinen Weihnachtsmann. Stefan wollte es ganz genau wissen, so schlug er das Lexikon seines Vaters auf und schaute einfach unter Weihnachtsmann nach. Ja, er stand im Verzeichnis, er las langsam, die Silben suchend "Weih nachts mann". Also gibt es ihn doch. Er war erleichtert. Wenn der Weihnachtsmann im Lexikon steht, dann muß es ihn auch geben, denn im Lexikon steht auch die Erde, und sie gibt es ja auch, dachte sich Stefan. Manch eine Logik kann bestechend und dazu einfach sein.

"Mama, warum gibt es einen Weihnachtsmann?", fragte er seine Mutter am Frühstückstisch. Marion schaute ein wenig verdutzt, sie dachte, warum fragt er nicht, ob es einen gibt, warum fragt er, warum es einen gibt. "Du stellst Fragen.", sagte sie dann auch, ihre Standardantwort, mit der sie sich stets ein wenig Zeit erkämpfte.

Draußen fuhr eine Straßenbahn vorbei, als sie eine Linkskurve nahm, quietschten ihre Räder ein wenig. Stefan schaute hinaus, er wollte das Geräusch sehen können, woher es kommt und er wollte wissen, warum es kommt. "Warum quietscht die so?, fragte er denn auch. "Weil die Metallräder an den Metallschienen reiben, und wenn sie reiben, dann quietscht es eben öfters, so als wenn du mit dem Metallöffel im Kochtopf herumkratzt."

Das kannte Stefan, er hatte erst neulich im Kochtopf gerührt und es gab dabei ein furchtbares Geräusch. "Warum gibt es den Weihnachtsmann, nur wegen der Geschenke?" "Nein, natürlich nicht.", antwortete Marion, "Warum auch, die könnten wir auch selbst kaufen. Die Warenhäuser sind voll davon."

Stefan versuchte sich eine Stulle mit Marmelade vollzuschmieren, was leidlich gelang, nur beim Essen der Stulle fiel ein wenig von ihr wieder herunter, direkt auf den Tisch, er hatte diesmal ein wenig aufgepaßt, schnell wischte er den Tisch mit dem Ärmel seines Pullovers sauber. Er wußte, daß es seine Mutter nicht mochte, wenn er kleckerte.

"Warum warum warum, Mama, gibt es den Weihnachtsmann?", fragte er nochmals. Marion schaute ein wenig entgeistert, denn so aggressiv hatte sie ihn lange nicht mehr erlebt, seine Bockphase hatte er nämlich gerade leidlich überstanden. Dennoch antwortete sie ganz ruhig, "Vielleicht, lieber Stefan, damit die Menschen an etwas glauben können, was größer ist, als sie selbst, was redlicher ist, als sie selbst, was einfach anders ist und doch auch ein wenig wie sie selbst."

Ha, sie hatte es geschafft, er überlegte. Endlich Ruhe. Sie genoß das Stille Wasser, welches sie bereits seit einigen Wochen trank, um keine allzu großen Blähungen zu bekommen, denn das in ihr wachsende Kind brauchte Platz, da war ihr nicht danach, ihr Inneres auch noch mit heiße Luft zu füllen.

"Ihn gibt es also gar nicht.", stellte Stefan ganz ruhig, fast zu ruhig fest. "Warum?", fragte Marion und erschrak sogleich. Sie fragte dem Jungen die Warum-Frage. War es schon so weit, daß der Junge das Zepter übernimmt? Oh, sie ärgerte sich.

"Warum, warum, weil wir nur an ihn glauben, nicht wahr?", sagte Stefan ein wenig hochgelehrt.

"Das habe ich gesagt? Daß wir nur an ihn glauben. Gut, trotzdem kann er doch existieren."

"Ist schon gut, Mama, er existiert in unserem Glauben an ihn, also existiert er ja.", beruhigte er seine Mutter, denn er wollte nicht, daß sie plötzlich denkt, sie müsse die von ihm gewünschten Geschenke kaufen gehen, zumal die Prinzessin ja nicht zu kaufen sein würde, diesbezüglich müßte er sowieso solange warten, bis der Storch kommt, im Frühjahr, er schaute aus dem Fenster, den Himmel, er zeigte lustige Wolken, ein wenig Blau und dazwischen, irgend wo dazwischen müßte er sein, der Weihnachtsmann.



Dreiundzwanzig

Ein Tag bis Weihnachten. Jörg schleppte einen Tannenbaum das Treppenhaus hinauf, vier Etagen, er haßte jede einzelne von ihnen, soweit man Etagen hassen kann. Marion mochte noch nicht einmal mehr die Tür öffnen, oh, das zu erwartende Kind könne sich erkälten, falls sie zur zugigen Tür liefe. Als Stefan dereinst niederkam, zickte sie nicht so blöd rum, gut, dachte Jörg ärgerlich, gut, vielleicht deshalb, weil er unerwartet kam, ein Achtmonatskind, egal, er schloß die Tür auf, bugsierte das Ungetüm ins Wohnzimmer.

Marion versuchte gerade Stefan ein Gedicht beizubringen, damit er es morgen aufsagen könne. Doch Stefan lernte nicht gerne Gedichte, er vergaß sie lieber wieder ganz schnell, sobald er sie gehört hatte, noch nicht einmal das "Lieber guter Weihnachtsmann ...", wollte er sich merken. Marion schaute ärgerlich zu Jörg.

"Meine Schuld ist es nicht.", sagte er grinsend, als ob er nicht gewußt hätte, daß er ebenso wie sein Sohn nicht gerne Gedichte lernte. Gedichte lernen kam noch vor dem Treppensteigen. Er haßte es. Ihm war es langweilig und er hatte nichts davon, gut, wer gerne mit der Kunst des Auswendiglernens angibt, der soll Gedichte lernen, aber Jörg trug sie noch nicht einmal gerne vor. Er erinnerte sich, wie er damals vor der Schulklasse stehen mußte, vor ihm hatte gerade die beste Schülerin ihren Vortrag des Gedichtes beendet. Betonen, sollte er es. Dann sollte er es fehlerfrei aufsagen und zu guter Letzt sollte er dabei lächeln.

Stefan kam zu ihm, froh, erlöst worden zu sein, von dem Gedichtegelerne. "Papa, mußtest du auch für den Weihnachtsmann ein Gedicht lernen?", fragte er und hoffte auf eine schöne Antwort. "Jörg!", rief indes eine weibliche Stimme bedrohlich. Jörg versuchte zu lächeln, "Ich mußte es nicht, aber zu mir kam ja auch der Weihnachtsmann nicht!", sagte er verschmitzt und hoffte auf Marions Zustimmung, die erleichtert aufatmete.

"Dann braucht er auch nicht zu mir kommen, blöder Weihnachtsmann. Soll er doch zu Ulla gehen, die kann drei Gedichte, auswendig, aufsagen. Und ihr macht das sogar Spaß.", entgegnete daraufhin Stefan. "Du willst keinen Traktor und keinen Schlitten geschenkt bekommen?", fragte Jörg und Marion setzte spitzfindig hinzu, "Auch keine kleine Prinzessin?" "Die Prinzessin bringt er ja gar nicht, die bringt doch der Storch!", stellte Stefan altersklug fest.

"Und der Schlitten, der Traktor?", fragte Jörg nochmals. "Genügt eine Strophe?", bat er mehr, als daß er fragte. "Zwei Geschenke, zwei Strophen.", entgegnete Jörg. Stefan ging zu seiner Mutter und fragte "Wirklich, Mama.". "Kind, du bist wirklich nicht einfach, wenn der Papa sagt, zwei Strophen müssen es mindestens sein, dann wird es wohl stimmen.

Jörg versuchte den Weihnachtsbaum aufzustellen, während Marion mit Stefan das Gedicht aufsagend wiederholte und wiederholte, zumindest zwei Strophen davon. Beinahe hätte sie es aufgegeben, Stefan verstand sich darauf, sogar innerhalb einer Zeile alle Wörter zu verdrehen, keines von ihnen blieb bei seinem Vortrag am rechten Platz stehen, als er plötzlich alles fehlerfrei aufsagte. "Was nun?", fragte sie ihn, während Stefan ein wenig grinste, denn sie schien wirklich nicht bemerkt zu haben, daß er in den aufgeschlagenen Gedichtband geschaut hatte, während seines atemberaubend fehlerfreien Vortrages. Lesen bildet machmal doch, sogar Jörg fand das plötzlich, denn er suchte die Bedienungsanleitung für den neuen Christbaumständer. Als er sie fand, mußte er lachen, sie hätte einer Rezitation Stefans entstammen können, kaum ein Wort stand an der richtigen Stelle, womöglich war sie aber auch nur Fachchinesisch verfaßt.



Vierundzwanzig

Weihnachten. Das Frohe Fest zum Jahresausklang. Das Fest der Besinnlichkeit. Das Fest der Christen und der Unchristen. Das Fest, an dem man Festtagsbraten ißt und Geschenke verschenkt. Zudem das Fest, an dem das Jesuskind geboren wurde. Lang lang ist es her. Stefan lauschte gespannt Marions Erzählung vom Christkind. Sie konnte gut vorlesen, wirklich gut. Stefan mochte es, von ihr etwas vorgelesen zu bekommen. Jörg kochte unterdessen in der Küche ein Essen zusammen. Womöglich ein Rehbraten oder Gänsekeulen oder auch nur Kartoffeln oder alles, was gemeinhin unter Sonstiges fällt, wer wußte es schon so genau, denn Jörg kochte genau nach Rezept und wenn man genau nach Rezept kocht, dann muß das Essen nicht gelingen, denn in diesem Falle ist stets das Rezept schuld, niemals der Koch.

Jörg wog und maß alles genau ab, auf Zehntelgramm, es mußte einfach gelingen. Er kochte schließlich zum ersten Mal groß auf, und als Jungkoch braucht man ein Erfolgserlebnis, unbedingt. Gegen Mittag, gut, es war so gegen 14.30 Uhr, aber Stefan und Marion hatten mehrmals tapfer versichert, sie hätten noch keinen großen Hunger, egal, es war also spät, aber noch nicht zu spät, als Jörg das Essen servierte. Zuvor hatte er das Essen zweimal weggetan, übrig blieben dann noch die Nudeln mit Tomatensoße. "Ganz lecker!", sagte Stefan, "Mein bisher schönstes Weihnachtsessen!" und er meinte, der Papa müsse jetzt immer zu Weihnachten kochen.

"Wo ist denn der Rehbraten?", fragte Marion dagegen ein wenig irritiert. "Er war nicht gut, äh, das Rezept war nicht besonders, er hat nicht geschmeckt.", antwortete Jörg, während er ihr die Nudeln auftat. "Und die Gänsekeulen?, die hattest du doch auch im Ofen?", fragte sie weiter, denn sie wollte nicht glauben, daß man sogar die Gänsekeulen verkochen kann, zumal sie diese selbst gewürzt und in die Röhre getan hatte, er mußte nur aufpassen, daß sie nicht anbrennen oder zerkochen.

"Die Gänsekeulen? Gut, die Gänsekeulen, die wollten wir doch erst morgen essen, die waren doch noch gar nicht für heute, nur, falls der Rehbraten nicht gelingt.", sagte Jörg. "Und, ist er gelungen?", entgegnete Marion spitzfindig.

Jörg antwortete nicht mehr, denn er war damit beschäftigt, sich ein Bier einzugießen. "Hmh lecker Papa!", schwärmte Stefan aufrichtig von den Kochkünsten des Vaters. Marion lobte ihn nun auch, "Doch, schmeckt doch ganz gut.", sagte sie. "Gut, nächstes Jahr wirst du ja wieder selbst kochen können.", sagte Jörg. "Zum Glück haben wir die Eltern dieses Jahr nicht eingeladen.", entgegnete Marion.

"Oma ißt auch gerne Nudeln mit Tomatensoße.", stellte Stefan zur Beruhigung aller fest. Marion mußte lachen, Jörg auch, Stefan kiecherte, während er versuchte, die halb gekauten Nudeln im Mund zu behalten.

"Mein Gott, mein Gott, ich glaub, es kommt.", sagte Marion plötzlich. Jörg telefonierte hektisch, ein Notarzt müsse kommen, womöglich eine Sturzgeburt. "Wehen?", wurde er am Telefon gefragt. Jörg war überfragt, gab dann aber auf Anraten Marions zu, daß wohl schon die ersten Wehen gekommen seien. Nun klingelte es an der Tür, der Weihnachtsmann, er war ebenfalls viel zu früh dran, aber so ist es mit den Studenten, sie kommen immer zu früh. Deshalb mußte Stefan noch nicht einmal ein Gedicht aufsagen. Er war darüber heilfroh. Was für eine Bescherung.



8. Kreuz und Quer

Kreuz und Quer

Er las in einem Buch, und fand sein Leben gut beschrieben. Es war der Duden aus dem Jahre 1975. Er, der 1976-Geborene, war verdutzt. Wie konnte der Duden bereits all das Wissen über ihn in sich vereinen, ohne daß er überhaupt gewesen war? War er es etwa, er selbst, der dereinst dieses sprachmächtigste aller Bücher verfaßt hatte?

1960, Paris, der Eifelturm stand im schönsten Licht, Nieten und Stahl hielten ihn in der Senkrechten, dazu Besucher, er schaute herauf, hoch, sehr hoch, das Leben kann steil nach oben sehen, er wußte nicht recht, was dieses Ungetüm in seinem Leben sollte, aber, es stand dort, dort, einfach so, und ES war ER, sein ich, besser hätte er sich nicht beschreiben können.

Sie schaute in die Wolken, versuchte aus ihnen zu lesen, wie aus einem Roman, verstand sie sich als Josephs Nachfolgerin? Frau Joseph oder auch Josephine, um ihrer Weiblichkeit besser Ausdruck zu verleihen, Brüste, Scham und Haar, Schritt und Achselhaare, gespreizter Mund. Sie suchte, dort oben, ihr Leben, versuchte zu ergründen, was es soll, das Leben, ihr Leben. Die Wolken erzählten viel, vom Glück des Lebens, auch.

In der Bar war es verraucht, früher war es so, heute war es wie in einem Lungenheilsanatorium. Alle Menschen werden heutzutage zwangsweise von ihren Lungenleiden geheilt, Zwangsheilung als neues Massenphänomen. Nichts deutete darauf hin, daß dieser Abend ein besonderer werden sollte, er war auch nicht besonders. Die Klimaanlage saugte die Gerüche der Menschen hinweg. Achtung, ihr Geruch kann tödlich sein, stand auf einer Flasche Parfum, als Werbegag? Sie stand dort, still in einem Regal, neben anderen Kuriositäten.

Josephine liebte Joseph, sie kam aber nicht in seinem Duden der für ihn möglichen Worte vor. Sie lebte nur am Rande, womöglich als Querverweis zwischen Joseph und Moses, womöglich. Sie versuchte ihm seine Liebe einzugestehen, indes, er wollte sie nicht eingestanden wissen, er gab ihr lieber ein Wurstbrot aus, in der Bar, die "Auf der Tanke" hieß, gleich nebenan, dort, wo er wohnte, in einem Haus aus Stein, neben all den anderen Häusern, aber er war glücklich, glücklicher, als die anderen, denn er fand sich erwähnt, im Buch der Bücher.

Worauf es im Leben ankommt? Vielleicht darauf, daß man im Leben ankommt. Ingo gesellte sich zu Joseph und Josephine in "Auf der Tanke". Sie aßen gerade Wurstbrote. Ingo kam aus Paris, dort ißt man keine Wurstbrote, dort ißt man Kaviar oder Baguette, dazu schaut man dem Eifelturm beim Langzeitherumstehen zu. Er hat es seit der Weltausstellung recht lange auf Erden ausgehalten. Ingo erzählte davon, die anderen lachten, denn sie konnten sich nicht vorstellen, daß sich ein Mensch wirklich über den Eifelturm Gedanken machen könnte, über Stahl und Nieten, die in der Senkrechten herumstehen.

Als sie sich mehrere Jahre kannten, gingen sie auseinander. Es war ein fast wolkenloser Tag, blau und einzigartig, denn jeder Tag ist einzigartig. Noch einmal trafen sie sich, es war aber nicht, wie beim ersten Mal, denn sie zehrten nur noch vom Alten. Geschichten wurden ausgekramt, die Tanke war nicht mehr und überhaupt, sie lebten. Jahre später erschien wieder ein Duden, die Wolken zogen dahin, der Eifelturm hielt tapfer wacht, es war ein ausgezeichnetes Jahr, ein Winzerjahr und ein Jahr der guten Tannenzapfen.



Verkehrte Welt

Er suchte bereits den ganzen Morgen. Schritte führten ihn durch die kleine Stadt. Große, lange und kleine Schritte, abwartend und fordernd, Raum gewinnend, verlierend, Schritte, er versuchte das Gehen zu ergründen und suchte dabei das Gehen zu gehen, einen Weg zu finden, an dessem Ende das Gefundene sein sollte.

Schnitzeljagd. Das kannte er von seiner Jugend. Darin war er gut. Im Deuten der Zeichen. Die Sonne leuchtete ihm ins Genick, er lief von Ost nach West, die Richtung aller Sonnen, nun seine Richtung, er verlor sein Sehen, er sah seinen Schatten, einen langen, übermannslangen Schatten, auf den vor ihm liegenden Steinen. Ein Bild des Grauens, lang, kaum noch als er selbst zu erkennen, in die Länge verzerrt, dazu grau, endlos grau, grauer Schatten auf grauem Stein.

Morgens war er aufgestanden, mit dem ersten Sonnenstrahl und schon war er suchend. Etwas trieb ihn an, fort. Er hatte eigentlich gut geschlafen, soviel er davon, von seinem Schlaf mitbekam. Gut, etwas Rohes, Schwarzes war da kurzzeitig über ihn gewesen, eine Bedrohung, etwas Bedrohliches, aber der Schlaf nahm ihn mit sich fort. Und er träumte weiter, der Schlaf hat viele Brüder.

Die Schuhe paßten nicht recht. Auch der Anzug nicht, der Schlips, zu weit, das Hemd zu kalt, und die Hose zu leicht, das Schuhwerk kein Schuhwerk, bloße Verhüllung. Aber, wer im Suchen ist, dem stört dies alles nicht, nur die bei sich sind, denen kann es stören, ihm nicht, er war nicht bei sich, er war suchend.

Türen öffneten sich, als hätten sie niemals verschlossen dagestanden, als wären sie Öffnungen, sonst nichts. Er versuchte etwas schneller zu gehen, fand aber nicht das rechte Tempo. Er suchte das richtige Tempo zu finden. Spaziergangstempo. Ein Tempo, das einen noch Denken läßt, das einem nicht überfällt, nicht rastlos macht.

Der Morgen hatte eine beruhigende Stille. Die Menschen schliefen in ihren Betten auf ihren Matratzen, umhüllt von Decken und ihren Geistern, Wärme, und Träume. Die Autos standen in ihren Parkbuchten. Kein Geräusch kam von ihnen, selbst der Wind hielt inne. Täuschung. Er fühlte plötzlich diese Täuschung. Alles lebt doch, schrie er. Alles lebt. Er hörte sich nicht. Nichts hörte ihn. Alles war tot um ihn. Eigenartige Stille. Friedhofsstille.

Eine Laterne flackerte, er horchte, wollte sie flackern hören und hörte sie flackern, denn er wollte sie flackern hören. Seine Schritte zogen ihn fort, durch die Stadt, vorbei an einzelnen Geschäften, der Ladenpassage, Kaufhaus und Kleidertonne, dazu das grelle Licht des Tagesbeginns. Die Sonne hatte sich ein Stück weit höher geschlichen. Im Schneckengang ging sie dahin, aber sie ging dahin, unübersehbar.

Er kam an einem Friedof vorbei, schaute, er schaute gern Friedhöfe. Gräber um Gräber, sorgsam gepflegt, von den Zurückgebliebenen, der Stadtbahn-Schaffner grölte "Zurückbleiben", als er das letzte Mal in Berlin war, er sprang noch schnell hienein, in den gerade anfahrenden Zug, die Türen schlossen sich, er war erleichtert. Die Zurückgebliebenen schauten entsetzt. Er schaute auch und fand nun, seine Schritte verhallten im Morgenlicht, die Sonne schien ihm plötzlich im Westen, verkehrte Welt, er versuchte zu lächeln.



Richtige Welt

Das Leben ging fort mit ihm. Ein paar bewegte Straßen lief er neben sich her, beobachtete sich und dachte, wie gut, daß das Leben mich lebt. Wie wäre es, wenn der Tod mir näher stünde als das Leben. Er lachte. Seine Faltenhose lachte mit, das Regenbluson und auch der Hut. Er war eine Witzfigur. Das erheiterte ihn besonders, und er versuchte durch seine Sandalen das Leben zu fühlen. Barfuß steckte er in diesen, die Füße leicht grau, ja, dreckig, mit dem Dreck der Straße behaftet.

Die Stadt ist ein Gebilde besonderer Art. Es mag ein Tier sein. Es mag auch Stein, Glas und Stahl sein, feste Straßen, Flure, Korridore in sich einfrierend. Es mag auch er selbst sein. Gestern war er noch tod, heute lebte er wieder. Wie sich der Tod bei ihm ausnahm? Er lebte. Ja, der Tod war ihm, als lebte er. Denn das Leben ist nichts anderes. Nichts anderes. Er grübelte mit feinsinnigem Gesicht, als er sich auf eine Parkbank setzte und dem Himmel beim Grübeln zuschaute.

Hey, das ist meine Geschichte. Sagte er. Nicht zu sich, nein, zu dem, was oben sein mag. Er versuchte sich zu erdichten. Wie stirbt es sich beim Leben? Wie wirkt es, auf mich, fragte er sich, während er längst wußte, daß er abseits davon stand. Längst einen Schritt weiter gegangen war. Nicht mehr das Leben als Sterbekissen nahm, nein, er wollte neben dem Leben stehen und dadurch leben. Ein Aussteiger sein.

Aussteiger! Er lachte, bis eine alte Dame zu ihm schaute, dann grimassierte er nur noch, versuchte verschmitzt zu lächeln, so gut es ihm ging. Aussteiger, das längst so abgenutzte Wort. Romantik pur und alles andere auch noch gleich mit dazu, alles andere, was gerade das Andere auszumachen hätte. Darüber gab es genug Literatur, er würde ein Teil dieser Literatur werden. Ein Rollenbild. Womöglich würde man ihn auf den modernen Jahrmärkten dieser Zeit, den Fernsehtalkshows herumreichen, als Beispiel eines Aussteigers. Er würde aber kein Buch mit sich führen, er würde selbst das Buch sein.

Ihm kotzte. Nein, er wollte weder ein Buch sein noch ein Beispiel für einen Aussteiger, er wollte nur neben dem Leben leben, er wollte anders sein, und er wollte sein. Die Sonne, machte den Himmel noch blauer als gewöhnlich, ein Blaumacher, die Sonne.

Er würde zurück zum Hotel müssen. Heute Abend war ein Abschiedsessen, Galadinner, so war es im Reiseprojekt angekündigt. Morgen würde ihn die TUI zurück bringen, der Ferienflieger für die Mittelklassse, Frau und Kinder warteten bereits im Hotel. Warteten sie? Oder erwartete er von ihnen, daß sie warteten?

Das Bier schmeckte nicht mehr, welches er am Kiosk gekauft hatte, aber er versuchte weiter fröhlich zu sein. Nicht jeder kann ein König sein, aber zumindest kann jeder das Pflichtbewußtsein eines Königs haben, versuchte er, eine Weisheit für sich zu finden. Er lachte, ein weiterer Versuch, ein Krächzen nur, die alte Dame lächelte jetzt, eine Aufmunterung?



Weltraum

Das Bett stellt ein Gestell dar, welches mit einer Matratze belegt ist, darüber Laken, Bettzeug und ein Mensch, zwei Menschen, drei Menschen wären recht ungewöhnlich, sie versuchte sich auszumalen, wie zehn Menschen auf der, doch recht schmalen Matratze liegen würden. Sehr beengt. Aber es könnte ein Spaß sein. Ein raumloser Spaß. Ein Spaß, der durch seine Raumlosigkeit entstehen könnte.

Sie war krank. Sie lag bereits mehrere Tage in ihrem Bett. Die Krankheit kannte sie noch nicht. Sie dachte, es könnte eine Art von diesen Krankheiten sein, die einen befallen können, wenn der eigene Körper zu sehr über sich nachdenkt.

Vor drei Tagen war es. Sie fühlte sich eigentlich gut, aber sie blieb einfach im Bett liegen. Zuerst dachte sie, es würde doch bald jemand anrufen. Von der Arbeit, sie arbeitete als Telefonistin. Aber, es rief keiner an. Dann dachte sie, Freunde würden anrufen, aber es rief keiner an, dann es war schon Abend, sie konnte es genau durch die geschlossenen Gardinen beobachten, denn Abends kam durch sie kein einziger Lichtstrahl hindurch, sie dichteten das Schlafzimmer dann von der Welt da draußen ab, ja, es war also Abend, als das Telefon unvermittelt klingelte. Während sie überlegte, wer ausgerechnet an diesem Abend, wo sie doch krank darniederlag, anrief, läutete das Telefon nicht mehr, es hatte ausgeläutet.

Die Tage gingen daraufhin dahin, während sie überlegte, worin ihre Krankheit bestehen könnte, alles kreiste nur noch um das eine Thema. Mal wünschte sie sich den Krebs herbei, dann doch lieber nur die Zuckerkrankheit oder bloß Karies. Aber, sie war sich sicher, irgend eine schwerwiegende Krankheit war in sie gedrungen, sie durfte diese nicht lax beiseite schieben, sie würde sie bis zum Ende hin kurieren müssen.

Vom Bett aus vermochte sie fabelhaft den Fernseher bedienen, auch das Radio, und Hunger hatte sie nicht, schon von drei Tagen hatte sie vorsorglich einige Flaschen Mineralwasser, ohne Kohlensäure, also ganz stilles Wasser neben das Bett gestellt, noch blieben sie unangerührt.

Womöglich hatte sie die Krankheit vorhergesehen. Dann, eines Morgens war die Krankheit unversehens erschienen. Nichtsahnend wurde sie wach, schon war sie da, überfiel sie, legte alles in ihr lahm,. ließ sie denken und denken, Gedanken verrenken, alles auf den einen einzigen Punkt lenken, der sie im Bett fesselnd machte.

Eigentlich sollte man meinen, der Kranken wäre dieser winzige Raum, kaum zwanzig Quadratmeter faßte das Schlafzimmer, ins Wohnzimmer wollte sie nicht umziehen, schließlich war sie karnk, also, man sollte meinen, dieser winzige Raum, ja, diese Reduzierung allein auf das Bett, welches sie zudem mit Bettdecke und Kopfkissen teilen mußte, würde sie einengen, nein, sie fühlte Weite um Weite, unendliche Weite um sich. Womöglich hatte sie die ausufernde Weitenkrankheit.

Sie schaute im Lexikon nach, entschloß sich denn doch, ihren Laptop zu holen, hielt im Internet nach Krankheiten Ausschau, nichts fand sie, was gut zu ihr passen würde. Jeden Menschen die passende Krankheit. Mehr verlangte sie eigentlich nicht, aber selbst dieses Menschenrecht würde sie sich erkämpfen müssen, dachte sie, als sie sich aus diesem winzigen Raum befreite, plötzlich alles sah, alles, alles.



Erdraum

Ihm juckte das Leben. Heraus gehen, Natur sehen, reimte er für sich, während er versuchte, sein faustisches Leben hinter sich zu lassen. Nicht, daß er studiert hätte, wie dereinst der Faust, noch wollte er die Welt ergründen, damit gab er sich lieber nicht ab, für wen sollte er sie schon ergründen? Die Welt verlangt nicht danach, nach Ergründung, die Welt verlangt nach Leben, mehr nicht.

Er wollte kein Wissen erwerben, er wollte nur leben, so wie man in einer Wohnung leben kann. Er versuchte die Wohnung, also das Fernsehen zu seinem Lebensmittelpunkt zu machen. Das Fernsehen war aber mehr Störenfried als Ruhegeber, es war nicht banal genug, es war zu ambitioniert, aber doch Fernsehen.

Das echte Fernsehen ist mit dem Testbild verschwunden, lamentierte er bereits nach drei Tagen Dauersehen. Allein das Testbild ist banal genug, um durch das Fernsehen nicht umgebracht, abgetötet werden zu können, eine Meditationsvorgabe, lediglich ein Piepen ertönt, die Programmkennzeichnung dämmert vor sich hin und die Uhrzeit erscheint, Datum, vielleicht. Man bleibt in der Zeit, wenn man aus ihr hinaus schaut.

Das wäre sein Leben gewesen, Testbildschauer. Er ärgerte sich insgeheim, daß er das Testbild, als es noch wohlfeil nächtelang und manchmal sogar am Vormittag herumflimmerte, nicht auf ein Video aufgenommen hatte. Nein, so war sein Fernsehleben bereits nach drei Tagen vorbei, das Fernsehen wurde zum Störenfried, wäre es sein Freund gewesen, er hätte sich von ihm getrennt, Scheidung, womöglich sogar Meuchelmord inbegriffen, er hätte sich ja seine eigene Zeit zurück erobert.

Der Tag begann mit einem matten Licht, er durchbrach seinen Dreitagesaussetzer, beinahe wäre er dran gestorben, so fühlte er sich, nun ging er hinaus, nackend, nein, nicht richtig nackend, nur eben total leer, von innen her einfach leer, leergesehen, fast totgesehen, nichts war mehr in ihm, außer der Blick nach vorn, zur Mattscheibe, genau so muß sich ein Kranker anfühlen, sagte er sich.

Er feierte das Leben, versuchte freundlich zu schauen, versuchte Jedermann zu grüßen, ohne daß sogleich der Irrenarzt bestellt würde, diskret grüßen, nur mit den Augen, er lernte es, manchmal kam ein Gruß zurück, er nannte es dann flirten, wenn es auf eine Frau traf, ansonsten ein Hallo.

Der Park trieb Blätter aus, der Frühling, er schaute ein wenig zu den sich aufbrechenden Knospen, Frühling im Februar, das Leben will es eben, ach, er versuchte nicht zu denken, denn das Leben verträgt kein Denken, am besten lebt es sich nichtdenkend, das ist zwar mit Arbeit verbunden, aber diese Art von Arbeit ist nichts anderes, als das Leben selbst.

Der Mensch verbringt die meiste Zeit seines Lebens damit, nicht denken zu müssen, denn das Denken ist nicht besonders komfortabel, und so versuchte er nicht zu denken, er versuchte zu leben, und er lebte, denn er dachte daran, nicht zu denken, er lenkte sich ab, vom Denken, schaute zum Himmel, und zur Erde, und war eins, mit dem Erdraum, er war Erdraum.



Lebensverlängerung

Sie hatte ein gutes Gefühl. So etwas wie das Lieblingsessen, den ersten Kuss, das Wissen um das Geliebtsein, und sie fuhr dabei wie mit dem Auto, sich zuschauend, schauend, was mit einem geschieht, und mit dem Alles, als wenn dieses Alles leicht zu verstehen wäre, so leicht, wie ein Blatt Papier anzuheben ist, mit zwei Fingern, mehr braucht es dazu nicht, ein Atemstoß, ein Wort, ja, auch ein Wort kann Papier erheben.

Ein gutes Gefühl zu haben. Wann hatte sie das letzte Mal ein gutes Gefühl gehabt? Sie wollte nicht allzu lange darüber nachdenken, aber es mußte eine ganze Zeit zurück liegen, dieses Haben des guten Gefühls. Eine ganze Zeit lang. Mein Gott, dachte sie verdutzt, wann war es denn nun, das letzte Mal? Am letzten Sex konnte sie sich genau erinnern, war nicht berauschend, aber zumindest angenehm, er roch recht gut nach Minze, ein Körper im Minzgeruch, recht gut, roch er. Auch den Kauf des letzten Möbelstücks konnte sie sich erinnern, ein Schrank, was heißt ein Schrank, ein Schränkchen, aber er paßte genau in die Ecke, die zuvor leer war, ein besonderes Gut, war ihr deshalb dieser Schrank, gewissermaßen deshalb ein Leergut.

An den letzten Urlaub mochte sie sich auch erinnern, recht fröhlich war der, was sicherlich daran lag, daß ihr damaliger Freund so griesgrämig war und sie ihm diese Griesgrämigkeit richtig gönnte, weil sie ihn damals schon nicht mehr mochte. Mit einem Freund, den man nicht mehr mag, in den Urlaub fahren, so etwas kann nur ihr passieren, sie hatte sich aber prächtig amüsiert, wenigstens das, und das kann wohl auch nur ihr passieren.

Ein gutes Gefühl zu haben, ein richtig gutes Gefühl, sie mochte sich daran nicht erinnern, ja, die Plätzchen ihrer Mutter, der Bart ihres Vaters, das Bett daheim und die Spielwiese vor dem Haus, hat sie geliebt, Gefühle hatte sie damals sicher gehabt, auch richtig gute Gefühle, bei denen man "wow "sagt, das ist es, warum ich lebe, sagte sie sich, so ein richtig gutes Gefühl, das einem anhebt, heraus hebt, zum Himmel befördert. Ein Orgasmus soll dazu auch taugen, wird gesagt, sagte sie sich, sie empfand ihn nur immer wie Arbeit, eine Belohnung für Arbeit, wie das volle Konto und das Haus und die sich wachsende Zahl an Schuhen, weswegen der Schrank so wichtig wurde.

Während sie das überlegte, wurde sie gerade abgeholt, ihr war das vollkommen egal, dieses Abholen, das hätte sie nicht gedacht, dachte sie, daß ihr das einmal so egal sein würde. Ein richtig gutes Gefühl hatte sie und alles erschien in einem hellen Licht, ein Gefühlslicht, sie sagte nur, ja, ständig ja, ja ja ja ja ja, das sollte also ihre Leben verlängern, dieses gute Gefühl, ja ja ja ja ja ja und nochmals ja, jauchzte sie, und sah, wie die Zeit stehen blieb, sah, wie sich alles bewegte, alles im Unbewegtem bewegte, sah, und lebte.



Lebensverkürzung

Das Grab war dunkel und stickig. Gutgelaunt ging er hinaus. Ja, so muß es sich anfühlen, das Begrabensein. Ein langer Weg und ein kurzer Schritt, das Traumgebilde gab nach und er erwachte. Ganz ohne Schweiß. Er wunderte sich. Bei solch einem Traum hätte er einfach schwitzen müssen, das gehört dazu, aber nichts, dafür war die Hose angeschwollen, ein komischer Zufall, von der Biologie gezeugt, als würden Menschen immer am liebsten morgens Menschen zeugen wollen.

Der Tag hatte gut begonnen, das Leben ließ ihn nicht mehr los, der Traum verschwunden. Er überlegte nicht lange, was hinter dem Traum stehen könnte, das ewige Leben? Nein, er dachte darüber nicht nach, während er sich eine Stulle schmierte, nebenbei noch rasierte, den Kaffee brühte und trank und aß und an sich roch, ja, er würde duschen müssen, trotz aller gebotenen Sparsamkeit.

Das Sonnenlicht hatte den Tag längst erhellt, als er fortging, drei Treppen, Türen auf jeder Etage, die bräunliche Farbe ein Ruhepol, das Linoleum glänzend, es roch nach Kacke, ein mutmaßlicher Hausbewohner hatte sich die Schuhe an einem Treppenabsatz gereinigt, Berlin.

In der S-Bahn mußte er wieder an den Traum denken, gegenüber eine Rothaarige. Recht hübsch. Helles Gesicht. Alle Rotharigen haben ein helles Gesicht oder sie sind keine wirklichen Rotharigen. Sie lächelte, er pupste, es merkte aber keiner, aber es mußte raus, ein wenig Gestank, er versuchte verzweifelt zu lächeln, sie lächelte auch, schaute zum Boden, er schaute zum Boden, beide schauten zum Boden, und fanden nichts, der Geruch steigt immer nach oben, sagt man, im Himmel muß es ganz schön stinken, Gott kann einem deshalb Leid tun oder auch nur leidtun.

Gestern noch hatte er ein wenig an sich rumgefummelt, nichts Großartiges, das Übliche, er dachte, daß er daran nun denken mußte, müsse ein Scherz seines Hirns sein. Die Rothaarige wollte unterdessen womöglich ein paar Worte mit ihm wechseln, sie fragte nach der Uhrzeit. Komische Anmache. Aber sie hatte wirklich keine Uhr um, sie müsse zum Friedhof, meinte sie, und sie dürfe nicht zu spät kommen, sein Traum. Hatte er deshalb dieses geträumt, zur Vorbereitung dieser Begegnung.

Er gab die Zeit bekannt, sie lächelte erleichtert, ja, sie hatte noch genügend an Zeit vorrätig, zum Verfahren mit der S-Bahn. Sie stiegen zusammen aus. Er wollte noch etwas sagen, aber sie war bereits weg, drei Schritte von ihm weg. Sollte er ihr nachlaufen? Das könnet ein Mißverständnis hervorrufen, sie schreit womöglich, Hilfe, ein Anmacher! Und er würde verhaftet werden, wegen Erregung eines privaten Ärgernisses.

Nun war sie endgültig verschwunden. Hätte er ihr nicht sagen müssen, was er geträumt hatte? Ärgerlich, er hätte vermutlich ein Leben retten können, jemanden aus der Grube rausholen können, einen lebendig begrabenen Menschen, der sich dort unten fürchtet, mitten im Sarg, um ihn nur Erde und seine wunden Gedanken, sich wundernd, daß ihm eine Lebensverkürzung zukommen würde.

Er fühlte sich schlecht, dann sah er sie doch noch, am Blumenladen, einen Grabschmuck erwerbend, und er gab ihr Bescheid, über den Traum, sie sagte nur langsam und ruhig "Urne", gut, dann war es zu spät, viel zu spät, sein Traum war zu spät gekommen, längst vom Leben überholt, quasi überholt ohne den Traum einzuholen. Sie gab ihm ein Kärtchen auf dem Name und Telefonnummer vermerkt waren, falls er mal wieder einen Traum habe, sie lächelte, ihm schwitzte.



Gelärm

Die Stille schrie und ihr war kalt. Sie hatte das Make Up vergessen, weißes Gesicht mit einzelnen Pickeln, verschiedene Stadien der Seinswerdung bezeugend, leicht rötlich bis gelblichfarben. Der Fahrstuhl brachte sie bereits nach unten, die Motoren surrten, die Anzeige zeigte Zahlen, fünf, vier drei, zwei eins, und ein E, für Erdgeschoß, sie war im Vorraum des Hauses angelangt, wieder Stille, sie hatte sich gestern vom Freund getrennt, er nahm es anscheinend gelassen, sie haßte ihn dafür, hätte er sie geliebt, wie hätte er dann reagieren müssen, womöglich wäre sie sogar bei ihm geblieben, aber so?

Der Fahrstuhl fuhr wieder an, sie schaute die Anzeige, von E bis zur fünf, sie stieg aus, ging einen schmalen Gang entlang, Steinfußboden, die Absätze der Schuhe klackten recht laut, die Stille durchbrechend, Rhythmus, sogar der Stille einen Rhythmus gebend. Die Wohnungstür stand offen, sie hatte wohl vergessen, die Tür abzuschließen, Kunststück, dachte sie, die Trennung stöberte immernoch in ihren Gedanken herum, ließ kaum ein anderes Denken zu, ließ kaum etwas Denken zu, außer dem Denken an die Trennung.

Im Bad hatte sie bereits alles hervor getan, was zu einem vernünftigen Make Up gehört, Stifte und Cremes, dazu Farben und Puder und der Spiegel, ein besonders vergrößernder Spiegel. Die Prozedur würde dauern, das wußte sie, während sie einen dumpfen Laut hörte, wohl der Nachbar, dachte sie, der trampelte stets in seiner Wohnung herum, er trat sie beinahe ab, die Wohnung, egal, sie schminkte sich und fand sich dann auch, und fand sich recht nett, so wie stets, nach dem Schminken.

Die Zeit war unterdessen fortgeschritten, sie würde zu spät kommen, eine Ausrede, ach ja, der Zahnarzt, zu ihm wollte sie sowieso gehen, sie würde sich gleich bei der Chefin abmelden, das würde sie verstehen, zumal sie erst vor zwei Tagen selbst beim Zahnarzt war.

Sie ging noch einmal zur Küche, wollte ein Glas Wasser trinken, testen, ob der Lippenstift hielt, ein ganz besonders neues Fabrikat, kußecht, warum nicht. Beinahe hätte sie guten Tag gesagt, als sie bemerkte, daß etwas nicht stimmte, denn er hatte sich nicht zu ihr umgedreht, das konnte er auch gar nicht, denn er hing an der Lampe, auch wenn er die Lampe aus der Verankerung gerissen hatte, sie war verblüfft, er war doch gar nicht so schwer. Weichei, dachte sie dann, bevor sie seinen Puls nahm, als Krankenschwester war ihr das kein Problem.

Er ist tot, stellte sie für sich fest. Wiederbelebung? Das wird nicht helfen, das Genick, es wird durch sein, stellte sie fest, jedenfalls würde sie keine Ausrede brauchen, bei ihrer Chefin, Erleichterung, Feuerwehr?, sie überlegte kurz, ob sie die holen sollte, doch, sie würde müssen, sie schuldete ihm diesen Dienst, vielleicht ließ er sich doch noch wiederbeleben, wobei ihr das recht unwahrscheinlich schien, zumal er recht blöd gefallen war, er lag so komisch gekrümmt, womöglich hatte er sich noch tausend andere Knochen gebrochen, oder er ist von der schweren Lampe erschlagen worden, beim Fallen, egal, er war tot.



Ruhe

Er atmete gleichmäßig und tief, vollkommen tief, er beobachtete seine Lungenflügel, wie sie sich erhoben, erheben mußten, weil er es so wollte, nein, weil es eine Maschine so wollte, aber er wollte, daß die Maschine es wollte, er wollte also selbst. Eine Lungenentzündung kann tödlich sein, meistens jedoch nur für den, der von dieser Entzündung betroffen ist, der Schleim sammelt sich in der Lunge und eines Tages, in einer Stunde, Sekunde, des Tages, hat die Lunge den Kampf mit dem Schleim verloren, oder der Körper hat den Kampf verloren, die Entzündung hat gesiegt, aber noch, noch, half ihm eine Maschine, sie blähte die Lunge unablässig auf und ließ sie dann wieder in sich zusamensacken, immer im gleichen Takt, ein Klick/Klack zeugte vom unermüdlichen Tun der Maschine, eine Krankenschwester saugte öfters den Schleim aus der Lunge, gelber, zähflüsiger Schleim, danach mochte seine Lunge wieder besser atmen, die Maschine konnte besser pumpen, die Lunge konnte besser Sauerstoff aufnehmen.

Die Ruhe, allein vom Taktlaut der Maschine durchdrungen, tat ihm gut, er war noch nicht besonders alt, er war noch jung, also, zu jung, um einfach so, aber daran wollte er nicht denken, er war, und das genügte ihm, ein Fernseher dudelte die Neujahrsansprache der Kanzlerin, alles wird gut, sie lächelte. Stunden später, draußen, vor der geöffneten Tür, stießen die Pflegekräfte mit Sekt an, vielleicht sogar Champagner, Champagner, das wäre es jetzt, sagte er sich, während er dem Takt der Maschinen lauschte, er beruhigte, fast wäre er darüber eingeschlafen, wie beim Zählen der Schafe, als ein Fiepen begann, er kannte es bereits, keine Panik, es war nur etwas in seinem Körper verschwunden, eine Flüssigkeit, die zuvor in einer Flasche war, jetzt, wo sie leer war und er dementsprechend gefüllt war, gab die Flasche Laut, ein Fiepen, ein unanständiges Fiepen, er kannte es bereits, keine Sorge, Ruhe, er versuchte zu schlafen.

Gestern war er entlassen worden, gesund, die Maschine hatte ihn gerettet, oder waren es die Pfleger, er selbst, Gott, ein Mysterium, er war gerettet, steckt im Retten nicht stets ein Mysterium mit drinnen, ist Retten nicht ein Mysterium? Sonst wäre es Alttag, normal, man wird gesund, weil es normal ist, daß man gesund wird, wird man gerettet, so bleibt es ein Mysterium, ein Mysterium des Wissens, des Könnens, der Ingenieurskunst, Gottes?

Die Welt war laut, aber er hatte sich daran gewöhnen können, auf der normalen Station, nachdem er aus der Intensivstation entlassen war, war es vielleicht die Ansprache der Kanzlerin? Jedenfalls ist er bereits am 02. Januar verlegt worden, auf die Normale, der Oberarzt wollte es so und er wollte es so, die Maschine brauchte ihn bereits am 01. Januar nicht mehr, er war nur ein vorübergehender Arbeitgeber für die Maschine, ein durchlaufender Posten, nur ein zwei Tage, wegen der Komplikation. 

Das Leben ist kompliziert und laut, doch, jetzt fühlte er das Laute am Leben, Autos waren laut aber auch auch die Schritte der Menschen, im Krankenhaus gaben sich die Schritte leise, der Fußboden und die Gummisohlen dämpften, auch die Rücksicht vor den Kranken, dämpfte, alles war ruhig, kirchenruhig, kurz, bevor der Pfarrer reden würde, oder kurz bevor das Licht durch die bunten Fenster einfallen würde.

Hatte er Gott bereits gedankt? Er wußte es nicht, er glaubte nur, dieses getan zu haben, bereits, als er verlegt wurde, von der Intensivstation zur Normalen, nein, ruhig war es hier draußen nicht, stellte er für sich fest, während er zu pfeifen begann, gegen die Unruhe anpfeifen nannte er das, oder, die Ruhe durch Unruhe wiederfinden, auf dem Friedhof, den er durchging, wurde gerade ein Jemand niedergelegt, zur letzten Ruhe, er nahm sich vor, diesem Jemand einen Blick zu geben, jetzt nicht, erst wenn es ruhiger würde, auf dem Friedhof, zu viele Seelen waren gerade zugegen, unruhige Seelen, fiebernde Seelen, trauernde Seelen und die mitleidlosen, die auch, er ging weiter und setzte sich auf eine Bank vor dem Friedhof, er wollte warten, bis es ruhiger würde, dann würde er sie aufsuchen, die letzte Ruhestätte des Jemands, der jetzt dort lag, wo die Blumen dem Leben ihr buntes Licht gaben, bis sie verwelkt sein würden, in Tagen, bereits in Tagen, gerade hörte er etwas im Gebüsch rascheln, eine Maus?, egal, sie raschelte sehr ruhig und nebenan stand ein Mann mit einer Tüte in der Hand, er war wohl gerade dort und ging jetzt fort, er blieb sitzen, auch als der Bus längst gekommen war, er war aus dem Krankenhaus entlassen, gesund, das beruhigte ihn, in ihm war die Ruhe zurück gekehrt, während es draußen weiter lärmte, Lärm um Nichts oder um Etwas, wer weiß es schon.



Kreuz und Quer

Sie hatten sich ein letztes Mal gesehen, Joseph und Josephine, auch Jörg war zugegen "In der Tanke", einem Lokal alten Stils. Sie wichen sich aus, indem sie von der Vergangenheiten erzählten, die Gegenwart schluckten sie zusammen mit dem Bier herunter, hoffend, sie werde zu Dung werden, für die nachfolgenden Momente, Zukunft.

"Klingt Zukunft pathetisch?", fragte Josephine während Joseph mit Jörg über das Bier sprach, welches zwar billiger geworden sei, in letzter Zeit, aber nicht besser, kann Zukunft, Fortschritt, besser gedacht werden? "Zukunft ist nicht pathetisch, klingt also auch nicht pathetisch.", antwortete Joseph wie nebenbei, während er über die Zukunft der Qualität des Bieres nachdachte.

"Zukunft ist der Tod.", sagte Jörg, er hustete leise, seine Lunge war leidlich entzündet, seit er ein wenig mehr rauchte als sonst, weil er seine Zukunft recht schnell erleben wollte. "Zukunft ist der Tod. Das ist genau so richtig, wie falsch.", antwortete Josephine, während Joseph mit der Nase rümpfte, er mochte den Tod nicht leiden, hoffte immernoch auf das ewige Leben, die einzige Hoffnung die einem strammen Atheisten bleibt, und die eigenen Kinder, natürlich, Joseph hatte keine Kinder, und das Kind war längst in den Brunnen gefallen, denn er hatte bislang keine zeugungswillige Frau gefunden und nun fühlte er seine Fortpflanzungsfähigkeit an einem gewissen Ende angelangt, rein emotional gesehen.

"Ja ja, das Leben selbst ist auch Zukunft.", antwortete Jörg gelangweilt, zu oft hatte er das bereits gedacht, und? "Sei doch nicht so ein Pessimist, Zukunft muß man einfach leben, einfach wollen, einfach denken.", Josephine redete sich in Rage.

Die Bar "In der Tanke" entleerte sich langsam, die Menschen gingen dahin und dorthin, zumeist nach Hause, auch gleich ins Büro, dann läßt sich das Büro besser ertragen, die Drei blieben sitzen, versuchten Zukunft zu denken, während sie diese lebten. Mit dem Leben einfach vernichteten. "Gegenwart vernichtet Zukunft.", sagte Joseph bedeutungsvoll, er war nun auch dabei, bei diesem Gespräch über Alles und die Welt.

"Wenn du es so siehst, gut, dann vernichten wir durch unser Dasein Zukunft.", sagte Jörg und er lächelte dabei. "Und wenn wir nicht sein würden, dann bliebe die Zukunft Zukunft, weil wir sie nicht lebten.", stellte Josephine begeistert fest. "Nein, dann gäbe es überhaupt keine Zukunft.. Ohne Gegenwart keine Zukunft.", beschied Jörg die Diskussion.

Auf der Theke lag ein Duden, das Buch des Lebens, alles enthalten, alle Wörter, vom letzten bis zum ersten, und zuerst war das Wort, hieß es Zukunft? und was war zuerst, Zukunft oder Gegenwart, es blieb ihnen ein Rätsel während sie zu dem Buch schauten, der Wirt hatte es hervorgekramt, weil er ein bestimmtes Wort suchte richtig zu schreiben, für irgend ein Amt, als wenn ein Amt seine Genehmigungen danach verteilen würde, ob ein Bittschreiben richtig verfaßt ist.

"Zukunft", versuchte Josephine endgültig zu klären, "ist mehr als die Gegenwart und daher muß sie zuerst gewesen sein, ohne Zukunft keine Gegenwart." "Und ohne Gegenwart keine Zukunft, denn auch wenn sie mehr ist, so kann sie nur mit Gegenwart gedacht werden, sagte Joseph." "Was redet ihr immer von Zukunft und Gegenwart, ohne Vergangenheit wären wir nichts.", sagte Jörg, bevor sie auseinander gingen und versuchten, mit der Dreieinigkeit einfach so zu leben.



9. Icherzähltes III

Von der Einschulung

Der Ernst des Lebens begann an einem schönen Tag im September. Die Sonne schien und erhellte mit ihrem nachsommerlichen Strahlen diesen 1. Tag des Monats, den Tag, der stets für den ersten Schultag im sozialistischen Staate galt, wohl als Referenz an den Beginn des II. Weltkrieges, so ein Krieg durfte eben nie wieder geschehen können und dazu sollte die sozialistische Erziehung und Bildung beitragen.

Davon mochte ich damals indes nichts wissen, ich schielte eher zur großen Schultüte, die mich überragende Schultüte, sah mich bereits im Wunderland der Süßwarenindustrie spazieren gehen, ja, empfand hernach die Überreichung der Schultüte als den wichtigsten Moment des Tages und freute mich, daß ich die Kraft besaß, diese riesige Tüte empor zu heben, wobei meine Eltern recht besorgt taten, ob ich sie auch tragen könne, oh, war die schwer, aber ich trug sie und versuchte dabei zu lächeln.

Die Schule war nach Ibsen benannt, in ihr sollte ich ab sofort meinen vormittäglichen Lebensmittelpunkt haben. Ein altes Gebäude aus Stein und großen Fenstern, Wilhelminisch, dazu ein Hof, der uralte Kastanienbäume Raum gab, auch die Sporthalle, ein kleines nebenstehendes Gebäude nebst Sportplatz, öde, sogar die gemeine Stadtameise schien von ihm nicht angezogen zu werden.

Nein, der Tag war schön. Nichts von Ameisen, nichts vom Arbeiten, es sollte schön sein, endlich sollte das richtige Leben beginnen, und hatte mir dieses Leben mein jahresälterer Bruder nicht in den schönsten Farben beschrieben? Es sollte schön sein.

Die Schultüte wurde auf dem Weg zur Schule immer schwerer, ich gab sie jedoch nicht aus der Hand, aus dem Arm, es war meine Beute des Tages, davon wollte ich nicht lassen, selbst als sie mich zu erdrücken suchte, mein schönes Festagskleid schwitzend machte. In der Schule angekommen, ging es denn zur Aula hinauf, ein riesiger Saal mit Bühne, aha, das ist also eine Aula, mußte ich gedacht haben, bisher kannte ich nur die Aule, was wiederum ein Berliner Wort ist und so viel wie Spucke bedeutet.

Nein, die Aula schien von diesem Wort nicht abgeleitet, sie war hoch festlich, der Direktor sprach nette Worte, die nunmehr emporgerückte zweite Klasse nebst meines Bruders sang ein schönes Lied, womöglich wurden sogar Gedichte vorgetragen und wir wurden an den Ernst des Lebens erinnert, nur zaghaft, aber doch, schon, ein wenig.

Die Mitschüler meiner Klasse kannte ich zu einem großen Teil aus dem Kindergarten, nur saßen wir jetzt nicht mehr alle um einen Tisch herum, und selbst der Spielteppich nebst Spielzeug schien verschwunden, nein, das Prinzip Kindergarten war in die Unterstufe der Oberschule noch nicht eingegangen. Wir würden sofort lernen müssen, die niedere und höhere Mathematik, das Zeichnen und Schreiben von Buchstaben und Buchstabenketten, die sich Worte nennen. Zuerst lernten wir die Klassenlehrerin kennen, bekamen die Fibel und noch zwei wichtige Bücher, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, da sie doch nicht so wichtig wie die Fibel sein sollten.

Draußen warteten die Eltern, es ging nach Hause, die Sitze waren während dre halben Stunde zur Genüge eingessen, ich saß vorne, recht weit vorne, gleich links in der zweiten Reihe, das sollte sich jedoch bald ändern, warum?, gut, das Geschehen um den Platzwechsel geschieht erst in der Zukunft, jetzt galt es den Weg nach Hause zu finden.

Lustige Kindergesichter überall. Ich lächelte für den Fotoapparat, aber auch über mein neues Glück, nun war ich endlich ein Schüler, kein Kindergartenkind mehr, kein solches Kind, welches sich nur in der erweiterten Babysprache mit seiner Umgebung unterhalten darf, jetzt hatte ich mein erstes Buch erhalten, die Fibel.

Daheim war meine Enttäuschung groß, größer, am größten, als ich die Schultüte auspackte, die Beute erwies sich ein wenig geschmälert, weil unten, am Boden der Tüte geknülltes Zeitungspapier herum lungerte. Schrecklich, ich hatte mich zu früh gefreut. Hier begann mein Schultrauma und es würde erst mit dem Abschluß der Schulzeit sein Ende finden. Immer wieder Mogelpackungen.

Gut gut gut, ich war nun alt genug, zu begreifen, daß diese mich sichtlich überragende Schultüte untragbar geworden wäre, hätte meine Mutter sie vollkommen mit Süßigkeiten gestopft. Deshalb durfte ich auch nur ganz kurz weinen, danach gab es Kaffee, Kakao und Kuchen oder auch Kartoffelsalat mit Würstchen, egal, ich war von meinem ersten Schultag entäuscht.



Von der Deutschstunde

Dieser September erschien mir als besonders schöner September, mein schönster September bis dahin, und ich hatte bereits sieben September erlebt, jetzt war es bereits der achte. Warum er sich so besonders schön gab? Vom Altweibersommer hatte ich damals noch nichts gehört, aber es war sicherlich ein solcher Sommer oder es war das Übermaß an Süßigkeiten, welches ich nun zu essen hatte, die Schultäte erwies sich zwar nicht als vollkommen voll, sie vollbrachte dennoch das Wunder, meinen Magen gleich mehrmals bis zur süßen Schmerzlichkeit füllen zu können. Der September war womöglich auch deshalb ein schöner September, weil ich in ihm meinen Geburtstag feierte, endlich sieben Jahre alt, eine Zahl zum Wohlfüllen, so empfand ich es jedenfalls damals, zumal ich bis zu meinem Geburtstage sicherlich bereits das Vergnügen hatte, das Zählen bis zur Zehn erlernt zu haben, was meine Liebe zu den Zahlen in mir erweckte.

Alles mögliche Gründe, warum dieser September ein besonders schöner September gewesen war, meine ersten Gehversuche mit dem Deutschen waren sicherlich nicht ein solcher Grund. Die Deutschstunde, ich lernte sie hassen, nur die Lehrerin empfand ich recht nett, sie trug ein hübsches Nachsommerkleid und roch nach Rosen oder so ähnlich, jedenfalls roch sie gut, während sie sich über mich beugte, meine Hand in ihre nahm und versuchte, dieser die Schönheit des Schreibens beizubringen. Aber, sogar mit ihrer huldvollen Hilfe wollte das A nicht gelingen. Es sah einfach verdammt schlecht aus, dieses A, krumm und schief, niemals in die einzigartige Schönheit des Alphabets einzugliedern.

Ich übte und übte unentwegt, seitenweise A's, dennoch, sie blieben standhaft unschön. Und sie waren sehr beharrlich darin, ein A glich dem anderen A, keine Übung half, ja, ich hätte mit dem Schreiben des ersten A das Üben aufhören können, ich ahnte es bereits damals, besser ausschauend würden die verdammten A's niemals werden, auch wenn ich mich später bemühte, durch eine ausgesuchte Schlechtschreibung der ganzen Sache einen Witz zu geben, wenn sie schon nicht schön aussahen, die Buchstaben, die meine Hand in loser Folge produzierte, dann sollten sie zumindest derart häßlich ausschauen dürfen, daß daraus ein besonderer Stil empor wachsen kann, der Literat war sozusagen bereits mit dem Schreiben des ersten A geboren.

Das alles wußte ich damals jedoch nicht, nein, alle sagten, Übung mache den Meister, den Schönschreibemeister, nur meine Mutter mäkelte nicht herum, übersah beflissentlich, daß ich im Deutschen keine Bienchen nach Hause brachte, sagte nur lapidar, Hauptsache, du schreibst alles richtig, fortan wollte ich die schiefen A's zumindest richtig schreiben, während mein jahrgangsälterer Bruder mit erlesen geschriebenen A's brillierte, für die er sicherlich tausende von Bienchen bekommen hatte, zum Glück gab es noch meinen ältesten Bruder, der dem schönen Schreiben ebenfalls nicht besonders zugeneigt war, jedenfalls schrieb er die A's richtig schön krumm und beinahe schiefer als meine.

Später, zum wunderschönen Herbstausklang lernten wir dann das Lesen, aber warum sollte das Lernen des Lesens schöner sein, als das Schreiben? Nein, ich haßte die Deutschstunde, nur die Lehrerin war mir sympathisch, sie, mit dem Sommerkleidchen, dem immerfröhlichen Gesicht und diesem Rosenduft, wenn sie sich über mich beugte, um mir die Buchstaben lautmalerisch ins Ohr zu flüstern, damit ich wenigstens ein Mal ein Bienchen bekommen könnte.

Lesen lernte ich trotz meiner fortwährenden Abneigung gegen alles Deutsche recht schnell. Omi konnte ich beinahe fehlerfrei sprechen, auch Ilona und Peter, dann sogar ganze Sätze, es war eine Freude, die leider sogleich an den folgenden sinnlosen Sätzen erkrankte. Wie kann ein Buch so viel dummes Zeug enthalten, dachte ich und wandte mich gelangweilt vom Unterricht ab, während irgend vorgelesen wurde, "Ulla geht baden." oder "Ilona schaut aus dem Fenster.", was sicherlich noch die intellektuell anspruchvollsten Satzschöpfungen der Fibel waren. Aber, so ist es wohl, wenn ein Volk lesen und schreiben lernt, anspruchsvoll darf diese Deutschstunde nicht sein, aber das dachte ich damals noch lange nicht, ich fand das Deutsche einfach nur doof. Erst das Lesen von Märchen versöhnte mich ein wenig mit dem Deutschen, sie hatten alles, was große Literatur haben muß, Liebe, Spannung, Gut und Böse sowie das Urteil, an diesen Tagen, an denen ich die ersten Märchen las, begann meine Deutschstunde, und sie ist oftmals einfach wunderbar.



Von der Mathestunde

Ich glaube ich war für die Mathestunde geboren, geboren um Mathestunden zu lauschen. Sie sind mir als ungemein gewinnbringend in Erinnerung. Schon die bunten Stäbchen, die vor uns auf dem Tisch lagen, sie waren einfach alles, was mein junges Jungenherz begehren wollte. Mit ihnen zu spielen, ein Genuß sondersgleichen.

Das Lernen der Zahlen fiel mir dementsprechend entsetzlich einfach, sie kamen sozusagen zu mir geflogen, ohne große Anstrengung. Zählen und Rechnen lernen wie von selbst, das war mir ganz klar, das mußte einfach damit zusammenhängen, daß Jungen eben besonders schön mit Stäbchen und sonstigen Zahlenverewigern umgehen können. Auch kam es in der Mathestunde nicht auf die Schönheit des Zahlenschreibens an, ich sammelte Bienchen um Bienchen, bald sollten meine Hefte vor Honig überlaufen, aber so weit war es natürlich längst nicht, mit ein paar Bienen läßt sich eben kein Staat machen.

Und sowieso, alles kam anders, denn es kam die Stunde, die mein späteres schulisches Schicksal entscheidend prägen würde. Davor sei jedoch ein kleiner Ausflug zum Jungensalltag gestattet. Da das Zählen als Junge stets ungemein wichtig ist, seien es nun Glasmurmeln, die Anzahl der Mitspieler einer aufzustellenden Fußballmannschaft oder die Anzahl der Buchstaben für das Wort DOOF, alles mußte gezählt werden, ständig und ewig, so kam es denn, daß bald die ersten Matheaufgaben anstanden, und ich fand in aller Bescheidenheit einen neuen Rechenweg für eine sicherlich recht unkomplizierte Aufgabe, ich lächelte, die Lehrerin lächelte, ich wollte nun Mathematiker werden, der erste Schritt war getan, aber, er war lediglich der erste Schritt zu der alles entscheidenden Mathestunde, das weiß ich jedoch erst jetzt, da ich mich im gesegneten Alter der Wissenden befinde.

Der Matheunterricht plätscherte fortan vor sich hin, ich saß rechts in Wandnähe in der dritten Reihe von vorn, das war so festgelegt, vom ersten Schultag an, das hatte also nichts mit Streben oder Nichtstreben zu tun. Die zu bewältigenden Aufgaben waren stets recht schnell erledigt, es blieb Zeit zum Albern, die ich leidlich zu eben diesem Zweck nutzte. Vor mir saß ein Mädchen mit einem langen Zopf, wenn ich mich recht entsinne, zog ich recht gern an diesem. Auch lachte ich laut und schneidete Grimassen, womöglich furzte ich zudem recht unangenehm in die Gegend herum und popelte aus Langeweile vor mich hin.

Jedenfalls fand ich mich plötzlich in der Hand meiner Lehrerin wieder, besser, mein Haarschopf fand sich in ihrer Hand wieder. Das Mädchen und Frauen immer an den Haaren ziehen müssen! Ich versuchte zu schreien, aber dazu war ich wohl zu überrascht, jedenfalls befand ich mich plötzlich auf dem Gang vor dem Klassenraum. Eine kalter, steinerner Flur mit hohen Fenstern und einem Geruch von Bohnerwachs, der sich, wie ich später heraus fand, in den Holzspänen versteckte mit denen beinahe täglich der Steinfußboden gefegt wurde, woraufhin er aus den Spänen austrat und sich auf dem Fußboden verewigte und diesen seltsamen Geruch von Reinlichkeit in die Luft abgab.

Das hatte weh getan. Nicht das Haareziehen, sondern der Vertrauensbruch. War ich nicht der zukünftige Mathematiker? Professor Wissealles oder ähnlich. Ich hatte zu hoch gepokert und Lehrer sind unberechenbar. Das sollte mir eine Lehre sein. Nie wieder wollte ich derart nah beim Lehrer sitzen. So fand ich denn auch bereits im nächsten Schuljahr eine vollkommen hinten im Raume stehende Bank mit Fensterblick. Das hatte mehrere angenehme Seiten. 

Erstens befand sich der Lehrer weit entfernt von mir. Ich befand mich daher außerhalb der unmittelbaren Gefahrenzone. Zweitens konnte ich die häufigen Zwangspausen, während der ich auf den Lernerfolg meiner Mitschüler wartete, nützlich verbringen, indem ich die alten Kastanien auf dem Schulhof beim Wachsen beobachtete. Darin entwickelte ich sogar eine gewisse Könnerschaft, ich sah alsbald jede kleine Veränderung am Baume. Zum Dritten hatte ich meinen Spaß, indem ich meine Lehrer recht oft verblüffen durfte, indem ich aus dem Fenster schaute und nebenbei dennoch dem mündlichen Unterricht folgte. Unerwartete Fragen kamen daher doch nur als erwartete bei mir an, der Träumer antwortete meist richtig, zum Glück gab es dafür keine Ohrfeigen und auch kein Haareziehen, meist ließen sie mich denn auch die Natur beobachten, während die wichtigsten Gasvorkommen in der DDR erläutert wurden oder ähnlich wichtige Themen.

Mathematik blieb zwar eines meiner liebsten Fächer aber ich wollte nie wieder ein Mathegenie sein, denn Mathegenies haben es nicht einfach, abgesehen davon, daß sie gefährlich leben, denn alle Menschen, die Eins und Eins zusammen zählen können, sind den Machthabern suspekt und Lehrer sind nichts anderes als Machthaber, zum Glück hatten meine Haare damalig eine gewisse Festigkeit an sich, wenigsten das Herumlaufen mit einer Glatze blieb mir erspart, ich wäre für mein Leben gezeichnet gewesen..



Von der Heimatkundestunde

Die Heimatkundestunde begann wie alle anderen Stunden auch, mit dem Läuten der Schulglocke. Ein entsetzlich lautes Läuten. Heutzutage würden besorgte Ohrenärzte sicherlich zu einem weniger lauten Läuten raten. Oder Lärmschutzfester für die Ohren empfehlen. Egal. Es läutete laut, sehr laut, grauenhaft laut.

Nicht, daß die Heimat in Gefahr gewesen wäre, nein, nichts von alledem, womöglich wäre sie lediglich durch das Läuten selbst in Gefahr zu bringen gewesen, aber das Läuten hörte regelmäßig nach dem Verstreichen wenigen Sekunden auf, schnell aß ich derweil den Rest meines Schulbrotes, trank meine Milch. Eigentlich haßte ich Milch. Aber die Schulmilch war anders. Besonders die Vannillemilch. Schön süß und sie schmeckte vehement nach Vanille. Damit mochte ich als Schüler sehr gut leben. Daheim gab es auch Milch, aber weniger aromatisiert, und der bloße Geschmack von Milch verleidete sie mir leider, allein mit Kakao und reichlich Zucker empfand ich sie genießbar oder eben die Schulmilch, die sich recht dickflüßig, beinahe wie Vanillesoße durch den Strohhalm in meinen Mund ergoß.

Die Heimatkundestunde begann, wie stets, mit einem "Guten Morgen" der Lehrerin, den wir Schüler im stehenden Zustand mit einem "Guten Morgen Frau ..." entgegneten. Später, in späteren Zeiten durfte dann stets ein Schüler der Lehrerin melden, daß sich die Klasse vollzählig oder unvollzählig im Klassenraume befand, später war das, als wir Junge Pioniere wurden, das Später, auf daß ein Junger Mensch stets gerne wartete.

Der Unterricht zur Heimat begann mit dem Klassenraum, dann der Ibsenschule, bereitete sich sogleich bis zur Bornholmer Straße aus, erfaßte hernach den gesamten Prenzlauer Berg, dann Berlin, Hauptstadt der DDR um in den Bezirken der DDR dauerhaft zu verweilen. Heimat bedeutete daher zuerst das, was wir kannten und erweiterte sich in den folgenden Jahren der Unterstufe auf das Gebiet der DDR. Heimat war in der Unterstufe durch begrenztes Wachstum ohne Westintegration gekennzeichnet.

Heimatkunde war mir mit der schönste Unterricht, denn hier durfte ich etwas erfahren, was ich schon wußte, wodurch sich für meine grauen Zellen der Arbeitstag enorm erleichterte und zudem für viele Bienchen, ja ganzen Bienenschwärmen und hernach für gute Noten ohne größeres Zutun sorgte.

Die Lehrerin war mehr als nett, und da ich mit dem Begriff von Heimat nichts anzufangen wußte, so stand sie für die Heimat. Nein, kein Prenzlauer Berg, keine DDR, sie war Heimat, stellvertretend für alles Dingliche, sie war höchstselbst die Verkörperung von Heimat. dachte ich an Heimat, dachte ich nur an sie, und fast hätte sie mich um den Schlaf gebracht, aber davon wußte ich damals nichts, es war da nur so ein entferntes Gefühl, derweil wir uns mit den Mittelgebirgen der DDR und den Tälern des Urstromtales beschäftigten.

Einmal gingen wir sogar in den Tierpark, Tiere schauen, die in der DDR naturgemäß nur hinter Gittern leben konnten. Das war ein ergreifender Ausflug, denn eigentlich taten mir die Tiere leid, würden sie doch ihr Leben lang hinter einem Zaun leben müssen, damit sie in unserer Heimat überleben könnten. Welches Opfer sie bringen würden, das wußten sie zwar nicht, aber mir war es bewußt, dieses Opfer. Denn ich sah ihre traurigen Augen oder bildete ich es mir nur ein? Bei der Fütterung schauten sie jedenfalls recht rege und auch das Gehge war recht hübsch und großzügig angelegt. Und sie brauchten sich nicht das Läuten, dieses ständige ohrenbetäubende Läuten anhören, was sicherlich ein großer Vorteil für sie war. Womöglich hatten sie es besser als wir, dachte ich wahrscheinlich, als ich traurig zu ihnen blickte, woraufhin mich die Lehrerin durch ihr Lächeln aufmunterte.



Von der Werkunterrichtsstunde

Werken ist etwas für Jungs. Davon wußte die Deutsche Demokratische Republik jedoch nichts, oder sie wollte davon nichts wissen, denn auch die Mädchen durften werken, mußten nicht nadelarbeiten oder kochen, was natürlich für das weitere Leben verheerende Folgen haben mußte, plötzlich können alle Menschen Nägel in Wände hauen, aber eine Socke stopfen oder einen rührigen Eintopf kochen, da bleiben nur die Mütter.

Trotz der Anmaßung der DDR-Oberen, bezüglich der Neuorganisation des Lebens, erschien dann doch wieder Gerechtigkeit. Die ganz natürliche Gerechtigkeit. Denn der Werkunterricht führte in den Keller. Wir warteten alle vor einer ominösen Stahltür auf den Werklehrer. Entspanntes Lachen beflügelte die Wartezeit, auch Haareziehen und Verbalattacken, einer hatte gerade das Zeichen für Votze entdeckt und präsentierte es den Mädchen und den anderen, recht staunenden Jungs.

Dann ging die Stahltür auf, ein muffiger Geruch entstieg der Öffnung. Ein verschmitzter älterer Herr trat hervor, der Werklehrer, er hatte sich extra einen blauen Arbeitskittel übergetan. Das Lachen hatte aufgehört. Angst? Nein, gespannte Erwartung. Oder doch Angst? Jedenfalls schlichen wir die Kellerstufen hinab, kamen dann zu einem Gang, es roch neben dem Modergeruch zusätzlich ein wenig nach Kleber und altem Papier sowie Plaste, welches wir später bearbeiten würden. Für die Mädchen mußte das alles wie ein Gang in ein Gruselkabinett wirken, der Keller war wenig einladend, dazu die tiefe Stimme des älteren Herrn, dessen Augen recht ungut zu blitzen schienen. So viel zur natürlichen Gerechtigkeit des Seins.

Dennoch, wir gelangten an, im Werkraum, in der Mitte stand ein Ofen, in dem wir später Plaste erhitzen würden, um es formen zu können, ein Lieblingswerkspiel des Lehrers, auch wenn hernach stets der gesamte Raum danach roch, nach dem Plaste. Die Werktische standen recht wild im Raum herum, sie nahmen genau den Platz ein, der gerade nicht von Stützmauern für die Schule belegt war.

Die Mädchen hatten sich wieder beruhigt, aber Strafe muß sein, die Jungs motzten sowieso herum, schließlich galt es, besonders mutig zu sein, der Unterricht begann, wir bauten Häuser aus Pappe, die ein wenig denen aus einer Plattenbausiedlung ähnelten, obwohl wir diese gar nicht kannten, nein, sie entstanden, weil Kästen immernoch leichter zu basteln sind, als fein ziseliertes Mauer- und Natursteinswerk.

Nicht, daß sich die Mädchen total doof anstellten, nein, nur halbdoof, wofür ich sie sogar ein wenig bewunderte, noch mehr bewunderte ich jedoch meinen Sitznachbarn, der ein gar so schönes Haus aus der Pappe formte, ja, mit einer Lust schnitt und faltete und klebte. Er schien sich erst im Keller so richtig entfalten zu können, oben, an der Oberfläche des Seins, brachte er mitunter kein Wort richtig heraus, selbst wenn er sich Olga erlesen sollte, verschluckte es ihm die Sprache, und das Zählen mochte er ebenfalls nicht sonderlich, wobei ihm das ein wenig besser gelang.

Der Keller ließ aus ihm einen anderen Menschen werden, ganz dem Ideal der DDR entsprechend, ja, hier war er der beste Modellbauer, keiner reichte an seine Kunst heran, noch nicht einmal ich, wo ich doch recht viel von meiner Modellbaukunst hielt, aber nein, noch nicht einmal ich. Manchmal dachte ich sogar, wie ungerecht die Welt sei, daß der Leseunterricht nicht im Keller stattfindet, wie gut könnte mein Banknachbar im Keller lesen, Olga wäre im Keller ein Klax für ihn, ha, selbst Mesopotanien würde er fehlerfrei lesen können.

Dennoch, wohl auch wegen der Mädchen, der übrige Unterricht fand stets an der Oberfläche statt. Wegen des Kellerganges war das Werken eines meiner liebsten Nebenbeschäftigungen an der Schule, dieser Unterricht kam gleich nach der Mathematik und ganze Welten vor dem langweiligen Herumgelese mit dem dazugehören Schönschreibherumgeschreibe. Zum Schluß der Stunde zogen wir stets unsere Arbeitskittel aus, der Lehrer fragte, ob sich jemand verletzt habe, ha, Werken ist eben doch nichts für Mädchen, denn dabei kann man sich richtig verletzen!, dachte ich sehr gerne, gut, das fragte er eben stets, bis er uns den modderigen, nur mit Notbeleuchtung versehenen Gang zurück an die Oberfläche führte, die Stahltür aufschloß und uns an sich vorbeigehen ließ, während er nochmals zu prüfen schien, ob sich nicht doch einer verletzt haben könnte.



Von der Sportstunde

Was ich von der Sportstunde wußte, bevor ich meine erste besuchte, war lediglich ein Sprichwort, nach dem Sport Mord sei. Inwieweit ich diesen Sinnspruch damals verständlich fand, mit meinen sieben Jahren oder ob das Sprichwort mir nur deshalb verständlich erschien, weil seine Botschaft mit einem Reim zusammengefügt war, daher ganz natürlich zusammen kam, was zusammen gehörte, egal, ich wußte nichts vom Sport, rein gar nichts. Ein nebulöses Fach. Mathematik, Deutsch, Kunst, ja, selbst unter Heimatkunde und Werken konnte ich mir etwas vorstellen, aber Sport?

Sport hätte so etwas wie Spielen sein können, schließlich schlüpften wir zu diesem Anlaß in eine besondere Kleidung, wir ließen zudem unser Schulzeugs im Klassenraum, keine Fibel wurde benötigt, nichts dergleichen, nur das Sportzeug, welches sich in einem Beutel befand, der sich mit den Jahren in eine Tasche verwandeln sollte. Aber noch waren wir die Beutelkinder und wir dachten uns dabei rein gar nichts.

Die erste Sportstunde zeigte mir sofort, daß hier nicht das Spiel, das Kindergartenspiel regierte, sondern daß jetzt der wirkliche Ernst das Leben gefangen nahm. Wir stellten uns in drei Reihen hintereinander auf, die Jungs und die Mädchen bildeten dabei ihre eigene Gruppe. Zuerst war das Ausrichten. Die in der ersten Reihe stehenden mußten sich an einer auf dem Parkett gemalten Linie ausrichten, dazu waren die Spitzen der Turnschuhe genau an diese Linie zu setzen. Dummerweise hatte ich mich nach vorn gedrängelt, mußte daher das Ausrichtungsritual ausführen. es dauerte Minuten, aber dann klappte es überraschend gut, als steckte uns dieses Talent in den Genen.

Ein Schüler durfte sodann hervor treten, dem Lehrer zu melden, daß wir zum Sportunterricht bereit seien. Der Lehrer, ein älterer Herr mit harscher Stimme rief daraufhin: "Sport", worauf wir mit "Sport Frei" antworten sollten, das übten wir einige Minuten, bis unsere hellen Stimmchen das gemeinsame Brüllen erlernt hatten. "Rechts um" hieß es plötzlich und unerwartet, woraufhin wir uns nach rechts und links drehten, natürlich, es gab sie immer, die Linksdreher, die nicht recht wußten, wo rechts liegt, aber, nach mehrmaligem Üben war uns selbst das rechte Drehen möglich geworden. Wir konnten mit dem Marschieren beginnen, wobei uns eine Musik erquickte, eine sozialistische Marschmusik, damit wir den rechten Marschgang finden.

Eine halbe Turnhallenrunde marschierten wir stets blitzschnell, dann waren wir einmarschiert. Fast wie bei den Olympischen Spielen, also begann der Sport doch mit dem Spielen, wir spielten das Marschieren. Dann kam die wohlgemeinte Körperertüchtigung, zumeist waren zuerst einige Runden zu rennen, dann kam die Gymnastik und zum Schluß der Bocksprung, und für die Mädchen ein wenig Bodenturnen.

Überhaupt, das Geräteturnen hatte es diesem Lehrer besonders angetan und so durfte ich ihm beweisen, daß mir die Schwerkraft bei weitem stärker war, als meine eigene Kraft und mein Geschick, sie zu überwinden, ja, sie einfach auszugrenzen, bei Riesenfelge, Aufschwung und Armhebelhüftumschwung. Meist ahmte ich den typischen nassen Sack nach und ließ es dabei bewenden, wobei ich verzweifelt dachte, Sport ist nicht nur Mord, sondern auch saudoof. Aber das sagte ich nicht, denn der Lehrer schaute stets recht streng, fast wie ein Gaul, und so hieß er auch, komisch, der einzige Name eines Lehrers, den ich mir auf Anhieb zu merken vermochte, ich mußte bloß in sein Gesicht schauen.



Von der Musikstunde

Ich bekam als Erstklässler von meinem Vater ein kleines Radio geschenkt, Plaste, rotfarben, und es hatte die Form eines Herzens, dazu zwei Rädchen, eines für die Programmwahl, das andere für die Lautstärke und drehte ich das Rädchen für die Lautstärke, auf daß das Radio leiser und leiser wurde, ließ sich alsbald ein kleines Knacken vernehmen, das Radio war ausgesellt. Betrieben wurde es mit Batterien. Ein wirklich schönes Radio, es war genau so groß, daß es bequem an ein Ohr gehalten werden konnte, damit die Musik direkt aus dem Radio ins Ohr strömen mochte.

Ich liebte das Radio, selbst im Bett lag es stets neben meinem Ohr, ständige Beschallung war garantiert, Glückshormone auch, Radio ist das, was mich froh stimmen mochte. Doch plötzlich war das Radio nicht mehr, es war angeblich kaputt, mein tolles Radio einfach kaputt. Sicherlich hatten meine Eltern die Abhängigkeit erkannt, in der ich mich zu meinem Radio befand. Und dachten, wehret den Anfängen. Oder meine drei Brüder konnten nicht schlafen, weil ich sogar nachts unter der Bettdecke Radio hörte. Womöglich fanden sie meinen musikalischen Geschmack einfach schrecklich oder die Ausgaben für die Batterien, die zwei Mal in der Woche zu wechseln waren, sprengten die Haushaltskasse. Egal, das Radio war nicht mehr, kaputt, sicherlich kaputt.

Die Musikstunden verliefen eher langweilig als unterhaltend. Die Klasse saß im Raum und sang Lieder, meist Jugendlieder oder auch Volkslieder, sogar ein paar alte Volkslieder, damit wir Kinder beim Wandern ein rechtes Müllerslied singen mochten. Auch probten wir für das Kulturprogramm, welches für die nächsten Erstklässler gegeben werden sollte. Beinahe fühlte ich mich dabei sogar ein wenig erwachsen. Egal, meine Musik wurde in der Klasse leider nicht gespielt, auch schauten alle recht komisch, wenn ich lauter als nur leise mitsang, so verkniff ich mir das Singen und stellte auf Lippenbewegungen um. Nur einmal noch sang ich etwas lauter, direkt beim Kulturprogramm für die neuen Erstklässler, die Musiklehrerin schaute gleich wieder recht verbissen, ich stellte auf meine prächtigen Lippenbewegungen um, bis sie lächelte, etwas verkrampft, aber immerhin.

Welch schreckliche Stimme mußte ich damals besessen haben. Aber sie paßte zu den Liedern im Musikunterricht recht gut, schreckliche Lieder, vom Wandern und so, welches Kind wandert schon gerne? Ich wanderte jedenfalls nicht gerne, damals ertrug ich das Wandern eher wie eine Schelle meiner Mutter, die zum Glück seltener auf mich zukam, als das Wandern.

Womöglich wäre ich für die Musikstunde dennoch zu begeistern gewesen, trotz meiner partiellen Wanderungsunlust, wenn ich nicht dieses Plastikradio erhalten hätte. Dieses Gerät hatte meinen Musikgeschmack maßgeblich geprägt, dort sangen etwa die Rubbets und andere heutzutage leicht vergessene Größen der Musikgeschichte, vermutlich hatte ich mit Hilfe meines kindlichen Leichtsinns einfach den falschen Sender eingestellt, Rias statt dem Vorläufer des heutigen MDR, der Spielwiese alller Volksmusikanten, egal, für den Musikunterricht war mein junges Leben verloren, noch nie in meinem Leben hatte ich mich mehr gelangweilt, als in diesem Unterricht, und das verzieh ich ihm natürlich nicht. Mein Desinteresse an der Musik blieb mir übrigens bis zum letzten Schuljahre hold.



Von der Schulgartenstunde

In unserem Schulgarten stand ein großer Apfelbaum, sonst sah der Garten jedoch recht wüst aus, Beete, die dunklen Sand trugen, verwittertes Grünzeugs, Laub vom Herbst, es war eben Oktober, als ich den Schulgarten, der direkt neben der alten steinernen Schule lag, betrat.

Herbst, ich glaube, ich mochte diese Jahreszeit damals überhaupt nicht, ja, den Frühling, in den hatte ich mich längst verliebt, meine Seele hing an ihm, wie an einem treuen Freund, der, wenn auch nicht oft, so doch wenigstens ein Mal im Jahr vorbei schaut, grüßt und weiter geht und durch sein Weitergehen allein die schönsten Erinnerungen zurück läßt.

Wir sammelten Laub, glaube ich und die Lehrerin erzählte etwas von den verschiedenen Arten des Laubes, womöglich nahmen sich sogar ein paar Mädchen einige Blätter mit, vom Apfelbaum, um sie zwischen zwei Buchseiten zu trocknen, dann in ihr Poesiealbum zu kleben und dazu einen netten Vers zum Apfelbaume zu verfassen, etwa: "Gott Lob, standest du da rum, sonst wär uns die Zeit gewesen, allzu dumm.", oder eben Ähnliches, meistens natürlich viel romantischer, etwa: "Der holde Apfelbaum einen Schäfer sah, der eine Schäferin traf, während alle Schafe gingen, in die Nacht hinein, so ganz allein, in die weite Welt, wo kein Schäfer für sie die Wacht hält."

Jungs nahmen sich natürlich keine Blätter mit, höchstens eine Kastanie vom Kastanienbaum oder einen rostigen Nagel, der unvermutet am Wegesrand lag. Das war im Kindergarten vollkommen anders, aber dort war der Junge noch ein Baby, genau so wie das Mädchen. Die Entdeckung des Jungssein begannn also genau im Schulgarten, oder davor, bei der Einschulung, egal, jedenfalls war jetzt etwas, wo vorher nichts war, oder fast nichts, früher wurden Prinzen die ersten Lebensjahre wie Mädchen gekleidet, wir brauchten das zu unserer Selbstvergewisserung nicht oder die Natur brauchte das nicht, es ergab sich einfach.

Abgesehen vom Apfelbaum und einem in der Ecke stehenden Pflaumenbaum, der vorzügliche Eierpflaumen hergab, interessierte mich der Schulgarten überhaupt nicht. Da buddeln und dort buddeln, ein wenig Pflanzen pflanzen, das war nicht besonders aufregend, zumal die Pflanzen ewig zum Wachsen brauchten, sie wollten sich einfach nicht an die gängigen Schulzeiten halten, so blieben die Tomaten über den Sommer trocken im Beet stehen, so daß im September keine einzige zu ernten war. In dem Moment des Gewinns dieser neuen Erkenntnis entschied ich mich gegen den Beruf des Bauern, obwohl, die großen Mähdrescher hatten es mir angetan, und Traktoren schaute ich eben so gern beim Fahren zu, dennoch, die Pflanzen wuchsen einfach zu langsam, wer sollte die Zeit und Geduld mitbringen, sie zu pflegen, bis sie endlich Früchte trugen? Im Lehrplan war das jedenfalls nicht vorgesehen.

Der Apfelbaum trug seine Früchte allerdings ohne unser besonderes Tun zu uns, es galt, sie bloß zu ernten, auch die Eierpflaume blieb uns treulosen Gärtnern treu. Sonst war dort nur Buddeln, Jäten und Warten auf die Sommerferien. Kosten durften wir übrigens von den Früchten nicht, obwohl dafür kein Grund ersichtlich schien, jedenfalls verlangte der Sozialismus nicht, auf den Apfel zu verzichten, und so taten wir dennoch, was wir nicht durften, zumindest die Jungs taten es, obwohl, ich glaube die Mädchen hatten uns erst einmal auf die Idee gebracht, sie wollten sicher wissen, ob wir genügend mutig sind, um uns über das Verbot der Lehrerin hinweg zu setzen.



Von der Schwimmstunde

Das Schwimmen ist eine Bewegungsform, die dem Menschen nicht gottgegeben ist. Im Gegensatz zum Krabbeln und Gehen. Diese beiden Fortbewegungsmöglichkeiten erlernt der Mensch ohne viel davon mitzubekommen, quasi nebenbei. Ganz anders das Schwimmen. Zuerst ist die Angst vor dem Wasser zu überwinden, sofern sie besteht, zumindest jedoch ist die Abneigung gegenüber der Berührung des Körpers mit jeglicher Form des Nassen zu überwinden.

In der Schule erfolgte dieses durch ein Belohnungssystem. Zuerst natürlich durch die Möglichkeit eine Urkunde zu erhalten, auf der die eigene Schwimmfähigkeit vermerkt ist, desweiteren durch die Einführung einer klaren Hierarchie zwischen Schwimmenden und Nichtschwimmenden. Zuerst war das hüfthohe Wasserbecken der Nichtschwimmenden, in dem allesamt eintraten. Aus diesem durfte sich das Kind empor arbeiten, zu dem Bereich der Schwimmer. Hoch angesehen waren die, die das Becken der Schwimmer als Erste, bereits nach wenigen Schwimmstunden erreichten, die Verlierer im Ansehen blieben die letzten Herumplanscher, die selbst nach einem halben Jahr Unterricht nicht ins tiefe Wasser plumpsen wollten.

Ich gehörte, es muß eine Naturbegabung gewesen sein, zu den ersten Schwimmern, bereits nach wenigen Schwimmstunden fand ich mich im tiefen Becken wieder, mein Können überragte alle um Längen. Alles hätte so schön sein können, aber der Neid ist ein Verderber allen Schönseins. Denn die ewigen Nichtschwimmer, entdeckten im gemeinsamen Umkleideraum ganz andere Längen, die plötzlich so wichtig schienen und auf diesem Gebiet war mein Können bislang kaum sichtbar geblieben.

Ich mußte wohl oder übel ein Opfer dafür bringen. Irgend jemand wollte meine Vorhaut haben, wollte mich beschnitten sehen, und so gab es in der DDR die Lehre von der Vorhautverengung, die für all das notwendige Längenwachstum von Übel sein könnte. Bereits in den nächsten Sommerferien fand ich mich zur Beschneidung auf den Operationstisch wieder. Ich durfte mein Wissen im Zählen von Zahlen unter Beweis stellen, bis ich mich unter Vollnarkose befand. Die Operation gelang zum Glück, nun sollte wachsen können, was dem Kinde eigentlich noch gar nicht recht interessiert.

Beschnitten zu werden, ist dabei keine ganz so leichte Operation. Sie tut höllisch weh, jedenfalls wenn das Kind aus der Narkose aufwacht, eine ganze Woche verbrachte ich zur Heilung meiner Schmerzen im Krankenhaus, zum Glück hatten die Ärzte mit meinem Wehe mitleid.

Gott hat da weniger Mitleid, einfach Schnitt und weg, geheult wird nicht. Aber ich lebte zum Glück bei den Kommunisten, die hatten das Mitleid für sich entdeckt und so fühlte ich mich beinahe richtig krank, bis es dann nicht mehr schmerzte.

Übrigens hatten wir noch ein weiteres Jahr Schwimmunterricht, wodurch ich mein Talent vollkommen ins Leuchten zu bringen vermochte, die dritte Schwimmstufe und der Rettungsschwimmernachweis wurde mir feierlich verliehen, darauf war ich ganz unerhört stolz. Beim Schwimmunterricht hatte mich wohl das erste Mal während meines noch so kurzen Lebens der Ehrgeiz ergriffen, ich genoß es.



Von der Wißbegierde

Das Wissen ist ein trojanisches Pferd, welches von der Wißbegierde in das menschliche Wesen Einlaß findet. Bereit, alles zu zerstören, was das Leben interessant werden lassen könnte, also vor allem das gesicherte Unwissen. Glücklich sind die Unwissenden! Mit dem Unwissen bleibt der Zweifel und der Glaube, nichts ist interessanter als Zweifel und Glaube, ja, Zweifel und Glaube sind der Gral auf dem sich die Menschheit aufbaut, zuerst kann stets nur Zweifel und Glaube sein. Kaum geboren, so bleibt einem allein der Glaube an die Fürsorglichkeit der Mutter und der Zweifel läßt den Glauben in einer Schwebe, die alles interessant werden läßt, alles, vom Leben bis zum Tod.

Das Wissen als ein trojanisches Pferd. Ich wäre so weit niemals gegangen, mit meinen Gedanken, damals, mit meinen runden sieben Jahren. Wir standen auf dem Schulhof, unter einem mächtigen Kastanienbaum, dort trafen sich die Schüler meiner Klasse stets, bevor uns ein Lehrer zur Einkehr in das burgartige Schulgebäude bat. Der Kastanienbaum hatte bereits so gut wie all seine Blätter abgeworfen, unter unseren mit Stiefeln geschützten Füßen befand sich sein Laub, wir redeten über dies und das, vor allem über Weihnachten.

Nicht, daß wir protzten mit dem, was wir meinten, geschenkt zu bekommen, vom Weihnachtsmann, aber, es war doch, wenn ich mich recht entsinne, ein Schaulaufen der Großartigkeiten, welches sich dort abspielte, bis ein Mädchen ob der Existenz des Weihnachtsmannes zweifelte. Hieß sie Helena?, egal, womöglich hieß sie bloß Jana, aber sie könnte auch Helena geheißen haben, wenn ich mich recht entsinne, und manches weiß ich bis zum heuitigen Tage so genau zu wissen, als passierte es gerade eben, vor meinen Augen nochmals und nochmals.

Helena sprach also, wer wisse schon, ob es den Weihnachtsmann wirklich gibt. Womöglich war sie nur neidig auf die Großartigkeiten, welche vor allem von den Jungs in blumigen Worten herbeizitiert wurden, all die Geschenke, die auf uns warten mochten. Egal, es war sofort still um uns. Der Zweifel nagte in uns, und der Glaube. Zweifel und Glaube und nur wer glaubt, der kann belohnt werden, dem werden seine Wünsche erfüllt, egal, ob die Eltern sie erfüllen wollen oder nicht.

Bald teilten wir uns in zwei Lager, dasjenige, welches an den Weihnachtsmann glaubte und dasjenige, welches an die Eltern glaubte, also zweifelte. Die Stimmung war gereizt. Viele hielten in langen Reden Erfahrungsberichte, meistens glaubten die am wenigstens, die ältere Geschwister hatten, dagegen waren die Einzelkinder in ihrem Glauben oft vollkommen. Ja, wahre kleine Heilige. Vehement wurde sogar der Sandmann aus dem Fernsehen, bei dem der Weihnachtsmann gerade aufgetreten war und desweiteren hochrangige Kinderbücher und Zitate aus der Erwachsenenwelt erwähnt. Meist mit hochklugem Gesichtsausdruck.

Überhaupt, die Mimik! Sie zählte mehr als jedes Wort. Die Augen groß, das Gesicht ernst und die Nase in die Höhe, das Kinn auch, der Mund spitz, das hatten wir längst gelernt, von der Erwachsenenwelt, es kommt vor allem auf den Gesichtsausdruck an, in ihm spiegelt sich Unwissenheit und Wissen wider, mehr als in den gesprochenen Worten.

Die Diskussion um den Weihnachtsmann wurde jäh unterbrochen durch den Ruf des Lehrers, wir mußten zum Unterricht gehen. Die Existenz des Weihnachtsmannes war dort nicht Gegenstand der Erörterungen, aber da ich bereits einen wirklich guten Fensterplatz in der letzten Reihe mein Eigen nannte, so mochte ich weiter über dieses wichtige Thema sinnieren, schaute dabei den Bäumen zu, wie sie ihre letzten drei Blätter abwarfen und dem Laub am Boden, wie es vom Wind hin- und herbewegt wurde. Ich glaube, ich entschied mich für einen Mittelweg. Da ich nicht wissen konnte, ob es den Weihnachtsmann gibt, so dachte ich darüber nicht mehr nach, Hauptsache, die bestellten Geschenke würden nach einem lauten Klopfen an der Wohnungstüre abgegeben werden. Sicherlich ein recht pragmatischer Ansatz, aber auch ein schöner, denn ich mußte mich nicht mit Zweifel, Glaube oder Wissen groß herumplagen, ich hatte das Paradies gefunden, ohne es bemerkt zu haben.



10. Anderes

Das Vorspiel

Ihm ist das Vorspiel uninteressant, er ging denn auch hinunter, herunter, die Treppen, zur, auf die Straße, schaute leere Straßen beim Leersein zu, das Vorspiel scheint den Vielen interessant zu sein, dachte er, Jana dachte das auch immer, manchmal sagte sie es sogar, das Vorspiel, auf das Vorspiel komme es an, sagte sie dann, während sie seine Augen schaute und er diesem Schauen auswich, zum Fenster schaute, oder auch zur nahen Couch, paar Kerzen versuchte zu entzünden, manchmal hatte er bereits mit einer einzigen Probleme, da er ständig durch das Vorspiel vom Wesentlichen abgelenkt wurde.

Die Menschen hatten die Straße verlassen, Autos bewohnten jetzt die Straßen, bestimmten das Straßenbild mit ihren bunten Blechkleidern, den schwarzen Gummis und, wieder öfter zu sehen, mit dem Verchromten, das, was sein Vater stets im Winter geschützt hatte, mit einer braunglänzenden lackartigen Masse und das er im Frühling blank wienerte, putzte und putzte, bis es vor lauter Glanz wieder wie Chrom ausschaute.

Er versuchte die Straße mit seinem Körper zu füllen, was ihm leidlich gelang, 80 Kilo genügten kaum diesem Zweck, ha, hätte er Calmunds Ausmaße, er wollte den Kudamm und die Greifswalder Straße gleichzeitig mit sich ausfüllen, die Leerhaftigkeit von den Straßen verbannen. Die Straßen müssen befüllt sein, nicht allein mit parkenden Autos, um wirklich Straßen sein zu können, dachte er, während er gegen all die Leerhaftigkeit mit seinem bloßen Dasein protestierte.

Die Luft stieg ihm recht angenehm in die Nase. Keine Stadtluft, Parkluft, von den parkenden Autos, nein, ein Kalauer zu viel ist einer zu viel, paar Bäume standen auch herum, versuchten gerade zu blühen, sich zu vermehren, den Asphalt aufzubrechen, falls nicht die schützende Hand des Menschen etwas gegen dieses Aufbrechen unternehmen würde. Dauerte das Vorspiel Jahre, Berlin würde zu einem Urwald werden, deshalb dauern Vorspiele nicht allzu lange, nur deshalb, und auch, weil sie Vorspiele heißen.

Eine Taube flog herum, paar Spatzen, sogar ne Amsel, eine Hauskatze, gescheckt, gastierten ebenfalls auf der Straße, mochten wohl auch keine Vorspiele. Er schaute nach den Sternen und fand sie nicht. Die Sonne war wohl eifersüchtig, ließ keine anderen Sterne am Himmel gelten, solange sie selbst leuchtete.

Der Frühling hatte zum Glück ein wenig Wärme bei sich, er vergaß nämlich seine Jacke beim Hinausgehen aus der Wohnung. Denn es war eine Flucht vor dem Vorspiel, seine Flucht vor dem Vorspiel, in weiter Ferne schaute er bereits einen Fußball, er atmete auf, auch wenn sie nur eine kleine Ähnlichkeit hatte, die verkleidete Kugel des Fernsehturmes, mit dem Fußball, aber zum Glück, ein Fußball, jetzt brauchte es bloß noch des Anpfiffs, dann würde das Vorspiel sein Ende gefunden haben.



Das Vorsehen

Jörg liebte das Vorsehen, er war quasi ein echter Vorseher. Er schaute überhaupt nur dann Fußball, wenn er im ausreichendem Maße vorsehen durfte. Mindestens eine halbe bis eine Stunde sollte das Vorsehen dauern, denn es ließ ihn seine Vorfreude richtig auskosten.

Das ist wie bei einem guten Restaurantbesuch, was der Koch meist in der Küche nicht fertig bringt, das Vorsehen des Essens, das Warten auf das Essen bringt die eigentliche Freude. Anders als das Vorspiel, welches öde und langweilig ist, da es sich ewig lang hinzieht und selbstvergessen nur auf sich bezieht, bleibt beim Vorsehen etwas von der Kindheit, das Weihnachtsgefühl, der Geburtstag, dessen Erscheinen sehnsüchtig erwartet wird, der Beginn des Urlaubs.

Jörg kaute vergnügt an den Nüssen und anderem salzigen Zeugs herum, während er am Fenster saß und in den halbblauen Himmel sah. Ha, er brauchte für sein Vorsehen kein Fernsehen, da staunte selbst Jana, seine Frau und meist recht passive Freundin seiner Fußballleidenschaft. Nein, er verhielt sich atypisch, nicht als typischer Fan, nein, eher in sich gekehrt saß er da, an seinem Fenster und versuchte die Spannung in sich zu fühlen, das Spiel bereits vor Augen habend, ja, jeden Spielzug, wie sie liefen und liefen, mit und ohne Ball, Tor, er sah es bereits ganz deutlich.

Was wäre Fußball ohne das Vorsehen, dachte sich Jörg, saß ganz ruhig am Fenster, Jana schaute kurz vorbei, versuchte ihn zu finden, nein, er war mit sich allein, seinen Gedanken, seinen Gefühlen, seinen Plänen für das Danach, wenn es so sein würde, wie er es sich dachte.

Oftmals war es gerade nicht sein Gedachtes, was eintraf, oftmals war das Spiel selbst eine Enttäuschung, wie beim Sex, oftmals bleibt es doch eine Enttäuschung, bestenfalls Routine, schlimmstenfalls sogar Arbeit, zum Glück ohne 35-Stunden-Woche, dafür jedoch ohne Lohnausgleich.

Draußen lief eine Katze herum, während er dachte, was läuft die da rum. Komischer Gedanke, sagte er sich, und doch, was läuft die da rum, hat sie nichts Besseres zu tun, Mäuse fangen, Fell reinigen oder doch zumindest Miauen, einfach so rumlaufen, dafür brauchte der Mensch keine Katzen, das kann er auch selbst, dazu hat er schließlich den Fußball erfunden, dort laufen auch fast alle einfach nur so herum, nur zwei drei von ihnen dürfen gleichzeitig um den Ball kämpfen, täten es alle Spieler zugleich, das Spiel verlöre an Schönheit.

Jana schaltet den Fernseher ein und geht, gerade wird zum Stadion geschaltet, Jörg entreißt sich seinem Vorsehen, er muß, auch wenn er dieses Gefühl gerne anhalten wollte, bis in alle Ewigkeit, er könnte es nicht, denn das Spiel wird beginnen, gleich, alle guten Gefühle müßten sich jetzt bewehren, wird er die gewünschte Eisenbahn geschenkt bekommen, oder doch wieder eine Holzlok aus dem Biospielzeugfachgeschäft?



Das Spiel

Fußball ist ein Spiel, bei dem stets die Zeit gewinnt. Ist die Zeit vorbei, dann wird dem Spiel der Garaus bereitet, ein schriller Pfiff des Schiedsrichters genügt, das Spiel endet abrupt, die einen Spieler freuen sich, mehr oder weniger, die anderen Spieler ärgern sich, mehr oder weniger.

Fußball ist das Spiel, bei dem er stets gewinnen will. Er ist zwar kein Fanatiker, in Fußballdingen, aber er will zumindest gewinnen, dieses Gefühl gestattete er sich, bei dem er akzeptieren mußte, daß er zugleich für das Verlieren der anderen Mannschaft, des Gegners sein mußte.

Er saß gemütlich in seinem Sessel, noch, der Fernseher eingeschaltet, das Nebenbeiessen vorbereitet, eine zerschnipselte Paprika lag neben mundlichen Stücken eines Kohlrabi und ein paar Tomatenvierteln. Dazu ein stilles Wasser, gut gekühlt. Er hoffte, das Spiel würde üppiger als sein Essen, während die Mannschaften einliefen, an der Hand geführt von Kindern, die recht beseelt schauten, die Spieler eher verkniffen, kein Lächeln, höchstens ein bemühtes Lächeln, Tunnelblick, Mondblick, Nachtblick, alles vertreten, kein Lächeln.

Woher sollten sie auch lächeln? Er, ja, er lächelte doch auch nicht. Er vekniff sich das Lächeln, Tunnelblick Richtung Fernseher, volle Konzentration, Atem angehalten, bis er sein Herzschlag wahrnehmen konnte, dann ging es weiter, atmen, leise atmen, nichts verpassen, Blase entleeren, schnell noch auf's Klo, dachte er, ging, siehe da, drei Tropfen waren noch, er würde jetzt aushalten können, bis zur Halbzeitpause.

Die Nationalhymnen hatte er verpaßt, beim Toilettengang, er überlegte, stattdessen die handliche Fahne auszurollen, die ihm seine Frau, mit Kfz-Halterung, wie sie schmunzelnd sagte, gekauft hatte. Bisher hatte er sie stets halbabsichtlich vergessen, wenn er zu seinem Auto ging, er würde sie anbringen müssen, gleich morgen, wenn sie denn gewinnen, sagte er sich, sonst wäre er kein richtiger Patriot, Fan schon gar nicht, er würde sie anbringen müssen, noch lag sie auf dem Wohnzimmertisch, Jana hatte sie dort hin gelegt. Sie mag Kinder, sagte sie ihm gestern Abend recht nebenbei, während sie die Fahne dort ablegte..

Er überlegte, warum sie das gesagt haben könnte, das Spiel begann, der Schiedsrichter pfiff, der Ball wurde angestoßen, mit Hilfe von Adidas oder Puma, egal, so genau hatte er das nicht erkennen können, bisher nicht, und warum sollte er sich deshalb einen Riesenfernseher kaufen?

Warum hatte sie es gesagt, das mit den Kindern, sie mag Kinder. Meinte sie etwa, er sei wieder in die Rückwärtsbewegung begriffen, vom Manne zum Kind, oder hatte sie die Pille abgesetzt, katholisch wollte sie ja auch wieder werden?

Egal, er würde sie fragen müssen, nicht, daß in neun Monaten so etwas wie ein Goleo auf seine Elternzeit schielen würde, bitte windel mich, dabei lacht und grient, grunst, schreit, Tor Tor Tor, schreit es aus dem Fernseher, irgend ein Spieler hatte den Ball in ein Tor geschossen, jedenfalls sagte das der Reporter, ein recht vertrauenswürdiger Mensch, und richtig, ein Tor, jetzt kam die Zeitlupe, ohne Zeitlupe hätte er das Tor gar nicht gesehen, noch nicht einmal nachträglich, ohne Zeitlupe wäre Fußball nur halb so interessant.

Er aß ein Viertelchen von den Tomaten, trank ein wenig stilles Wasser und versuchte sich zu erinnern, wo er seine Kondome hingelegt hatte, vor ein paar Jahren, sicher im Nachtschrank. Das Spiel ging weiter, kein Verschnaufen, wieder ein Pfiff, er wollte in der Halbzeitpause nachschauen, statt Toilette würde er ins Schlafzimmer eilen müssen, sie mag Kinder, soll sie doch, sagte er sich.



Die ersten Minuten

Die ersten Minuten sind entscheidend, hier entscheidet sich, ob ein frühes Tor fällt, ob der Rasen hält und ob das Tor nicht umfällt. Hier entscheidet sich, ob ein gutes Fußballspiel gelingen könnte. Der Kommentator säuselte derlei etwas aus seinem Computer, schlaue Menschen hatten ihn mit Entertainment-Häppchen gefüttert, damit er sie ausspucken konnte, wenn das Spiel ihm zu langweilig schien, und dem Computer schien jedes Spiel langweilig. Unablässig produzierte er Phrasen, die der Kommentator in menschliche Laute umsetzen mußte, wollte er nicht einigen Ärger mit der Regie riskieren.

Das Spiel begann nach dem allzu frühen Tor ruhig, paar Bälle schoben sich hin und her, mal schneller, mal langsamer, Jörg hatte unterdessen ein wenig gegessen, um sich einzustimmen, in das was kommen möge, und sich zu beruhigen, einfach nur zu beruhigen. Jana wollte von ihm einen kleinen Ronaldo haben, sicherlicherlich, pausbäckig aber dennoch ein Genie. Wie produziert man Genies? Jörg überlegte nicht weiter, das Spiel trieb ihn weg von seinen Gedanken. Paß, Doppelpaß, Dreifachpaß, der Ball muß laufen, schnell spielen, wie die Argentinier, rief er zur Röhre. "Nicht so behäbig", schrie es aus ihm, "Rein rein rein, das Ding", "Voll ins Dreieck", "Uuuhhh!, vorbei".

Nein, sie spielten einfach zu langsam. Nicht mit ihren Füßen, mit ihren Hirnen spielten sie zu langsam. Bevor der Ball kommt, muß das Hirn wissen, wo er sofort wieder hinkommen soll, das ist das argentinische Spiel sagte er sich. Ball haben und schon wieder weiter geben. Das ist der neue Fußball, eben ganz ganz schnell.

Ein weiteres Tor wolle nicht fallen, sagte der Reporter, gut, Tore stehen nun einmal fest, meistens, warum sollten sie dann fallen? Aber diesen Sprachwitz verlangte Jörg schon lange nicht mehr von einem Reporter, nein, er verlangte lediglich ein wenig Ruhe von diesen Vielsprechern, nur ein wenig Ruhe. Diese Ruhe wäre nicht nur für ihn gut, nein, auch für den Reporter, denn er könnte sich zuvor überlegen, was er denn Sinnreiches sagen möchte, etwa, das Ronaldo doch nicht so dick ist, wie er ausschaut. Ist das sinnreich? Jörg lachte, natürlich nicht. Wem interessieren schon Ronaldos Kilos, selbst bei Real Madrid interessierte das kein Trainer, lieber verloren sie alle Pokale, als vernünftig zu trainieren.

Jörg versuchte das Spiel zu lesen, leider war er in dieser Beziehung ein Analphabet, obwohl er das niemals zugeben würde. Ein Spiel lesen! Er schaute gutes Paßball und Torschüsse, gerne, gerne auch mehr davon, das war ihm ein Vergnügen und dieses Vergnügen hatte nichts mit dem Lesen zu tun, nein, es war eher Emotion, eher Emotion. Gerade hatte jemand eine Rakete gen Himmel gestartet, obwohl kein weiteres Tor gefallen ist. Vorauseilender Gehorsam? Oder ein Hellseher, Spaßvogel oder dergleichen. Vielleicht lediglich ein Pyromane.

Jetzt kam Jana. Das Spiel würde futsch sein. Futsch futsch futsch. Jörg versuchte, nicht böse zu schauen, er lächelte sogar. Jana fragte höflich, wie es denn stünde, das Spiel, er brummte unmißverständlich böse, eins zu null, sie ging wieder, nein so würde es nicht klappen, mit Klein-Ronaldo, aber er würde wenigstens in Ruhe Fußball schauen können.



Die zweiten Minuten

Das eigentliche Spiel hat neunzig Spielminuten. Dazwischen ist Leerlauf, dazwischen sind Pausen. Erzwungene und unerzwungene, das Spiel verlangt Pausen, damit der Zuschauer in Ruhe zuschauen kann, damit der Fußballer das Stadion genießen mag und der Schiedsrichter die nötige Zeit bekommt, im Abseitsregelbuch nachzuschlagen.

Jörg holte sich eine Schrippe, trocken, von Butter und Wurst unberührt, an der Oberfläche die bekannte Kerbe, innen pflaumenweich, so wie eine gute Schrippe sein muß, in etwa, jedenfalls so, wie Jörg sie mochte. Das Spiel verflachte derweil, wurde eindimensional, sagte der Reporter, Jörg versuchte die Spannung aus sich zu nehmen, sind ja noch viele allzu viele Minuten bis zum Abpfiff, da kann einiges passieren, erst bei Abpfiff steht das Ergebnis fest, der Sieger, der Verlierer. Derzeit sah es gut aus, mit der Mannschaft, für die Jörg versuchte der Fan zu sein, sie führte mit einem Tor, aber die Minuten, die Minuten vergingen kaum, der Gegner kam und kam über Außen, über Innen oder kombiniert, Außen wie Innen, Fern- und Nahschuß, gleichzeitig, unmittelbar folgend, der Torwart läßt den Fernschuß von seinen Händen abprallen, direkt zum nahschießenden gegnerischen Fußballer, der schießt vom Nahen, kaum zwei drei Meter vom Tor entfernt, in die Beine eines Verteidigers, das wird einen saftigen blauen Fleck geben, sagte sich Jörg, aber das 1 zu 0 war verteidigt.

Wenn sie wirklich ein Kind von ihm haben will, Jörg versuchte an Fußball zu denken, das Spiel gestaltete sich spannend, rechts von Außen, greifen die Seinen an, nehmen sich den Ball an den Fuß, rennen und rennen, über den halben Platz, bis kurz vor das Tor, passen und passen, schießen, Jörg zitterte, der Ball schien im Netz des Tores zu zappeln, der Reporter schreit, das Publikum johlt, Jörgs Wohnungsnachbar rennt auf den Balkon, eine Rakete mit lautem Getöse zu zünden, Jörg ißt eine Erdnuß, klar klar klar, lediglich Außennetz, das war aber knapp, sagt der Reporter.

Wenn es eine Junge wird, dann soll er Mario heißen oder Jörg, er findet, daß Jörg ein verdammt guter Name für einen Jungen ist. Als Mädchen wäre dann Jana möglich oder Heike oder Sabine Christiansen. So in etwa würde er es seiner Frau vorschlagen, so und in dieser Reihenfolge, wobei ihm natürlich ein Junge lieber wäre, aber warum nicht auch ein Mädchen? Spannend wird es allemal, die Schwangerschaft und das alles, was damit verbunden sein würde.

Das Spiel lief an ihm vorbei, er bereitete das Schwangersein vor. Zumindest seelisch. Nun doch, wieder ein Angriff seiner Mannschaft, gezielt liefen sie über den Platz, der im Fernsehen stets so klein ausschaut, und der in Natur so riesengroß daher kommt. Er war ganz entsetzt, als er einmal im Stadion war, beinahe hätte er zu seinem Freund, wo laufen sie denn, gesagt, verkniff es sich aber, denn er war eigentlich als Fachmann mit ins Stadion gekommen, seinem Freund das Spiel zu erklären, dieses sonderbare Spiel auf diesem riesengroßen Feld, diesem weiten Feld, Fußball ist ein weites Feld, sagte er denn auch zu seinem Freund, der kurz lächelte, ja krass, antwortete, woraufhin Jörg sagte, ja, richtig, krass, da könnte man ein Buch drüber schreiben.

Das Spiel spielte sich so dahin, aber seine Mannschaft führte, so war es ihm egal, Hauptsache das Ergebnis würde stimmen, nach 90 Minuten stimmen, nach 90 Minuten plus X, das unbekannte X, die Nachspielzeit, die zugerechnet wird, weil es einen Unterschied machen soll, ob der Ball vollkommen ruht, wegen der Behandlung eines Verletzten, oder ob der Ball bei einem Spieler ruht, der ihn sich einfach nicht wegnehmen läßt. Also 90 plus X, wäre es doch schon so weit, dachte Jörg, wobei sich bei ihm ein wenig Harndrang bemerkbar machte, wäre es doch bloß schon so weit, er würde feiern, womöglich sogar eine Rakete gen Himmel schießen, damit es dort oben ordentlich kracht.



Die Halbzeitpause

Er ging zur Toilette. Die erste Hälfte des Spieles war zwar längst nicht beendet, dennoch ging er, und er ging weder wegen übergroßem Harndrang, noch aus einem anderen Drang heraus. Nein, er ging, weil er sich mit den Wasserbetrieben solidarisch erklärte. Dem Dilemma der Wasserbetriebe. Eigentlich haben sie genug Wasser, so daß es auch der Klospülung genügt, jedoch im Falle, ganz Berlin bewegt sich gleichzeitig zum Klo, was zum Glück wegen der zu geringen Anzahl der Toiletten nicht geht, also, wenn zumindest halb Berlin zum Klo rennt, dann wird es eng, mit der Wasserversorgung, sie bricht womöglich zusammen, Pumpen laufen leer, liefern Luft über Luft, die Leitungen rülpsen, das Kaffeewasser kommt längst nicht mehr aus dem Hahn, gut, er hat sich überzeugen lassen, deshalb ist er bereits vor dem Halbzeitpfiff zur Toilette, auch wenn er gar nicht richtig mußte, und überhaupt, gerade deswegen mindestens zehn Minuten des Spieles versäumte, denn es ist anstrengend und zeitraubend, zur Toilette zu gehen, wenn man gar nicht muß.

Als er wieder vor dem Fernseher saß, gab dieser kund, daß sich am Spielstand nichts verändert hatte, er hatte Glück gehabt. Lange noch überlegte er, ob es wirklich Sinn machte, sein Tun und, warum es diese Fanmeile gibt, ist sie womöglich von den Wasserbetrieben vorgeschlagen worden, um den Urin von bis zu einer Million potentiellen Pausenpinklern in den Tiergarten umzuleiten, wodurch die Wasserversorgung gesichert bliebe?

Halbzeitpfiff. Die Mannschaften gingen vom Platz, angestrengte Gesichter, kaum ein Lächeln, die zweiten 45 Minuten würden es zeigen müssen, wer wirklich Grund zur Freude hat. Am Ende wird es einen Sieger geben, so wie stets, in der KO-Runde. Bei den Gruppenspielen mag das anders sein, trotz Punktverlust/Punktgewinn kann es zwei Sieger, zwei Verlierer geben, je nachdem, wieviel Punkte die Mannschaften zum Weiterkommen benötigen.

Jörg schaute zum Fernseher, Werbung, das Übliche, kurzer Kommentar, wieder Werbung, der Sport muß finanziert sein. Genau so wie alle anderen Dinge im Leben. Ob sie wirklich, ein Kind? Finanziell, ja finanziell, dachte Jörg, wäre es möglich, mit Werbung natürlich weitaus möglicher, vielleicht sollte er es gleich anmelden, für Danone, Smart und H&M, das wäre es doch, die finanzielle Grundlage wäre gelegt, oder er bietet die Kinderfotos meistbietend der Presse an, warum nicht, andere tun es schließlich auch. Oder, Sportinternat, sofort ab dem dritten Lebensjahr, spätestens, so wird später ein Sportmillionär draus, vielleicht auch Musik oder Schreiben, ein kleiner Grass, ein Retorten-Grass, das wäre es doch.

Träume! Jörg versuchte zu lachen, aber er würde versuchen zu ergründen, was in seinem Kinde drinnen steckt, welches Talent, dann würde er es fördern, bis das Kind sich selbst finanziert. Er dachte recht ökonomisch, aber so war er, er wollte nicht anders sein. Ökonomisch denken heißt eindimensional denken, das ist einfach, transparent, leicht zu bewerkstelligen, schlicht männlich, was allgemein anerkannt ist.

Die Halbzeitpause ging vorüber, so wie alles im Leben vorüber geht, nichts bleibt, außer das, was sich bewegt, denn es kann vor dem Vorübergehen weg laufen, einfach weg laufen, jedenfalls vorübergehend. Jörg hätte es gerne gewußt, ist er Vater oder ist er es nicht. Blöde Andeutung. Typisch Jana, er versuchte dem Spiel zu folgen, welches längst wieder angepfiffen war, paar schöne Ballkontakte, Pässe, Torschuß und, kein Tor, das Spiel mochte wie in der ersten Halbzeit weiter gehen.



Die Minuten nach der Halbzeit

Müde vom Zuschauen hatte er beschlossen nicht mehr so genau hinzuschauen, als der Reporter dieses wohl genau zu bemerken schien, womöglich sah er ihn in seinem Sessel halbwegs in den Dämmerzustand übergehen, der Reporter schrie: "Tor! Tor! Tor für ...Nein, doch kein Tor, Abseits, der Schiedsrichter gibt Abseits, Mein Gott, das Spiel nimmt an Dramatik zu. Richtige Entscheidung. Abseits. Der Schiedsrichter hat richtig entschieden, Millimeter, hauchdünn stand er im Abseits, kann man geben, meine Herren, und natürlich Damen, ist das spannend, und wieder greifen sie an, diesmal von rechts, nein, er vertendelt ohne Not den Ball."

Jörg war wieder bei der Sache, zum Glück sprechen sie zum Fußballbild, die Reporter, das hebt die Spannung, verhindert das Einschlafen und ist für Denkfaule genau das Richtige, da wird einem alles vorgekaut, Jörg liebte es einfach, dieses Vorgekaute, so mußte er bloß schauen und hören, das Denken konnte er sein lassen, schauen und hören, und das Spiel war im Kasten, gespeichert.

Dennoch, das Spiel tröpfelte dahin, nichts tat sich, der Ball wurde an der Mittellinie recht hübsch mit den Füßen getreten, in Richtung Tor aber meist recht schnell verloren. Ha, hätten sie die Tore an der Mittellinie aufgestellt, Tore über Tore wären gefallen, so blieb es ruhig im Strafraum, und während Jörg das dachte, stellte er erstaunt fest, daß er neben der Aufnahme von Bild und Ton doch auch denken kann, er würde sich bald bei "Wetten dass ...?" melden und dann mit seiner recht ungewöhnlichen Fähigkeit Eindruck schinden, klar.

Wieso heißt das Ding bloß Strafraum, dachte Jörg, während der Ball im Mittelfeld von der gegnerischen Mannschaft hin- und hergschoben wurde. Eigentlich wartet doch keine Strafe, im Falle dessen, daß ein Schütze in diesen Bereich vordringt, gut, der Freistoß verwandelt sich dort in einen Strafstoß, falls der Stürmer niedergestreckt wird, aber deshalb muß dieser Bereich nicht Strafraum heißen, schöner wäre Torraum, oder Elfmeterraum oder einfach Raum, vielleicht nur das.

Sicherlich eine Tradition, das mit dem Strafraum, dachte er sich, sicherlich Tradition und aus Tradition läßt sich viel Unsinniges erklären, der Spruch: das machen wir schon immer so, genügt dann stets zur Erklärung. Da braucht keiner mehr zu denken, Tradition bricht das Denken, das Nachdenken, Jörg schaute wieder zum Fernseher, eine spannende Szene, dennoch, kurz vor dem Strafraum lief der Angriff der gegnerischen Mannschaft ins Leere, zur Strafe erreichte sie ein Konter, Jörg schaute gebannt, jetzt jetzt jetzt, muß es geschehen, das zweite Tor, noch ein Tor, das wäre es, aber der Fußballgott hatte kein Einsehen.

Schön, daß es jetzt auch einen Fußballgott gibt, dachte Jörg, während er lächelte, extra für den Fußball ein Gott, das hat doch etwas, und wenn alle an diesen Gott glauben, dann können sie mit seiner Hilfe gewinnen uind da alle an ihn glauben, kann er sie doch nicht alle gewinnen lassen. Da steckt der Fußballgott in einem Dilemma, bevorzugt er die eine Mannschaft, ist es der anderen sicher nicht recht, greift er überhaupt nicht ein, dann meinen die Fußballer nachher sicherlich, sie bräuchten gar keinen Fußballgott. Der Fußballgott kann nur verlieren, spätestens wenn der Weltmeister feststeht hat er die 31 anderen Mannschaften enttäuscht, wirklich blöd für ihn, besser wäre, er würde den übrigen 31 Mannschaften helfen, das würde sich rein rechnerisch besser rechnen.

Egal, Jana schaute wieder herein, Jörg mußte ein paar Fragen beantworten, schließlich wollte ihm seine Frau zeigen, daß sie etwas von Fußball versteht. Jörg runzelte die Stirn, nein, wie blöd, anscheinend versteht sie wirklich etwas von Fußball, denn sie sagte nach ein zwei Minuten, "Das ist aber ein langweiliges Spiel.", Netzer hätte es nicht besser analysieren können, egal.



Zwischen Halbzeitpause und Endpfiff

Ganz ohne Spannung wurde Jörg das Spiel spannend, denn es war bald der Endpfiff, der Schlußpfiff, der letzte Pfiff des Schiedsrichters zu erwarten, Tränen und Lachen, Enttäuschung und Erfüllung aller Erwartungen waren zu vergeben, verteilt nach Glück und Taten, nach dem Glück des Tüchtigen und dem Pech des Untüchtigen und waren beide tüchtig, dann nach dem Glück und dem Pech, nach allem, was ein jeder will, vielleicht auch Zufall oder einfach ein Spielzug, ein entscheidender Spielzug, Tor und aus, Schluß, das Spiel ist aus, aus aus, wir sind weiter, das Spiel ist aus.

Nein, es war längst nicht aus, der Kommentator hatte zu früh angesetzt, ein unerhörter Pfiff aus dem Publikum hatte ihn und alle anderen Beteiligten des Spiels verwirrt, denn er klang richtig schiedsrichterlich, der Pfiff, als hätte ein Prof von seiner Pfeife Gebrauch gemacht, ein ausgebooteter Schiedsrichter, der dieses Spiel selbst gerne gepfiffen hätte, aber nicht durfte, weil er zuvor zu schlecht gepfiffen hatte, nun aber, er pfiff einfach schiedsrichterlich, ungemein echt, täuschend echt, mit dieser Pfifftechnik hätte er als Schiedsrichter einfach eingesetzt werden müssen.

Nachspielzeit, die Spannung steigerte sich und steigerte sich, Jörg merkte es an seinem Anhang, der plötzlich Gefühle zeigte, als wollte er ihn zur Toilette treiben, auch das Herz begann langsam an Tempo zu gewinnen, Schlag um Schlag, dazu trat Schweiß hervor, Stirnschweiß, obwohl er jetzt tatsächlich nicht mehr dachte, denken mochte, er sah in den Fernseher hinein, auf die Minuten/Sekundenanzeige, endlich war das Spiel spannend geworden, dennoch würde es bloß noch Minuten haben, und das war das Spannende, denn diese Minuten vergingen zwar im stetig gleichen Tempo, aber Jörg schien es, als seien sie einfach langsamer geworden, die Sekunden, beim Eilen einfach langsamer geworden.

Wenn sie, die Gegner, jetzt ein Tor schießen, in der allerletzten Minute der Nachspielzeit, Jörg schloß die Augen, der Freistoß wurde ausgeführt, der Reporter schreit schreit schreit, Jörg hört nichts, die Augen fest verschlossen versucht er wenigstens innerlich zu sehen, der Ball landete knapp über dem Tor, aber der Torwart hatte dabei seine Hand im Spiel, wie der Reporter so schön sagte, fabelhafte Leistung, Eckstoß, letzte Ecke, dann wäre das Spiel um, der Reporter versuchte auf die Spannung mit Platitüden zu reagieren, womöglich wollte er bei der Asphaltierung der Deutschen Sprache den ersten Preis gewinnen, die sich aufbauende Spannung sollte eben nicht zu spontanen Herzreizungen führen, womöglich hatte der Reporter ein Herz für Ärzte, nicht daß sie zur WM über eine erhöhte Gebühr arbeiten müssen.

"Ist das Spiel zu Ende?", Jana kam gerade herein und fragte gelangweilt, während Jörg schrie: "Nein.". Jana blieb gleich neben der offen stehenden Wohnzimmertür stehen, eigentlich wollte sie ihm ihre neueste reizende Wäsche vorführen, sozusagen als gelungener Abschluß des WM-Abends, aber Jörg schaute bloß zum Fernseher, dort schien sich gerade sein Leben zu entscheiden, nirgends sonst, Jana ging, es wurde still, eilig wird die Nacht anbrechen und Jörg würde sich später für sein "Nein" schämen, sicherlich.



Endpfiff

Nicht daß der Endpfiff ein orgastisches Vergnügen wäre, es ist weniger durch Animierung des Unterleibes hervor gerufen, sondern mehr eine Kopfsache, aber das Ergebnis ist wohl gleich, obwohl nicht das Gleiche dabei heraus kommt, wieder ist der Unterleib weniger betroffen, mehr der Kopf, eine Kopfgeburt durch und durch, ein Kopfglück, Sternenhimmel ohne Erde, dennoch ist das Vergnügen des Erlebens des Endpfiffes, vorausgesetzt er erscheint zur glücklichen Sekunde, ein orgastisches.

Jörg schrie "Ja ja ja", wie er es zuletzt beinahe zusammen mit Jana getan hätte, wenn sie nicht die Stille der Zeugung bevorzugen würde, eine Genießerin in aller Stille. Das Spiel zu Ende, der Reporter jubilierte: "Das Spiel ist aus, aus, wir sind weiter, ein verdienter Sieg, wer hätte das gedacht, noch vor Monaten tot gesagt, nun leben sie derart auf, und siegen, siegen für ...", Jörg schaltete den Fernseher ab, versuchte sich ein paar Glückstränen vom Gesicht zu nehmen, schaute zum Fenster hinaus, es böllerte mächtig, dort draußen, Raketen stiegen in den Himmel, Gottesanbetung?, moderne Opfergabe?, nein, ein menschlicher Freudenausbruch, dem Sieg geschuldet, dem Bier natürlich auch und dem Lust am Böllern.

Gegenüber hißte ein Nachbar die Fahne, zuletzt hatte Jörg am 07. Oktober 1989, zum Geburtstag der Deutschen Demokratischen Republik, derart viele Fahnen gesehen, damals mit Hammer, Zirkel und Sichel, die waren jedoch sofort wegreformiert, nebst den daran hängenden Ost-Arbeitsplätzen, Jörg lächelte, wir hatten gewonnen und die Fahnen seien ein Stück Normalität, wurde kolportiert, sicherlich, denn sie kamen, wie alle möglichen Textilstoffe sonst auch, aus China, eine neue, globale Normalität.

Jörg schaltete den Fernseher wieder ein, er wollte Hintergrundberichte sehen, derweil sah er das Stadion, freudenumspielt, durchtränkt mit Freude, ein paar Fans der gegnerischen Mannschaft weinten, versuchten dennoch ein Lächeln, Freudentränen überall, Freude über alles, Freude einig Fußballand, Freude soll in uns sprießen, Freude schöner Torefunken, egal, er hatte alles vermischt, gerade, Jörg lächelte, Beethofen gleich mit verarbeitet, die heimliche Nationalhymne, vielleicht die bessere? Dann könnten jedenfalls sogar die Intellektuellen unbeschwert mitsingen.

Bin ich nun Vater oder nicht? Fragte er sich plötzlich. Denn wäre ich es nicht, so wäre ich bloß Sohn, weil eben noch kein Vater. Die nächste Sprosse der Leiter müßte erklommen werden, zur neuen Namensgebung, und Jana würde ihn dann nicht mehr Jörg nennen, sondern Papa und sein Papa würde ihn dann nicht mehr Sohn nennen, sondern auch Papa, jedenfalls solange, wie der Enkel gerade zugegen ist. Er wäre der universelle Papa, weg vom Jörg und Sohn, weg vom Alten hin zu neuen Ufern und der Zukunft zugewandt.

Jetzt sprach der Reporter, er hatte sich wieder gefunden, ein paar Worte zum schnellen Vergessen, das Wichtigste hatte er unlängst gesagt, als das Spiel durch Endpfiff entschieden war, innerhalb einer losen Sekunde entschieden war.



Das Nachspiel

Kein Fußballspiel ohne Nachspiel, ja, kein Spiel ohne Nachspiel, nicht einmal das Leben. Jörg liebte Nachspiele, besonders beim Fußball liebte er sie. Kaum ein Fußbalspiel wäre ertragbar ohne Nachspiel, erst das Spiel nach dem Spiel setzt das Gespielte ins rechte Licht, zeigt, warum Fußball überhaupt übertragen wird, es geht um einen Transfer von Emotionen, das ist das ganze Geheimnis, Jörg war sich dahingehend vollkommen sicher. Wie bei jedem anderen Spiel geht es um den Transfer von Emotionen.

Jana kommt wieder ins Wohnzimmer, schaut auf den Fernseher, ein wenig verwundert darüber, was aus einem einfachen Fußballspiel werden kann. Jörg erwidert nichts auf den Blick, bloß nicht, und schon gar keine Grundsatzdiskussion, vonwegen, das Nachspiel sei überflüssig, weil, das Spiel sei sowieso entschieden, nein, es ist erst entschieden, wenn die Verdauung stattgefunden hat, vorher nicht und die Verdauung ist nun einmal wichtiger als das Essen selbst, letztendlich sichert die Verdauung die Existenz, auch wenn zuvor der Konsum erledigt sein muß, ohne Verdauung nutzt der beste Konsum nichts.

Jana setzt sich auf einen Sessel, schaut etwas gelangweilt zum Fernseher, "Wollten wir nicht zum Italiener?". "Wollten wir?, fragt Jörg. "Ja.", "Das muß ich ganz vergessen haben.", natürlich hat er es nicht vergessen, aber jetzt zum Italiener? bloß nicht, ganz ohne Nachspiel wäre es ganz unmöglich, jedenfalls für Jörg.

Ein Reporter redet unterdessen etwas mit dem Trainer, der Trainer redet etwas mit dem Reporter, Standardsätze wie aus dem Rhetoriklehrbuch, mit dem Titel "Wie rede ich wie ein Fußballer bzw. Fußballreporter?", Jörg fand es dennoch spannend.

"Heute ist Bambino-Tag beim Italiener!", sagt Jana vorwurfsvoll. "Wir haben doch gar keine Kinder.", antwortet Jörg "Haben wir doch nicht, oder?" , fragt er sicherheitshalber, als Jana ein wenig die Augen zusammen kneift.

"Die Trude will auch kommen, mit ihren Kindern, da bist du Patenonkel.", sagt Jana während sie gelangweilt zum Fernseher schaut. "Patenonkel, stimmt, Patenonkel ist gut, aber den Bambino-Tag gibt es nächste Woch auch wieder, das mußt du verstehen, aber das Nachspiel gibt es nur heute, heute Abend, morgen gibt es das nicht mehr, die reden bloß heute Abend über dieses Fußballspiel."

"Mein Gott, was bist du für ein fieser Patenonkel, dich als Vater, das kann ich mir gar nicht vorstellen, du würdest sogar den Geburtstag deines Kindes für ein Nachspiel sausen lassen." "Sei beruhigt, mein Sohn wird zusammen mit mir das Nachspiel sehen, ganz klar, jedenfalls wenn er nach mir kommt.", erklärt Jörg lachend ohne auch nur einmal seinen Blick vom Fernseher zu nehmen.

"Und wenn es eine Tochter wird?" "Und wenn es eine Tochter wird.", äfft er Jana nach, "Ich mache nur Söhne." "Schön, wenn du dir da so sicher bist.", Jana geht aus dem Zimmer, versucht die Tür dabei nicht zu schlagen, ein wenig lauter geht sie dennoch in den Türrahmen.

"Bin ich nun Vater?", Jörg schreit es Jana hinterher, leicht erregt, irgend kommt es ihm komisch vor, Janas kleiner Wutausbruch, sonst war sie stets so gleichbleibend Jana, plötzlich eine Furie. "Eher war es der Milchmann!", Jana schreit es durch die Tür, Jörg steht auf, klammert sich mit den Füßen, die in weichen Pantoffeln stecken an den Fußboden, was wenig gelingt, er schwangt, ein wenig zumindest.

Er und Vater. Wenn nicht der Milch ... , quatsch, Milchmänner gibt es nicht mehr, er, er also Vater, warum sagt sie es denn nicht einfach, ohne Umschweife, knallhart, Frauen und ihre Spiele, verstehe sie einer, nur einer, ein Mann, er schaut weiter in den Fernseher hinein, aber das Spiel ist aus, er geht hinaus, Jana wartet in der Küche, sie trinkt einen Kamillentee.



11. Weiteres

Vom Verstehen

Er wußte nicht, was er davon halten sollten. Er versuchte es zu begreifen. Er versuchte sich in sich hinein zu begeben. Er versuchte es mit Vernunft. Und er versuchte es ungern, denn er wollte es nicht begreifen.

Die Sonne schien wieder einmal, ein schöner Frühlingstag. 18 Grad Celsius, sicherlich, warm, schön warm. Er hatte seine Vorsommerklamotten aus dem Schrank geholt. Trug sie spazieren, während er immer wieder an das Gleiche dachte. Vor Jahren hatte er bereits schon einmal von diesem Gleichen gedacht. Hatte sich dem dann aber entwöhnt, ganz einfach entwöhnt, als wenn "ganz einfach" einfach so ginge. Er hatte einfach nicht mehr daran gedacht. Absonderlich. Er mußte über sich lächeln. Hatte einfach nicht mehr daran gedacht.

Der Park schaute Grün übersatt. Die Bäume und Sträucher ließen ihre Blätter treiben, sich entfalten, erste Blüten, Mandelblüten, und er schaute dem bunten Treiben zu, atmete ein und horchte den Vögeln beim Gesang. Sie suchten sich zu paaren, sicherlich zu paaren oder sie musizierten aus dem gleichen Grunde, warum es Menschen gelegentlich tun, bloß wegen des schönen Klanges. Und was gibt es Schöneres, als es zu tun, nur wegen des schönen Klanges, dem Leben so entfernt, den Engeln so nahe, dem schönen Klang gehorchend, Himmelschöre gleichend.

Er fand sein Denken ein wenig zu romantisch, ließ sich aber treiben, genoß es dennoch, denn ihm war so, als wollte sich in seinem Leben etwas ändern. Sollte es sich ändern, dachte er und staunte über sich, horchte diesem Gedanken noch einmal hinterher. War der Gedanke richtig? Zutreffend? "Sollte sich etwas ändern." Klar, das war es, er würde dem neugierig folgen wollen.

Gestern hatte er sich verliebt. Das fühlte er jetzt ganz deutlich. Ihm war plötzlich alles egal, alles sollte sich ändern dürfen und er würde von seinem Glück allen künden wollen. So hatte er bislang nicht gefühlt. Ein leichter Überschwang tat sich in ihm auf, während er der Natur bei ihrem Spiele zusah, ein verliebtes Paar auf der Bank, spielende Hunde und das Rascheln des restlichen Laubes, welches vom letzten Herbst die Wege säumte, an einigen Bäumen hing, im Winde schwebte.

Gut, ich habe mich verliebt, stellte er für sich fest und er fand das gar nicht mehr schlimm, eher ermutigend, und wenn er eine kleine Weile bei diesem Gefühl blieb, blieb einzig eine übergroße Freude, er hatte sich verliebt. Plötzlich kam dieser Typ durch die Tür, sah ihm in die Augen, traf ihm einfach damit.

Liebe auf dem ersten Blick, das war es wohl, denn es war das erste Mal, dass sie sich so direkt in die Augen schauten, davor nur zusammengearbeitet haben, mit Sympathie, sicherlich. Der erste Gedanke, als er ihn sah, war, netter Typ aber bestimmt ein Hetero, meistens ist es ja so, die netten sind vergeben und selbst wenn sie so ausschauen, als würden sie gern mit einem Typen zusammen leben, so sind sie mit einer Frau zusammen. Aber weit gefehlt, der Blick, dieser Blick, alles erzählend und er dachte seit diesem Moment an ihm, obwohl er es sich längst abgewöhnt hatte, an irgend welche Typen zu denken, bloss wenn er fingerübte dachte er an irgend welche Typen, nun er, und die Sonne schien, als wollte sie zustimmen, jedenfalls hatte sie nichts dagegen, vielleicht wollte sie ja Brautjungfer werden. Er ging weiter, hing seinen Gefühlen nach.



Vom Gehen

Er suchte den Park weiter entlang zu gehen, Wege wie von Goethes Gartenbaumeistern angelegt, wohl überlegt, nichts auslassend, jeden Ausblick kalkulierend, dort die Schneise durch den Park, damit das kleine Teehaus sichtbar wird, für Augen aus weiter Entfernung. Alles wohlgeordnet, einer höheren Wahrheit gehorchend, der Natur Einhalt gebietend. Nichts durfte wachsen wo und wie es wollte, alles war geplant, bis auf eines, eines ließ sich nicht planen, die Liebe.

Das liebte er so an Goethe, den zweiten Gedanken, den er so gerne hinter den ersten, so offensichtlichen versteckte. Die Wahlverwandtschaften, eines seiner liebsten Bücher. Da trafen sich zwei Paare, legten einen Park zusammen an, beherschten die Natur, wurden zu Herrschern über alle Ordnung und hatten sich selbst nicht im Griff, die Liebe siegte, die Natur siegte über alle Ordnung, über alles, was sich der Mensch als Ordnung dachte und anlegte.

Er liebte ihn, dachte an ihn, als er ein etwas voreiliges Paar dabei beobachtet wie es eine Decke ausbreitete um ein wenig im nassen Grase zu ruhen. Dort würde er jetzt gerne mit ihm sein, mitten in diesem so wohlgeordneten Park würde er einfach dort mit ihm liegen wollen, um die Ordnung wieder in Ordnung zu bringen, die Natur wieder zur Natur zu bringen.

Was sollte sein Gefühl für ihn? Sollte er wirklich dem Gefühl nachgeben. Sollte er nicht lieber Architekt der eigenen Seele spielen, den ewigen Wegebaumeister geben und sollte er alle Wege ausmessen die er gehen würde, ausmessen nach dem, ob sie angemessen sein könnten, sein würden.

Sein Haar ist wirklich schön, er mochte dieses fein gelockte, er schaute gerne dort hin, und er dachte sich seine Hand dort, einfach so, so einfach wie es ist, wenn man denkt, einfach nur denkt. Die Sonne wurde von einer Wolke verdeckt, die gerade vorbei zog. Sogleich fröstelte ihm, sein Schritt wurde schneller, er maß die Wege und schaute zum Himmel, bald würde es regnen, sicherlich regnen. Was würde ihm Goethe raten? Oder hatte er ihm längst etwas geraten, sollte er die Wahlverwandtschaften als Ermutigung nehmen oder als Warnung oder einfach nur als das, was es wohl ist, ein Spot auf unser Leben, ein kleiner Spot, ein heller Schein, kurz eingeschaltet, kommend von einem Scheinwerfer und Goethe schaut ganz genau hin, einfach so.

Der Park wurde im hinteren Teil ein wenig ungeordneter, hier durfte noch sein, was war, hier wuchs alles nach natürlicher Ordnung, kaum die Wege waren frei gehalten, die Natur liebt das Chaos, stellte er für sich fest, lachte ein wenig, ein wenig in sich hinein, er wollte ihn unbedingt sehen, bei sich sehen, was sollte er gegen die Natur rebellieren, zu welchem Zweck? Ein Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht und zwischen den Wolken zeigte sich ein Licht, wie romantisch, ihm fröstelte während er sich an seinen Gedanken wärmte.



Vom Regen

Er ging weiter und weiter, keinem weiteren Plan folgend, einfach seinem Schritt schritt haltend, mit ihm das ergründen wollend, was hinter dem Park liegen könnte. Es hatte ein wenig zu regnen begonnen. Erst paar Tropfen, die sanft von den Wolken hinunter fielen. Paar Tropfen ließen weitere Tropfen folgen, der Himmel duster von dunklen Wolken, die kaum das Licht der Sonne durch sich hindurch ließen. Die Tropfen wurden größer, einer traf seine Nase und genügte, diese feucht zu machen, eine Träne von ihm könnte das gleiche bewirken, sicherlich das gleiche bewirken.

Er erinnerte sich an alle Gewitterweißheiten, als er sich sicherer wurde, dass es gleich gewittern würde. Diesen und jenen Baum sollte Mensch meiden, diesen und jenen Baum bevorzugen und das Gute, der Blitz würde davon wissen. Neuere Erkenntnisse sprachen indessen dafür, lieber eine Senke zu suchen, sich knieend mit über dem Kopf verschränkten Händen niederzumachen. Dort lag sie auch schon, die rettende Senke, als ein heller Schein den Himmel durchzog. Lieber wollte er jedoch aufrecht durch das Leben gehen, als sich in eine Senke zu legen, was sollte der Förster von ihm denken, sähe er ihn dort liegen? Zumal, wenn dieser noch nicht die neuesten Erkenntnisse der Blitzforschung kannte.

Der Blitz schlug irgend ein, während sein himmlicher Ursprung laut donnernd tönte. Der Park, der sich anschließende wilde Park waren längst durchschritten, eine freie Fläche, grünes Gras, ein Weg und ein paar hundert Meter weiter, eine Hütte, er sah sie bereits deutlich. Seine Schritte wurden schneller, obwohl er bereits nass und nass war, all seine Kleidung hatte genügend vom Regen aufgenommen, dennoch bemühte er sich, die Hütte etwas schneller zu erreichen.

Die Hütte war verschlossen, er suchte sich eine Seite, die vom Wind nicht getroffen wurde, stellte sich ganz nah an die Holzwand der Hütte, roch das alte Holz, welches durch den Regen ein wenig muffig zu riechen begann. Der Regen begann nachzulassen, als er bemerkte, dass das Fenster, neben dem er stand, lediglich angelehnt war, er stieß es auf und gelang durch eine kleine Anstrengung in die Hütte. Im Inneren roch es nach altem Staub, alter Luft, altem Leben.

Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch und ein kleiner Kanonenofen, mehr Inventar war kaum, mehr nicht und doch, das Wichtigste, ein paar trockene Holzscheite, die er in den Ofen tat, dazu altes Zeitungspapier und Streichhölzer, er entflammte damit das Holz. Ein wenig Zeit benötigte der Ofen, um eine gewisse Wärme zu verströmen. Er legte seine Sachen ab, war bald nackend und versuchte Stück um Stück trocken zu bekommen, alles an ihm war nass geworden, und genau so fühlte er sich, von ihm getroffen, ganz und gar getroffen, nichts an ihm war von ihm nicht durchdrungen, alles, alles erinnerte ihm an ihn.

Bald sah er einen halben Spiegel über einem Tisch hängen, auf dem eine Plastikschüssel stand. Er nahm die Plastikschüssel weg, betrachtete sich und fand sich nicht gar so schlecht aussehend. Er hatte sich lange nicht mehr so betrachtet, mit so gierigen Augen, die von seinem Liebsten hätten sein können, sein sollen. Würde er ihm genügen. Schlank war er geworden, kaum noch ein Fettpolsterchen, das würde ihm hoffentlich genügen, er posierte und lächelte dabei in sich hinein.

Er präsentierte sein Dingelchen und ihm war es genügend, was er dort schaute, denn er liebte sowieso die Kleinen. Und er schaute auch deshalb so wohlwollend, weil er es sich abgewöhnt hatte, alles in Längen messen zu wollen, er wollte Liebe und nicht im Sportunterricht siegen, schneller, weiter, länger, das hatte er längst hinter sich gelassen, und doch, er schaute ein wenig mißvergnügt, und doch, er suchte einfach an all diese männlichen Maßeinheiten nicht mehr zu denken, denn das, was für ihn wichtig ist, ist doch ihn zu lieben, einfach so, ihn zu lieben um bei ihm das zu finden, was die Seele sucht, und was der Körper alles tut, wenn er zusammen mit einem anderen ruht, ganz ohne Grenzen, grenzenlos glücklich sein.



Vom Segen

Ihm war kalt, die Kleidung klamm, nicht anzuziehen, ohne sich zu erkälten, der Ofen ließ den kleinen Raum langsam erwärmen, er schaute sich weiter um, sah neben dem Spiegel einen Schrank aus paar Bretter gezimmert, abgeplatzte Farbe zierte ihn, wohl ein alter Bauernschrank, vererbbar über Generationen, frisch gestrichen als Geschenk der Alten an die neu Getrauten, Wäsche stauend und Wäche heraus gebend, die neue, die alte, wechselnd und Stoffe zum Schneidern des Neuen und Ausbessern des Alten.

Er öffnete den Schrank, schaute nach passende Wäsche, nur vorübergehend zu gebrauchen, bis die eigene wieder trocken sein würde. Der Schrank hatte eine soldatische Ordnung in sich, alles Herrensachen, Socken in Reih und Glied, ein Fach darüber Slips, gefaltet und in Zehnerpacks übereinander gestapelt, darüber Hemden, Pullover, Hosen, er nahm sich einen Slip heraus, zog sich diesen über, ihm wurde bereits etwas wärmer, ein gutes Gefühl und dann Socken, Hosen und Pullover, alles paßte, alles war in seinen Größen vorhanden. Zufällig hatte ihm der Zufall die richtigen Sachen in den Schrank gelegt.

Er betrachtete sich wieder im Spiegel, schicke Klamotten in diesem alten Schrank stellte er für sich verwundert fest, als er in dem Pullover, den seines zukünftigen Freundes, Partners, Geliebten erkennen wollte. War es nicht genau der Pullover, den er an ihm gesehen hatte, erst neulich, neulich, als er ihn sah und von ihm kaum gesehen wurde? Genau dieser mußte es gewesen sein. Er roch an ihm, er roch nach Mottenkugeln, dezent, nur dezent, als würde der Schrank seit langem keine Mottenkugeln mehr beherbergt haben. Ein wenig Seifenpulver roch er zudem heraus, Frühlingsduft, sicherlich Frühlingsduft.

Kann der Zufall solch einen Zufall vollbringen? Nein, natürlich nicht, war er sich sicher, der Pullover ein Allerweltspullover, sicherlich millionenfach produziert in der Dritten Welt für billiges Geld. Er setzte sich an den Tisch, der gleich neben dem Ofen stand, ein wenig vom Fenster entfernt, schaute weiter umher und sah einige Fotos an den Wänden hängen, notdürftig eingerahmt, nur damit sie einen Rahmen hatten. War er es nicht, der dort auf dem Bild, stellte er verwundert für sich fest, während er aufstand, um sich das Foto genauer anzuschauen. Könnte er sein, dachte er, von Form und Farbe des Haares her, aber dort war er noch als Junge abgebildet, schwer zu sagen, ob er nach zehn, zwanzig Jahren ähnliche Formen aufweisen würde, ob der Junge von seiner neuen Bekanntschaft stammen könnte, vielmehr, sein Ursprung sein könnte.

Ihn wunderte nichts mehr, er schaute sich lieber nicht weiter um, setzte sich an den Tisch, auf dem eine kleine Bibel lag, schlug sie auf und fand das Hohelied, las: „Ich gehöre meinem Geliebten, und ihn verlangt nach mir.“, alles bloß Zufall? Er wollte sich nicht in diese Zufälligkeiten hinein steigern, versuchte einfach bloß zu warten, bis seine Sachen trocken sein würden, dann könnte er die Hütte verlassen, um zu ihm gelangen zu können.



Vom Sehen

Er ging mit ihm den Strand entlang. Neben ihnen der Sonnenuntergang. Unter den Füßen feinster gelber Sand, noch warm vom langen sonnigen Tag. Ein leichter Wind kam auf, ihnen ein wenig Erfrischung bietend, die Sonne schaute in's Meer bevor sie unterging. Sie gingen weiter, nachdem sie kurz am Strand zum Stehen kamen, das Schauspiel zu sehen, sich dabei leicht mit den Schultern berührend, so nahe standen sie sich, sonst nichts, kein Kuss, keine Umarmung, sie wollten nicht weiter auffallen, mang den anderen, der normalen Welt.

Sie gingen weiter, erzählten sich Belangloses, kamen sich dabei näher, so wie sie sich stets näher kamen, ganz natürlich, ohne Fremdheit, ohne fremdeln, ohne des Fremden mächtig zu sein. Der Strand leerte sich stetig von Menschen, sie gingen zurück zu den nahen Hotels, das Abendessen wartete. Sie gingen weiter, bis das letzte Licht von den Sternen und dem halben Mond zu dem Strand gesandt wurde, setzten sich auf dem Rand eines am Strand liegenden Rettungsbootes, schauten sich versonnen an und seine Hand bewegte sich zu ihm und sie schauten zum Wasser, das leise seine Wellen an den Strand gleiten ließ, immer wieder gleiten ließ, leise, ruhig, stetig.

Er erwachte, ein wenig verstört erwachte er und versuchte den Traum zu genießen, ihn ein wenig zu genießen, Nachwehen und mehr, versuchte alles zu halten und nicht das Flüchtige einfach so zu entlassen, dieses wohlige Gefühl des Beisammenseins, das Körperliche, er hatte ihn richtig gespürt, als wäre er mit ihm zusammen gewesen, alles alles, er staunte darüber ein wenig, solch einen handfesten Traum hatte er lange nicht mehr gehabt, selbst der Slip, den er sich geborgt hatte, war ein wenig nass geworden, beinahe wäre es ihm peinlich gewesen, nein, er wollte sich dessen nicht peinlich sein, es ist geschehen, im Traum geschehen.

Er schaute aus dem Fenster, das er vom Bett aus gut erkennen konnte, paar Sterne schauten vom Himmel und der halbe Mond erleuchtete eine Ecke des Zimmers, wie es gerade das schmale Fenster zuließ. Er hatte sich schlafen gelegt, wollte eigentlich nur ein wenig dösen, bis die Sachen trocken sein würden, so hatte er es sich vorgenommen, nun müssen Stunden vergangen sein, Zeit, die nicht mehr einzuholen war, verloren in all den verlorenen Zeiten. Gefüllt, aber gefüllt mit einem Traum, der ihm etwas verhieß, was ihm wie erfüllte Liebe schaute.

Ein Seher wäre er gerne gewesen, ein richtiger Seher, der schaut, was auf ihm zukommen möchte, zukommen kann, zukommen wird. Bislang hatte er nur geträumt. Womöglich zu wenig zum Sehen. Oder gerade genügend. Er wollte es darauf ankommen lassen, das Sehen einfach geschehen lassen, mit seiner Hilfe, klar, mit seiner Hilfe. Er schaute nach seinen Sachen, sie waren jetzt getrocknet.



Vom Geben


Er hatte noch ein wenig gegrübelt, war dabei wieder eingeschlafen, am späten Vormittag erwachte er. Nicht zu spät. Gerade rechtzeitig, um wieder unbemerkt gehen zu können. Ein wenig würde er aufräumen müssen, Sachen, die er sich geborgt hatte, wieder in den Schrank legen und zusehen, dass dies nicht weiter auffallen wird.

Draußen schien die Sonne. Er wollte wieder zurück gehen, den gleichen Weg, den wilden Park queren um zu dem geordneten gelangen zu können, zum Schloss, würde anklopfen, um Einlaß bitten, klar, würden ihn hinein lassen, schließlich war es längst kein Schloss mehr, war längst nicht mehr allen verschlossen, längst für alle zu besichtigen, ohne viel mehr geben zu müssen als ein paar Euro, Dollar, Yen, egal, Geld ist international. Kein Leben würde er an der Tür lassen müssen. Das nicht und nicht mehr, einzig Geld würde er geben müssen und sein Interesse.

Er ging hinaus, die Sonne schien, keine Wolke zu sehen, blauer Himmel, schön zu sehen, wenn er sonst kaum so blau daher kommt, das Blaue eine Ungewöhnlichkeit ist, sonst Wolken zu sehen sind, die Regen geben, sich geben.

Paar Schritte und er dachte wieder an ihn. Klar, an ihn. Stellte ihn sich jetzt bei sich vor, würde mit ihm lachen, reden, streiten, würden so vieles, eine Amsel sang, und es klang nach einem recht hübschen Tag, alles klang plötzlich nach einem recht hübschen Tag. Seine Schritte nahmen den Weg leichter, unbeschwerter, er versuchte nicht an ihn zu denken, oder er versuchte allein, allein an ihn zu denken, es würde dabei das Gleiche heraus kommen, alle Gedanken abgeschaltet, nichts zu denken, alles Gefühl, sein Gefühl zu ihm.

Er durchschritt den geordneten Park, war dabei mit sich allein, kein anderer Spaziergänger zu sehen, der Tag zu früh zum Spazierengehen. War in die Woche hinein gelangt, das Wochenende war gegangen, alles besann sich darauf, das zu tun, was einem als Arbeit definiert wird. Bald sah er die Sonnenstrahlen durch die Baumkronen auf die Wege gelangen, schaute dem Spiel der Strahlen zu, beleuchteten mal dies, mal das, schauten mal dies, mal das, ließen in Frieden und erklärten dem Dunklen den Krieg, tapsten sich vor, in ihrer Blindheit und schauten nach jedem Tasten gescheiter, er wollte ihn sehen, jetzt, jetzt, sogleich.

Er wünschte ihn sich herbei und er wollte ihm sagen, "Ich liebe dich." und dann wollte er sich ihm geben und sich ihn nehmen, alles sogleich und in einem, er würde von ihm bloss ein "Ich dich auch." benötigen, und er hatte seine liebe Not damit, diesem Gedanken nicht allzu lange nachzuschweben, denn die Zeit zum Träumen war längst vorbei, es war Tag geworden und er würde schneller gehen müssen, denn er würde zu seiner Arbeitsstelle gehen, klar, gehen, was sonst. Erschien ihm alles auch so unnormal, so blieb er doch im Normalen, liebte und liebte und fand nichts mehr dabei, nur ein tiefes Gefühl der Geborgenheit, die alle Verlorenheit in sich aufnimmt, in die er sich geben mag, geben mag um geborgen zu sein mit ihm, bei ihm, wie im warmen Geben schweben.

Ein schallendes Lachen. Er hörte es und vernahm sich, hatte zu pathetisch gedacht, ach ja, klar, welch schallendes Lachen, befreit ging er weiter und dachte und dachte weiter, an ihn.



Vom Erreichen


Während er noch dachte, lachte, nunmehr ganz sachte lachte, erreichte er das Schloss. Ein prächtiger Bau, mit einem großen Tor. Eiche, Stahl, Sandstein, und alles bricht doch, doch, auch wenn es bereits besungen ist, doch. Den Dingen ist es egal, ob sie verschlagert wurden, dereinst, sie brechen einfach, nur unsere Liebe nicht, summte er und summte es, ohne dass ihm dabei unwohl wurde, was ihm sonst oftmals bei volksliedhaftem Schlager wurde.

Er stand vor dem Eingang und kam nicht hinein. Das Privileg eines jeden Schlosses, verschlossen zu sein. Sich nur für den zu öffnen, der den rechten Schlüssel bei sich hat. Er versuchte es mit dem Anklopfen. Nichts tat sich. Er würde sich wohl zuvor anmelden müssen. Aber was würde es helfen? Ohne Schlüssel öffnet sich kein gutgehendes Schloß. Er würde einen Schlüssel benötigen, sonst könnte er sich nicht in das Schloss begeben. Alles andere würde er benötigen, als die Dinge, die er bislang benötigte. Aber hatte er es wenigstens bereits in seinem Gepäck dabei? Hatte er genügend des Weges vermessen, um den Schlüssel in sich tragen zu können?

Er wollte zu ihm, jetzt und gleich. Zu ihm. In ihm steckte alles, was zu ihm führen könnte, sollte, musste. Seine Liebe, sein Gefühl, endlich angekommen zu sein. "Laßt mich rein." schrie er, bis ein Gärtner, oder war es der Torwächter?, auf ihm aufmerksam wurde. "Montags geschlossen.", rief der nur, als wenn die Liebe warten könnte, auf Dienstag von 09:00 bis 12:00 Uhr und 15:00 - 18:00 Uhr, nur mit Führung, las er, ein Schild, recht unauffällig angebracht, neben der Türe.

Was sollte er warten. Auf Dienstag warten. Keinen Aufschub wollte er dulden. Wollte den Schlüssel zu ihm ausprobieren, schauen, ob er funktionierte, keine Öffnungszeiten akzeptieren, kein Verschieben, hatte längst sein Leben vermessen, war zu dem Schluß gekommen, dass er jetzt wollte, was gar nicht anders sein konnte.

Und doch, das verschlossene Schloß, ein schlechtes Zeichen. Er ging mißmutig weiter. Würde er ihn nicht erhören, jetzt wo er sich nach ihm umgesehen hatte, nach seiner Liebe geschaut hatte, jeden Zweifel sein gelassen hatte?

Neben dem Schloß befand sich eine kleine Kirche, er schaute zu ihr, schaute hinein, sie war geöffnet, sie stand da, mit offenem Tor. Er schaute hinein und sah den Erlöser. Der Erlöser hatte für ihn geöffnet, obwohl er der Beleg für das Unperfekte der göttlichen Schöpfung war. Ein Lächeln umgab ihm bei diesem Gedanken. Das weltliche Schloß gab sich moralischer als der Kirchenbau. Oder war alles Unperfekte doch notwendiger Teil des Perfekten? Wollte er, der da oben, alles so erschaffen, dass es nicht wie eine Maschine dastünde. Alles, nur keine Maschine. Es sollte Ausnahmen von der Regel geben können, weil sie die Regel bestätigen und damit selbst zur Regel werden. Welche Erkenntnis! Er spottete über sich, erstes Semester Philosophie. Vergißt man schnell. Zu schnell, weil zu einfach.

Das Glasbild des Erlösers leuchtete in bunten Farben, während es von den Strahlen der Sonne durchstreift wurde. Er versuchte ein Gebet und bat dann doch nur um das Gelingen seiner Liebe. Wird sich schon was gedacht haben, der da oben, dachte er sich, und das Erlöserfenster schien nun ein wenig heller zu leuchten. Zu leuchten. Komm, ich nehme dich auf, schien es sagen zu wollen, denn alles liegt im Plan des großen Ganzen, jedes kleine Licht, und er staunte über sich, dass ihm nunmehr froh war, als wenn er diese Rückversicherung benötigt hätte, war er doch mit Hilfe der Vernunft längst vernünftig geworden, nun begann er zu glauben, in der Not läßt es sich leicht glauben, die Not benötigt ihn, den da oben.

Draußen war ihm alles plötzlich so klar, er liebte ihn und wollte ihn glücklich sehen, wollte sich glücklich sehen, er ging weiter, etwas schneller als zuvor, seine Liebe, seine ungeheure Liebe wartete im Büro, dort mußte er nun hingelangen.



Vom Verlangen


Er versuchte sich das Leben mit ihm vorzustellen während er längst den Park verlassen hatte, die mit Betonsteinen gepflasterten Fußwege entlang lief, die irgend im Büro enden würden, er lief planlos, würde sicherlich bald dennoch ankommen, unweigerlich ankommen, denn alle Wege führen doch zu ihm, er müßte alle nur einmal gegangen sein, dann würde er zwangsläufig zu ihm gelangt sein.

Er versuchte sich das Leben mit ihm vorzustellen während eine Taube vor ihm auf dem Gehweg landete, im eleganten Flug und nun watschelte, dahin und dorthin, den Kopf wackelnd, als würde der Kopf das Gehen erst ermöglichen, eine zweite Taube gelangte ebenfalls zum Gehweg, beide wackelten vor ihm dahin und als er zu ihnen gelangte, taten sie etwas verschreckt, flogen von ihm zwei, drei Meter weg und wackelten dann wieder den Gehweg entlang bis er zu ihnen gelangte, wieder flogen sie hinweg, ein Stück nur, hinweg.

Er versuchte sich das Leben mit ihm vorzustellen während er zu einer Fußgängerampel gelangte, überlegte, sie zu nutzen auf Grün zu warten oder einfach weiter zu gehen, bis zur nächsten Kreuzung, dann abzubiegen, nach links oder rechts oder ganz zentral, durch die Mitte und dort hinten schien ein weiterer Park, paar Bäume grünten und die Lerche sang, versuchte er zu erhören aus dem Lärm heraus, der um ihn war, Autos, Mopeds, schwatzende Menschen, Frauen mit nichtssagendem Gesagten, dafür besonders wichtig vorgetragen, womöglich doch wichtig, dachte er sich, was wollte er schon entscheiden, mochte nicht die Frequenz, die Lautstärke, das Stakkato des Gesagten, was alles übertönte, noch das Sinnigste unsinnig erscheinen lassen mußte.

Der Park war nahe, vor ihm ein Biergarten, mitten unter Bäumen, er setzte sich an einen der Tische, bestellte ein Bier, schaute auf die Uhr, kurz vor zwölf, er durfte sich eines gönnen ohne aufzufallen, das Büro würde warten müssen.

Der Kellner kam recht elegant daher, dazu dieses Lächeln von Unbekümmertheit, als könnten sich Kellner nicht verlieben, er schaute auf dessen elegantem Popo und dessen schmaler Silhouette, als er davon schritt, träumte von seinem Liebsten, wie es wohl sein würde, mit ihm zu sein, im Büro wartete er, der noch nichts von dem ahnte, was er gerade dachte oder bereits alles wußte und einfach wartete, weil das Warten stets besser ist, als gar nichts zu tun.

Er hatte sich an einen Vierertisch gesetzt, Platz genug für drei weitere Menschen, er würde ihm genügen, und war es nicht das Lokal, was sie öfters aufsuchten, während der Mittagspause, klar, gegenüber das Bürohaus, es war das Lokal, gleich könnte er kommen und er hatte es nicht bemerkt, dass er längst dort war wo er sein wollte, nun müßte er bloß noch mit ihm zusammen leben, ihm fieberte bei diesem Gedanken, welch Verlangen und er wollte zu ihm gelangen.



Vom Warten


Langsam füllte sich der Biergarten mit Menschen, die ihre Mittagspause in diesem verleben wollten, während sie etwas aßen und tranken, ein paar Worte redeten und die Sonne schauten, den lauen Wind genossen, der sich mit seiner Wärme um ihre Gesichter schmiegte, als wollte er den Menschen das wiedergeben, was sie verlassen hatten um geboren zu werden, Geborgenheit.

Er tat nichts Anderes als zu warten. Gut, er versuchte dabei die Sonne zu genießen, das Bier mit Genuß zu trinken, dazu etwas Pizza zu essen. Eine recht gute Pizza, wenn auch nicht wie in Italien, wo sie doch eher dünn und knusprig daher kommt, weniger fett und flatschig.

Dieses Gefühl des Wartens kannte er bereits recht gut, es war ihm bereits ein, zwei Mal begegnet. Das erste Mal, als er im Kindergarten auf einen Bus wartete, der ihn und seine Gruppe in ein Feriendorf bringen sollte, tagelang dazu aus einem großen Fenster schaute, dorthin, wo er unlängst abgefahren war, um eine andere Gruppe zu ebendiesem Feriendorf zu fahren, und dieses tat, nur weil eine Erzieherin in einem blöden Moment zu ihm, dem Fernwehkranken, sagte, sie würden fahren, wenn der Bus zurück kommt. Dann, in späteren Jahren, als er eine Buchempfehlung las, sich durch die seitenweisen Buchstabenketten las, um zu der einen Stelle gelangen zu können, die ihm glücklich machen würde.

Er versuchte sich zu erinnern, ob er diese Stelle gefunden hatte und konnte sich nicht mehr erinnern. Alle Erinnerung war an den seitenweisen Buchstabenketten geknüpft, am Warten auf schöne Formen, sinnvolle Wendungen, lustvolle Bestätigungen des eigenen Denkens, auf das Plus zum eigenen Wissen, auf den Schlüssel zum Schloss der Tür hinter der das liegen sollte, was das Buch in ihm verheißen hatte, weswegen es so gerühmt wurde.

Er schaute ständig zu der Tür, die sich öffnen sollte, um ihm Durchlass zu gewähren. Kaum ein Moment verging, ohne dass sich die Tür öffnete. Minütlich, sekündlich öffnete sich die Tür. Und doch, alle möglichen Menschen ließ sie vor seinen Augen erscheinen, er, er war nicht unter ihnen. Hatte er sich längst in einen anderen verliebt? War er verlobt, verpartnert, gar verheiratet? Oder allein und wollte ihn dennoch nicht bei sich haben?

Komische Gedanken, sagte er sich, nur lachen konnte er nicht. Vielleicht zu komisch. Aber warum wartete er im Biergarten auf ihm, hätte ja auch zum Büro gehen können, ihn begrüßen, anlachen, zuzwinkern, auf den Schritt, Po, Mund schauen, einfach alles tun, damit er bemerken könnte, wie er um ihn denkt. Stattdessen saß er im Biergarten, schaute in den Wind, wie er einige Servitten bewegte, die von einem Teller auf den Boden gefallen waren, schaute die Menschen beim Essen zu, schaute die Tür, schaute zum Himmel, zum Glas, zu allem und sah nichts. Und ihm war so unwohl dabei, es wartet sich einfach angenehmer, wenn man nicht verliebt ist, dachte er, während sich die Tür öffnete und wieder schloß, öffnete und wieder schloß, sich im Kreise drehte ohne es zu bemerken.



Vom Erfüllen

Kein Wort drang zu ihm, während ihn seine Augen schauten. Groß und schlaksig stand er vor ihm, schaute verwegen zu ihm, während er aufstand und mit ihm ging. Sie redeten nicht. Sie gingen nebeneinander während sich ihre Gedanken austauschten, an Liebe dachten als sie Liebe machten. Schritt um Schritt erreichten sie den Park, die Hütte, das Bett.

Er zog seinen Slip aus, ganz sanft, während sein Mund sich zu ihm bewegte, ihn liebkoste und mit seiner Zunge nach allen erdenklichen Freuden suchte, etwas abwärts ging und zu ihm schaute, der leicht lächelte, ermutigend lächelte, während sich seine Zunge im männlichen Dreieck verlor, ein befriedigendes Schnaufen, ein Lächeln und er fühlte ihn ganz nah bei sich, seine Hände, wie sie über sein Haar strichen, es faßten, und an Schulter, Brust hinab wanderten.

Er drang in ihn ein, während seine Hand ihn dabei führte, ganz unmerklich ein, und alles ergab sich, als hätte er es bereits oft oft oft gemacht. Sie fanden schnell einen gemeinsamen Rhythmus, er genoß dabei seinen vertrauten Geruch, während ein leichter Schweißfilm ihre Körper erglänzen ließ bis sie gleichsam zum Engelsläuten vordrangen. Kein Halten, nur Glück empfanden. Ein kleines Stück vom Glück des großen weiten Himmels.

Kein Wort sagten sie, als sie nebeneinander lagen, nackend, sich betrachtend, während unmerklich das Blut wieder in sein Glied lief, wodurch es sich aufrichtete. Er liebte schön dünne Typen. Er war seiner. Und als dann die Hand seines Geliebten zu seinem Po fand, ihn berührte, fingerte, wollte er ihn niemals mehr loslassen, während er sich von ihm ficken ließ, ganz wunderbar ficken ließ.

Sie gingen einen langen, langen Weg zusammen, immer weiter, immer weiter, redeten, erzählten, schwiegen zusammen, und liebten sich, gingen immer weiter, wollten nicht mehr auseinander sein, einfach stets weiter gehen, den Weg gehen, der gegangen werden muss, wie jeder Weg gegangen werden muss, damit er ein Weg sein kann.

Wenn der Weg erreicht ist, ist der Weg das Ziel, davor ist das Erreichen des Weges das Ziel. Und er hatte seinen Weg gefunden, bei ihm gefunden. Seinen Platz. Er genoß es, an seiner Seite zu sein. Dieses Gefühl, im Richtigen angekommen zu sein. Keinen Fußstapfen der Vorderen zu folgen, eigene zu hinterlassen, den eigenen Weg gefunden zu haben, sich selbst geworden zu sein und ihn dabei zu beobachten, wie es um ihm genau so ausschaute. Vielleicht lässt sich Glück so definieren, sagte er sich, während er versuchte, nicht ironisch zu lächeln, denn wer braucht schon eine weitere Definition des Glücks, vielleicht die Glücksverlorenen? Vielleicht, ja.

Alsbald saß er wieder im Biergarten vor dem Bürohaus und schaute den Gästen beim Wechseln ihrer Plätze zu, nichts schien mehr fest zu sein, alles bewegte sich, schaukelte, unfaßbar lose, nicht mehr zu halten. Und er schaute zum Himmel, während er nichts sah, alles war nicht mehr und doch wollte er zu gerne wissen, ob er mit ihm zusammen gewesen ist, denn dann wüsste er, dass er gerade nicht dem letzten Ende beiwohnte, dem größten Spektakel seit Menschengedenken, dass es nur sein Ende des Weges war, den er mit ihm über lange Zeiten zusammen lebte und er würde bald wieder mit ihm zusammen sein können, während die Welt auf sie warten könnte.



12. Unweiteres

Prolog

Der Tag begann. Er stand in seinem Zimmer in der Wohnung eines Ortes im Immerwo herum und dachte daran einen Ratgeber zu schreiben, Wege zum Glück wollte er ihn betiteln oder auch Glückliche Wege. Er überlegte. Ratgeber haben so etwas ratvolles. Eigentlich wollte er keinen Ratgeber schreiben, aber er wusste sich sonst keinen Rat. Diesen Gedanken wollte er für sich festhalten, denn er fand ihn recht vielversprechend, sogar mit ein bisschen Sprachspiel, wie mit Bauklötzchen gespielt, mit Sand und Lehm, mit Puppen, Barbie mit und ohne Gehängsel.

Der Himmel war grau, das Grau versuchte zu verregnen. Es blieb beim Versuch. Er schaute zum Fenster hinaus, nichts tat sich. Der Himmel blieb im Grau, chancenlos im Grau verharrend. Regen wäre ein Glück, sagte er sich, der Weg zum Glück. Blauer Himmel, Sonnenschein, Nachts die Sterne zu bestaunen, am Tage den einen Stern, der alles überstrahlt, Licht im Überfluss zur Erde sendet auf dass sich Mensch schützen muss, mit Creme, Strandbekleidung, sich selbst.

Er wusste nicht, was Glück ist, das gestand er sich ein, als er mit dem Schreiben begann. Und er ahnte, dass dieses, sein Nichtwissen, die wichtigste Voraussetzung sein müsste um einen vernünftigen Ratgeben über das Glück schreiben zu können. Er hasste alle Wissenden. Jeder, der mit großer Penetranz etwas weiß, müsste eine Sondersteuer pro Wissensbrocken zahlen, eine Ichweißwassteuer. Wisser schätzte er nicht besonders, denn sie hinderten ihm am Glücklichsein. Glück ist die Freiheit von dem Wissen, dass man unwissend ist. Und dieses Glück erlangt Mensch dadurch, indem er nicht darauf hingewiesen wird, dass er unwissend ist.

Der erste Satz war vollbracht. Stolz überkam ihm.

"Was gibt es?", er sprach in sein Handy, "Wollte nur wissen wie es dir geht.", anwortete die ihm bekannte Stimme. "Wie es mir geht?", er versuchte unschuldig zu fragen, "Ja, eigentlich wollte ich Dich zu einem Spaziergang einladen.", "Ich schreibe gerade.", "Dann nachher.", "Nachher schreibe ich auch.", "Du machst mich unglücklich." Eigentlich wollte er niemanden unglücklich machen. Seine Freunde nicht, seine Verwandten nicht, seinen Geliebten nicht. Ihm wurde wohl dabei, als er an ihn dachte, und sein Geliebter sagte, "Ich bin gleich bei Dir.".

Und der erste Satz war längst vollbracht. Er war noch stolz auf sich.

"Darf ich kommen, Dich stören, ich halte es nicht mehr ohne Dich aus, du schreibst jetzt bereits drei Tage und drei Nächte.", wollte sich sein Freund nochmals vergewissern, ob er auch wirklich nicht störte, beim Schaffensprozess des Schreibens. "Ja, drei Nächte, nun komm schon ... ", er versuchte so etwas wie ein Lächeln in seine Stimme zu legen, denn er liebte ihn nicht nur, nein, er mochte ihn, wie man Pudding mag, ein gutes Stück Kuchen, Spargel im Frühjahr und mit der Achterbahn fahren, mit jeder einzelnen Zelle seines Körpers mochte er ihn. Alles bewegte sich in ihm, wenn er an ihn dachte. Die Zellkerne schienen ihm zu vibrieren, nichts vermochte er zu denken, wenn er an ihn dachte.

Der erste Satz war vor Ewigkeiten vollbracht. Der Stolz war längst zum nächsten Opfer davon stolziert, ihm war lediglich sein Abdruck geblieben, ein kleines Bleibsel in seinem Hirn.

Das Fenster war groß und täuschte eine gewisse Geräumigkeit vor, die sein Arbeitszimmer nicht hergab. Sein Schreibtisch stand unmittelbar vor dem Fenster, hinter ihm zwei, drei Schritte, die Tür, der Flur, sein Freund. Vor dem Fenster war das Nichts, gesäumt mit einigen Bäumen, groß und schattenspendend, im Frühjahr bis zum Herbst allerlei Gevögel beherbergend, schlief er an seinem Schreibtisch ein, wurde er am frühen Morgen von ihnen geweckt, Frühflieger, diese Vögel, ärgerte er sich, bevor er ihnen zuhörte. beim Schnarren, Pfeifen, Zischen, Pochen, dabei einen Rhythmus entdeckend, ein Gefühl für Melodie.

Es regnete.

Es plätscherte.

Es goss, es floss, es.

Er schaute einfach zu und es war ihm unendlich glücklich dabei. Der Regen weiß nichts zu berichten, kein Wissen von sich zu geben. Ruhe, Ruhe beherrscht das Tröpfeln des Regens und gelingt es, dem Regen beim Regnen zuzuhören, mit allen Sinnen zu hören, so bleibt nichts zum Denken übrig, nichts. Ruhe, Stille, kein ichweißetwas, alles Ruhe und am Anfang war Ruhe bevor aller Anfang begann und dann sagte Gott etwas, seit dem gibt es das Ichweißetwas.

Eine Träne war ihm gekommen. Die vergangene Zeit wollte begossen werden. In der alles nichts war, so dass sich nichts groß ausnehmen konnte. Er würde einen Ratgeber schreiben, einen Ratgeber vom Glück, er kannte es nicht und deshalb war er der perfekte Mensch zum Schreiben des Ratgebers, auf dem alle Ratsuchenden warten würden. Denn zuerst war der Rat und dann waren alle ratlos, denn wo ein Rat war gesellte sich schnell ein zweiter Rat, ein dritter Rat, unzählige Rate hinzu, ein Meer von Raten und dann schuf Gott die Tiere bis er nicht mehr schuf und alle Wissenden die Evolution schaffen ließen, denn auch ein Gott braucht mal Urlaub, auf Malle oder sonstwo wo es ordentlich und vor allem sinnfrei kracht. Saufen bis zum Umfallen, damit Mensch im Liegen weiter trinken kann, er war dabei und er wollte dabei sein, selbst wenn das wieder Sinn machte.



Start

Hatte er es bereits gedacht? Fragte er sich, während sein Blick das Zimmer streifte, Schreibtisch, Regal mit Büchern, Tür, Stehpult zum Schreiben im Stehen, ihm war mal so und eigentlich längst nicht mehr, aber das Möbel ist angeschafft und es war modern, zeitgemäß, da außer der Zeit, rückenfreundlich, dafür für Beinweh wie geschaffen und die Gedanken blieben genau so weg wie im Sitzen, wollten sie nicht erscheinen, nicht erscheinen in der Nähe, am Horizont.

"Grübelst Du wieder?", fragte ihm eine vertraute Stimme, während er langsam erwachte, auf dem Sessel sitzend, das Gesicht immernoch zum Stehpult gerichtet.

"Was heißt hier grübeln?", fragte er halbwach zurück, während ihm eine Hand berührte, das Hemd ein wenig beiseite schiebend und langsam in den Schritt hinunter rutschtend.

"Weißt Du, ich sehe Dich immer grübeln.", sagte es und er vermochte nicht zu antworten, der Mund seines Freundes schmiegte sich an seinem, kein Platz war mehr, irgend etwas zu sagen. Fast wollte er es bedauern, aber er genoss es, ließ sich vom Verlangen seines Freundes mitreißen und er öffnete seine Beine und fühlte etwas zwischen sich und nichts wollte ihn mehr halten, er war mit ihm und mit ihm, immer wieder mit ihm, so oft mit ihm, immer wieder neu mit ihm.

Sie kamen fast gleichzeitig. Sie kannten sich gut. Sie taten sich gut.

Das Kino zeigte einen neuen Film. Wie jeden Donnerstag. Fast wie Gründonnerstag. Neu und neu. Sie schauten den Film über Belanglosigkeiten und amüsierten sich und freuten sich, dass es noch Belanglosigkeiten gab. Das Leben kommt einem schwer genug, so bleibt kaum Platz für Schwere und wäre es anders, so wären sie begeisterte Zuschauer des Schweren, womöglich zettelten sie eine Revolution an, eine Revolution aus dem Gefühl heraus, das Dargebotene kann doch nicht alles sein und überhaupt und überhaupt. Das Leben war ihnen schwer genug, die Welt hielt sie im Atem und doch, vor dem Kino war die Luft erfrischend.

Stimmengewirr. Rufe, Krakeler in der Nähe, hatte die Eintracht gewonnen? Im Donnerstagsspiel gewonnen, in einer Zeit, wo nichts mehr galt, einfach gewonnen? Keine Zeiten hielten mehr etwas fest, Spielzeiten waren abgeschafft, und hatten sie gewonnen?

Sie gingen ein paar Schritte, schauten in die Nacht hinein, hielten Ausschau nach ein wenig Sinn, sahen Menschen die Straßen entlang laufend, meist vergnügt, der Abend war spät und meist vergnügt, einige auch angespannt, die Zeit die Zeit, die rann wie Tropfen an einem Lotusblatt entlang, nicht aufzuhalten, Gleitzeit in eine neue Zeit hinein.

Sie erreichten eine Bar, ein paar Drinks zu nehmen, waren sich nah. Sein Freund schaute glücklich aus. Er forschte ein wenig in seinen Augen und sah sich. Zufrieden lehnte er sich zurück. Zufrieden vor Glück in einer glücklosen Zeit. Glücklose Zeit. Er wunderte sich ein wenig über sich, während die Bedienung die bestellten Drinks brachte und er versuchte, nicht allzu sehr auf dessen gut geformten Po zu schauen, denn das mochte sein Freuind nicht besonders. Eifersüchteleien.

Manchmal tat er es extra deswegen, dann konnte er seine Liebe ganz direkt fühlen, wenn er plötzlich zickig wurde, ihn nicht mehr beachtete, für Minuten, bis er ihm einen Kuss schenkte, einen kleinen Augenblick mit den Augen seine Augen schaute, aber dennoch, irgend ein Wort würde kommen, ihm zu bedeuten, er solle nicht ständig flirten, schauen, nach anderen. Aber warum darauf verzichten, sein Freund war ihm so angenehm, wenn er eifersüchtelte, dann fühlte er sich doppelt begehrt.

"Wars das?", tönte es, als die Bedienung vom Tisch wich, er merkte, er war zu weit gegangen, leichter Zorn lag in der Stimme seines Freundes und fortan widmete er der Bedienung keinen Blick mehr, redete über den Film, dies und das, versuchte zu scherzen, sein Freund schaute noch etwas mißmutig und schaute dann einem zufällig vorübergehenden Blondi in den Schritt und er fühlte all die Eifersucht in sich aufkommen, die er so an seinem Freund liebte und wieder ein Mal schwor er sich, nie nie nie wieder schaue ich einen anderen.

Die Sterne leuchteten. Was für Romantiker. Der herbstliche Abend schaute auf sie, während sie nebeneinander gingen, sich aneinander reibend, Schulter an Schulter, als gingen sie das erste Mal so, als wäre es ihr erstes Date, gespannt lauschte er in sich und fand dort ein Glück, das er nicht mehr fortlassen wollte, in sich bergen wollte, bis zum Ende aller Tage.



Weg

Die Unendlichkeit kann einem lang werden, ist man nicht zufällig mit dem Begehen des Weges beschäftigt. Von A nach A. Der Weg, der keiner ist. Er muss gegangen werden, dann ist er, wenigstens in diesem Moment.

Sein Mann ging neben ihm. Das beruhigte. Einer, der den Weg kennt oder zumindest die Gewißheit gibt, den Weg mitzugehen und damit den Weg zum Weg zu machen, damit er erkannt werden kann. Stilles Schweigen. In der Ferne die Geräusche eines Mopeds. Geräusche, die zu teilen beginnen, das Eine in das Davor und Danach. Die Luft war klar, ein wenig des Geruchs des verbrannten Benzins erreichte sie.

Alles ergab sich inzwischen zwischen ihnen als lebten sie bereits ewig zusammen. Manchmal kam er sich ein wenig zu normal vor, gegenüber der Schönheit seines Mannes, aber Schönheit vergeht zum Glück und bis dahin muss er vertrauen, darauf, dass das Leben weiß was es will und auf die Funktion von Gummis, wenn es ein Mal nicht weiß, was es will. Schönheit vergeht, vielleicht auch nicht, vielleicht auch nicht. Er mochte ihn auch so wie er geformt ist und was konnte er schon dafür, dass er so ist wie er ist. Wer will ihm das schon vorwerfen, zumal das Fremdgehen sich nicht auf Schönlinge beschränkt, womöglich haben Normalos viel mehr an Gelegenheiten, weil sie einfach öfters angesprochen werden, denn wer will sich bei einem Schönling schon eine Abfuhr abholen, das würde am Ego kratzen. Und war es nicht schon immer so, Schönlinge saßen in der Disco immer am längsten allein herum, weil sich niemand traute sie anzuquatschen, dazu soll es sogar eine Studie geben, er erinnerte sich blass.

"Der Kellner war schon nett, nicht wahr?"

"Wieso, kennst Du ihn?"

"Nur so."

Sie schauten zu den Sternen und sie mussten sich vertrauen, genau so wie man darauf vertrauen muss, dass die Sterne dort bleiben wo sie sind.

"Und hättest Du ihn angesprochen?"

"Habe ich doch."

"Hmh.", sein Mann schaute ihn prüfend an.

"Als ich bezahlte."

"Ach so."

"Ach so."

Sie gingen weiter den Weg den alle Verliebten gehen, nicht wissend, wo sie ankommen würden und ob sie ankommen sollten.

"Entschuldige."

"Wofür?"

Er lächelte und sein Mann lächelte, sie verstanden sich und sie hatten sich. Alles andere war eben nicht zu beherrschen. Alles andere musste Vertrauen sein, in die eigene Verliebtheit, in die Verliebtheit des Anderen, in die eigene Vertrautheit, in die Vertrautheit des Anderen, in das Leben selbst.

Sie kamen bei sich an. Und als sie ganz nah beieinander lagen, in ihrem Bett, war ihnen sowieso alles klar, sie würden alt miteinander werden, auch wenn alte Schwule für junge Schwule so unverständlich sind wie Goethes Faust für Schüler. Ihm fiel gerade kein anderer Vergleich ein, als er dieses dachte und die Zunge seines Mannes in seinem Mund verschwand, ein kleiner Stoß, ihm wurde heiß und kalt, endlich musste er nicht mehr denken, und der Weg entschwand ihm vollends als ihm die schmalen Finger seines Mannes am Po berührten, so musste sich Unendlichkeit anfühlen, aber das dachte er längst nicht mehr.



Ziel

Er lag neben ihm, hörte seinem Atem beim Atmen zu, schaute ihn an, fühlte eine Geborgenheit, die er zuletzt fühlte, als er als kleines Kind an einem Sonntag Vormittag unter die warme Bettdecke seines Vaters kriechen durfte, nachdem dieser gerade aufgestanden war. Dann lag er dort, in dem Ehebett seiner Eltern und spürte dem Duft von Geborgenheit nach während seine Eltern das Frühstück bereiteten und er wollte nicht hungrig werden, denn dann würde er aufstehen müssen, lieber aß er sich an diesem Gefühl satt und war dem Gefühl erlegen, lieber als das Schnöde zu tun, etwas zu essen, zu essen, was er täglich essen kann, zum Glück täglich essen kann.

Er räusperte sich, bald würde er aufwachen, sollte er seinen Mann kitzeln, ihn ein wenig Luft hauchen in dessen Gesicht bis er aufwachen würde und dann unschuldig lächeln oder sollte er warten bis er von selbst die Augen öffnen würde? Ein wenig schaute die Sonne in das Zimmer, so hatte er einen Platz an der Sonne bekommen und musste glücklich sein. Musste keinen Krieg mehr dafür führen, hatte gewonnen ohne gesiegt zu haben, musste keine Opfer bringen und kein Leid verursachen, baute sein Glück auf ein paar Sonnenstrahlen auf, mehr nicht.

Plötzlich öffnete sein Mann die Augen und er wollte ihn vollquasseln, mit Worten überschütten, aber er war wohl bereits eine Weile wach gewesen und hatte seinen Blick gefühlt, an sich gefühlt, so dass er sich sogleich zu ihm beugte und sie begannen dort, wo sie am Abend zuvor aufhörten wieder von neuem. Er fühlte seinen Steifling und schaute ihn während er ihm etwas von ganz Nahem zu erzählen begann, seine Zunge schwang und dabei von der Geilheit seines Mannes alles in sich aufnahm um selbst all das zu spüren, zu spüren, zu spüren.

War er am Ziel angelangt? Er saß am Tisch vor seinem Fenster des Schreibzimmers und versuchte zu denken. Ziel, was ist das? Vielleicht für ihn die Ziellosigkeit, einfach kein Ziel mehr verfolgen zu müssen? Längst ins Schwarze getroffen zu haben, längst nicht mehr schießen zu müssen, kein Weg, kein Ziel sich mehr überlegen zu müssen, als Ziel die Ziellosigkeit zu haben, und damit mehr Sinn als mancher Ratgeber auf tausendfünfhundert Seiten auszubreiten vermag. Ziellosigkeit. Was für ein Wort. Das Wort der Wörter. Ziellosigkeit. Angekommen sein. Nicht mehr suchen müssen. Nicht mehr finden müssen.

Er wollte ihn heiraten. Er hatte ihn noch nicht gefragt. Er würde ihn einfach darauf drängen selbst zu fragen. Würde ständig immer wieder vom Heiraten erzählen bis sein Mann kapieren würde, was er möchte.

Und wieder hatte er ein Ziel vor Augen. Und wieder dachte er, ein Mensch bleibt eben ein Mensch. Wer kann schon ziellos glücklich sein? So gelänge nicht einmal das Unglücklichsein, dachte er sich während die Sonnenstrahlen lustig auf seinem Gesicht zu tanzen begannen.



Ankunft

Ich ging den Weg der Wege,

Stets am Rand entlang,

Unwegsames Gelände nehmend,

Mittenmang im Leben stehend.

Er rezitierte, während er ständig denken musste, was für ein Kitsch und Kitsch sagte, während sein Mann mit verträumten Gesicht dahinschaute zur Zimmerdecke und einfach nur seine Hand hielt, liegend neben ihm sich wohlig streckte, sich gut fühlte.

"Kitsch, was für ein Kitsch."

Sein Mann verrunzelte seine Stirn. "Was Du nicht sagst. Aber was für ein schöner Kitsch. Und was für ein schwuler Dichter."

"Was hat Schwulsein mit Dichten zu tun?", redete er genervt fragend daher während er mit seinem Finger leicht den Mund seines Mannes berührte, der sofort lächelte

Ich gehe den Weg der Wege,

Gedankenlos zur Ferne schreitend,

Alle Gedanken abzustreifen,

Mich allein mit mir bestreitend.

"Das ist doch schön.", sein Mann war echt angetan von diesen Versen und was braucht es mehr im Bett um das Bett einem angenehm machen zu können.

Er wollte sich glücklich schätzen, bei ihm zu sein. Denn Glück ist immer auch das Glück des anderen. Und sein Mann war glücklich, wenn er ihm Verse rezitierte. Womöglich hätte er auch das Alphabet rezitieren können, Hauptsache die Stimmlage passt und dann passt alles, er spürte sich ihm ganz nahe, sein Glück war auch sein Glück Was für ein Glück, er fasste sein Glück, denn er hatte den zweiten Gedanken für sein Glücksratgeberbuch gefasst. Ein großartiger Gedanke. Er musste nur noch auf zweihundert Seiten ausgewalzt werden. Er fühlte sich bereits als richtiger Straßenbauer, als richtig echter Straßenbauer. Mit der Walze einen Gedanken auswalzen bis er einen Weg kennzeichnet, einen Weg zum Glück, hauchdünn, zerbrechlich, nicht von den Unartigkeiten des Untergrundes, von den Abnutzungen der obigen Nutzungen geschützt, hauchdünn und deshalb so unheimlich wichtig. Nanowichtig. Denn alles was nano ist, ist zur Zeit wichtig, besonders gut, eben nanogut.

"Lies weiter, bitte ...", sein Mann schaute ihn an, während seine Hand ihn berührte und er nicht anders konnte, als sich wohl zu fühlen.

Ich war der Weg der Wege,

Ich bin der Weg der Wege,

Weglos ungereimt schreite ich,

Dahin und sehe mich nicht,

Denn ich bin der Weg,

Denn ich war der Weg.

"Reicht es Dir?"

"Lies weiter, lies weiter, es ist so geil."

Doch er las nicht weiter, denn er konnte nicht mehr sprechen, weil er gerade anderes tat, er wunderte sich nur, was seine Stimme bewirkte und er beschloss, dieses Gedicht doof zu finden und dennoch einfach loszuficken, sein Mann fand seine Stimme total nett, warum nicht, man lernt sich eben kennen, am besten im Bett, ist man dort erst ein Mal angekommen.