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Der Mann
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Es war diese Zeit, zwischen Winter und Frühling, die ihn gefangen nahm, stets so gefangen nahm, sie galt ihm wie geboren werden, nur, daß er diese Male, diese Werdensmale stets miterleben durfte, bewußt miterleben durfte.
Gestern noch lag ein Rest von Schnee auf dem Sandweg vor seiner Hütte, als er jedoch an diesem Morgen vom Küchentisch aus hinaus aus dem kleinen winterdreckigen Fenster zum Draußen schaute, sah er nur noch eine weiße Haut davon, darunter, unter dieser Haut vom weißen Gestern, war der Schnee bereits getaut, ein paar Stellen zeigten sich auch ohne Haut, waren grau, matschig, wässern. Er würde nachher Gummistiefel anziehen müssen.
Ihm war wohl dabei, bei diesem Gedanken des Tauens zu sein, des Erlebens der Zeitenwende. Langsam, beinahe behäbig trank er seinen Kaffee aus einer weißen Emmailletasse, kaute dazu Zwieback. Ein wenig mühsam zermalmte er mit seinen Backenzähnen das feste Gebäck, spürte dann den leicht süßlichen Geschmack des breiig gewordenen Zwiebacks, schluckte ihn, und trank Kaffee, immer wieder einen Schluck des starken, überstarken Kaffees.
Als er den letzten Schluck des Kaffees hinunter spülte, der ihm stets besonders bitter war, erschien ihm der erste Sonnenstrahl des frühen Morgens, er tanzte auf dem Küchentisch herum, ließ das Holz schattieren, Strukturen gewinnen und zog dann weiter Richtung des Herdes, ein uralter Ofen, der noch mit Kohle betrieben werden konnte, daneben die Mikrowelle, mit Grill, das wohl wichtigste Einrichtungsstück in der sonst recht leeren Küche. An den Wänden, halbhoch rundum Kacheln, weiß, in denen sich die Zeit eingeritzt hatte. Unten dunkle Steine, Klinker, abriebfest. Sonst war die Küche nur gekalkt, vor ein paar Jahren hatte er selbst Hand an ihr gelegt, sie war bereits wieder ergraut, er wollte sie bald, noch im Frühling erneut kalken.
Der letzte Gedanke trieb ihn hinaus, aus der Küche raus. Rasch zog er sich die Gummistiefel über, die im kleinen Flur vor der Küche in einer Ecke standen. Als er hinaus trat, den ersten Schritt tat, bemerkte er schon, daß er richtig gelegen hatte, mit seiner Annahme: Tauwetter.
Jeder seiner Schritte hinterließ unter einem leichten Rülpsen eine frische Spur, er ging weiter, hinaus, zu einem kleinen Holzverschlag, einer Tür mit drei Wänden, innen befand sich ein Brett, quer, kniehoch, bestrichen mit grauer Ölfarbe, es roch leicht nach Chlor, er setzte sich über eine kreisrunde Öffnung des Brettes, und versuchte trotz der Kälte das stets so Notwendige zu erledigen. Es plumpste rund zwei Meter tief.
Als er zurück ging, zur Hütte, setzte er genau neben seinen vorherigen Spuren neue Spuren, seitenverkehrt, es sah recht lustig aus, und sein ganzer Ehrgeiz ging dahin, seine Füße stets im gleichen Abstand zu setzen. An der Tür angekommen schaute er zurück und befand sein Werk als vollkommen, gut, er war wirklich ein Meister im Füßenebeneinandersetzen.
Er kochte sich, nun, noch einen Kaffee, trank langsam, fast genießerisch, schaute das Fenster, sah bereits die Sonne über den Wald steigen, der keine fünfzig Meter von seinem Haus entfernt begann.
Der Tag nahm seinen Lauf, ohne ihn, so schien ihm, lief und lief er immer weiter fort. Er staunte ein wenig über sein so wenig wichtiges Sein. Ein Mensch. Er, ein Mensch. Und doch, keine Notiz würde von ihm übrig bleiben. Gut, er hatte Hütte, Baum und Kind in die Welt gesetzt. Spuren. Und doch, nur erste Spuren. Sie sollten sich stärker verankern, so wollte er es. Aber was kann ihn seine Hütte schon verankern? Sie würde, wenn er nicht mehr ist, er nicht mehr körperlich ist, einfach zerfallen, in sich zusammensinken, nicht mehr brauchbar, für einen Nachmenschen, und noch weniger für eine Notiz von ihm.
Zuerst würde das Dach löchrig. Erste Wassertropfen, dann kleine Rinnsale, Bäche von Wasser würden sich durch die Löcher ins Innere hinein begeben, würden ermöglichen, daß sonst so harmlose Sporen zu leben beginnen, in seiner Hütte. Schimmelpilze, womöglich sogar Algen, wenn es denn die Luftfeuchtigkeit zulassen würde. Dann brechen erste Wände ein, das Holz hält sich nicht mehr in Form, ist nur noch Nährstoff für Mikroben, was bleibt ist der Steinboden, einstweilen der Steinboden, bis auch dieser, von Pflanzwerk überwuchert, durchwuchert würde, langsam zerbröselt, wie ein von Karies befallener Zahn zerbröselt, langsam, kaum merklich, aber effizient.
Gut, der Baum würde ihn länger, womöglich sogar seine zweihundert Jahre eine Spur sein. Aber was nützt die beste Spur, wenn sie nur mit einem Geheimwissen ergründbar ist. Wer würde wissen, daß er es war, er, der Mann, der diesen Baum einst pflanzte. Außer seiner Tochter wußte niemand davon, wenn sie überhaupt noch davon wußte.
An seine Tochter mochte er kaum denken. Sie lebte jetzt in New York, weit genug weg von ihm, so schien es ihm. Ab und zu erhielt er einen Anruf, schnell schnell schnell redete sie dann Neuigkeiten, die ihm überhaupt nicht interessierten. Er wollte nur wissen, wann sie zurück kommen würde, von ihrer New-York-Fahrt und sie erzählte nur Begeisterung, Begeisterung und Begeisterung. Er haßte New York. Er kannte New York nicht. Dennoch haßte er sie, diese Stadt, die ihm seine Tochter nahm. Gerne würde er gegen sie angeritten kommen, mit dem trojanischen Pferd, um sich seine Tochter wieder zurück zu holen. Allein, er wußte nicht, welches Mittel er im Pferd verstecken sollte. Eine Drohung? Sollte er mit der Enterbung drohen, wenn sie nicht zurück käme, aber bald?
Er schaute aus dem Küchenfenster, versuchte Spuren zu finden, und als er seine Spuren vom frühen Morgen sah, die er so leicht, dort, im Matsch, hinterlassen hatte, bemerkte er, wie sie sich langsam auflösten, ganz ganz langsam, aber mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auflösten.
Seine Schritte verloren sich beim Gehen, beim Hinausgehen. Er hatte es in der Hütte nicht mehr ausgehalten. Zu sehr hatte er sich seinen Gedanken hingegeben. Er würde sich ablenken müssen, mit Arbeit. Was man so Arbeit nennt. Er nannte Arbeit so ziemlich alles was er tat ohne denken zu müssen. Das Aufwachen, Wasserlassen, Essen, Trinken, Kaffeetrinken, Gehen, Sehen, Stehen, Herumstehen, Holzeinschlagen, Füttern, Ausmisten, Schlachten, Pflanzen, Ernten, Wässern, Schlafen, Träumen. Kurz, alles, was mit das bezeichnet werden kann mit der Ausnahme des Denkens.
Er wischte mit seiner rechten Hand über einen Stein, der an einem Baum, gleich neben einem Bach lag, der kaum 100 Meter von der Hütte entfernt dahinfloss, wenn er nicht zugefroren war. Der Bach trug nur noch eine leichte Eisdecke, kaum ein paar Zentimeter dick, er würde nicht mehr über diese gehen wollen, zu dünn die Eisdecke, zu wenig Eis, zu viel Wasser unter dem Eis, zu kalt dieses Wasser, zu unerfreulich, in dieses hinein zu fallen. Unterdessen hatte er den Stein vom Schnee und einem Rest von Eis befreit. Angetauter Schnee gefriert Nachts gerne, wird dann zu Eis, als wollte er sich, zumindest als Eis, weiter im Diesseits halten. Er las für sich vor, "Eleonore", mehr nicht. Mehr stand dort auch nicht. Er wußte schließlich, wem dieser Stein, dieser Stein aus schwarzem Granit gewidmet war, seiner Frau.
In diesem Frühjahr würde er ein Jahre her sein, ihr Weggang. Er hatte es immernoch nicht ganz verwunden. Sie war das, worüber er sich am meisten ärgern konnte, als sie noch lebte, sie war das, worüber er sich am meisten freuen konnte, als sie noch lebte. Sie war sein Alles. Allumfänglich. Ganzheitlich.
Er legte ihr eine Rose auf den Stein, die er in seinem kleinen Gewächshaus wachsen lassen hatte, das neben seiner Hütte stand, in Blech und Glas. Sie war gegen das Gewächshaus gewesen. Zu viel Arbeit, zu wenig Ertrag, sagte sie immer. Er hatte es dennoch angeschafft, bewirtschaftet und ein kleines Geld damit gemacht. Und stets wenn er die Jahresrechnung auftat, konnte er sich, damals, ein Schmunzeln nicht verkneifen. Sie lächelte dann auch. Ein, ihr, offenes Lächeln. Ohne Hintergedanken, nichts versteckend, sondern hervor holend, Güte und, vor allem, Liebe.
Er würde in den Stein wenigstens eine Jahreszahl gravieren lassen, entschied er für sich, während er weiter ging, immer dem Bachlauf folgend. So eine Gravur hält sicherlich 500 Jahre, so hoffte er, sie war ein Weg zu einer Spur, zu einer recht lang wirkenden Spur. Noch in 500 Jahren würden Wanderer, womöglich sogar Archäologen den Stein finden können, mit seiner Aufschrift. Und sie könnten erkennen, daß dort neben dem Stein eine Frau liegt, die genau 50 Jahre gelebt hat und sie würden den Begrabungsritus der Industriemenschen sehen können, ergründen können. Womöglich kommt der Stein sogar in ein Museum, als ein herausragendes Zeitzeugnis, dazu seine Frau, mumifiziert. Er würde sich neben ihr begraben lassen müssen, wenn er denn von ihrem Ruhm etwas abhaben wollte. Gleich neben ihr. Er wollte sich in diesem Fall jedoch besonders interessant gestalten indem er testamentarisch verfügen würde, daß ihm allerlei Grabbeigaben mit unter die Erde zu geben sind.
Der Bach konnte im Frühjahr, wenn in den nahen Bergen der Schnee schmilzt zu einem kleinen wilden Flußlauf werden. Jetzt lag er noch still da. Beruhigt von einer dünnen Eisdecke und vom Restwinter, der noch nicht alles Eis tauen ließ, den Schnee auf den Bergen noch ruhen ließ. Er genoß den Spaziergang am Bachlauf entlang. Die Sonne hatte bereits ihren höchsten Stand erreicht, es war früher Nachmittag. Und er hatte irgend wieder sein Gemüt aufgebessert. Ließ sich den Weg am Bach gut bekommen, schritt und schritt an ihm entlang, kaum mühevoll, obwohl er stets ausweichen mußte, vor im Weg liegenden Steinen und vor Bäumen, deren Stämme den Bach säumten.
Das Leben ist eine Scheibe, sagte er sich immer wieder, immer wieder vor sich hin, als wollte er sich diesen Unsinn damit, mit dem andauernden VorSichHinReden besonders schmackhaft machen. Wenn die Erde schon keine Scheibe mehr sein darf, nach neuestem Wissensstand der Wissenschaftler und der Kirche, so könnte doch wenigstens das Leben eine Scheibe sein. Er schmunzelte. Vor ihm lag noch ein gutes Stück des Weges, der ihn wieder zurück zu seiner Hütte bringen sollte.
Am Nachmittag hatte er sich immer weiter von seiner Hütte fort bewegt, war dem Bachlauf, wie im Traum, gefolgt, nur, als er aufwachte befand er sich nicht in seinem Bett, sondern runde zehn Kilometer davon entfernt. Er nahm den Weg, wie er ihm kam. Nichts verdrieß ihn am Weg. Nebenbei versuchte er zu ergründen, warum und inwiefern das Leben eine Scheibe sein könnte. Weil wir das Kugelige nicht mögen? Weil man sich nicht vorstellen kann, daß man unten, unterhalb der Kugel wirklich leben kann, ohne herunter zu fallen? Einfach so leben kann, am tiefsten Punkt der Erde, nur noch das Weltall und den gefallenen Engel zwischen sich und dem Nichts. Und daß man gleichzeitig ganz oben leben kann, die Erde als sicheres Fundament unter sich wissend, über sich der Himmel, der gütige Gott in ihm und seine Gerechten und die übrigen Engel, die Guten.
Diese, seine Gedanken trugen ihn den Weg. Kaum spürte er an sich die zurückgelegten Kilometer. Nichts geschah, außer dem bewußten Denken und des unbewußten Gehens. Seine Augen ruhten in ihm, kaum dienten sie der Orientierung, sie sahen nicht das Schöne, nur das Nötige, den Verlauf des Weges und die sich auf ihm befindenden Hindernisse, wie Äste und Steine. Ihm war froh dabei, über Unsinn nachzudenken, sich dabei, sein Denken, vom Wissen zu befreien, nicht die Verwertung des Denkens betreibend, sondern nur das Denken an sich, wie ein Spiel begreifend, und verlieren konnte er nur selbst dabei, wenn er das Spiel nicht annahm, nur an das Verwertbare dachte, danach fragte, was es einem bringt, an Geld, an Ruhm, an Spuren.
Der Bachlauf war hier an einigen Stellen aufgebrochen. Das Eis hatte sich nicht halten können, er sah bereits Forellen im Wasser, jedenfalls wollte er sie sehen und ihm war ganz besonders wohlig dabei, als er einen Schatten eines möglichen Fisches dort unten im Wasser des Baches sehen konnte. Nur ganz kurz, für einen winzigen Augenblick, noch nicht einmal während des Verlaufes einer Sekunde, dennoch hatte er diesen Schatten für sich eingefangen, mit einem Glücksgefühl verbunden und lief nun heiterer, noch heiterer, seinen Weg, schaute dabei die untergehende Sonne und dachte nicht daran, daß er bald im Dunklen seinen Weg würde gehen müssen.
Er kannte die Dunkelheit und sie kannte ihn, denn jede Nacht besuchte sie ihn und er ließ es geschehen auch wenn er ihr gerne flüchtete, sich einem Traum ergab, der ihm das Helle brachte, ein Licht, wenn es denn kein Alptraum war. Der Weg lag nun im Dunklen. Daher vermochte er nicht mehr zu denken. Er mußte alle Sinne darauf anstrengen, ja nicht zu stolpern, immer wieder und stets den rechten Weg zu finden. Das Denken hätte ihn dabei nur behindert.
Das Dunkle war ihm besonders dunkel. Ein wenig leuchtete zumindest der Viertelmond, wenn ihn nicht die Wolken die Sicht nahmen. Auch hatten sich seine Augen an das Dunkle bald gewöhnt, er sah jetzt wieder jeden Stein, jedes Stück Holz, welches dort auf seinem Weg lag, herum lag. Nur, als er dann eine kleine Bodenunebenheit nicht recht erspähte, womöglich hatte er wieder mit dem Denken begonnen und deshalb nicht den Weg recht vermessen, fiel er vornüber. Er hörte nur noch ein Rauschen. War es der Bach? Oder war es sein Stück Leben neben dem Bach? Er versuchte erst gar nicht, dies zu ergründen, seine Hand fand jedenfalls an seiner Stirn eine feuchte Stelle, auch begann sein Kopf plötzlich zu schmerzen, ein wenig jedenfalls. Eine Platzwunde, wohl. Er war mit seinem Kopf auf einen Stein gefallen während die Füsse eine dieser kleinen Senken übersehen hatten. Welch Ungerechtigkeit, dachte er, der Kopf muß für den Fehler der Füße büßen.
Sah er einen Wolf kaum fünf Meter von sich entfernt? Und hatte er geschlafen, während dieser sich anschlich? Der Mond hatte sich bereits ein Stück hinweg bewegt, von seinem ursprünglichen Platz. Auch war kein Vogel mehr zu hören. Die Dämmerung längst zur Nacht geworden. Er wollte um sein Leben kämpfen. So viel war ihm klar, wieder klar. Der Kopf schmerzte. Doch das feuchte Blut längst getrocknet. Seine Stirn würde furchterregend ausschauen, so war seine Vermutung jedenfalls. Er richtete sich langsam auf, schaute nochmals zum Wald, in dem er jedoch nichts mehr sah, außer ein Stück der Dunkelheit.
Er fragte sich, ob er weitergehen sollte. Durch diese Dunkelheit. Er könnte wiederum fallen, sich noch Ärgeres tun. Liegenbleiben war ihm da plötzlich eine Verheißung. Im Innehalten Kraft schöpfen. Und aus dem ihn angeborenen Pessimismus. Er könnte ja abermals fallen. Sicher war sicher.
Das Leben geht immer weiter fort und man nennt dieses Fortschritt, auch wenn man selbst dabei stehen bleibt oder gar rückwärts geht. Die Zeit schlägt ihren eigenen Takt. Sie kennt nicht die Angst des Weges, sie geht und geht und. Er lächelte. Er grinste. Er lachte. Was dachte er nur wieder. Er rappelte sich auf, zum Weitergehen. Warum sollte er liegen bleiben. Nur, weil er bereits einmal gefallen war? Hatten seine Füße nicht eine zweite Chance verdient? Und, weil es seine, kaum zu ersetzenden Füsse waren, nicht auch eine dritte vierte fünfte. Entweder sie, die Füße, würden schlauer werden oder er würde mit ihnen zusammen verrecken müssen. Er würde sich nicht trennen können, von ihnen, er würde ihnen vertrauen müssen, darauf vertrauen müssen, daß sie lernen können.
Der erste Schritt fiel ihm besonders schwer. Aber so ist es mit ersten Schritten eben, dachte er sich, während er den zweiten dritten vierten tat. Der Mond schien ihm helfen zu wollen. Er leuchtete mit ganzer Kraft, auch wenn er nur viertelgesichtig war. Zudem wurde der Weg ebener und er kannte dieses Stück des Weges besonders gut, denn er nutzte ihn stets, wenn er zum Angeln ging. Nur noch wenige Meter, so wußte er, bis zur letzten Biegung, dann würde er bereits den Grabstein von Eleonore sehen können, dann seine Hütte, davor der Zaun, davor eine 35-jährige Eiche, selbst gepflanzt.
Er konnte das Wiedersehen kaum abwarten, er nahm sich größere und größere Schritte vor, selbst sein Kopfweh verschwand und ihm schien das Leben einfach wunderbar. Die Natur. Die Hütte. Die Tochter. Er selbst. Der Bach schrieb die Musik dazu. Er kannte so manche Melodie, variierte sie untereinander. Diese Nacht säuselte er leicht, wie sonst nur tausend Streicher säuseln können. Auf und ab, ganz leise, dazwischen ein gedämpftes Stampfen, wie helle Trommelschläge hinübergeweht von einem fernen Ort, kaum hörbar, aber da, das Wasser des Baches schlug so manchen kleinen Stein, dann doch auch immer wieder ein Flötenton, ein ganz unbekannter und unerkannter Ton, eine Disharmonie gar, irgend ein Ding, welches den allgemeinen Wohllaut störte, ein Ast, welcher sich dem Lauf des Wassers widersetzte und nun mitgerissen wird, dabei leicht stöhnt, knirscht und weint, während er am Ufer entlang schabt, sich nicht mehr halten kann, mit schwimmt, mit dem Wasser des Baches.
An den Wolf, den er womöglich wirklich gesehen hatte, dachte er schon nicht mehr, als er die letzte Biegung vor seiner Hütte erreichte, den Stein der Eleonore sehen konnte, sich zu diesen hinbewegte, ihn beiläufig ansprach: "Da bin ich wieder, Eleonore, nicht tot zu kriegen.", sprach er ganz leise, für Menschen kaum vernehmbar. "Hast wohl Angst um mich gehabt. Ja, so warst du immer, ängstlich, obwohl du der mutigere Mensch von uns Beiden warst, immer warst. Ja ja ja, du wirst jetzt grinsen, ich sehe es ganz deutlich vor mir, dein immer so wohlmeinendes Grinsen. Du Besonderes wolltest nie Besonders sein, nur s e i n , schon immer."
Er schaute kaum zum Stein zurück, ging an der Eiche vorbei, die jetzt noch kahl dastand, unbelaubt, obwohl mit irgend ein Leben bewohnt. Die Hütte stand ohne Wärme da, unbeheizt war sie geblieben, die letzten Stunden, dazu hatte der Frost noch einmal angezogen, heizen wollte er dennoch nicht. Ging einfach, beinahe so wie er war, in sein Bett, das neben dem Bett von Eleonore stand, versuchte zu schlafen, und schlief ein, beim letzten Versuch, wobei er nicht mitzählte, seine Anläufe, allein das Ergebnis war ihm wichtig gewesen, obwohl er sich nicht darüber freuen konnte, denn er schlief bereits, als ihm diese gute Nachricht hätte ereilen können.
Der Morgen fand ihn in seinem Bett, zugedeckt, eingemummelt, leicht schnarchend, auf und ab, das Gesicht dabei halb in das Kissen gedrückt, den Mund einen Spalt breit geöffnet, so daß ein wenig Speichel aus ihm tropfen mochte, was dem schlafenden Körper jedoch nicht kümmerte.
Die Sonne war bereits ein Stück weit aufgegangen, es wird leicht acht Uhr gewesen sein, er hatte das Aufstehen verschlafen und seinen ersten Kaffee und vor allem den Singsang der vielstimmigen Singvögel, die in der morgendlichen Dämmerung ihr Spiel trieben. Ihm juckte die Nase, ein Sonnenstrahl hatte sich auf ihr breit gemacht, schenkte ein wenig Wärme und kitzelte dabei nicht unerheblich, er juckte sich, öffnete ganz langsam erst das rechte Auge, da es sich oberhalb des Kissens befand, dann, nachdem er sich ein wenig zum Rücken hin gedreht hatte, auch das nun freie linke Auge.
Er war sich nicht recht schlüssig, ob er sofort aufstehen sollte. Die Nacht hatte seinen Körper krumm gemacht, alle Knochen taten weh, vornehmlich jedoch der Rücken, als wollte sich die Wirbelsäule besonders hervor tun. Er kannte dieses Spiel bereits. Ließ die Knochen noch ein wenig ruhen. Schaute dabei zum Fenster, sah den im hellen Blau leuchtenden Himmel, und ein paar kleinere weiße Wolkenhaufen, sowie den Ast eines Apfelbaumes, den er recht nah an seiner Hütte gepflanzt hatte, so daß er den Wuchs des Baumes öfters beschneiden mußte, wollte er nicht, daß dessen Zweige in sein Schlafzimmer eindringen.
Nach einer ganzen Weile, es mochte bereits nahe an neun Uhr gewesen sein, verließ er die recht komfortable Liegeposition und setzte sich auf sein Bett, schaute dabei vom Fenster weg, zur gegenüberliegenden Wand, wo Eleonore in Großformat, von einem Gemäldemaler gemalt, hang. Ein weiteres Zeitchen dauerte es, bis er aufzustehen vermochte und zum Spiegel ging, der gleich neben der Tür hing.
Er schaute nur kurz, sein rascher Blick genügte ihm jedoch. Eine recht ordentliche Platzwunde hatte sich auf seiner Stirn breit gemacht, sein abendlicher Sturz wollte es so. Das Blut war, wie er es sich gedacht hatte, über sein gesamtes Gesicht verteilt, schön getrocknet, nun gar nicht mehr rot, mehr braun.
Draußen, vor der Tür der Hütte, begrüßten ihn die ersten wärmenden Sonnenstrahlen, er genoß ihre Wärme sichtlich, positionierte sich am steinernen Brunnen so, daß er von den Sonnenstrahlen gut erfaßt werden konnte, er den Schatten der nahen Linde nicht abbekam. Langsam pumpte er, indem er den kurzen Pumpenstiel hinunter und hoch hob, bis ein satter Wasserstrahl aus einem eisernen Rohr kam unter dem er einen Blecheimer gestellt hatte. Mit den vollen Eimmer des kalten aber sauberen Wassers ging er zur Hütte, zur Küche, goß ein Teil davon in einen großen Kochtopf, erwärmte es, zum Waschen sollte das Wasser recht heiß sein.
Er saß nun schon seit zwei Stunden in der Küche, hatte sich zwischenzeitlich gewaschen, ohne große Wehleidigkeit hatte er das angetrocknete Blut entfernt, und trank jetzt den dritten Kaffee, als er wie zufällig zum Briefkasten schaute, richtig, er hatte ihn noch gar nicht entleert. Und als er das dachte, lachte er bereits wieder, schalt sich einen Dummkopf. Der Briefkasten war schon wochenlang leer geblieben, keine Post war in ihm, noch nicht einmal ein Brief seiner Tochter, sie meldete sich immer nur per Telefon. Und dann, schnell schnell schnell erzählte sie ihm stets, wie schön es doch in New York sei. Er haßte diese Telefonate. Hätte sie nur einmal erwähnt, wie gräßlich diese Stadt doch auch sein kann, und er wußte darum, schließlich hatte er so manche Reportage über ihr Inneres im Fernsehen gesehen, ja, hätte sie nur einmal Heimweh wenigstens erahnen lassen, er hätte die Telefonate mit seiner Tochter lieben gelernt. So aber, so wie sie sich gestalteten, waren sie ihm nur ein Greuel.
Er ging zum Briefkasten. Irgend treibte ihn dort hin, zu diesem Kasten, der sonst stets leer war, so leer wie der Himmel ohne Wolken, immer eine Verheißung mit sich tragend, die sich nur selten erfüllen mag. Am Briefkasten angekommen, kramte er umständlich einen Schlüssel aus seiner Hosentasche hervor, schloß noch umständlicher den Kasten auf, sah hinein und fand ihn leer.
Kurz bevor er ihn verschloß, prüfte er jedoch nochmals mit der rechten Hand, ob er auch wirklich nichts übersehen hatte, das war so eine blöde Angewohnheit von ihm, die er sich eigentlich abgewöhnen wollte, nun bemerkten seine Finger jedoch etwas Papierenes, welches sich dort, in dem Kasten, versteckt hatte, ganz an die Seite geklemmt hatte, so daß es kaum gesehen werden konnte. Er ging zurück zur Hütte, denn er sah ohne Lesebrille sowieso kein deutliches Wort auf dem Papier, nur schemenhafte Umrisse.
In der Hütte, in der Küche, am Küchentisch, vor sich die Lesebrille, neben sich den Brief, er trank Kaffee. Er wollte sich nicht entschließen, nicht so recht entschließen, diesen unheimlichen, weil unvermuteten Brief zu begutachten, dann, als er nicht mehr darüber dachte, an das Entschließenmüssen, reagierte einfach sein Körper, nahm die Brille, setzte sich diese auf, vor den Augen, und las, richtig, vorn stand er drauf, er erkannte die Schrift bereits, aber er wollte sich sicher sein, schaute den Absender, und richtig, seine Tochter. Seine Tochter schrieb diesen Brief also. Warum nur, fragte er sich und ihm wurde der Brief noch ein wenig unheimlicher. Sein Herz wollte schneller schlagen, seine Lunge bekam keine rechte Luft mehr, er mußte das Küchenfenster öffnen, sich wieder setzen und ausruhen.
Und als er sich ausgeruht hatte, entschloß er sich, den Brief noch nicht zu lesen, er wollte warten, bis zum Abend oder gar bis zum nächsten Morgen auch mußte er noch seine zwei drei Hühner versorgen, und so tat er um nicht anders tun zu müssen. Plötzlich waren ihm die Hühner das überhaupt Wichtigste, obwohl er sie die letzte Zeit recht vernachlässigt hatte.
Der frühe Morgen hatte ihn zu sich genommen, er erwachte, den Vögeln bei ihren Singspielen lauschend, den Sonnenaufgang erahnend, stand er auf, ließ sich gehen, zur Küche, zum Tisch, zum Stuhl, setzte sich, und war nun endlich bei sich.
Dort lag noch der Brief, unberührt. Die Nacht hatte ihm gegaukelt, er habe ihn bereits gelesen, bereits gestern Abend, noch vor dem Zubettgehen und als er das für Wahr genommen hatte, schlief er um so besser, ließ sich fallen in den dunklen Kosmos des Nichtdenkens. Nun lag er doch noch da, der Brief und er ärgerte sich über seinen Traum, darüber, daß er immernoch träumte, obwohl er doch wußte, daß Träume kein Leben ersetzen und schon gar nicht die unangenehmen Gelegenheiten des Lebens.
Das Wasser war ausgegangen. Im Kessel war keines mehr. So verzichtete er auf seinen Kaffee. Nach draußen, zum Brunnen wollte er noch nicht gehen. Zu früh dafür, befand er für sich. Der Hahn hatte noch nicht einmal gekräht, warum sollte er dennoch hinaus gehen, arbeiten, mit der Arbeit beginnen? Währenddessen fanden Zeigefinger und Daumen seiner rechten Hand ein Nasenhaar, welches sie ihm aus seiner Nase zogen. Ein leichtes Ziepen, dann war es geschehen. Aus Langeweile geschehen.
Er drehte und drehte den Brief in seinen Händen, schaute und wollte ihn doch nicht recht öffnen. Was sollte schon drinnen stehen, in ihm? Er war sich beinahe sicher, daß dort nur eine Unannehmlichkeit drinnen stehen konnte, mehr nicht. Irgend wird sie Geld benötigen oder sie will ihn nach Amerika zu Besuch einladen. Er und Amerika! Hatte er doch gar nicht nötig. Deutschland genügte ihn vollkommen. Erst neulich war er in der Hauptstadt gewesen, so vor eineinhalbjahren, rechnete er für sich. Ja, da hatte er was erlebt. Die ganze Hauptstadt gesehen. Alles. Was sollte ihn da noch Amerika bringen können? Zumal er selbst bei seinem Hauptstadtbesuch bereits nach einem halben Tag ein wenig Heimweh und nach zwei Tagen das schlimmstmögliche Heimweh an sich erfahren hatte.
Er und Amerika, niemals, dachte er, während ihm nun doch neugierig wurde. Wird sie ihn etwa wirklich eingeladen haben? Er würde einen Flug buchen müssen, dazu ein Hotel, schließlich wollte er seiner Tochter nicht zur Last fallen. Auch würde er Martha Bescheid geben müssen, damit sie nach seinen Hühnern schaut. Und, er würde Schwarzbrot mitnehmen müssen, die Amis essen doch nur Weißbrot, und er wollte Kohlrouladen vorkochen, das Lieblingsgericht seiner Tochter. Ha, er würde mit Megdonnelts konkurrieren können. Er würde nicht einfach vor der Übermacht einer Abspeisungsmaschinerie aufgeben. Er nicht.
Draußen, vor seiner Hütte hatte sich unterdessen ein wenig Helligkeit ausgebreitet, auch der Hahn hatte längst gekräht. Ohne großes Gedenke nahm er sich denn auch den Kessel, ging zum Brunnen, bewegte den kurzen Stiel der Pumpe, während er den Kessel unter das Eisenrohr hielt, bis er vom satten Wasserstrahl des Brunnens gefüllt war. Auf dem Rückweg zur Hütte schaute er noch einmal kurz zum Hahn, der sichtlich unaufgeregt herum stolzierte als sei er aufgeregt. Ja ja Dicker, sagte er, du hast es gut, krähst jeden Tag ein Mal und Sonntags auch mal, er lachte wieder einmal über sich selbst, jedenfalls ein wenig. Schon spricht er mit einem Hahn. Er staunte aber nur noch ein ganz klein wenig über seine neuen Marotten, denn sie waren ihm eigentlich lieb, nur eben neu.
In der Hütte trank er denn seinen Kaffee, zog sich an, setzte sich wieder an den Tisch und dachte an den Brief und ging dann zum Hühnerstall, er würde ihn heute endlich ausmisten müssen, so war ihm und als er ihn entmistet hatte ging er in den Wald, Fallholz aus diesem zu holen, für den nächsten Winter und dann aß er ein wenig und schlief ein wenig und las Abends ein Buch und der Brief, er lag immernoch da, obwohl er an ihn dachte, oder weil er an ihn dachte, lag er nur da.
Das Dunkle war noch übermächtig, kaum sah er den schmalen Trampelpfad, den er selbst mit Hilfe seiner Füße und seines eigenen Körpergewichtes angelegt hatte, nur der Mond schien ein wenig, zwar immer wieder von Wolken verdeckt, gab er doch das Licht der Sonne stückchenweise ab, ließ den Weg dann stets ein wenig besser nach ihm schauen.
Er ging recht langsam, womöglich das Alter, aber dort, an ihm war auch noch ein Eimer, eine Angel und ein Kescher, dazu ein bißchen Brot als Köder, Würmer hatte er nicht dabei und hoffte dennoch auf einen reichen Fang, ein zwei Fische für den Mittagstisch.
Er kam am Stein seiner Frau vorbei, der am frühen Morgen recht unscheinbar am Wegesrand lag, er verbeugte sich ein wenig, murmelte, morgens Eleonore, ging weiter, schaute nicht zurück, zu oft nahm er diesen Weg, als daß er den Stein stets mehr zu würdigen wüßte, als gerade geschehen.
An der ersten Biegung des Bachlaufes hielt er inne, setzte sich, auf einen Baumstumpf nahe des Ufers, legte vorsichtig sein Angelzeugs ab und befestigte umständlich die ersten Weißbrotkrumen an seinem Angelhaken. Er fischte gerne an dieser leichten Krümmung, irgend mußten die Fische die Biegung nehmen und schienen dadurch ein wenig desorientiert zu sein, jedenfalls war dies eine recht hübsche Stelle zum Fangen von diesen Freischwimmern, wie er immer sagte. Freischwimmer, ein nettes Wort für Fische aller Art.
Während er seine Angel ins Wasser hielt schlummerte er ein wenig ein, ließ sich noch ein wenig ruhen und kein Freischwimmer biß an, er würde warten müssen, aber genau dies behagte ihn besonders. Er angelte überhaupt nur deshalb, um warten, innehalten zu können, Zeit sinnvoll verplempern zu können, Minute um Minute, er genoß es. Und leben wir nicht gerade deshalb, um Zeiten in Sekunden Minuten Stunden hinter uns zu bringen? Leben wir nicht mehr, bleibt uns ein Leben ohne Zeit, alle Ordnung kann dann für dieses Stück Eden weichen und er war froh, es bereits früher erreichen zu dürfen.
Unmerklich schwand die Dunkelheit, machte Platz für das Licht der Sonne, auch der Geruch seiner kleinen Welt änderte sich, zuerst roch alles noch nach Pflanzen, Erde, Wasser, ja, man konnte meinen, sogar nach dem All und dann, als die Sonne die erdige Dunstglocke und damit das Blau hervor kommen ließ, wurde dieser Duft von allerlei anderen Gerüchen gebrochen, dem eigenen Schweiß natürlich, aber war da nicht auch der Atem der Tiere? Selbst die Ameisen, die ihn nun ein wenig piesackten, schienen an der neuen Duftmischung beteiligt zu sein. Pupsen Ameisen eigentlich und leiden sie an Schweißgeruch ohne ein Deostift benutzen zu können? Er lächelte, während er den Weg der Ameisen kunstvoll mit einem kleinen Ast blockierte. All diese Fabrizierung von Körpergerüchen war den Bäumen, Stäuchern, Blumen indes nicht genug, sie konsumierten Sonnenenergie und veränderten bereits dadurch die Zusammensetzung der Luft, entnahmen Kohlendioxid und gaben ihr Sauerstoff. Er roch diese Luft-Veränderungen gerne, mochte dieses Frische, Ausgeruhte der Nacht aber auch das Gebrauchte des Tages.
Kein Fisch biß an. Er verharrte weiter in Ruhe, lächelte dabei sogar ein wenig. Er würde auch ohne Fisch recht sorglos nach Hause gehen können. Früher, als Eleonore noch war, mußte er sich stets Vorwürfe anhören, die Dillsauce war meist bereits im Topf und er kam ohne Fisch nach Haus. Manchmal hatte er eine Reserve gebildet, frisch eingefroren in der Tiefkühltruhe, dann war kaum eine Tragik zu spüren gewesen, aber die Tage, an denen er nichts in der Hand hatte, diese Tage, die es auch recht oft gab, waren dann immer Streittage. Denn Eleonore aß unheimlich gerne Fisch, womöglich bestand sie sogar zur Hälfte nur aus Fisch, er nannte sie dann immer spaßeshalber Nixe, wenn er nix mit nach Hause brachte. "Na, meine kleine Nixe, heut hab ich nix!", hörte er jetzt noch seinen Spruch.
Er wischte sich die Augen frei. Er wollte den Fisch sehen, den es zu angeln galt, wenn er denn einmal anbiß. Neben sich sah er derweil die Ameisen wahre Wunder in Sachen Arbeit vollbringen. Wenn sie von ihrer Königin zum Angeln geschickt würden, sicherlich leerten sie den ganzen Bach, ruckzuck, er wollte indes nur einen einzigen Fisch angeln, irgend nur einen Fisch, immer wieder nahm er die Angel aus dem Wasser, schaute den Köder, ein Mal war er sogar ein wenig angefressen worden, ohne allerdings das Eisen erwischt zu haben, so vorsichtig biß dieser Fisch.
Als es Mittag geworden war und er auch den Nachmittag dort geblieben war, am Ufer, ohne allerdings weiterhin zu angeln, ging er wieder zurück zu seiner Hütte. Er würde Schmalzstullen essen, ein feines Essen, hatte sein Vater immer gesagt, Eleonore lächelte dann stets, zumindest war es recht preiswert, und so war ihr das Essen auch fein genug. Sie sparte gerne. Nur die Tochter aß keine Schmalzstullen, gerne, sie aß lieber Stullen mit Marmelade, selbst hergestellter. In Amerika würde sie so etwas Feines nicht bekommen, dachte er, während ihm wieder einmal der Brief einfiel. Irgend hielt ihn davon ab, den Brief zu öffnen und er wußte nicht recht, was. Und während er dieses dachte, hatte er den Brief bereits wieder vergessen, er lag irgend in der Hütte herum, leicht zu vergessen, wenn man denn will.
Nun war bereits eine Woche vergangen, ohne daß er den Brief geöffnet haben würde. Das Geschriebene lag da, immernoch da, in seiner Hütte, ohne erschlossen worden zu sein. Als handelte es sich um eine Rechnung der Energiebetriebe oder eines Lieferdienstes für Mineralwasser, die neueste Errungenschaft eines Ladens, sieben Kilometer von seiner Hütte entfernt gelegen.
Die Rasur gelang ihm leidlich, zweimal schnitt er sich, einmal davon beinahe in seine Oberlippe hinein, was recht schmerzlich war, weshalb er sogar "Aua" rief. Er nahm ein wenig Rasierwasser, zum desinfizieren der beiden Schnittwunden und für den guten Duft, natürlich. Als er das Rasierwasser wieder in einen weißfarbenen, wandangebrachten Plastikbadschrank gestellt hatte, waren ihm die Wunden längst vergessen.
Der Tisch in der Küche war noch vom vorigen Tag belegt, mit dem Abendbrotgeschirr, einem Becher aus Glas, einem Brett aus Plastik und einem Brotmesser, welches er für alle anfallenden Schnittarbeiten verwendete. Er räumte den Tisch ab, stellte das Geschirr in die Spüle, wischte recht umständlich über die Tischplatte hinweg, trocknete sie hernach mit einem Leinentuch, so daß das Holz matt zu glänzen begann.
Die Zeit ließ ihn sich dann an den Tisch setzen, zum Kaffeetrinken. Irgend wollte er jedoch nicht recht schmecken, wahrscheinlich ließ ihn der ungeöffnete Brief den Kaffee nicht recht genießen. Im Innersten dachte er wohl ständig an dieses Stück Papier. Aber öffnen, sich für den Brief öffnen tat er nicht. Irgend verhinderte diesen letzten Schritt. Sicherlich ist sie tot, sagte er sich ständig und er fürchtete, dieser Gewißheit gewiß zu werden.
Und als ihn dann der Brief anschaute, doch anschaute, vom Küchenschrank her, ging er hinaus, in den Regen. Es regnete bereits seit zwei Tagen, ununterbrochen, feiner Nieselregen. Er mochte die Stimmung, die von solchen Tagen ausging, diese leichte Melancholie behagte ihn, er ließ sich gerne von ihr umhüllen, ja, er hatte sogar, zum direkten Erleben des Regens, eine Bank unter dem kleinen Vordach seiner Hütte gestellt. Auf dieser setzte er sich nun, schaute in den Regen hinein, ließ sich von ihm einpacken. Denken, denken mochte er dabei nicht, er ließ sich einfach fallen, gedankenlos, horchte den Tropfen zu, wie sie auf das blecherne Vordach tröpfelten und schaute zu dem nahen Wald, zu einer Pfütze, die sich neben dem Brunnen gebildet hatte.
Eleonore mochte diese Stimmung auch recht gern. Sie setzte sich dann meist zu ihm. So konnten sie stundenlang gemeinsam zusammen sitzen, ohne daß zwischen ihnen ein Wort gewechselt worden wäre. Nur dem leisen Tröpfeln des Regens ergeben und diesem Duft von frischer Erde, der vom Regen freigespült wurde, die Augen gerichtet auf dem nahen Wald durch einen Schleier von Traurigkeit der vom Regen in die Luft gehangen war.
Sie fehlte ihm. Er spürte es wieder einmal. Manchmal war ihm gar so, als ob sie neben ihm säße, einfach so neben ihm säße, wie früher, und dann schaute er immer angestrengt nach vorn, sich nicht, niemals zu ihr drehend, denn er wollte dieses Bild nicht an der Realität verlieren, es so lange wie möglich aufrecht erhalten und manchmal geschah es dann sogar, daß er sie zu riechen vermochte. Sie legte stets einen Rosenduft auf, diesen unausweichlichen ein wenig süßlichen Duft, kaum frisch, mehr tragend wie altgewordener Schweiß.
Er wollte nun doch nach dem Brief schauen, endlich schauen. Er wußte auch nicht, warum, aber er wollte nach ihm schauen, irgend etwas aus seinem Inneren sagte ihm, er müsse nun dem Brief nachgeben. So ging er denn in die Hütte, in die Küche, schaute bereits den Brief, als er des Wasserkessels auf der Herdplatte gewahr wurde, er hatte ihn vergessen, herunter zu nehmen, nach dem Kaffeekochen. Die Herdplatte war bereits feuerrot, er schaltete sie rasch aus, tat den Kessel in die Spüle, ging hinaus, zur Bank, vor sich den Nieselregen, schauend.
Während er seinem Leben nachging, auf seiner Weise nachging, war ihm stets so, als sei er mehr, als das ICH, als das, was ist, ja, mehr als das zu Sehende. Er suchte das neben ihm Liegende jedoch nicht zu ergründen, suchte keine Antworten zu finden, ja, stellte noch nicht einmal Fragen, ja, von der Aufstellung eines Beweises war er lebensweit entfernt.
Früher, während seines Lebens als aktiver Wissenschaftler, der der Mathematik ergeben war, stellte er immer wieder Beweise auf. Beweise waren die Krönung seines Schaffens gewesen, jedenfall für die Umstehenden. Für ihm war das Zeichnen des Bildes, wenn er einen Beweis suchte, viel wichtiger, als der Beweis selbst, und wenn der Beweis dann gelungen war, in seiner gesamten Schönheit zu sehen war, als Bild, mochte er ihn nicht nur als schnöden Beweis abtun.
Während des Suchens war ihm stets so, als würde er vor der Mona Lisa stehen, sie aber nicht sehen können. Er mußte schauen, eine Strategie zu finden, an sie näher heran zu kommen, an den Menschenmassen vorbei, die vor ihr verharrten. Und wenn er dann vor ihr stand, mußte er sie für sich lebendig machen, mehr sehen wollen, als Farbe und Pinselstrich des Künstlers, nein, dessen Idee sehen wollen, sich mit ihm zusammen aufmachen wollen, den Berg zu besteigen, um schauen zu können, was hinter dem Berg liegt.
Das gelang nicht immer. Manchmal war auch gar nichts zu sehen, hinter dem Berg, manchmal aber sah er Wunder um Wunderbares, Erstaunliches, kaum zu Begreifendes. Und wenn ihm dies gelang, dieses Kunststück, dann stand garantiert ein Jemand neben ihm, der über die schiefe Nase orakelte, oder die Farben besonders schön fand und sich mit einem weiteren Jemand darüber unterhielt, welches denn nun die schönste aller Farben sei.
Dann stand er immer wieder sprachlos da, vor sich die Tafel, auf dieser die Gleichungen in endlos erscheinenden Ketten und hinter sich die Kennenden und Jemands wissend. Seine Tochter hätte auch eine Kennende werden können, nicht bloß so ein Jemand, der sich an einer Form ergötzt ohne das Dahinter zu erkennen. Aber sie wollte nicht. Nun war sie in den USA. Der Kaffee schmeckte ihm bitter. Und er dachte an die Sonne, die gerade unterging. Er würde gerne beweisen wollen, einmal beweisen wollen, daß die Sonne nichts anderes als ein schwarzes Loch ist. Sie schaute eben nur anders aus, sonst war sie jedoch das Gleiche, davon war er überzeugt. Und er wollte diesen Beweis eigentlich zusammen mit seiner Tochter antreten.
Draußen, vor der Hütte, krähte der Hahn, mitten am Abend krähte der Hahn, vollkommen verrückte Welt, sagte er sich, während er hinaus schaute, aber das irre Vieh nicht zu entdecken vermochte. Vielleicht ist ein Fuchs bei den Hühnern, überlegte er dann, und war schon Außerhalb, im Dunklen, ging zum Hühnerstall, und sah dort doch keinen Fuchs, Erleichterung, seine Hühner waren gerettet, jedenfalls bis zum nächsten Morgen, dann wollte er eines schlachten, für eine kräftige Frühjahrshühnersuppe.
Hatte er den Kalender um Hilfe gebeten? Nein. Dennoch zeigte er ihm das Ende des ersten Frühlingsmonats an. Das Ende vom ewigen Anfang. Er schaute auf den Kalender der vor ihm lag, auf dem Tisch, und er schaute ein wenig ratlos, wie konnte er nur die letzten vier Wochen vertan haben, mit nichts, dem Leben also.
Er hatte nichts Rechtes zustande gebracht. Das Leben lag brach, und das, mitten im Frühjahr. Draußen, die Natur, das Natürliche neben dem Menschlichen hatte die Zeit längst erkannt, anerkannt, erste Blätter wälzten sich aus ihrem Knospenbett, zeigten das Grün, das ach so frische Grün. Er hockte derweil in seiner Hütte, tat nicht mehr, als zu hocken, und, gut, ein Huhn zu schlachten, ein Fisch zu fangen, erst gestern war er angeln, er hatte diesmal ein wenig mehr Glück, Fängerglück. Ja, er vernichtete gerade Leben, während die Natur auf Leben setzte, und er tat es, weil er es immer so getan hatte. Der Mensch darf das, denn der Mensch ist denkend.
Ach ja, der Brief, fast hätte er ihn vergessen, er lag bereits neben Butter, Salz und Brot im Vorratsschrank, halb verdeckt von einer Tüte Linsen und hatte nun merklich Spuren an sich, Zeitspuren, Spuren des Vergessens, letzte Spuren, Spuren im tauenden Schnee, die Welle im Ozean, der Windhauch, das Licht der Sonne, der eintauchende Komet, das Salz im Wasser, die Träne im Kaffee, letzte Spuren eben.
Vorgestern war er wieder am Briefkasten, er erwartete eigentlich nichts, nur eine Leere, dann doch, der zweite Brief, er roch an ihm, und, er roch das Parfüm seiner Tochter, sie wußte, daß er es gerne, immer so gerne roch, ein Friedensangebot?
Der Brief wanderte zur Hütte, und lag derweil auf dem Küchenschrank, gleich neben dem Vorratsschrank mit den Linsen, der Butter, dem Brot, dem Salz. Er verspürte zwar den Drang, ihn zu öffnen, jetzt wo er wußte, daß sie, seine Tochter, doch noch lebte, aber der Drang war nicht, noch nicht stark genug. Irgend war er immernoch verletzt, er wollte es sich zwar nicht zugestehen, aber er wundete seit seine Tochter nach Amerika flog, über den großen Teich, mit einem Billigflieger, 287 Euro, so hatte sie sich gebrüstet, sein Geld hatte sie nicht benötigt, um dort zu landen, er vermochte es also nicht verhindern, mit diesem letzten Mittel von Macht.
Sie würde Geld brauchen, meinte er nun zu wissen. Natürlich, deshalb die Briefe, sie sind billiger als ein Telefonat, womöglich besaß sie nur noch ein paar Dollar, sie genügten gerade noch für eine Briefmarke, ein Stück Papier, ein Umschlag, den Stift mußte sie sich längst von der Postbeamtin borgen, die es recht unwirsch tat, sie mochte keine Deutschen, schließlich war ihr Vater im zweiten Weltkrieg gefallen. Aber seine Tochter hatte sie mit ihrem Lächeln erweichen können, sie gab ihr einen Stift, für zwei Minuten, länger nicht, deshalb diese schnelle Schrift, kaum leserlich, ein wenig dahingekliert, wie ein im Vorbeischreiben geschriebenes How are you. O nice, wird er zurück schreiben müssen, schnell geschrieben, um nicht vom eigenen Weg abzukommen, dazu ein Zahnlächeln, damit das Gegenüber weiß, daß man weiße Zähne hat, frisch gebohrt und gut verplombt.
Ihm war wohl bei der Erfindung dieser kleinen Anekdote, er mochte Anekdoten und ganz besonders die Erfundenen, denn sie zeugten meist von Geist und vom Willen, die Menschen nicht langweilen zu wollen, mit unausgegorenem Gequatsche. Dann lieber flunkern und alles recht nett verpacken, das behagte ihn ganz besonders.
Er würde nach dem Hühnerstall sehen müssen. Erste Ausbesserungsarbeiten waren zu erledigen, Holzarbeiten. Sägen. Schrauben. Nageln. Seine Hühner sollten es gut haben, kein Raubtier sollte sie bekommen.
Hatte er danach verlangt? Nein. Die Sonne schien trotzdem, recht intensiv sogar, sie erhitzte alles auf beinahe 25 Grad Celsius, obwohl der Frühling erst im Entstehen war und er, er eigentlich die heiße Sonne nicht mochte. Der Fuchs hatte sich in der vorigen Nacht zwei Hühner genommen, dazu noch zwei auf den Boden gelegt, allein die übrigen zehn hatten sich retten können.
Am Morgen bemerkte er den Jagdausflug des Fuchses, erst am Morgen und, zu seinem Überdruss, er schlief die letzte Nacht besonders gut, kaum lag er im Bett, war er auch schon nicht mehr bei sich, erst der Hahn weckte ihn dann, am frühen Morgen. Wie dumm, während der Nacht mochte ihn kein Schrei erreichen, oder, vielmehr, er besann sich, er mußte die Schreie wohl falsch gedeutet haben. Er hörte im Traum seine Tochter schreien, am Flughafen, sie wollte wieder zurück nach Deutschland kommen, ohne ein Flugschein zu besitzen, allein, ihre schönen Augen genügten nicht als Zahlungsmittel. Auch wenn Geld nicht glücklich machen soll, der Nichtbesitz macht doch in der Regel unglücklich, wurde ihm gewiß. Wie weinte doch seine Tochter. Und schon wollte er helfend eingreifen, winkte ihr zu, aber sie sah ihn nicht, nichts konnte er für sie tun. Auch ließ man ihn nicht durch die gläserne Tür, welche die Besucher von den Fliegenwollenden abtrennte.
Und dazwischen immer diese Schreie. Hilferufe. Er ärgerte sich, daß er nicht helfen konnte, nicht durch diese Glastür hindurch, zu ihr gehen konnte, auch sein Geld wollte der Flughafenangestellte nicht entgegen nehmen, das dürfe er nicht, sagte er immerzu, als Mitarbeiter des Flughafens sei ihn dieses untersagt. Selbst ein gellender Schrei half nicht, er wurde von seiner Tochter nicht gehört, und während er noch schrie, bemerkte er plötzlich ein wohliges Gefühl in sich. Seine Tochter hilflos zu sehen ließ ihn dieses Wohlbefinden finden. Fast schämte er sich darum, aber es kam aus seinem Ich heraus, er mochte es nicht verhindern, zu gern wurde ihm bewußt, daß er noch gebraucht wird.
Er würde den Hühnerstall besser sichern müssen, soweit war er mit sich einig. Vor ein paar Tagen hatte er zwar bereits an den Stall Hand angelegt, dem Fuchs war dies indes egal gewesen, er buddelte sich einfach unter die frisch angebrachten oder besser befestigten Bretter hindurch und schon war er im Stall. Er würde das Buddeln unterbinden müssen.
Ja, er würde den Boden des Stalls mit Beton ausgießen, so beschloß er für sich, dann könnte der Fuchs von Außen ruhig buddeln, letztendlich träfe er auf Beton, und über den neuen Boden würde er dann etwas Huhngerechtes legen, einen Teppich aus Sand, vielleicht.
Er ging wieder zur Hütte, er würde vorschlafen müssen, denn in der nächsten Nacht wollte er dem Fuchs auflauern, vielleicht könnte er sich ja das Betonvergießen ersparen, sagte er sich, wenn ich ihn erst einmal treffe, dann fällt er um und ist tot, so sagte er es sich, und es war für ihn kein Jägerlatein, dieses vorauseilende Jagdlob, schließlich war er ein sogenannter nachernannter Schützenkönig, nachdem der letztjährige kürzlich verstarb, so daß er als zweiter nachrücken mußte, mit allen Ehren natürlich.
Die Nacht war kurz. So stand es in der Geschichte, die er las, während er auf dem Fuchs wartete. Nein, diese Nacht ist lang, verdammt lang, sagte er sich. Und kein Fuchs in Sicht. Wie Geschriebenes doch lügen kann. Er schaltete gegen Mitternacht das Licht in seiner Küche aus, schließlich wollte er den Fuchs erjagen und nicht erschrecken. Was einen gewissen Unterschied bedeutet, denn nach dem Erjagen zieht man dem Fuchs das Fell über beide Ohren, nach dem Erschrecken kann man nur darauf hoffen, daß der Fuchs tot umfällt, was er aber regelmäßig nicht tun wird, denn er ist ja ein Fuchs, also recht schlau, sagt man.
Seine Frau wollte immer, daß er Bausparer wird. Noch heute sah und sieht er den Fuchs aus der Werbung im Fernsehen, während seine Frau schon immer das Haus zeichnete, drei Etagen, Keller und Tiefgarage dazu eine Küche so groß wie ein Wohnzimmer und Kinderzimmer über Kinderzimmer, sie wären auf Jahre beschäftigt gewesen. Nein, er wollte nur ein kleines Häuschen, schon immer, schön überschaubar, vier Zimmer, dazu eine Küche, ein Bad, mehr nicht, und selbst das Bad hatte er sich letztendlich nicht gegönnt, als er das Häuschen seines Opas übernahm und sie, Eleonore, mitnahm.
Sie war recht widerwillig mitgegangen, wollte immernoch lieber den Fuchstraum verwirklichen, er überzeugte sie dann aber doch, mit einem Wasserbett, sie wollte schon immer in einem Wasserbett schlafen, und so kaufte er eines, ein schön großes mit echtem Wasser drin, sie war begeistert, für drei Nächte, dann holten sie ein ganz normales Bett im Möbelhaus ab, dennoch blieb sie, seine Eleonore mit ihm zusammen in der Hütte, auch wenn sie der erfüllte Traum so unglücklich gemacht hatte, hatte sie doch im Traum stets viel schöner auf diesem Wasserbett geschlafen, als dann, später, in Natura.
Ja, das Geheimnis eines glücklichen Lebens besteht wohl darin, sich nicht alle Träume zu erfüllen, so bleibt einem immernoch etwas zum Träumen, ein Mehr zum Leben, sagte er sich. Das Wasserbett hatte er dann seiner Mutter gegeben, die damit glücklich wurde, obwohl es nie ihr Traum war, wurde für sie ein Traum wahr. So spielt das Leben, sagte er sich, während er schaute, nach vorn, zum Stall, zum nahen Wald, er hatte sich in ein Zweimannzelt verkrochen, daß er strategisch gut in einiger Entfernung zum Schuppen plaziert hatte.
Im Anschlag das Kleinkalibergewehr, das Auge über Kimme und Korn streifend, eine Gerade ziehend, zum Ziel hin, bisher die Leere vor dem Schuppen, bald sollte dort ein Fuchs auftauchen, bald, sagte er sich, während sein Auge die Gerade längst nicht mehr fassen wollte und es langsam einschlief und er zusammen mit dem Auge einschlief. Er schlief und schlief und als er erwachte bemerkte er für sich, daß er wohl nur ein guter Jäger nach der Augenzahl sei. Ja, auf Pappscheiben wartete man nicht, dort mußte man nur einfach draufschießen und dann die Augenzahl zählen, meistens waren es sehr viele, aber was nützten ihn sehr viele, wenn der Fuchs sich davon nicht beeindrucken ließ.
Mißmutig stand er auf, zuerst ging er in die Knie, dann bewegte er seinen Körper aus dem Zelt heraus, streckte sich ein wenig, mehr ließen die Gelenke nicht zu, dann war dort noch jede Menge kalte Haut zu spüren, an sich zu spüren, er mußte sie direkt ein wenig reiben, ihm zitterte, er hatte die Nacht vertan, mit Nichts, also dem Leben und, womöglich hatte er sich dabei sogar erkältet.
Wenigstens schien der Fuchs nicht gekommen zu sein. Er schaute den Stall, zählte die Hühner, und war darob recht glücklich, kein einziges fehlte, alle waren dort noch versammelt, der Fuchs war abgewehrt, jedenfalls für diese eine Nacht.
Er lag danieder, neben sich seine Glieder, er mittendrin, im Leiden, ihm schnupfte, ihm hustete, ihm tat das Gebein weh, er leidete, wie nur Männer an einer Grippe leiden können. Eleonore hätte ihn jetzt gepflegt, hätte ihn umschlungen mit kalten Umschlägen und Liebe, Liebe, Liebe immer wieder und mehr Liebe.
Sie schien ihn am liebsten krank zu haben. Endlich konnte sie ihm helfen. Gern kochte sie dann stets ihre Hühnersuppe, eine ganz exzellente Hühnersuppe, zwei Hühner in einem mittelgroßen Kochtopf, alles schön mit ein bißchen Grün zusammen gekocht, das gab eine prächtige Brühe.
Mein Gott, wie vermißte er sie jetzt, jetzt am meisten, nicht wegen ihrer Hilfe, Hühner konnte er auch selbst kochen, was längst erfolgt war, zum Glück hatte der Fuchs bereits die nötige Vorarbeit geleistet, nein, sie fehlte auch nicht wegen ihrer sonstigen Hilfe, Umschläge ließen sich prima selbst umlegen, und Tabletten einnehmen war ihm sowieso ein Kinderspiel, nein sie fehlte und fehlte und fehlte, weil ihm jetzt und besonders ihre Liebe fehlte. Lieben, mitfühlen können, ohne einen einzigen Hintergedanken zu haben. Eine besondere Möglichkeit, Zweisamkeit in Einsamkeit zu wandeln, eine ganz besondere Einsamkeit, zusammen eins zu sein.
Er hatte seit drei Tagen nicht mehr beim Hühnerstall vorbei geschaut, selbst seine Notdurft beließ er im Nachtopf, bereits nachdem er von seiner Fuchsjagd in seine Hütte zurück gekommen war, fühlte er diese Mattiggkeit, dazu ein leichtes Kratzen im Hals. Zuerst dachte er sich dabei nicht viel , legte sich einfach nur in sein Bett, als er dann aber am späten Nachmittag erwachte, lief ihm bereits gelber Schleim aus die Nase, der Kopf tat weh, und ihm war heiß vom Fieber. Als er aufstehen wollte, bemerkte er, wie schlapp ihm plötzlich war, die Muskeln arbeiteten so, als täten sie Dienst nach Vorschrift, irgend gebremst.
Heute ging es ihm schon ein wenig besser, das Fieber hatte ihn anscheinend verlassen, jedenfalls während der morgendlichen Stunden, so daß er den Hühnerstall aufsuchen mochte. Er packte sich dick ein, mit einem Rollkragenpullover sogar, den er sonst nur im Winter überstreifte. Dennoch frierte ihn, als er vor seiner Hütte trat, auch die paar Sonnenstrahlen, die ihn trafen, mochten daran nichts ändern. Als er zum Hühnerstall gelangte vergaß er indessen sein Frieren, seine Krankheit, selbst die Sonnenstrahlen kümmerten ihn nicht mehr. Alles, all sein Denken beschäftigte sich nur noch mit seinen Hühnern, wird der Fuchs sie abermals gejagd haben?
Leider kam genau jetzt der Postbote, insgeheim verwünschte er die Pünktlichkeit der Post, immer zur gleichen Zeit kam sie, egal, ob genehm oder ungenehm, sie kam einfach. Könnte sie nicht vorher fragen, ob sie kommen dürfe, man hat ja schließlich Telefon!
"Morgen Ludwig, schaust gar nicht gut aus.", sagte der Postbote, während er mit seinem Fahrrad heran kam.
"Wolfgang, so ist das nun einmal, mit dem Leben, manchmal läßt es einem schlecht aussehen.!", ließ er dem Postboten wissen, daß er seine Anteilnahme nicht bräuchte.
"Da redetst aber wieder geschwollen, du kannst ruhig Hochdeutsch mit mir reden, kenn' uns doch schon seit der Schulzeit, als kleiner Bub hast du nicht so geschwoll'n daher geredet."
"Nun, was gibt es an Post, sag schon?"
"Ich soll von Maria schön grüßen, sie kommt am Sonntag mal kurz vorbei, bei dir, sie hat Brot gebacken, das ißt du doch immer so gerne, sagt sie, kennst sie ja, muß immer alle versorgen."
"Soll sie kommen, soll sie kommen. Und was hast du noch an Post"
"Briefe hab ich net weiter, dachte du wirst dich freuen, wenn ich dir Bescheid sage, von Maria."
"Ja ja, sie ist schon 'ne ganz ausgebuffte.", brummte er vor sich hin, während der Postbote längst weiter gefahren war.
Er wollte eigentlich den Stall schauen, nachdem er die Besuchsnachricht erhalten hatte. Maria, mußte er dabei jedoch immer wieder denken, Maria, Maria. Wieso wollte sie genau jetzt kommen? Brot backen tat sie doch jede Woche, sagte er sich. Dieser Anlaß mußte vorgeschoben sein. Sicher sorgte die dumme Henne sich um ihn, meinte er zu wissen, schließlich war er seit einer Woche nicht mehr unten im Dorf in ihrem Laden gewesen.
Maria war früher ein leichtes Mädchen gewesen. So wurde sie jedenfalls von den Leuten auf Straßen, Wegen und Plätzen besprochen. Denn sie hatte zwei Freunde, damals, ihn und Wolfgang den Postboten. Das genügte bereits, um als leicht zu gelten. Dabei hatte sie mit ihm wirklich nichts und wohl auch mit Wolfgang nichts gehabt, dessen war er sich ziemlich sicher. Ein Dritter mußte dann her, aus einem Nachbarort, der Josef, ein angenehmer Mensch, Waldarbeiter, der eigentlich Zimmermann werden wollte, dann aber doch nur den ersten Schlag tat, immer nur den ersten Schlag tat, so lange bis der Baum gefallen war, egal ob er sich Eiche oder Birke nannte.
Sie wollte also kommen, mit Brot. Er würde die Hütte aufräumen müssen, wegen ihr und wegen ihm selbst, denn er wollte nicht zum Gespräch der Leute werden, sie sollten wissen, daß er auch ohne Eleonore und ohne Tochter den Haushalt führen konnte, jedenfalls auf Junggesellenart. Und so tat er die Dielen ein wenig säubern, auch Schränke, Wände und sein Bett, ein neuer Bettbezug wurde zu diesem Zwecke aufgezogen, einer der mit frischem HerbstGeruch weichgespült war.
Er befand das Ergebnis seiner Arbeit als recht gut, gut, Eleonore täte lächeln, nun, und wäre nochmals mit dem Staubwedel über alle möglichen Einrichtungen der Hütte gegangen, aber seinen Ansprüchen hatte er längst genügt.
Als diese Arbeit getan war, ging er noch einmal zum Stall, diesmal wollte er jedoch in diesen hinein sehen, schauen, ob alle Hühner noch unversehrt waren. Und wenn nicht, wenn sie wieder erjagd worden waren, vom Fuchs, dann würde es ein großes Betonvergießen geben, noch einmal würde er sich nicht auf die Lauer legen, die gerade überstandene Erkältung genügte ihm als Warnung, denn als letzte Krankheitssteigerung konnte nur noch die Lungenentzündung über ihn kommen und danach der Tod, das Vergessen und womöglich, im Irgendwann, die Auferstehung.
Sonnabends sind alle Mäuse grau, sagte er sich, als er aus dem Hühnerstall eine Maus fliehen sah. Das wäre doch ein feines Fressen für den Fuchs. Warum geht er nicht einfach auf Mäusejagd?, fragte er sich wehmütig. Ja, man müßte den Fuchs zur Mäusejagd anstellen, das wäre doch etwas. Ihm griente sein Gesicht. Er stellte sich einen Fuchs an langer Leine vor, der immer um den Hühnerstall schlich, Mäuse zu jagen um sie dann zu ihm, seinem Herrchen, zu bringen.
Als er dieses noch dachte, schaute ihn plötzlich der Fuchs an. Ein besonders prächtiges Exemplar, das sich mitten am Nachmittag hinter einem Busch hervor tat, als wollte er vorsprechen, für den neuen Job als Mäusefänger. Zuerst tat er erschrocken, dann kroch er schnell in das längst noch nicht abgebaute Zweimannzelt, holte von dort das achtlos liegen gelassene Kleinkalibergewehr, zielte, der Fuchs schaute immernoch interessiert, während er auf dem Boden lag, keine zwanzig Schritte entfernt. Der Fuchs wähnte sich wohl unentdeckt. Jetzt Kimme und Korn auf eine gerade Linie bringen, den Kopf anvisieren, langsam den Abzugshebel durchdrücken, bloß nicht verziehen, ein leiser Knall, der Schuß war los gegangen, nach vorn, der Fuchs war unterdessen fort, als sei er nie dagewesen.
Hatte ihn noch irgend ein Restfieber den Fuchs vorgegaukelt? Er war sich unschlüssig. Er blieb einfach liegen, halb im Zelt, halb draußen, der kalte Boden tat ihm nichts. Er blieb liegen und wunderte sich, als gäbe es in seinem Alter noch etwas zu wundern, als wären ihm nicht längst alle Wunder fremd, so fremd als kenne er jedes einzelne von ihnen.
Wie er in das Bett gekommen war, wußte er nicht recht, aber er lag nun in seinem Bett, über sich zwei prächtige Brüste, aber auch eine Hand mit einem kalten Waschlappen, der über seinem Gesicht fuhr.
"Schau an, endlich kommt er zu sich.", hörte er eine weibliche Stimme von weit her, ganz leise nur, bedächtig, mit ein wenig Freude und viel Erleichterung sagen. Dabei schienen Sagen und tiefes Ausatmen eine Verbindung eingegangen zu sein. Er wollte sofort reden, etwas sagen, aber sein Mund tat sich nicht auf, er lag einfach nur da, konnte nichts weiter tun, zum Glück empfand er den kalten Lappen jetzt recht angenehm. Auch erkannte er langsam das Gesicht, welches zu den zwei Brüsten und der Hand mit dem kalten Waschlappen gehörte, es war Maria.
Die Maria mit dem Brot. Was wollte sie nur bei ihm, und warum lag er wie gefesselt im Bett? Er versuchte zu erinnern und alles was sein Hirn daraufhin tat, tat ihm weh. Denken kann weh tun, deshalb gibt es also die Dummheit, sie wird der einzige Ausweg aus all dem Denkschmerz sein, den ein Hirn verursachen kann.
Er schloß seine Augen wieder, bemerkte nur noch, wie ihm die Decke weggezogen wurde, dazu der kalte Lappen, der nun über Brust, Arme und Beine entlang zog, Kälte, eine doch recht angenehme Kälte bringend. Er genoß das kalte Streicheln ein wenig, auch diesen Geruch, der vom Körper, vom Busen der Frau herrühren mußte, ein wenig nach Rosen oder auch Veilchen duftend. Ja, ein Veilchenparfüm. Er staunte, der Veilchenduft hatte offenbar sogar Moschus vom Markt vertreiben können. Nun zeigte dieser alte, sattsam bekannte Geruch von Frühling und erste Annäherungsversuche im netten Blütenbett alle Welt was in ihm steckt.
Er schlief wieder ein, einfach ein, erleichtert darüber, einzuschlafen, allein, erleichtert darüber, einschlafen zu können, nicht denkend, nur das Kalte fühlend und diesen leichten Duft von Veilchen in seiner Nase spürend.
Ihm war nicht bewußt, wie lange er geschlafen hatte, als er plötzlich ein Murmeln neben sich vernahm, es waren Stimmen, männliche und weibliche Stimmen, ganz leise, kaum hörbar. Ihm war klar, daß sie über ihn reden mußten, aber was sie genau redeten, verstand er nicht. Langsam öffnete er seine Augen, sah Verschwommenes, dann ein freudiges Lächeln des Mannes, der ganz offensichtlich ein Arzt war. Nicht, daß er so gekleidet gewesen wäre, auch trug er kein Hörzeugs um seine Schulter, nein, sein Auftreten, sein Gehabe, genügten, um in ihn einen Arzt finden zu können.
"Na, sind wir wach?", fragte er freundlich ohne eine Antwort erhalten zu wollen. "Sie müssen nicht reden, bleiben sie schön ruhig liegen, sie werden wieder ganz gesund, nur die Ruhe." Das Gesicht bewegte sich von ihm weg, wollte ihn nicht mehr sehen, schaute nun zu Maria, der Frau mit dem Veilchenduft am Busen und dem kaltfeuchten Lappen in der Hand und dem Brot als milde Gabe.
Seine Augen gaben ihm langsam ein klareres Bild von seiner Umgebung ab. Zuerst sah er das Zimmer, und richtig, er war bei sich, kein Krankenhauszimmer. Ihm war froh, denn seit Eleonore dort zwei Wochen lag bevor sie sich ins andere Land begab, versuchte er Krankenhäuser zu meiden, denn ihm war plötzlich so, als seien Krankenhäuser nichts anderes als Sterbehäuser,
Menschen sterben heutzutage zumeist im Krankenhaus, so war er sich sicher, und vermeidet man das Krankenhaus, kann man den Sensenmann vermutlich austricksen, denn der wird längst zu faul sein, in jedem einzelnen Haus zu schauen, geht einfach in die gut besuchten Krankenhäuser, der faule Schelm. Ja, man sollte Attrappen von Krankenhäusern bauen, mit Pappkameraden, die dort für die wahren Menschen liegen könnten, soll er sich die holen und uns in Ruhe lassen.
Ihm phantasierte recht gut, das ließ sich alles ganz flüssig an, er wird sicherlich noch Fieber haben, so dachte er sich, aber dennoch war er beruhigt, zu Hause, bei sich in seinem Bett zu liegen. Eine tiefe Zufriedenheit zog in ihm ein, wie ein guter Geist machte sie ihm die Knochen leicht, das Blut kalt und das Fleisch müde, er schlief ein, engelsgleich schaute er dabei mit halb geöffneten Augen zur Decke, die weiß gekalkt war, nur von wenigen Blutspritzern geziert, die seine Tochter im Neulich beim Erjagen von Mücken hinterlassen hatte.
Es war ihm wie Abend, der Teil des Tages, der für ihn kommen mußte, damit Morgen wird. Er lag in seinem Bett, in seinem Zimmer und versuchte seine Augen aufzutun, was ihm recht schwer fiel, reden oder gar die Hand heben, schien ihm ausgeschlossen. Er lag da und fühlte das Fieber in sich. Fieber soll dem Körper beim Heilen helfen und dem Menschen beim Sterben. Denn steigt es zu hoch, so kommt der Tod, so dachte er es sich und war deshalb recht froh darüber, auf seiner Stirn einen kalten Lappen zu wissen, der dem Fieber seine zweite Natur nehmen sollte.
Langsam erinnerte er sich wieder, er war im Zweimannzelt eingeschlafen, wohl eingeschlafen, nachdem er den Fuchs nicht getroffen hatte. Wie ein Kämpfer mußte er dagelegen haben, mit dem Kleinkalibergewehr neben sich, der Braut jedes Soldaten. Fast wäre er auch wie ein Kämpfer gestorben. Jedenfalls diese Möglichkeit des Sterbens haben Soldaten und Jäger gemein, auch wenn ein Soldat schießt, um sein Leben zu erhalten, ein Jäger jedoch, um das Leben des Tieres zu erhalten, Kannibalen einmal ausgenommen, die aber kaum noch existieren sollen, sagte er sich
Dieser Veilchenduft, immer wieder dieser Veilchenduft. Maria erschien ihm als die ewige Frische, als die Wiedergeburt der ewigen Wiedergeburt, ständiger Frühling und so herrlich leicht, ein Geruch wie Kapernklopse. Er aß sehr gerne Kapernklopse. Daher verglich er alle Gerüche mit dem Geruch von Kapernklopsen, diesen leicht süßlichen aber doch auch säuerlichen Geruch in dem zudem der Geruch des Gehackten mitschwingt. Maria wechselte den Lappen auf seiner Stirn, kam ihm dabei recht nahe, er spürte ihre Brüste, kam sie etwa von vorn? Er öffnete langsam seine Augen und sah sie, sofort sie. Sie hatte sich vollkommen über ihn hinüber gebeugt und er freute sich, sich nun, sie so ganz nah bei sich zu haben.
Diesen ach so runden Kopf, dazu die runden Augen, ja, selbst der Mund schien ihm nun rund zu sein und erst einmal diese kleine runde Knollenase, dazu das eng angelegte Haar, welches die runde Kopfform erst so richtig zur Geltung brachte. Er genoß ihre Nähe, ihren Geruch, das lächelnde Gesicht, ihren Atem, der jetzt ganz nah an ihm war, er spürte ihn in seinem Gesicht, sie schnaufte ein wenig, während sie versuchte, seinen Kopf ein wenig höher zu betten, das Kopfkissen ein wenig hoch zu türmen, damit er sie, sie ganz allein gut wahrnehmen könne.
"Ludwig, du machst vielleicht Sachen, in deinem Alter in einem so kleinen Zelt zu übernachten. Als ich dich gefunden hab dacht ich schon, du seiest tot, nun lebst du doch noch, kannst froh sein, daß ich gekommen bin, wegen dem Brot, du weißt ja, der Wolfgang hatte dir ja Bescheid gesagt, nicht."
Er nickte nur, lächelte nur, versuchte zu reden, öffnete den Mund, ein wenig, bemerkte, daß seine Lippen recht ausgetrocknet waren. Maria hatte bereits einen Trinkbecher zur Hand. Kamillentee, er haßte Kamillentee und nun trank er Kamillente, und er wußte nicht, ob sein Leiden jetzt eine neue Stufe erreicht, oder ob es vorbei sein sollte, jedenfalls mußte er nur ein zwei Schlucke trinken und er merkte, wie ihm seine Stimme wieder kam.
Als er jedoch mit dem Reden beginnen wollte, ließ ihn Maria nicht reden, sie ging einfach, sagte, er solle sich ausruhen, nicht reden, ausruhen, als wenn das Reden für ihn eine Anstrengung gewesen wäre, ihm war wütend, als er es dachte, dieses dachte, denn Reden war ihm noch nie anstrengend gewesen. Er war schon immer ein guter Redner gewesen. Kurz, witzig und höflich war er immer gewesen, das mochten sie doch alle, bereits deshalb mußte er immer die Festrede beim Schützenverein halten. Und nun, nun ging sie einfach hinaus, nicht auf sein Reden wartend, er strengte sich an, wollte ihr hinterher rufen, etwas Böses, zum Glück gelang ihm kein Ton des Wortes und zum Glück konnte sie nicht sein Gesicht sehen, denn es mochte auch tonlos reden können. Er versank wieder in sich, das Fieber half ihm, erst spät in der Nacht wachte er auf, ganz kurz, während der Veilchenduft die kühlenden Lappen wechselte.
Das Leben beginnt immer dann neu, wenn über sein Ende hinaus marschiert wird. Genau so fühlte er sich, wie ein Wanderer, der eigentlich längst das Ende der Welt sah aber dann doch weiter ging um über dieses Ende hinaus zu kommen und dann hinter diesem Ende einen neuen Weg entdeckte.
Das Brot schmeckte ihm ganz besonders. Es war Marias Brot, nicht das erste, sondern das letzte, das sie gerade erst gebacken hatte, bei ihm zu Hause gebacken hatte. Tagelang bekam er lediglich etwas Brei, wahrscheinlich ein Qualitätsprodukt von Alete und so wurde ihm auch ein Topf ins Bett gegeben, und natürlich die Schnabeltasse. Kindgerecht krank sein, nennt man das, oder, Kinder sind nichts anderes als kranke Menschen.
Maria hatte ihn tagelang gepflegt, nun schien sie eine Pause benötigt zu haben, das Brot war ihr letzter Gruß gewesen, neben ihm stand jetzt ein Krankenpfleger, groß, schmal und dennoch muskulös, er würde ihn anheben können wie er wollte, aber er, der Patient wollte nicht, er wollte endlich wieder zu sich kommen, seinen Körper selbst bedienen können, allein, er fand das Zündschloß nicht, bislang nicht.
Der Pfleger war freundlich, er griente durch seine Brille hindurch, gepflegte Hände, er schaute diese während sie ihn fütterten, mit wenig Brot mit nichts drauf, dazu Quark, löffelweise Quark. Er hustete ein wenig, nur um die Reaktion des Pflegers zu sehen. Würde er in Panik ausbrechen? Nein, stellte er für sich mit einem gewissen Widerwillen fest. Der Pfleger nahm lediglich einen Lappen, der wie eine Windel ausschaute und wischte das quarkverschmierte Gesicht sauber. Dann ermahnte er ihn zum langsamen Schlucken.
Ihm störte bereits den ganzen Vormittag eine Fliege, die um ihn herum flog, was sollte die Fliege auch sonst tun, früher, in seinem Vorleben hätte er die Fliege längst erschlagen, nun war er Buddhist, zwar nicht aus Leib und Seele, aber zumindest sein Leib wollte es so. Er konnte sich immernoch kaum bewegen, ihm war selten schwach, er hatte solch eine Schwäche noch nicht an sich erleben können, daher wunderte sie ihn auch ein wenig. Er wollte immer stark sein, stärker als jede Schwäche, so rang er sie nieder und wo keine Gewalt mehr half, die Schwäche siegte, da überspielte er sie einfach, so einfach wie ein guter Schauspieler Tränen spielt so spielte er dann Lachen, einfach nur ein Lachen, einen Scherz, denn das Leben kann nichts anderes als ein Scherz sein, ein überlanger schmerzhafter Scherz, an dem ein jeder mehr oder weniger leidet.
Die Fliege suchte seine Nase, ständig seine Nase, an ihr mußte ein wenig des morgendlichen Essens haften geblieben sein. Und wenn er sie rümpfte, seine Nase, so blieb die Fliege dennoch sitzen, scherte sich nicht um ihn, schien noch nicht einmal Angst zu haben, vor ihm. Langsam öffnete er seinen Mund, und, er sah keine andere Rettungsmöglichkeit, keine andere Möglichkeit der Rettung, er nahm seine Zunge, ließ sie etwas hinaus hängen, und als die Fliege auf ihr Platz nahm, so war alles nur noch ein kurzer Ruck, sie saß in seinem Munde, kalt, feucht, ein wenig fremdartig, aber schon ruhig, er schluckte kurz, nur kurz, Ekel, ein wenig Ekel, der dann aber schnell vorbei war, angesichts seines Erfolges ihn nicht sonderlich beeindruckte.
Lag es am Verschlucken der Fliege? Er wußte es nicht genau, jedenfalls fühlte er sich im Verlaufe der nächsten Tage schnell kräftiger, und bald vollkommen kräftig, beinahe wieder gesund, längst aß er wieder selbst, ging auch zum Toilettenstuhl, fast allein, ein Toilettenstuhl, der extra herbei geschafft war, weil er sonst nur auswärts zum Stuhlgang ging. Ja, so ein Toilettenstuhl ist doch eine fabelhafte Erfindung, sagte er sich, während er auf diesem wie auf einem Thron saß und durch das Loch im Stuhl seine Geschäfte tat, welche dann unten in einem Topf landeten. Manch König hätte sich über solch große Erfolge seiner Geschäfte gefreut, allein, der Geruch verdarb ein wenig die Freude, auch schaute manchmal der Pfleger zu, was er nicht sonderlich angenehm fand.
Aber so geht es wohl jedem Kranken, alles dreht sich zwar nur um ihn, aber dem Kranken scheint es stets so, als wenn er allein gedreht wird, fremdbestimmt wird, während alles Andere am festen Platze stehen bleibt, allein er, der Kranke muß und muß sich bewegen, obwohl er kaum dazu imstande ist und hier liegt all die Krux aller Krankenversorgung begraben und wenn man nicht aufpaßt, als Kranker, wird man gleich mit vergraben, so sagte er sich und so forderte er Stillstand für sich, vor allem jedenfalls eines, daß er allein und geruhsam sein Geschäft erledigen kann, was der Pfleger denn auch einsah, nach einigen Diskussionen jedenfalls einsah.
Das Leben wollte ihn lebend sehen. Er ging das erste Mal, in Begleitung des Pflegers aus seiner Hütte hinaus, nach dem Draußen, Welt schauen. So nannte er es. Welt schauen. Der Pfleger war zuerst ein wenig irritiert, er mochte zwar Talent zum Pflegen haben, aber kaum zum Reden, er schaute nur verblüfft, fragend, suchend, bereits eine weitere Krankheit suchend, nein, er wollte die Welt schauen, und er erklärte deshalb noch einmal, ganz ruhig, sachlich, ohne Abscheu vor all dem Unwissen der Welt, daß er nur vor die Tür seiner Hütte gelangen wolle, ein wenig Himmel zu schauen.
Es war ein sonniger Tag, bereits halb elf, alles hell erleuchtet, während, ein von der Welt gelangweiltes Huhn unbeeindruckt pickte und pickte und pickte, das Huhn nahm kaum Notiz vom wiedererstarkten Herrchen, nein, es honorierte mit keiner einzigen Geste, daß er sein Leben für das Leben dieses Huhnes eingesetzt hatte, als Opfer, als närrisches Opfer, wie ihm jetzt bewußt wurde, denn kein Dank war da. Es pickte und pickte und pickte. Ihm war übel, gräßlich übel dabei, hol dich doch der Fuchs, raunte er, während der Pfleger wiederum fragend schaute. Er erklärte dieses Mal aber nichts, nein, er wiederholte lieber sein Raunen, hol dich doch der Fuchs, Huhn, dämliches Huhn.
Der Pfleger hatte ihn derweil verlassen, er saß nun auf einem Stuhl, einem Stuhl, der extra aus seiner Küche herbei geholt war, über ihm eine Decke, grau-schwarz, wollen, recht gut wärmend. Das Huhn pickte längst woanders, während er dem Tag beim Werden zusah. So muß es sich anfühlen, dieses sagenumwobende Neu-Geborensein. Er, ein Neu-Bürger dieser Welt. Die Bäume des nahen Waldes hatten längst ihr nobles Grün hervor geholt, es raschelte recht laut, wenn der Wind in das Geäst fuhr, die Symphonie des Lebens blies, dabei so manchen Gesang eines Vögleins mit sich trug, und immer wieder seinen neu erwachten Lebensmut.
Das Zweimannzelt lag recht schief am Boden, kaum noch gehalten, von den von ihm gesetzten Zelthaken, nur noch sporadisch Ordnung haltend, aus Vernunft, wohl aus Vernunft, weil man als Zweimannzelt nicht wie eine Decke, eine wild auf dem Boden hingeworfene Decke ausschauen darf. Innerlich verfluchte er den Tag, an dem er gemeint hatte, den Fuchs jagen zu müssen, er würde das Zelt bald zusammen bauen und es dann verschenken, er war zu alt, längst zu alt, für das Zelten. Irgend ein Mensch würde sich schon finden, der an dem Zelt Gefallen finden könnte, bei Ebay könnte er es ja versteigern, und er würde als Mindestgebot -30 Euro akzeptieren, ja, das war ihm das Zelt wert, er würde dem ersten Käufer noch dreißig Euro dazu geben, nur damit er es nicht mehr bei sich haben muß, dieses blöde Zelt. Und wenn dann doch, ausgerechnet dann doch, ein Plusbetrag geboten würde, dann zöge er das Zelt zurück, bei Ebay, dann würde er es lieber verschenken und zu diesem Zwecke unter der Rubrik, was ich schon immer loswerden wollte bei der Dorfzeitung anbieten.
Ihm war kalt. Die Sonne schien, und ihm war kalt. Der Frühling wärmte noch nicht. Er ließ zwar die Pflanzen wachsen, aber ganz ohne Wärme, als wenn Leben ohne Wärme existieren, sich entfalten könnte. Er schrie nach dem Pfleger, recht barsch, sogleich tat ihm das Barsche leid, was kann schon der Pfleger für diese Kühle, er wollte wieder hinein, er sollte kommen, er war verzweifelt, vor allem über sich verzweifelt, über seine Hilflosigkeit, dazu einen Pfleger zu benötigen und die Existenz des Pflegers war ihm das Zeichen, die Kassandra, welche zu dieser Botschaft gehörte und deshalb, nur deshalb, ging er recht grob mit dem Pfleger um, obwohl er seinen Job recht gut tat, beinahe vorzüglich tat.
Als er kam, entschuldigte er sich, nicht mit Worten, sondern mit einer Dankesgrimasse. Der Pfleger ließ das Lächeln über sich ergehen, er wird schon so manch groben, undankbaren Patienten erlebt haben, sagte er sich, sicherlich war er deshalb anscheinend immun gegen schlechte Manieren und anderen Unsittlichkeiten. Wieder in der Hütte war ihm sein Bett fortan Welt genug, ihm als Welt genügend, nach ihm, nur nach ihm riechend, schweißaufsaugend und Gedanken, Hoffnungen, Alleinsein, Maria würde bald wiederkommen, Veilchenduft, er vermißte diesen Veilchenduft nun sehr oft, rote Flecken an der weißen Decke, Essen, Brot, letzte Krümel und immer wieder Blutdruckmessen, Stuhlgang, schlafen, erwachen, in der Hoffnung, zu gesunden, also den üblichen Krankheitszustand zu erreichen, der durch das Funktionieren definiert wird.
Sein Gesundheitszustand sei stabil, so der Arzt, und Maria nickte, lächelnd nickte sie, während längst ein Duft von Veilchen die Luft erobert hatte. Er war also so gut wie gesund, die Krankheit besiegt, die ihn in die Schwäche getrieben hatte. Der Arzt blieb denn auch nicht lange, er folgte dem Pfleger ins Vergessen, vor zwei Wochen hatte dieser bereits gehen können. Zuletzt bedankte er sich noch bei ihm, ja, er sagte Danke und der Pfleger nickte, dann war er weg und ihm war, als sei er nie krank gewesen. Nun, heute, die letztendgültige Bescheidung durch den Arzt, er sei gesund.
Maria hatte Kuchen mitgebracht, einen Abgeriebenen, wie sie sagte, er war aber noch feucht genug, daß er schmecken konnte, nach Zitrone und Butter und Puderzucker, recht angenehm, er brühte dazu einen Kaffee, sie trank langsam, ein wenig aristokratisch gar, was jedoch kaum zu ihren Händen paßte, groß und ein wenig klobig, durch handfeste Arbeiten geformt, dazu trugen ihre Fingernägel ein wenig Trauer, aber dieser Veilchenduft, der war und der blieb, er fühlte sich gut aufgehoben, bei ihr, mit ihr.
Er wußte nicht recht, wie es kam, sie wollte Walzer tanzen, er tanzte mit ihr, sie sagte, daß ihr Mann kaum noch mit ihr tanze, er sagte, er habe seit Eleonore nicht mehr getanzt, er fühlte ihre Nähe und genoß sie. Ihr Busen drückte sich an seine flache Brust, der Veilchenduft, mein Gott, der Veilchenduft, sie lächelte, er faßte mit seiner Hand den Rock recht weit unten, sie lächelte, und zärtlich faßte sie sein Ohrläppchen, als wollte sie es streicheln, bis seine Lippen an ihre gerieten, und das Radio gerade neueste Nachrichten sendete, der Regenwald in Brasilien sei gefährdet, die Arbeitsmarktzahlen auch, jemand hätte sie manipuliert, so wurde gesagt, wobei offen blieb, wer genau, dazu der Wetterbericht, heiter und der letzte Stau auf der Autobahn, alles ein Stau, ein riesengroßer Stau, Meldung über Meldung, er lag mit Maria auf dem Sofa im Wohnzimmer, sie hatte ihn geöffnet, er sie und beide sich und so gingen sie daran, sich zu lieben, sich gemeinsam zu fühlen um doch wieder auseinander zu gehen.
Maria lächelte. Er schämte sich ein wenig.
"Ich hab dir noch ein Brot mitgebracht."
"Schön."
"Magst du es nicht?"
"Doch."
"Aber?"
"Brot ist nicht alles auf dieser Welt.", er fühlte sich schlecht.
"Nun laß man das philosophieren, ohne Brot ist auch nichts los.", sagte sie, während sie lächelte und sich die Bluse zurecht zog, auch das Haar kämmte und die Lippen mit einem dunklen Rot nachzog. Sie werde nächste Woche wiederkommen, denn sie wolle jetzt, wo Eleonore nicht mehr ist, auf ihn aufpassen, damit er keine Dummheiten mache.
Es war still im Haus, er saß und hörte der Stille beim Lärmen zu. All die Gefühle, die er seit jeher für Maria hegte, seitdem er sich mit dem Postmann um sie stritt, waren jetzt wieder in ihm entstanden. Liebte er sie? Nein, sagte er sich, nein, nach so langer Zeit kann das nicht mehr möglich sein, Zuneigung, ja, Liebe, nein, dazu Bettgeschichten, gut und schön. Sie hat es drauf, sagte er sich, was für ein Feuer sie doch in sich hat, Wahnsinn, er ließ die irre Viertelstunde noch einmal in sich hochkommen und schon beim Gedanken daran war ihm, als sei er rundum neu, fester und prachtvoller als jemals zuvor auferstanden, geheilt, von Stumpfsinn und anderen Krankheiten.
Er erwachte gegen 5 Uhr am Morgen, das Fenster war leicht angelehnt, ein kalter Luftzug erreichte sein Gesicht, seine Nase sog die neue, kaum verbrauchte Luft auf, die ein wenig nach Meerwasser roch, als sei sie direkt von der Küste zu ihm geweht worden. Draußen gaben die Vögel ihr Frühjahrskonzert und er lag wie gebannt in seinem Bett, als hätte er dieses noch niemals hören dürfen. Es war ihm so überaus wohlklingend, als wenn es extra für ihn angerichtet sei, obwohl es doch vom Chaos, nachweislich vom Chaos beherrscht wurde.
Er verlor sich in den Vogelstimmen mit einem zuvor kaum an sich beobachteten Wohlbehagen. Glücklich, sie hören zu dürfen, einfach nur hören zu dürfen. Maria hatte es mit ihm recht ordentlich getrieben. Welch ein Wort, getrieben. Er dachte an das, was geschehen war, zurück, immer noch mit Wohlbehagen zurück, obwohl er es nicht gutheißen wollte, schließlich war sie verheiratet. Aber das beherrschte kaum sein Denken, es zog nur kurz in ihm ein, denn da war diese ungeheure Liebe, die er gespürt hatte, als er sie um sich hatte, ihr Fleisch spürte, diese Haut, dieser Atem, er bemerkte an sich eine Veränderung, er dachte eben zu viel an sie.
Liebesflackern, vermochte und mochte er sich noch einmal verlieben? Ja, er meinte nein, nach Eleonore stand dort stets ein Nein, aber das Ja war nicht denkend zu überlisten, es stand einfach da, es regte sich, erhob sich, wenn er nur an sie erinnerte, unweigerlich erinnerte. Sie wollte nächste Woche wiederkommen, ob sie bis dahin alles vergessen hat? Er würde sie besuchen müssen, in ihrem Laden, Zucker holen oder Honig oder Kirschnektar, Pflaumenkompott. Er lachte über sich, wie er es stets so gern tat. Ja, der Körper ist schon ein Vehikel, daß man lieber nicht zu ernst nimmt.
Die Hühner hatten sich inzwischen Nester gebaut, in denen lagen Eier, eigentlich zum Verzehr bestimmte Eier, die sie nun versuchten auszubrüten. Eigentlich sind Hühner ja dumme Vögel, picken picken picken nur, doch das Brüten schienen sie nicht verlernt zu haben, obwohl sie es noch niemals zuvor getan hatten. Er staunte darüber, irgend in diesen Hühnerköpfen mußte ein Gen sein, welches das Brüten steuerte, dazu die nötigen Informationen bereit hielt. und als er den Hahn sah, der kaum, daß er im Stall war, ihm aufgeregt folgte, war ihm plötzlich vollkommen gewiß, daß er von seinen Hühnern kaum gebraucht würde. Der Hahn sah recht zersaust aus, er hatte wohl den Fuchs abgewehrt, ihn womöglich sogar übel zugerichtet, als eine Art Selbstverteidigung, Hahnkarate oder ähnlich.
Er hätte sich all das Wacheschieben ersparen können, das wurde ihm jetzt bewußt, die Hühner verteidigten sich selbst recht gut, sie brauchten ihn dafür nicht, selbst das Brüten war ihnen, jedenfalls dem ersten Anschein nach, gelungen. Bald würden die ersten Kücken schlüpfen und er würde sie dann verkaufen müssen, denn was sollte er mit einer Riesenherde von Hühnern?
Maria war nun sein ständiger Begleiter, sie war nicht mehr wegzudenken, seine tägliche Marienerscheinung, ja, trotz Ehebruch war sie ihm treu. Er wollte lieber an die Hühner denken, er baute sogar das Zweimannzelt ab, legte es in seinen Schuppen und ging zu Eleonore, legte sich dort hin, an ihre Seite, spürte die kalte Erde, diese Erde, die noch nicht wärmte und dennoch grünes Gras aus sich heraus wachsen ließ.
Sollte er nun endlich zu Maria gehen? Ihm war übel vor Verliebtheit. Er fühlte sich zurück versetzt, um mindestens dreißig Jahre. Alles von ihm wollte zu ihr doch nichts in ihm traute sich zu ihr. Und war sie nicht etwas kühl gewesen, beim Abschied? Wollte sie womöglich nur seine Lebensgeister neu entfachen? Ja, war es ihr letzter Krankendienst gewesen, an ihm? Oder war es Liebe, oder zumindest Begehren, zumindest Begehren. Das würde ihm bereits genügen können, so dachte er, während er sich schlafen legte, das Fenster ein wenig geöffnet, er wollte am nächsten Morgen wieder den Vögeln lauschen.
Ein dummer Zufall. Ein falscher Blick. Ein Zucken. Ein Zurücktreten. Eine Träne und noch eine Träne liefen ihm aus seine Augen. Er hatte sich gerade einen Kaffee gekocht, recht mißmutig, weil er den Vogelgesang verschlafen hatte, dann schaute er nach seinen Keksen, die im Vorratsschrank lagen, neben Linsen, Margarine und Salz, immer dazwischen, irgend wie dazwischen, und als er sie sich nahm, entdeckte er die Briefe seiner Tochter.
Ihm war unangenehm. Sobald er sie sah, war ihm unangenehm. Beinahe schien es ihm, als sei eine neue Krankheit in ihm aufgekommen, aber es war wohl nur sein Vaterschmerz der sich in ihm regte. Er faßte die Briefe nicht an. Setzte sich an den Küchentisch, vor sich den Kaffee, die Kekse, die Tageszeitung. Das Übliche sollte ihn ablenken. Die Tränen schienen jedoch nicht gehen zu wollen. Er dachte immernoch an seine Tochter, irgend dachte er immernoch an seine Tochter. Was würde sie jetzt tun, in diesem Amerika? Warum rief sie nicht an, schrieb nur immer wieder, aber was hieß schon, immer wieder, die letzten Wochen schien kein Brief bei ihm angekommen.
Öffnen?, öffnen wollte er die Briefe nicht, jetzt erst recht nicht mehr. In ihnen könnte sowieso nur noch Altes und daher Belangloses stehen, wenn auch womöglich für die Nachwelt interessant, konnten sie ihn jetzt nichts mehr geben, außer, seiner Neugierde abzuhelfen. Womöglich hätte er auch längst handeln, für seine Tochter etwas tun müssen! Und wenn er jetzt dieses erfahren würde, er würde sich Vorwürfe machen, ohne noch das Rechte tun zu können. Es wäre, als würde er vom Untergang der Welt erfahren, ohne etwas tun zu können, und er hätte etwas dagegen tun können, wenn er es rechtzeitig erfahren hätte, was wiederum an ihm liegen würde. Er hätte den Untergang verschuldet. Aber was würde ihm diese Offenbarung noch nützen können, nichts, es würde geschehen und er müßte dabei wissend zusehen.
Nein, zu spät ist zu spät. Leicht zitternd trank er seinen Kaffee, las die Zeitung, letzte Meldung, der Aufschwung schwinge sich ab, dann noch die Mondphase und das Horoskop, er soll heute Sport treiben auch im Beruf sei er heute hervorragend, Nachmittags jedoch ein Einbruch, er soll einen starken Espresso trinken oder, alternativ Tee, Selter, Cola oder Brause, selbst ein Glas Wein wäre ihm zu empfehlen.
Er ging vor die Tür seiner Hütte. Draußen war es bereits recht warm, einige Sonnenstrahlen zeichneten Schatten, andere verkrochen sich hinter dem nahen Wald oder sie blieben von einzelnen dahergelaufenen Wolken verdeckt. Er ging, ohne recht zu wissen, wohin er ging, er schaute allein die Natur, fühlte mit ihr, fühlte sie ganz unmittelbar, wie sonst nur das Wasser beim Baden. Kaum dachte, fühlte er nicht mehr, so stand er bereits vor dem Briefkasten. Irgend hatte ihn zu ihm geführt. Füße? Beine? Bauch? Hirn? Unterbewußtsein? Oder einfach nur Gott?
Jedenfalls stand er vor dem Briefkasten und er schien, jedenfalls nicht leer, so viel sagte ihm sein Zeigefinger, den er in den Schlitz steckte. Er suchte sogleich nach dem Schlüssel. Allein, er fand ihn nicht. Kein Nichts hatte ihm gesagt, daß er ihn nun benötigen würde. Er ärgerte sich ein wenig, ging dann aber entschlossen zurück zur Hütte, holte den Schlüssel und fand schließlich die Post.
Wieder zwei Briefe seiner Tochter. War also doch noch die Zukunft einzuholen? Hatte er noch eine Zugriffsmöglichkeit? Warum telefoniert sie nicht? Das verstand er überhaupt nicht. Immer diese Briefe, Briefe, Briefe. Hatte sie etwa wirklich kein Geld zum Telefonieren?
Wieder in der Hütte, schnitt er sich ein zwei Schnitten von Marias Brot ab. Dazu gab es Schmalz und Salz. Es schmeckte vorzüglich, der schrecklich lauwarme Kaffee dazu und kein Gedanke war mehr bei den Briefen. Sie lagen im Flur, auf der Kommode, gleich neben dem Schirm und seinem Hut. Bereit gelegt, um vergessen zu werden, wie eine ungebetene Rechnung, der ungebete Rat, eine Hilfsanfrage oder auch Gott.
Maria hatte sich wieder angesagt. Sie wolle kommen, wegen des Brotes und, weil sie sich kümmern wolle, um ihn. Er hatte zwar nicht eingewilligt, aber das verlangte Maria auch nicht. Sie kam einfach, so waren die Sitten unter den Nachbarn. Man sagte, man komme und dann kam man einfach.
Er nahm sein erstes Bad des Jahres. Der erste warme Frühlingstag ermöglichte ihm dieses. Draußen, vor seiner Hütte, gleich neben dem Brunnen, hatte er sich einen Waschzuber aufgestellt, quasi eine runde Badewanne aus Holz. Bereits den halben Vormittag erwärmte er das kalte Wasser des Brunnens und goß dieses dann in seine Badewanne, als sie halb gefüllt war, ging er dann in diese hinein.
Das Baden ist ein nettes Ding, wenn man dabei singt, sagte er sich und sang denn auch, allerlei Lieder, die er noch von früher, von seiner Mutter kannte, aber auch neuere Lieder, die er allerdings lediglich pfiff, vor sich hinpfiff. Er genoß das Bad, im Winter war ihm lediglich die Lappenwäsche möglich gewesen, nun also das erste vollwertige Bad. Und nach ein zwei Stunden häutete er sich denn auch, selbst die letzte Haut, die vor ein zwei Wochen noch vom Fieber befallen war, weichte mit auf und ließ sich dann problemlos mit dem Schwamm, der Bürste abreiben.
Früher hatte dies immer Leonore getan, dieses Abreiben, dieses Schruppen seines Rückens, oder auch seine Tochter war ihm dabei behilflich gewesen, nun war da nur noch eine Bürste mit Stiel, die bei diesem Akt half, nichts weiter, nur noch eine Bürste mit Stiel.
Maria kam früher als verabredet. Ihm war es ein wenig peinlich. Maria kannte jedoch keine Distanz oder gar irgend eine Art von Scham, sie sagte nur "Tag" und schon schnappte sie sich die Bürste mit Stiel und schruppte ihm den Rücken. Dann holte sie frisches Wasser, goß es ihm über Kopf und Körper, reinigte ihn, legte ein Handtuch um ihn, ruppelte ihn ab, ohne viel Worte, so als hätte sie dieses mit ihm bereits hundertfach getan. Nach dem Ruppeln gingen sie dann auseinander, jeder einzeln gemeinsam zur Hütte.
Sie trafen sich dann wieder zusammen im Bett. Das Gewöhnliche von dem jeder denkt, es sei von ihm höchstpersönlich erfunden, gefunden. Es war ihm nicht wie beim ersten Mal. Irgend hatte sich bereits etwas eingeschliffen. Mechanik, gefühlslose Gefühlsarbeit. Danach ein kurzes Gespräch, belanglos, über Brot und Hühner, der nächsten Visite.
Beinahe wäre Maria gegangen, da bemerkte sie noch die Briefe, welche im Korridor lagen. Sie schaute staunend, er wiegelte ab, eine Handbewegung von oben nach unten zeigte seine wilde Entschlossenheit zum Tun des Nichtstuns. Maria schaute nur ein wenig verwundert, dann ging sie, noch ein dazugehöriges "Auf Wiedersehen", "bis bald", ja, man war alt, Verliebtheit schlich sich bei ihnen nicht mehr ein, noch nicht einmal uneingeschränktes Begehren, sie verabreichten sich lediglich gegenseitig ein Stück Medizin, ein Zuckerstück zum Lutschen, ja, ein Lächeln, und beinahe nur ein Schmunzeln.
Er liebte diese Tage, die ihm nichts brachten, die vollkommen belanglos dahin gingen, als seien sie nie geboren. Der Regen machte die Erde naß. Er stand am Fenster seiner Küche, beobachtete die Tropfen beim Aufschlagen auf dem Boden. Kaum am Boden angelangt, warfen sie sich in alle Richtungen, gleichzeitig, bildeten einen Bogen aus Wasser, nur einen Augenblick und waren nun schon ganz am Boden, daliegend, nicht mehr als Tropfen erkennbar.
Die Zeit war stillgeblieben. Einfach stille. Er stand dort und sah der Zeit beim Stillestehen zu. Ein Vogel machte sich naß, beim Fliegen, schüttelte sich dann am Brunnen, ein wenig nur, flog weiter, nach dieser kurzen Pause, verschwand im nahen Wald, im Trockenen.
Die Sonne hatte sich beim Scheinen versteckt. Diffuses Licht. Mehr dunkel als hell. Er genoß es, schaute einfach nur nach dem Draußen, zum Grau, zum dunklen Grau des Tages. Das Leben war ihm nun so still, nichts war mehr dort, was sich bewegte, ihm war, als hätte irgend die Welt angehalten, und könnte er sie anhalten, er hätte es längst getan. Zum Spaß? Auch zum Spaß!
Am Vormittag hatte er am Küchentisch gesessen, gedankenlos, nur Kaffee trinkend und sehend, nach dem Draußen. Er hätte eigentlich zum Hühnerstall gemußt, aber er ließ es, sollten sie doch, allein zurecht kommen, die Viecher, sagte er sich, sind ja keine Kühe, die hätte er melken müssen, sind ja nur Hühner, denen kann man höchstens die Eier stehlen, sonst nichts, nicht viel.
Es hörte auf, zu regnen. Es begann trocken zu werden, Luft und Boden, bis wieder die ersten Tropfen kamen, von oben. Kurz war er nun doch vor seine Hütte gegangen, wegen der Notdurft war er bis zum Klohaus gegangen. Der Regen hatte längst wieder begonnen, als er zurück ging. Die Tropfen erreichten sein Haar, Nase, Augen, Gesicht, Hände, Kleidung, Tropfen um Tropfen wurde ihm naß.
Er war zu alt, als daß er sich darüber noch freuen konnte. Er erinnerte sich lediglich an die einstige Freude, an die Kindfreude, im Regen spazieren zu gehen, oder auch zu rennen, zu hüpfen, zu lachen, im Regen.
Maria wollte eigentlich am heutigen Tage wieder einmal kommen. Er teilte die Tage bereits in Mariatage und in Seinetage ein. An Mariatagen wusch er sich, an Seinetage blieb er bei sich, beließ sich mit sich, ließ sich, ruhen, einfach nur ruhen.
Er mochte Mariatage, aber auch Seinetage mochte er. Er schaute dann gerne in den Himmel um sich zu betrachten, und er ließ dabei die Welt weg, ganz weit weg, weg sein.
Ihm war so beschissen froh. Ein Gefühl wie in Watte gepackt zu sein. Wie sollte er in diesem Zustand über das Sein nachdenken? In aller gebotenen Gründlichkeit nachdenken? Ein Hochgewicht des Nachdenkens darf doch nicht mit frohem Sinn denken.
Doch die so nötige Gedankenschwere war ihm abhanden gekommen und sie wollte auch nicht mehr eintreten. Er ging einfach aufs freie Feld neben dem Bachlauf schritt Schritt um Schritt voran, lachte dabei Steckrüben und Kartoffeln, auch Erbsen und Linsen, er lachte und lachte als wolle er sich davon ernähren.
Der Tag schaute im feinsten Sonnenlicht Zukunft. Nur ein paar Wölkchen waren himmelwärts zu sehen, sonst nur Sonne in blau. Entfernt hätte eine Schafsherde mit Schäfer gepaßt, dann hätte er sich im rechten Bild gefunden. Dafür neuzeitlicher Realismus, ein Bauer mit Traktor mit dem er ein Gerät hinter sich herzog, das die Erde aufwühlte, dazu ein Moped, knatternd zickzackfahrend.
Als Maler hätte er ja Traktor und Moped heraus lassen und dafür mit Schäfer und Schafherde ergänzen können, aber er war ein Spaziergänger, so mußte er den Realismus mit hinein denken, dafür färbte er sich diesen jedoch bunt an. Befand für sich, daß das Traktorfahren so etwas wie Schafe hüten sei, und das Moped, gut, sei doch nur ein Spaßmobil. Er verklärte sich so die Welt um sie sich nicht erklären zu müssen.
Sein Schritt trug ihn immer weiter hinweg, weg von seiner Hütte, die Sonne stand bereits im frühlingshaften "Zenit", der halbe Tag war festlich begangen, Schritt um Schritt, nun verlangte der Rest noch nach ein wenig Würde, Sittsameit, Schritt um Schritt.
Der Traktor war stehen geblieben, der Bauer saß neben einem Baum, aß sein Mittagsbrot, als er näher kam, ihn schaute und fragte, wie es ihm ginge, mürrisch eine Antwort erhielt, die aus einem Wort bestand "Gut". Eine kürzere Bestandsaufnahme kann es nicht geben, als dieses eine "Gut". Er hätte sich beinahe neben ihn gesetzt, aber irgend sagte ihm, daß der Bauer sein Mittagsbrot lieber allein essen wolle, so ging er weiter, hinter ihm lassend einen Menschen im blauen Anzug, dazu Gummistiefel, rechts neben sich das Mittagsbrot, links die Thermoskanne und vor sich, nun, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Realismus. Nur die Schlauen überleben.
Ihm wunderte das längst nicht mehr, er ging weiter, darüber leicht amüsiert, womöglich hatte der Bauer die Zeitung ja nur zufällig bei sich, oder er hatte seinen Laptop vergessen, egal, oder es war so ein Neubauer aus der ökologischen Intellektuellenkaste oder, ihm selbst war gerade ein Vorurteil abhanden gekommen.
Er ging weiter immer weiter, schaute dabei die Landschaft, ihm war so froh, auch als er wieder den Traktor hörte, den Bauern sah, der lächelte ihn, er lächelte zurück, man kannte sich ja, nun.
Daheim wartete wieder ein Brief auf, er versuchte einen Grund zu finden, ihn nicht öffnen zu müssen, während er, von der frischen Landluft und dem langen Spaziergang ermattet, einschlief, nicht zuvor vom Brot gekostet zu haben, welches ihn Maria unterdessen gebracht hatte.
Er mochte sich nicht erinnern, wann er den Kirschbaum in seinem Garten gepflanzt hatte. Eleonore drängte ihn damals dazu, zum Pflanzen, so hub er aus, setzte ein, begoß den Baum und wartete. Nach drei Frühjahren zeigten sich endlich die ersten Blüten, weiß, neben grünen Blättern, dann ein zwei Jahre später das Wunder, es war sein schönstes Frühjahr, die Krone des Baumes war wie in Weiß getupft. Kirschblüten über Kirschblüten, ein Baum von Blüten.
Allein dieser Anblick genügte ihm bereits als Ernte und dieser mußte ihm auch genügen, denn die Süßkirschen wurden regelmäßig von herumfliegenden Vögeln geerntet. Sie waren wie versessen nach den Kirschen. Gut, er hätte Vogelscheuchen aufstellen, Netze spannen und Herumschießen können, aber er wollte nicht, das schien ihm nicht recht so. Erst als Eleonore für den Kirschbaum einen vogelresistenten Apfelbaum pflanzen wollte, begab er sich auf Vogeljagd, aber nur zum Schein, denn die Kirschen waren ihm gleichgültig, ihm war allein die Blütenpracht wichtig.
Eleonore bemerkte diese, seine Laxheit zwar, aber sie griff nicht ein, denn sie hatte längst beobachtet, wie er stets dem Frühjahr entgegen wartete, als wäre dort ein Weihnachten zu feiern, nein, es war nur sein Kirschblütenfest. Er verlegte dann gern das Frühstück in die Nähe des Kirschbaumes, dazu wurden Tische und Stühle hinaus getragen, und alles hatte eine Festlichkeit an sich, ein Feiern dieses seligen Augenblicks des Sehens, Riechens, Wunderns, Staunens, des Frohseins, ja, des Frohseins.
Tisch und Stuhl hatte er sich nicht extra herbei geholt, ihm genügte allein und jetzt ein kleiner Hocker, auf ihm saß er nun bereits einige Stunden, schaute dem Kirschbaum beim Blühen zu, sah dabei auch die ein oder andere Biene, wie sie die Blüten anflog, auf Hubschrauberart, im Stehflug nämlich, sich auf ihnen setzte um sich in ihnen hinein zu begeben, zumindest rüsselweise.
Beinahe schlief er beim Schauen ein, wäre nicht ein Huhn herbei gewackelt, scharrend und pickend und scharrend und pickend, sich für nichts anderes interessierend, als dem Scharren und Picken. "Huhn, schau doch, der Kirschbaum, wie wunderschön er blüht.", hätte er beinahe gesagt, aber jedes seiner Worte wäre vergebens gewesen, es war ja nur ein Huhn. Eleonore wäre jetzt, wenn er ihr das so erzählt hätte, das Lachen gekommen, aber sie war nicht mehr, so lachte er über sich selbst, dabei leicht auf dem Hocker wackelnd, so daß das Huhn erschreckt davon lief.
Er mochte unterdessen nicht mehr auf dem Hocker sitzen bleiben, so ging er zu dem Baum, schaute sich das Blütenschauspiel von ganz nah an, ja, er stieg dem Baum auf die Bühne hinterher, war nun selbst Teil der Bühne und mochte von den Blüten kaum noch lassen, ja, sog ihren leichten Duft von frischem Blatt ein, schaute das Weiß, die zarten weißen Blättchen und die Bienen, die diese Blüten lieben, jedenfalls den Nektar in ihnen.
Ja, er freute sich immer wieder, daß er den Baum stehen gelassen hatte, gegen Eleonores Ansinnen, auch wenn er niemals einen Ertrag brachte, so hatte er ihn doch lieb gewonnen, wegen der Blütenpracht und wegen der Aussicht auf einen möglichen Ertrag, die gleichzeitig sein Gewinn, sein vorzeitig bezogener Gewinn war. So dachte er bereits wieder an den Sommer, hoffte, daß kein Frost kommen werde, damit ja keine der bestäubten Blüten verloren gehen könne. An die Vögel dachte er indes noch nicht, er wollte seinem Tun, seiner Liebe, einen menschlichen Sinn geben, daher tat er immer wieder so, als wenn er auf einen hohen Ertrag hoffe. Nur Eleonore durchschaute ihn immer, wenn er vom möglichen Ertrag fabulierte, sagte dann gerne etwas davon, daß sie ja noch ein paar Gläser mit eingeweckten Kirschen vom letzten Jahr habe, so gut sei dort die Ernte gewesen.
Er antwortete darauf nie, ließ sie erzählen, jammern, über die wenigen Kirschen, die er stets erntete. Ja, er war dann immer ganz ruhig, schaute lieber die Blütenpracht, ließ sie dabei erzählen, surren, summen über Summen, nein, Lieben sind zuweilen unerklärlich, nicht mit menschlichem Maßstab zu messen, nicht alles kann und will gegessen werden.
Der Zaun stand nicht mehr gerade, war ein wenig schief in seinem Stand. Er würde ihn ausbessern müssen. Das dachte er bereits seit einigen Jahren, nun war er sich sicher, daß er ihn ausbessern müsse, denn er war halb eingeknickt, ein hölzerner Pfeiler hatte sich gen Boden geneigt. Er wartete noch ein zwei Tage, dann nahm er sich dieser Arbeit an. Hammer, Beil, Nägel und eine Schippe fanden sich im Schuppen, gleich neben den Hühnern. Er ging zum Zaun und versuchte diesen aufzurichten, Stück um Stück.
Zuerst versuchte er es mit einfacher Muskelkraft, diese mochte jedoch nicht genügen, so nahm er ein Brett, welches er gegen Zaun und Erdboden setzte, langsam Stück um Stück Richtung des Zaunes schob, ihn dabei aufrichtend, bis der Zaun halbwegs gerade zum Stehen kam.
Er würde den abgeknickten Holzpfeiler auswechseln müssen, wurde ihm derweil nur allzu deutlich, denn dieser war nicht mehr zu reparieren, vollkommen durchgefault, gleich über dem Erdboden, so kam er daher. Er würde ihn hinaus trennen und einen neuen einsetzen müssen. Diese Arbeit verlangte jedoch einen neuen Pfeiler, den er noch nicht besaß, er würde ihn im Baumarkt holen müssen, derweil würde die notdürftig eingerichtete Stützvorrichtung den Zaun zu halten haben.
Er packte sein Werkzeug ein, ging recht frohgemut zum Schuppen, hinterlegte es dort, um hernach zur Hütte zu gehen, Mittag zu essen, Stulle mit Schmalz, er hatte es sich abgewöhnt, oder vielmehr, erst gar nicht angewöhnt, mitten in der Woche Mahlzeiten zu kochen.
Mitten in der Mittagszeit erschien ihm Maria, sie brachte Gekochtes mit. Er staunte. Sie lachte nur, damit er nicht vom Fleisch falle, sagte sie, während sie ihn intensiver schaute. Hühnersuppe, mit Hühnerfleischeinlage. Er aß. Sie schaute ihn. Er schaute sie, sie schaute auf den Thermosbehälter. Er schaute sie. Sie wurde unruhig, schaute Thermosbehälter und ihn, immer im Wechsel. Er verstand. Er würde weiter essen müssen. Er aß weiter. Die Suppe war noch recht heiß, er mochte sie gleich aus dem Behälter heraus zu essen. Als er fertig war, lächelte Maria zufrieden.
Er lächelte, auch. Zufrieden. Die Suppe hatte geschmeckt.
Maria zog sich aus.
Er schaute.
Sie schaute einfach hinweg, zum Fenster, und zog sich weiter aus.
"Schönes Wetter, heute, Hast ja endlich begonnen, den Zaun zu reparieren, wurde auch Zeit."
"Ja."
"Was ist, hast du keine Lust."
"Ja."
"Was nun, ja oder nein?"
Er wollte noch überlegen, während Maria bereits bei ihm war, er spürte ihre warme Haut an sich, während sie sein Hemd auszog, dabei ein wenig schniefte, er verdrehte seine Augen in Richtung Decke und zurück, Maria nahm es als Zustimmung, er nahm ihren Mund, ihre Zunge, sie suchte etwas in ihm, er schob etwas in sie, sie fand es gut, schniefte, er roch die Hühnersuppe an ihr, sie roch anscheinend gar nichts, sie keuchte nur, ihm wurde heiß, aber auch gut, irgend gut, als würde Bewegung stets Liebe erzeugen müssen.
Danach saßen sie noch zusammen, Maria erwähnte die Briefe, er hörte weg, sie erwähnte die Briefe, er hörte weg, sie erwähnte die Briefe, er ging zum Plumpsklo, er kam zurück, sie saß in der Küche, schaute und lächelte, redete nicht mehr über Briefe. Morgen würde er einen neuen Stützpfeiler für den Zaun besorgen müssen. Maria ging und er blieb, neben sich den Thermosbehälter entdeckend, Maria hatte ihn wahrscheinlich vergessen.
War heute Sonntag? Egal, er betete schon lange nicht mehr, die Kirchenfürsten hatten es ihm abgewöhnt. Warum sollte Gott auch anders, besser, guter oder gar lustiger als seine Vertreter auf Erden sein.
Er betete.
Für dies und das und für das.
Gewohnheiten brach er sehr gerne. Dann waren es keine Gewohnheiten mehr, es konnten neue Gewohnheiten entstehen, bis zu dem Punkt, in dem das Gewohnheiten-Brechen wiederum zu einer Gewohnheit werden würde, dann müßte er auch diese brechen und es würde dann Ewigkeit sein.
Er betete.
Dazu ging er vor seine Hütte, schaute das Licht des Morgens, ein wenig trüb, ein wenig zu wenig frühlinglich, aber ihm war dennoch froh, denn er hoffte durch seinen Gang nach dem Draußen zu Gottes Licht gelangen zu können, rein und unverfälscht von Boten oder Vertretern.
Er betete.
Holte sich Wasser aus dem Brunnen, es war klar und rein, es schmeckte ein wenig süßlich, dazu war es dem Mund, dem Gaumen, dem Hals recht weich, beinahe anschmiegsam, er trank sogleich aus dem Blecheimer, den er stets zum Hinaufholen des Wassers nutzte.
Er betete.
Ein Windzug kam an seinem Rücken vorbei, schubste ihn ein wenig, ließ ihn sich spüren, recht intensiv spüren, er mußte sich dem Wind entgegen stemmen, der Materie, die sonst so ruhig sein kann, so kaum merkbar sein kann, nun tat sie sich hervor, zeigte, daß sie ist, indem sie ihn schubste, stupste, als Entgegenstand nutzte.
Er hatte nun genug gebetet.
Aber war es nicht das Leben selbst, das Erleben selbst, was ihn beten ließ? Er wußte es längst und so beging er den Hof vor seiner Hütte wie ein stolzer Hahn, als sei er gerade erwacht, nein, womöglich war er nun, jetzt gerade der einzige Schläfer.
Der Schuß einer Pistole weckte ihn. Aber war es ein Schuß einer Pistole? Ihm wollte anders sein, er wollte anders und Anderes glauben, aber womöglich sollte alles, was vor Zeiten Posaune war, nun Pistolenschuß sein.
Als er wieder in seine Hütte einkehren wollte, zeigte sich nun doch der Schußverursacher, ein Jäger, oder war es eine Jägerin, blondes Haar 17 Jahr, nein, er wollte keinen Schlager denken, aber er mußte immer wieder mal diese Schlagermelodie denken, es war ihm dann immer wie ein geistiger Schluckauf. Eleonore liebte diese Schlager und er liebte Eleonore darum, auch darum, denn so konnte er sich diese Schlager mit gutem Gewissen anhören. Meist machte er sich dann lustig, über Eleonore, über Schlager an sich, ja, über die Welt.
Der Jäger war wirklich eine Frau, die neue Försterin, wohl. Sie war schon lange angekündigt. Aber durfte man im Frühjahr wirklich jagen? Ihm war immer so, als wäre dann die Schonzeit für alles Wilde.
Aber nein, sie jage kein Wild, sondern einen Bären, der vom Zirkus davon gelaufen sei. Er sei ungefährlich aber doch ein Bär, sie habe daher nur ein Betäubungsmittel im Gewehrlauf gehabt.
Sie sah recht schön daher, sprach eloquent und auch sonst recht wisserich. Er mochte sie nicht. Aber was konnte sie schon dafür? So blieb es bei einem "Guten Tag" und "Auf Wiedersehen". Er hatte sich noch nicht einmal vorgestellt, noch nicht einmal das.
Er lag in seinem Bett, schaute einen Traum, während er halb schlief, halb wachte, Eleonore trat ein, sagte, das Frühstück sei fertig, ja, er vermochte sogar den Duft frischen Kaffees zu vernehmen, den Geruch frisch aufgebackener Brötchen, Honig und Butter, ganz intensiv, diese Butter, dieser angenehm milchige Geruch dieser Butter. Eleonore schien ein wenig verärgert, ja, sie ging hinaus und schlug die Tür zu, welch ein Radau, er erwachte, versuchte sich zu erinnern, wischte eine Träne hinweg, mit dem Bezug der Bettdecke, schaute zur Decke.
"Ich hab gehört, daß du mit Maria herum machst.", rief eine recht brummig Stimme, die ihn nun vollends weckte.
Hatte er also den Krach, zumindest den letzten Krach doch nicht geträumt.
"Maria", sagte er leise, beinahe fragend.
"Ja, Maria, meine Frau."
"Ach, Josef, du bist es.", er hatte Josef, den Mann Marias endlich erkannt. Er stand vor ihm, mit seiner Waldarbeiteruniform, rechter Hand ein Beil tragend, zufällig?, er spürte keine Angst, nur Verdruß, weil sein schöner Traum so abrupt von solch einem törichten Menschen beendet worden war.
"Nun sag schon, stimmt es?"
"Wenn es stimmen würde, Josef, hätte es dir Maria etwa nicht gesagt, sofort gesagt, die hat doch noch niemals irgendein Geheimnis für sich behalten können, damals, als sie mit dem Milchmann herum machte, oder war es der Kohlenausfahrer, egal, da hat es sogleich das ganze Dorf gewußt."
Josef schien sich zu beruhigen, setzte sich zumindest auf einem Stuhl nahe dem Fenster, legte auch die Axt ab, er konnte sich derweil aufrichten, aufstehen, anziehen, und einen Kaffee kochen.
"Möchtest du einen Kaffee?", fragte er den immernoch am Fenster sitzenden Josef.
Zusammen tranken sie dann Kaffee, frisches Brot oder gar frische Brötchen gab es nicht, nur Kaffee und Männertränen. Josef schaute ihn rotäugig und immernoch prüfend an.
"Ich weiß doch, weißt du, daß du mit Maria zusammen warst, bevor ich mit ihr zusammen war, und jetzt, wo doch Eleonore seit einem Jahr tot ist, da weiß man ja nie, weißt du, zumal sie dir andauernd Brot bringt, damit du wieder zu Kräften kommst, angeblich, ich weiß nicht."
"Stimmt, ein Jahr ist es jetzt her, genau ein Jahr, auf den Tag, wie die Zeit vergeht, jeder weiß es, daß sie vergeht, man spürt es aber erst, wenn man Zeit zum Zurückschauen hat. Du, ich muß zum Grab, kommst du mit?"
Josef schien nun vollends beruhigt, ihm war die Röte aus dem Gesicht gewichen, man sah wieder seine Gutmütigkeit, seine lächelnden Augen, diese verflixt lächelnden Augen, die nichts so recht ernst nehmen wollten, stets so naiv schauten, als seien sie in diesem Zustand erstarrt.
Eleonores Grabstelle war von Maiglöckchen umsäumt, er wunderte sich selbst ein wenig, denn er hatte diese nicht gepflanzt, nur einige wenige von ihnen hatten sich im letzten Jahr an diesem Platze gefunden, und er hatte diese Stelle erwählt, weil sie dort herum standen, Eleonore fand Maiglöckchen besonders schön, mit ihrem satten Grün des Blattwerks aus dem leicht vorwitzig die kleinen weißen Blüten hervor lugen, die wie Glöckchen ausschauen.
Josef hatte umständlich seine Holzfällermütze abgesetzt, schaute den Stein und vergoß sogar einige Tränen, er war stets so voller Mitgefühl, so erschreckend voll davon. Die Axt stand derweil neben ihm, angelehnt an seinem rechten Bein. Nein, es war ein komischer Anblick, diese beiden Gestalten dort zu sehen. Aber war es Zufall, daß Josef gerade heute erschienen war, an Eleonores Todestag?
Er wollte Maria das nächste Mal nach Hause schicken, er wollte diesem braven Mann nicht die Frau entführen, das nicht, so dachte er jetzt.
Sie gingen zurück, die Sonne schien wie wunderdoof, und als sich Josef dafür entschuldigte, daß er bei ihm war, da war ihm endgültig übel, so übel wie lange nicht mehr, das letzte Mal war ihm so übel gewesen, als er seiner Mutter den Kuchen gestohlen hatte, den sie extra für ihm gebacken hatte, und die sich dann dafür entschuldigte, daß sie ihm keinen Kuchen geben konnte, obwohl er doch Geburtstag hatte.
In der Hütte roch es noch nach Kaffee, er fand sich entsetzlich, und er kochte sich noch einen Kaffee, besonders stark, beinahe bitter, so bitter, wie er ihn haben wollte und er hoffte, daß Eleonore den heutigen Tag im Himmel verschlafen habe, ihn nicht sehen konnte, wie er hier herum lavierte, beinahe wie irgend ein Politiker und so wollte er eigentlich nie sein und nun war er doch so, und so sollte es wohl sein, warum sollte die Nachhut anders, gar besser als die Vorhut sein, warum?
Ein heiterer Tag, die Sonne schien, manch Vogel vertrieb sich die Langeweile mit dem Herumgepfeife, die Hennen scharrten im Dreck und er, er versuchte das Vergehen der Zeit zu verstehen. Ein Jahr war bereits seit Eleonores Tod vergangen. Josef, ausgerechnet Josef mußte ihm darauf aufmerksam machen. Ein grobschlächtiger Kerl, von dem man meinen könnte, er vermöge nur Bäume umhauen und massenhaft Holzfällersteaks essen.
Er begab sich nochmals zum Stein, nachdem Josef gegangen war, und unterhielt sich sogar, mit Eleonore, oder dem Wind, egal, er redete planlos drauflos, erzählte von Maria, dem Brot, seiner Krankheit und dem Danach. Er hatte sich bedanken wollen, nun entschuldigte er sich, aber er weinte dabei, als wollten die Tränen alle Lügen von ihm fortwaschen, fortspülen. Er setzte sich neben den Maiglöckchen, auf ein Stück Wiese, wilder Wiese, langhalmig, bemoost, aber doch jung, so grün war sie, schaute sie, noch so wenig von der sommerlichen Sonne getrocknet. Er riß ein paar Halme, wendete diese in seinen Fingern, schaute dabei den Wolken beim Fliegen zu, war ganz still, nur den eigenen Atem hörte er, und als er sich auf seinen Rücken legte, konnte er seinen Brustkorb beim Heben und Senken beobachten. Und manchmal hielt er ihn an, für einen Moment nur, ja, er war es, er selbst, der hier atmete, auch wenn das Unterbewußte das Atmen übernahm, wenn er keine Lust verspürte, das Immergleiche selbst zu kommandieren.
Ist der Mensch ein freies Wesen. Nein, er ist Körper und deshalb unfrei, sagte er sich, während er an Eleonore dachte, ja, wenn Eleonore noch lebte, und immernoch als ein Mensch lebte, dann würde sie nun frei sein, denn ihren Körper hatte sie ja hier liegengelassen, abgelegt, wie ein unnützes Konstrukt, nur für diese Welt überhaupt brauchbar, im Jenseits nur ein Gedankenspiel, hier gleich das Leben selbst.
Er wollte seiner Eleonore noch so viel erzählen, auch von der gemeinsamen Tochter, der Amerikatochter, der Abtrünnigen. Lag es an ihm, daß sie abtrünnig war, an ihm selbst? Er hätte ja antworten können, auf ihre Briefe, aber er wußte, daß er nicht hätte antworten können. Hätte es Eleonore gekonnt? "Eleonore, hättest du es gekonnt?", er schrie sie an.
Im Leben hatte er sie niemals geschrien, nun, im Unleben schrie er sie, und man hätte denken können, es wäre eine Wahnsinnstat gewesen, wenn man nicht sein Gesicht hätte sehen können. Dieses verweinte, leicht aufgequollene rotfarbenes Gesicht, mit diesen roten Augen, diesem schiefen Mund, diesem unendlichen Leid in sich.
Die Antwort blieb aus, für das Diesseits war er nun ganz allein zuständig, er würde selbst entscheiden müssen, wann und ob er seiner Tochter schriebe, oder ob er weiter bei seinem Standpunkt bliebe, als ob er sie nicht liebe. Nein, er liebte sie, deswegen konnte er ja gerade nicht, genau deswegen konnte, vermochte er es nicht, dieses Schreiben, er wollte sie wieder bei sich sehen, jede Antwort auf einen ihrer Briefe würde daher nur ein falsches Signal setzen, sie würde denken, alles sei nun in bester Ordnung, nein, nichts war in Ordnung und schon überhaupt nicht in bester oder gar allerbester Ordnung.
Ordnung, dieser Scheinbegriff aller Redlichkeitsdenkenden. Eleonore haßte jede Art von Ordnung, denn Ordnung sei so etwas, wie ständig den gleichen Weg zu nehmen, und macht man dies bei einem Rasen, so ruiniert man diesen unweigerlich, man nennt den Weg dann Trampelpfad, sagte sie immer, während sie stets den gleichen Weg zum Hühnerstall nahm, ja, von ihm verlangte, daß er diesen, ihren Trampelpfad endlich pflastern solle. Er hatte sie daraufhin einmal angesprochen, leicht schmunzelnd ihre Ordnungsphilosophie verlacht, aber nein, sie ließ sich ihre Ansicht über jede Art von Ordnung nicht nehmen, genau so wenig, wie sie jemals auf die Idee gekommen wäre, einen anderen Weg zum Hühnerstall zu nehmen.
Gibt es häßliche Tage? Es regnete. Er saß in der Küche, las Regentropfen und trank Kaffee. Häßliche Tage sind so etwas wie häßliche Menschen, sie sind anders als das Gewünschte. Daher gäbe es keine Häßlichkeit ohne den Wunsch nach dem Schönen. Und so entscheidet der Wunsch allein was häßlich ist und wenn gewünscht wird, was alle wünschen, dann kann dieser Wunsch auch allein der Allgemeinheit geschuldet sein, also kein selbst gewünschter Wunsch, sondern mehr ein innerer Befehl, ja, der innere Befehl, einer Herde zu folgen, die sich bei den Menschen Allgemeinheit zu nennen pflegt.
Er war bereits auf seinem Plumpsklo gewesen. Welch ein erfreulicher Moment der Erleichterung, er fühlte sich sogleich so befreit, von einer Last, die er sich zuvor selbst auferlegt hatte, mit einem recht ungezügelten Essen, er hatte Marias Brot in einem Stück gegessen. Nein, er hatte keinen Sex mit ihr, jedenfalls nicht gleich, nicht ganz so schnell. Er hatte es ihr erzählt, das mit Josef, aber sie sagte nichts weiter, nur, sie wolle alles klären, er solle sich nicht sorgen.
Der Sex war gut. Komisch, das allein war es, was er sich erinnerte, während er das Brot rasch aß, bis zum letzten Krümel, daß der Sex gut war. Was zeichnet guten Sex aus? Manchmal auch das Tun des Verbotenen. So simpel dachte er es sich, als er daran dachte, denken mußte, immer wieder. Maria war dieses eine und letzte Mal so intensiv, so ganz ihm allein zugetan, so wenig mechanisch, so wenig nur handelnd, mehr, nur ihrem einen einzigen Triebe gehorchend, fernab jeden Gedankens oder Gedenkens.
Ein häßlicher Tag. Es regnete. Die Erde wurde naß. Was sonst. Die Erde wurde naß, bis die ersten Pfützen entstanden, dann wurden die Pfützen voller und die Erde wurde nicht mehr naß, denn sie war bereits naß. Und als der halbe Hof mit Pfützen bedeckt war, regnete es nicht mehr und die Sonne war auch nicht mehr, verschwunden, es dunkelte sehr und die Papageien hätten jetzt gerufen, es dunkelte sehr, wenn es denn Papageien gegeben hätte, so mußte er sich mit dem Gesang der Amsel begnügen, und sie sang schön, aber niemand würde jemals ihren Gesang übersetzen können, womöglich sang sie auch, es dunkelte sehr, indes, eines schien ihm sicher, wenn die Amsel ein Papagei gewesen wäre, dann hätte es gut sein können, daß sie - es dunkelte sehr - gesungen haben könnte.
Guter Sex und ein voller Darm, ihm lächelte, Zusammenhänge gibt es. Nun, wo es Abend war, wurde der Tag doch noch schön, er konnte das Leuchten der Sterne bewundern, zig Sterne und jeder Stern war irgend einem Gebilde zugeordnet, hie und dort ein Wagen, Trabant oder Phaeton, Barfuß oder Lackschuh, allein die Sonne fehlte. Und dieser für uns hellste Stern mußte fehlen, damit man die anderen Sterne sehen konnte, diesen Zusammenhang hatte bereits Leonardo entdeckt.
Er sah jetzt einen besonders hellen Stern, er bewegte sich unaufhörlich, bald blinkte er sogar, er dachte bereits, es sei ein Wandelstern und er wollte diesen bisher unentdeckt gebliebenen Stern Eleonore nennen, diesen Stern, der sich womöglich bisher immer hinter der Sonne vor uns versteckt hielt, nein, er würde ihn doch nicht Eleonore nennen können, bemerkte er für sich, als er ein Flugzeug ausmachte, welches zuvor noch ein Stern sein wollte. Er ging schlafen und mit ihm ging ein häßliches Gefühl schlafen, obwohl er sich des Brotes längst entledigt hatte, ließ es von ihm nicht ab und draußen pfiff sich die Amsel eins, womöglich das immergleiche, es dunkelt sehr.
Er begann mit dem Denken aufzuhören. Leicht fiel es ihm nicht, diese Gabe fiel ihm nicht vom Himmel, er hatte ein Buch gelesen, von Alfred Allessandri mit dem Titel: Vom Aufhören des Denkens. Und als er es gelesen hatte, es war während einer der letzten Nächte, mitten im Schlaf, dachte er, er träume dieses, nein, er las dieses. Aber er war sich uneins. Später in sich uneins, denn er sah sich beim Lesen, er saß dort, eine Kerze neben sich, das Buch vor sich, klein, kaum hundert Seiten, hübsch eingefaßt, er las, doch, er las es.
Ihm triumphierte sein Wissen um das Lesen des Buches "Vom Aufhören des Denkens". Ein wahrhaft simpler Titel, schnell verdaulich, auch etwas spannend, kaum verdrießlich, ein wenig intellektuell, nur ein wenig, aber doch noch etwas genug, und ihm genügend genug intellektuell. Und zum Schluß waren dort nur noch Buchstaben, nur noch Buchstaben, aber, das Aufhören des Denkens triumphierte, er sah in der Anordnung der Buchstaben Bilder die wiederum in ihm Bilder auslösten, ohne je etwas gedacht zu haben, ohne einen einzigen Gedanken empfangen zu haben, sah er, und so durchdrang er das Denken und stieß zum Unbewußten vor, eben zu sich selbst.
Er wollte das Buch nochmals nachlesen, besonders die letzten Seiten interessierten ihn. So schaute er in einem Regal im Wohnzimmer nach, in welchem er ein dutzend guter Bücher aufbewahrte, der Kanon der Eleonore, denn ihm selbst war stets mehr nach dem Zeitungslesen gewesen, aber Eleonore, gut, sie liebte das Lesen von richtigen Geschichten, das wirklich Reale eben.
Er suchte die Bücher nach diesem schmalen Band ab, aber er vermochte es nicht zu finden, suchte dann sogar hinter der Couch, dem Sessel, ging Küche, Flur und Schlafzimmer suchend ab, bezog gar zu diesem Zwecke sein Bett, weil er eben gerade dort stand und suchte.
Nein, es war unauffindbar.
Es war ihm gestohlen.
Maria?
Oder Josef?
Egal, es war ihm gestohlen. Dieses phantastische Buch, welches vom Aufhören des Denkens berichtete. Er würde sich eben erinnern müssen, es aufschreiben, ihm die wichtigsten Zeilen so zu sichern. Nur, er fand kein Papier im Hause, er hatte lange keines mehr gebraucht, spätestens seit der Amerikaflucht seiner Tochter hatte er keines mehr gebraucht.
Er suchte dennoch, sogar im Vorratsschrank, bis er dort die Briefe entdeckte, leicht beschmutzt, aber doch noch als Briefe erkennbar. Sie wird doch wohl nur eine Seite beschrieben haben, dachte er. Hastig riß er den ersten Brief auf und während er sich noch über die Verschwendungssucht seiner Tochter wunderte nutzte er die Rückseiten der Briefe zur Wiedergabe des Buches, nur in Stichpunkten sicherlich, aber dennoch so wertvoll für ihn, so wichtig und erhaben für ihn. Nur die letzten Zeilen bereiteten ihn Kummer, er schrieb und schrieb Buchstaben, aber die Bilder wollten sich nicht einstellen, er vermochte nicht mehr zu ihnen dringen.
Leise verfluchte er sein Unvermögen, ging hinaus und schaute die junge Nacht, oben fuhr der große Wagen und der Mond schien ihm bei der Fahrt, vergnügt quietschte die Amsel und er pfiff "Hoch auf dem gelben Wagen", ja, so sind wir alle eins, dachte er.
Die Nacht wollte ihn nicht haben. Er lag in seinem Bett, versuchte der Nacht beizukommen, aber es gelang ihm nicht. Er wachte. Bereits seit Stunden wachte er. So war ihm jedenfalls. Als er auf seinen Quarzwecker schaute, den er neben seinem Bett auf einem Nachttisch stehen hatte, sah er jedoch den Zeiger immernoch bei der Neun stehen, er lag kaum eine halbe Stunde im Bett, länger nicht und doch kam ihm sein Liegen wie Stunden vor.
All seine Gedanken waren bei diesem famosen Buch, dieses Buch, welches er nicht mehr besaß, aber welches er einst besessen hatte und welches vom "Aufhören des Denkens" berichtete, so bildhaft berichtete, daß man es zuletzt noch nicht einmal mehr lesen mußte, um es begreifen zu können, nein, nur ein Schauen genügte und alles offenbarte sich einem, dem sehenden Leser.
Innerlich feixte er, nun hatte er dieses Buch gelesen, und gerade deshalb vermochte er keinen Schlaf zu finden, als ob der Schlaf nicht auch eine Form des Verlustes des Denkens sei. Aber nein, die Wissenschaft ist ja der Ansicht, der Mensch könne nur im Schlaf richtig denken. Ohne Schlaf würde sich das Gehirn nicht bilden können, der Schlaf also quasi als Universität des Hirns, oder zumindest als Gymnasium, Realschule oder Hauptschule, egal, jedenfalls als unabdingbare Bildungseinrichtung.
Plötzlich wachte er auf. Ein wenig verwundert auf. Aha, sagte er sich ein wenig spöttisch, gerade beim Denken fand mich der Schlaf, wie schön. Er schaute aus dem nahen Fenster, draußen war es dunkel, die Sonne war noch nicht, er würde im Dunkeln aufstehen müssen, denn er hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, im Bett nicht unnötig lange zu verweilen, denn im Bett, so ganz ohne Eigenbewegung, altert man nach Einstein am schnellsten.
In der Küche lagen noch die vollgeschriebenen Rückseiten der tochterlichen Briefe. Er nahm sie nochmals zu sich, las sie, ganz langsam, aber die Stichpunkte waren eben nicht das Buch, sie konnten ihn nicht ersetzen, es wäre so, als wollte man einigen Stichworten zu Goethes Faust den gleichen Gewinn, wie dem Faust selbst entlocken wollen, nein, es war nicht, nicht das was er eigentlich niederschreiben wollte, auch wenn die Stichworte den Inhalt des so wichtigen Buches recht schön wiedergaben, beinahe akkurat, nichts fehlte, außer die rechte Form eben.
Endlich lugte die Sonne hinter dem nahen Wald hervor. Er atmete auf. Das Morgengrauen war vorüber, plötzlich vorüber, er saß mitten im Licht, die Sonne strahlte derart vergnügt in das verschmutzte Küchenfenster, daß es ihm eine sichtliche Freude bereitete nur dort, am Fenster zu sitzen, stille zu sitzen, so stille zu sitzen, dabei den Augenblick zu genießen, das Sonnenlicht zu fühlen, wie es langsam aber stetig die Haut seines Gesichtes erwärmte und dabei versuchte durch seine geschlossenen Augen zu dringen, sie dabei in einem sanften Rot eintauchend.
Als er noch das Sonnenlicht genoß, ihm das Licht aber bereits überdrüssig wurde, erschien prompt eine Wolke. Ja, so muß das Leben sein, sagte er sich, genau so, bevor einem das Schöne überdrüssig werden kann, muß es gestoppt werden, eine Wolke, sie läßt das Ungewöhnliche ungewöhnlich bleiben, läßt uns das Schöne nicht häßlich werden, ja, sie setzt den Takt des Lebens, erlöst uns von der Langeweile des Immergleichen.
Er schaute nochmals aus dem Fenster, zur Wolke, zur schönsten aller Wolken, beinahe liebte er sie, bereits dafür, daß sie Wolke ist. So hätte er beim Anblick der Wolke beinahe den gerade ankommenden Josef nicht gesehen. Josef wollte ihm wohl einen Guten Tag wünschen oder so ähnlich, jedenfalls bereitete er gleich ein wenig mehr des Kaffee's, den er nun endlich trinken wollte.
Es polterte ein wenig, dann war Josef bereits in der Hütte, in der Küche, setzte sich, ohne ein Wort gesagt zu haben. Umständlich holte er sich ein wenig Schnupftabak hervor, welchen er in einer kleinen Blechbüchse verwahrte. Er streute ein wenig davon auf den Handrücken seiner linken Hand und sog den Tabak dann mit zwei Zügen in seine Nase ein, um alsbald seinen Kopf ein wenig nach hinten zu legen, sich auf ein Niesen vorzubereiten, dann letztendlich zu niesen und sich nebenbei mit seinen rotgeränderten Augen in der Küche umzuschauen.
"Möchtest du einen Kaffee, Josef?" fragte Ludwig den gerade Hereingekommenen.
"Mach ruhig, Ludwig, kann ja nicht verkehrt sein."
Ludwig goß seinem Gast einen Kaffee ein, ein wenig umständlich, indem er zuvor die Tasse auf den Küchentisch stellte, viel zu weit von sich hinweg, beinahe neben dem Fenster um dann mit ausgestrecktem Arm und leicht mit dem Oberkörper vornübergebeugt die Tasse mit Kaffee zu füllen.
Josef blieb still am Tisch sitzen, schaute die gekalkten Wände, manchmal auch nach Draußen, ins Sonnenlicht, und wie nebenbei immer wieder zu Ludwig, der sich währenddessen immer unwohler fühlte. Ihm ahnte etwas, womöglich hatte Josef vom letzten Stelldichein erfahren, das er mit Maria so sehr genossen hatte. Er schaute Josefs Augen, diese rotgeränderten Augen, die wohl noch vor Minuten in Tränen schwammen, nun waren sie trocken, aber dennoch rötlich.
Ludwig wollte etwas sagen, aber er wußte nicht, was er sagen sollte, jedes Wort konnte jetzt das falsche sein, so tat er denn als wolle er ganz in Ruhe seinen Kaffee genießen, trank diesen Schluck um Schluck, schaute dabei Josef, das Fenster, das Draußen und auch die gekalkten Wände, den Ofen, die Vorratskammer.
Josef tat es ihm derweil gleich, schwieg sich aus, als seien sie ein altes Paar, das sich ohne Worte verstünde, einfach so, durch ihre Präsenz, durch ihr Denken, jeder von ihnen kannte die Gedanken des Anderen, warum sollten sie dann noch über diese reden. Es wäre ein unnützes Tun gewesen, ja, deshalb kaum zu ertragen, das Sagen des gemeinsam Gedachten.
"Möchtest du noch einen Kaffee, Josef?" fragte Ludwig nachdem er sich vergewissert hatte, daß er inzwischen seinen Kaffeebecher geleert hatte.
"Mach ruhig, Ludwig, kann ja nicht verkehrt sein.", sagte Josef bemüht gleichgültig.
Während Ludwig den Kaffeebecher füllte, holte Josef wieder seinen Schnupftabak hervor, sog ihn wieder vom Handrücken in seine Nase, nießte, schaute dabei in der Küche umher, er lächelte sogar ein wenig, so als sei ihm das Schnupfen ein besonderes Vergnügen.
"Schönes Wetter.", brach Ludwig die Stille, denn er mochte sie nicht mehr aushalten.
"Ja, recht schön." antwortete Josef.
Ludwig blieb wieder stumm, er wußte nicht weiter, und er wollte nicht den falschen Weg nehmen, er wollte, daß Josef von sich aus sagt, warum er gekommen ist, diesen Vorteil wollte er sich belassen, nicht von selbst zuerst etwas sagen zu müssen um dann genau das Falsche zu sagen.
Beide saßen weitere Minuten zusammen, tranken gemeinsam Kaffee und taten so, als wenn sie dies stets so tun würden. Wie zufällig schaute Ludwig dann wieder einmal aus dem Küchenfenster hinaus und sah Maria wie sie sich anschickte seinen Garten zu betreten. Er hätte gerne Halt, kehre um, du dummes Huhn, ja, du dummes Huhn, so dachte er wirklich, geschrien, aber er mußte ruhig bleiben, denn Josef saß neben ihm.
Ludwig schaute Josef genauer an, versuchte ihn gar zu durchschauen, ja, versuchte etwas zu sehen, neben dem Holzfällerhemd, der blauen Latzhose, den schweren Stiefeln und diesen recht klobigen Händen. Allein die immernoch leicht geröteten Augen mochten etwas von Josefs Denken verraten, aber sie konnten auch gut vom Rauch eines Ofens entzündet sein.
Maria würde gleich herein kommen, in seine Hütte, wie selbstverständlich, womöglich sogar sofort das Falsche sagen, etwa: Liebster, so wie erst neulich, dann würde es um ihn geschehen sein, ganz sicher, das wußte er, denn Josef hatte ihn gewarnt, bereits einmal gewarnt, genau an dem Tag, als sie gemeinsam zu Eleonores Grab gingen. Ludwig schaute nochmals genauer zu Josef, suchte ein Beil, bei ihm, an ihm zu entdecken, nein, das nicht, beruhigt stellte er für sich fest, daß er kein Beil bei sich hatte.
Die Sekunden schienen Atem zu holen, eine Pause beim Zeitmachen eingelegt zu haben, er hörte zwar Marias Schritte, aber sie war lange noch nicht an der Hütte angelangt. Sollte er ihr entgegen gehen, das wäre wohl das Beste, so könnte er sie ein wenig vorbereiten, auf die sich anbahnende Überraschung. Er stand bereits neben der Tür, als Josef nach einem dritten Kaffee verlangte.
Hatte Josef etwa seine Absicht erahnt? Oder war es purer Zufall? Auch für Maria bestellte er einen Kaffee. Gut, dann also ein Kaffeeplausch, sagte sich Ludwig, während er recht ungeschickt neuen Kaffee aufsetzte. Wo blieb sie nur, dachte er, war sie etwa gar nicht gewesen, nur ein Schatten ihrerselbst, nicht sie selbst, sondern nur die Erwartung von ihr?
"Was sie nur will?", fragte Joseph recht anteilnahmslos in den Raum, während er ein wenig zu gewitzt, beinahe spitzbübisch zu Ludwig schaute. Ja, Ludwig sah diesen Blick, ganz genau sah er ihn, ohne überhaupt zu Joseph schauen zu müssen, und weil er dieses Spitzbübische sah, schaute er gezielt weg, hakelte mit der Kaffeekanne herum, als wenn es gelte, mit ihr einen Kampf zu bestreiten.
"Ich meine, du bist doch jetzt gesund."
Joseph schaute durch das dreckige Fenster, Maria war wohl nicht mehr zu sehen, sie mußte bereits unmittelbar vor der Tür stehen.
"Und Brot kannst du dir auch vom Bäcker holen, da muß sie nicht extra hier hoch zu dir kommen."
Ludwig sagte lieber gar nichts, tat so, als wenn der Kaffee seine gesamte Aufmerksamkeit verlangen würde, ja, er schaute noch nicht einmal zu Josef, und sah demzufolge auch nicht, wie dieser die Briefe seiner Tochter zur Hand nahm, auf denen er seine so wichtigen Aufzeichnungen zum "Aufhören des Denkens" niedergelegt hatte.
"Vom Aufhören des Denkens", komisch, ich muß immer an Maria denken.
"Laß das, die Papiere sind, meine Angelegenheit.", Ludwig stand sogleich neben Joseph.
"Ist ja gut, will ja nicht in deine Privatangelegenheiten schauen. Wo bleibt sie nur? Ist sie etwa unterwegs verloren gegangen?" Joseph lachte beinahe höhnisch, während er wieder aus dem Fenster schaute und die Papiere einfach auf den Tisch fallen ließ.
Ludwig legte die Briefe sorgfälig zusammen, schaute, ob auch kein einziges Blatt fehlte, nein, es waren genau 18 Blätter, er legte sie, zusammen mit den Briefumschlägen, in die Vorratskammer, dort sollten sie sicher sein, vor Josephs Zugriff.
Ludwig stand wieder am Herd, wartete auf das Wasser, daß es heiß werde, seinen Siedepunkt erreichen würde. Wasser kocht am besten, wenn es seinen Siedepunkt erreicht, dachte er, und er lachte dabei ein wenig, so daß Joseph zu ihn schaute.
"Was lachst du?
"Ich, ach, da mußt du dich verhört haben, nur so, nur so."
"Niemand lacht, nur so."
"Deshalb lache ich ja, weil niemand nur so lacht."
"Du warst schon immer ein Kauz."
"Sag das nicht"
"Doch, das sag ich und zwar nochmals, jetzt, hör gut zu, du warst schon immer ein Kauz."
"Nun gut, wenn du es meinst, dann wird es stimmen."
Marie stand bereits im Flur. Vermutlich mochte sie sich nicht entschließen, einzutreten. Ludwig war zwar erst über diese beinahe idiotische Unterhaltung verärgert, aber jetzt freute es ihn, diese durch sein Lachen über den Siedepunktgedanken entfacht zu haben. Denn Maria schien gewarnt, sie hatte wohl Josefs Stimme vernommen.
"Wo bleibt sie nur, die Gute, nun komm schon rein, Maria, meine beste Maria, hast heut doch wieder Brot gebacken, für unseren verehrten Freund, das soll doch nicht alt werden, wer mag schon alte Brote." Joseph lachte reichlich dreckig, so als hätte er in der Dorfkneipe einen guten Witz über die Wirtin von sich gegeben, und wenn schon keinen guten, so doch wenigstens einen schamlosen, niedrigen, weichteilbesoffenen.
"Ich glaub, wir warten umsonst, Maria wird wohl gar nicht in's Haus gekommen sein. Bei der neuen Förstern bringt sie doch auch öfters ihr Brot vorbei, weißt du." Ludwig sagte dies recht angestrengt laut, in der Hoffnung, daß Maria nicht erscheinen würde. Sollte sie doch wieder hinaus gehen, ganz leise, und dann hinter dem Haus in Richtung Hühnerstall und vom Hühnerstall aus direkt zum Weg und dann zu der Förstern.
"Was du nicht sagst, die Förstern auch."
"Was weiß ich, sie ist eben recht umtriebig, deine Maria, so kennen wir sie doch, und bringt sie der Förstern das ein oder andere Brot, dann bekommt sie sicherlich auch mal einen Rehrücken oder Kaminholz von der Förstern, so nebenbei, weißt du."
"Ja, gesegnet seien die Weiber, die wirtschaften können."
"Genau so eine hast du, glaub es mir Josef, genau so eine, ein echter Prachtkerl von Weib.", Ludwig goß, während er dies sagte, beinahe dienerlichbeflissen Josephs Becher mit den inzwischen gebrühten Kaffee voll.
"Na, nun komm schon rein, Maria, oder soll ich dir rauskommen, verfluchte ...", Joseph besann sich und sprach das letzte Wort doch nicht, noch nicht aus, er wollte warten, wie sich die Dinge entwickeln sollen, er hatte schließlich Zeit, so genügend, wie man sie nur haben kann, wenn man in seinen Gefühlen gefangen ist.
Kurz nachdem Joseph gesprochen hatte, oder war es eher ein Fluch?, egal, kurz nachdem er endete, öffnete sich die Tür und Maria trat lächelnd ein, gab Joseph einen züchtigen Kuß, auf die Wange, legte das Brot ab, auf dem Tisch, grüßte Ludwig herzlich, setzte sich und lächelte. Als sie endete zu Lächeln, wurde es in der Küche dunkel und draußen tanzten die Sonnenstrahlen wie toll auf dem sandigen Boden herum, neben, unter sich die Hühner, den Hahn, sie mal streichelnd, mal gierend, mal verlierend.
Joseph war über die Gleichgültigkeit Marias ein wenig erstaunt, denn er sagte vorerst nichts, nein, er schaute nur das Brot, ein wenig, drückte es fachmännisch, während er so etwas wie "frisch" vor sich herbrabbelte.
Maria schien die Situation schnell begriffen zu haben, so vermied sie sogar den Blickkontakt zu Ludwig, bloß nicht verräterisch schauen, nicht so schauen, daß das Schauen als ein Zeichen gedeutet werden könnte. Nein, sie saß da, schaute zum Fenster, dann zum Becher, wieder zum Fenster, auch zum Brot, zum Herd, zu einem dort stehenden tönernen Salznapf und wieder zum Fenster, während sie so belanglos wie möglich daherschaute.
Ludwig nahm unterdessen das Brot, bedankte sich recht artig und legte es in seinem Vorratsschrank, gleich neben den 18 beidseitig beschriebenen Seiten. Es war noch recht warm, das Brot, Maria mußte es gerade aus dem Ofen geholt haben. Meistens war es sonst nicht ganz so frisch. Frisches Brot verdirbt den Magen, pflegte Maria dann stets zu sagen. Und er wollte dann immer sagen, altes Brot ist auch nicht zu genießen, verkniff es sich aber stets, dieses zu sagen, lieber wetzte er seine Zähne, bevor er guten Mutes das Brot aß, und manchmal war es ihm dann, als vermehrte es sich beim Kauen ungemein, ja, als könnte man mit solch einem Brot tausende Mägen füllen und dieses Wunder geschah ihm mit frischen Brot nie, dennoch mochte er das frische Brot lieber als das alte.
"Das war übrigens das letzte Brot, daß dir Maria gebracht hat, genieß es, Ludwig, du weißt ja, wo der Bäcker ist, und krank bist du auch nicht mehr, also, was soll es, das wollt ich mal gesagt haben, ja, so ist es, Maria, gehen wir."
Maria staunte ein wenig über dieses plötzliche recht laute Gerede ihres Gatten, der sich zum Reden sogar erhoben hatte. Aber sie blieb ruhig, jedenfalls nach Außen hin, so fragte sie sogar recht verschmitzt, ob er eifersüchtig sei, so als würde sie sich darüber freuen, als überreiche er ihr einen Strauß der feinsten Blumen oder erneuerte mit ihr das Ehegelöbnis, bis der Tod euch scheide, oder so ähnlich, eben das Standesamt, wenn es der Tod nicht vermag.
"Was willst du, Maria, soll ich ihm den Schädel einschlagen, willst du das etwa?", drohend holte er sein Beil, welches er bislang im Flur stehen gelassen hatte.
"Ach, wie bist du eifersüchtig, das ist ja richtig putzig.", Maria lachte recht laut und sah dabei kaum, wie Joseph zu Ludwig ging, mit erhobenem Beil, ihm immer näher kommend.
"Ich bring ihn um, diesen Lump."
"Ach, wie lieb.", feixte Maria.
"Joseph, nun bleib ruhig, um Himmels Willen, bleib ruhig.", versuchte Ludwig ihn zu beruhigen, während Maria schallend lachte und er in die Vorratskammer griff, aber nur das Brot fand, dieses wenigstens nahm, es mit beiden Händen, quasi als Schutz über seinen Kopf hielt, während bereits das Beil auf ihm niedersauste, nur leicht gebremst vom Brot, es war leider viel zu frisch, ja, sogar noch immer ein wenig warm.
Maria hatte indessen mit dem Lachen aufgehört, das sich anbahnende Unglück nun doch wahrgenommen, den neben dem Herd stehenden tönernen Salznapf gegriffen, um diesen auf Josephs Schädel zu schlagen, wodurch er mit seinem Schlag innehielt, entsetzlich blutete, aber auch Ludwig blutete, denn das Beil hatte ihn getroffen und dabei seiner Stirn einen satten Schnitt verpaßt.
Maria wollte ihm schon den Kopf verbinden, als sie sich anders besann, zuerst ihren Mann den Kopf notdürftig mit ihrem Halstuch verband, ihn dann mit sich hinaus nahm, ihm erklärte, daß sie ihn gerade gerettet habe, vor dem Gefängnis, und daß er so etwas nie wieder tun solle, nie wieder, sagte sie, nie wieder, das hatte sie gerade in irgend einer Zeitung gelesen. "Nie wieder, hörst du Joseph, versprichst du mir das. Joseph schwieg. Er war wohl selbst von seiner Mordslust überrascht worden, wo er doch Überraschungen überhaupt nicht mochte, rein gar nicht.
Zuerst ist kein Schmerz, denn zuerst war immer das Wort, der Gedanke. Aber bereits nach wenigen Minuten wurde Ludwig vom Schock verlassen und der Schmerz durfte kommen. Aber selbst diesen bekam Ludwig nicht mit, denn er war zudem bewußtlos geworden, ihm hatte sozusagen sein Bewußtsein verlassen, etwa, wie sich ein Schwanz bei Gefahr einzieht, so war sein Bewußtsein geschrumpft, bis es ihm unbewußt wurde.
Das Blut floß derweil aus seiner offenen Wunde am Kopf, bildete einen kleinen See neben ihm, eine so genannte Blutlache. Wenn sie trocken geworden ist und er liegt immernoch am selben Platz, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, daß er gestorben ist. Man könnte sozusagen ein Weg-/ Zeit-Diagramm des Todes anfertigen, die Ausbreitung der Pfütze damit beobachten und die Zeit, in der sie trocknen würde.
Trockenes Blut wird braun, es muß nicht mehr warnen, nicht das Opfer, nicht den Täter, nicht den Helfer, es hat seine Warnfunktion verloren, auch sein Wasser, was bleibt, sind Spuren des Blutplasmas, Farbpigmente, die nun braun schimmern und der genetische Fingerabdruck.
Manchmal baden die Flöhe in Pfützen von Blut, denn ihnen ist es der rechte Lebenssaft, sie fühlen sich dann wie im Paradiese, weil sie eben nicht wissen, daß dieser Überfluß nur von kurzer Dauer sein würde. Ludwig besaß keine Flöhe. Hätte er aber Flöhe gehabt, dann hätten sie sich wie im Paradiese gefühlt, sicherlich.
Der Tod bringt allerlei Leben mit sich, zum Beispiel werden Fliegen neu geboren, sie entstehen aus Larven, die sich im und am Körper des Toten bilden. Auch werden sich Bakterien sicherlich vorzüglich vermehren, am Toten. Bestände die Welt nur aus Bakterien, so würde die Welt an Ludwig genesen können, wenn er denn tot wäre.
Er rührte sich nicht. Sein Bewußtsein meldete sich nicht bei ihm zurück. Auch schien die Sonne längst nicht mehr und Maria war mit ihrem Josef einfach fort gegangen, sie dachten wohl, der Ludwig könne sich selbst helfen, oder hielten sie ihn etwa bereits für tot?
Sah man bereits die ersten Maden an Ludwig fett werden, sich satt essen? Ja, er muß schon Tage dort liegend ausgeharrt haben, die Maden waren bei ihm nun zu Besuch, nahmen sich, was er ihnen zu bieten hatte. Wer allein stirbt, stirbt nie allein. Nur wer in der Öffentlichkeit stirbt, hat überhaupt eine Chance, allein zu sterben.
Die Natur kennt keine Pietät. Langsam verrotete Ludwig, sein Gewebe wurde weich, eine schwärzlich übel riechende Flüssigkeit trat aus ihm hinaus, und die Natur nahm es dennoch gelassen, ja, für die tierischen Aufräumer allen dahingeschiedenen Lebens schien der vom Toten ausströmende doch so üble Geruch die reinsten Gaumenfreuden hervorzurufen. Sie machten sich über Ludwig her, aber was heißt, über Ludwig, Ludwig war schon längst nicht mehr, denn er war tot.
Das Leben beginnt mit dem Tod und der Tod beginnt mit dem Leben. Ludwig hätte es nicht besser sagen können, denn er war tot. Aber das Geheimnis des Todes hatte er mit sich genommen, und er würde es nicht an die Zurückgebliebenen übergeben können, dazu war er zu tot, wenn man denn den Tod sezieren will. Tod ist, wenn man sich so fühlt, als würde man nicht mehr leben und zudem ein unabhängiges Drittes einem sagt, daß dies so wäre. Es kann ein Licht sein, man kann es aber auch Gott nennen.
Er sah immernoch leicht glücklich ins Leben, auch wenn seine Gesichtsfarbe verschwunden war und sich nun ein grobes Schwarz dort ausbreitete, wo vormals Leben war, so konnte man dennoch ein Lächeln erkennen, er mag wohl etwas gefunden haben, dort drüben.
Nur den Angehörigen erscheint der Tod ein Schrecknis, ein Leid, oder auch ein Erbfall, was weniger Leid bedeutet, mitunter, da der Tote dem Überlebenden ein Trostpflaster reicht. Sicherlich kein echtes Trostpflaster, aber doch etwas, was man unter Lebenden verwenden kann und der Tote braucht es ja nicht mehr, das nun von den Überlebenden zu Verwendende.
Wäre Heike, seine Tochter, nun anwesend, so könnte sie trauern und erben, da sie aber abwesend ist, kann sie nicht trauern, nein, sie vergnügt sich womöglich im Irgendwo des Lebens, während ihr Vater stirbt und gestorben ist. Hätte er sie nicht benachrichtigen können? Und wenn nicht er, so doch Gott, wenigstens Gott. Hätte er doch Hermes senden können, nach Amerika, oder zumindest hätte er die Aufgabe outsourcen können, dann wäre die Post oder die Telekom damit beauftragt, direkt von Gott, natürlich ohne daß sie bezahlt würden, sie könnten von Gott nur Liebe erwarten, eine Liebe, die sie von ihm überhaupt nicht erwarten, erwarten wollen. Denn sie kommen längst ohne Liebe aus, bei ihren Geschäften, ja, Liebe ist dort überhaupt nicht gefragt. Aber dennoch, Gott hätte tätig werden können.
Und so sitzt Heike irgend in Amerika herum, vergnügt sich mit ihrem Freund oder der Freundin oder mit beiden zusammen bei Disneyworld oder bei Mc Donalds, lacht, lächelt, denkt an nichts, als an den Tag, ja, läßt es sich gut gehen, dort, in Amerika, ohne daß sie von diesem wüßte, von diesem Ungemach. Womöglich saß sie auch nur sterbensgelangweilt vor dem Fernseher, aß dabei Chips oder sie schrieb eine Doktorarbeit, las womöglich nebenher einen King oder sie ging eine Treppe hinunter, alternativ hinauf, ohne dabei irgend zu denken.
Ludwig stank gewaltig. Zum Glück hatten Maria und Josph die Türen einen Spalt breit offen gelassen, so konnte der Geruch entweichen, zum Garten hinaus, zu Eleonore, die ihn nun wiederhatte, vermutlich. Und weiter immer weiter würde der Geruch, dieser süßliche Geruch von verwesendem Fleisch sich entfernen, vermutlich würde er nach dem kleinen Dorfteich auch den großen Teich nehmen können, an der Freiheitsstatue vorbei, gleich links, dann wieder rechts, um dann bei Heike zu landen, aber, die Realität schaut, wie immer, anders aus, als das zu Wünschende, Heike hatte wohl keine Ahnung davon, was gerade mit ihrem Vater geschehen war.
Ludwig war kaum noch wiederzuerkennen, die Zeit hatte ihn altern lassen und die Zeit vergeht im Tode viel schneller als im Leben, als würde dort, im Tode das Licht anderen Gesetzen folgen. Man müßte jetzt wohl wieder einmal Einstein zitieren, das wäre angebracht, aber das eine von Einstein zu Zitierende hat sich längst abgenutzt, kommt wie ein alter Rock daher, man möchte ihn nicht mehr anziehen, überstreifen und das Nähen lohnt auch nicht mehr, wozu neues Garn mit altem Tuch verbinden?
Alles ist relativ. Gut, nun steht es da und es soll auch weiterhin dastehen können. Ein blöder Satz, der stimmig scheint, weil er auf die Relativitätstheorie hinweist, aber doch nur Unsinn in Wörter faßt, weil niemals alles relativ ist, auch wenn es die Zeit sein mag.
Ludwig schaute immernoch in die gleiche Richtung, zur Decke der Küche. Um das zerbrochene Brot herum hatten sich eine Menge von Fliegen angesammelt, sie mochten Marias Brot. Ludwigs rechte Hand hatte sich verkrampft, während der Zeigefinger der linken Hand offenbar auf etwas zeigte, das Fenster. Wollte der Tote, daß man es öffne? Womöglich mögen auch Tote eine gute, saubere Luft, die von Gerüchen aller Art befreit ist? Ja, womöglich wollen auch Tote lebenswert leben können.
Durchs Fenster schien plötzlich ein Sonnenstrahl und verlor sich in Ludwigs Gesicht. Er lächelte nicht mehr und nicht weniger als vorher. Anscheinend kennen Tote keine Gefühle, sie scheinen gefühlstote Menschen zu sein. Welche, die nicht leiden, ja, die noch nicht einmal mitleiden können, auch nicht lachen, nicht weinen, nicht schreien, auch das nicht, zumindest schreien könnten sie oder einfach nur um sich schlagen, ja, so das letzte aller Gefühle aus sich herauslassend: das Gefühl der Ohnmacht.
Es hätte ein schöner Tag sein können, für Ludwig, wenn er denn den Lebensmut aufgebracht hätte, einfach aufzustehen, vor das Haus zu gehen, zum Wasser, zu Eleonore, aber er stand nicht auf. Tote gehen nicht gerne umher, sie finden sich wohl nicht mehr schön genug, oder sie haben einfach mit dem Leben abgeschlossen, so wie man einen Schrank abschließt, ganz bewußt.
Maria kam und erschrak. Zwar war ihr bewußt, zuvor bewußt gewesen, daß diese Möglichkeit besteht, daß er tot ist, nun jedoch die Gewißheit. Sie weinte nicht, sie war nur,
erschreckt, enttäuscht, erschreckt, traurig, erschreckt,
und er war tot
und sie sah es ihm sofort an, daß er tot war. Sie öffnete das Fenster, während sie sich ein Taschentuch vor Nase und Mund hielt.
Maria hatte sich ein geblümtes Kleid übergestreift, dazu offene Schuhe angezogen, es war der erste richtig schöne Frühlingstag. Sie wollte Ludwig beglücken, und sich selbst. Josef war zu seinem Bruder gefahren, daher fühlte sie sich so fröhlich, enthemmt, leicht kindisch, auch.
Sie wollte nichts vom möglichen Tode Ludwigs ahnen, während der letzten Wochen, obwohl sie es ein wenig überraschend fand, daß er nicht zum Dorf kam, schließlich mußte ihm das Brot fehlen, daß sie ja nun nicht mehr brachte. Eines Tages fragte sie sogar die Bäckersfrau, nach ihm. Nein, er sei schon zwei Monate nicht bei ihr gewesen. Gut, das war seit dem Tage, als sie ihm mit Brot zu versorgen begann, überlegte sie, und ein Lächeln machte sich in ihr breit, ein Lächeln, daß nicht nach Außen dringen durfte, denn es wurde so schon genug im Dorf getratscht, gerade von der Bäckersfrau.
Zwischenzeitlich hatte sie ihn wieder ganz vergessen, war mit sich selbst beschäftigt gewesen. Erst als sich Josef reisefertig machte, sein Bruder wollte beim Schlachten eines Schweines seine Hilfe haben, so wie jedes Jahr auch, begann sie wieder an Ludwig zu denken. An sein jugendlich wirkendes Gesicht, trotz seiner etlichen Jahre, ja, seiner Augen, seiner Haare, seiner feingliedrigen Hände, und, natürlich, der Mund, sein Mund, so schön geschnitten, wie Davids, ja, als sei es Davids Mund höchstpersönlich. Und sie kannte sich darin aus, denn sie hatte David in Florenz gesehen, war ihm sehr nache gekommen, auf Kniehöhe nah, wenn sie hochschaute, sah sie sein Gemächt, und den Mund, ja, diesen sinnlichen Mund.
Endlich verließ Josef das Dorf, alles hatte sich nochmals um eine Woche verschoben, denn sein Bruder wollte das Schwein plötzlich erst eine Woche später schlachten, der Fleischer war erkrankt, sicherlich eine Grippe, sagte sie sich, und sie haßte plötzlich die Grippe, denn sie sollte wegen dieser noch eine weitere Woche warten müssen.
Die Tage zeigten sich plötzlich mit all ihren Sekunden, Minuten, Stunden bei ihr, und jede einzelne von ihnen sollte mußte sie begrüßen, das dauerte und dauerte, so daß ihr die eine Woche wie zwanzig Wochen vorkamen, so sehr dehnten sie sich aus. Und stets wenn sie Brot in den Ofen zum Backen brachte, dachte sie an Ludwig, immer wieder an Ludwig.
Würde er sie hinfort jagen, oder sie als Retterin begrüßen, mit ihr plaudern, schwatzen, schwadronieren und dann, ja dann das Heu besuchen. Sie würde ein ganzes Wochenende für ihn und sich Zeit haben, und das freute sie, ja, unheimlich freute es sie. Kein Gewissen war dort, nicht ein einziger mahnender Gedanke, sie verlor sich lieber in ihren Gedanken an Ludwig, gab sich auf, in ihnen, denn dort wartete eine Seligkeit, die ihr kein Gewissen bieten mochte. Dort, ja dort würde sie sich als Mensch finden dürfen.
Es roch nun nicht mehr so stark, sie saß weinend, nun doch weinend im Wohnzimmer, seinen Anblick mochte sie nicht ertragen, und in ihr war nur Trauer, sie dachte an nichts als an das Nichts. Was weiter geschehen sollte? Sie wußte es noch nicht, Ihr Blümchenkleid warf Falten, obwohl sie es gebügelt hatte, gerade vor dem Gehen, sie strich es mit glatter Hand, die Falten kamen dennoch immer wieder, bis ihr die Hände feucht wurden, das bemerkte sie aber nicht, sie strich immer wieder über das Kleid, und manchmal, manchmal wischte sie sich eine Träne aus ihren Augen, mit einem stoffenen Taschentuch, welches Ludwig auf der Couch liegen gelassen hatte, bevor er in die Küche gegangen war.
Sie trauerte drei Stunden lang, dann leistete sie sich ein leichtes Gähnen, sie wollte wohl gehen, sie, ihr Körper, zog sie hinfort, weg vom Ort des Geschehenen. Andauernd sah las hörte sie von Mord und Totschlag, fürchtete sich vor Menschen, die dieses taten, und nun hatte sie selbst mitgetan, an solch einem Verbrechen.
Ihr war es erst während dieser drei Stunden klar geworden. Dieser dreistündigen Besinnung, während draußen das Federvieh krakelte, nach Lust und Laune, war es ihr klar geworden, was eigentlich geschehen war. Und auch wenn sie in Josef nichts anderes als ihren Ehemann sehen konnte, so war er doch zu einem Mörder geworden, an diesem Punkt war sie nun angelangt, mit ihren Überlegungen.
Mörder. Dies Wort kreiste sie ein, und sie fühlte sich mit schuldig, an diesem Verbrechen, obwohl sie nichts getan hatte, daran keinen Anteil hatte, außer, daß sie ihm den Salznapf auf den Schädel schlug, ja, dem Gemordeten zur Hilfe eilte, damals. Dem Toten könnte es eigentlich egal sein, ob Josef wegen ihn ins Gefängnis müsse, dachte sie, ja, eigentlich ist er ja tod, warum sollte er dann noch Rache wollen, und, überhaupt, es war doch ein Unfall, so sagte sie es sich, und schon sah sie sich im Gerichtssaal, in dem der Fall erörtert würde, sie, im Zeugenstand, er auf der Angeklagtenbank, und der Tote in den Akten mit Tinte verewigt.
Sie könnte ihn natürlich auch vergraben, verbuddeln, gleich neben seiner Eleonore, oder, sie könnte die Hütte anzünden, dann wäre all das nicht mehr da, was ihren Josef anklagen könnte, und überhaupt, sie könnte ja einfach wieder gehen, sollte ihn doch ein anderer finden, sollte ihn doch wirklich ein anderer finden, das wäre doch das Klügste, sagte sie sich, während sie tränte.
Sie hatte ihn wohl geliebt.
Liebe ist so etwas wie ein Talent zur Selbstaufgabe, manchmal gelingt es sogar, und dann stirbt man, aus Liebe, bis man wieder erwacht, wenn die Liebe ausgestanden ist.
Als sie vor der Hütte stand, atmete alles in ihr auf. Sie fühlte sich befreit, befreit, vor allem von ihren Gedanken, von ihren Gedanken um das, was nun geschehen müsse, sie wollte noch eine Nacht darüber schlafen, sofern sie der Schlaf finden mochte. Morgen, ja Morgen würde sie weiter sehen können, als am heutigen Nachmittag. Morgen, so sagte sie sich, Morgen, ja Morgen sollte es doch möglich sein, die rechte Entscheidung zu treffen.
Der Pfosten hielt kaum noch das Tor, er war morsch, hätte längst ersetzt werden müssen. Sie ging an ihm vorbei, ein wenig erleichtert, denn sie sah das Morsche nicht ungern, es gab ihr ein Gefühl von Geborgenheit, ja, im Morschen läßt es sich besonders gut leben, ja, nur im Morschen läßt es sich besonders gut leben, denn nur im Morschen können wir überhaupt leben.
Das Leben, ein Ding des Morschen. Sie begriff es endlich, nicht in Worten, mein Gott, nicht in Worten, dazu fühlte sie sich nicht befähigt genug, nein, sie fühlte es, wie man den Wind fühlen kann, Sonne, Wasser, die Liebe, auch die Liebe. Sie stand längst neben dem Wort, brauchte es nicht, um begreifen zu können, und womöglich behindert es nur, das Wort, die Wortlosen sind es, womöglich nur sie, die wirklich begreifen wollen, weil sie die Brücke des Denkens nicht benötigen.
Als sie gerade das Tor schloß, kam ihr der Postbote entgegen und erst jetzt sah sie ihn, hätte sie ihn früher bemerkt, ja, hätte sie nur ein wenig Ganovenfurcht in sich gehabt, sie hätte ihn früher erkennen und damit ausweichen können.
"Na, wieder Brot gebracht", fragte der Bote recht belustigt, denn es hatte sich wohl bereits im ganzen Ort herum gesprochen, daß sie ihn gerne versorgte, mit Allerlei, seit seine Eleonore starb, gestorben war, also nicht mehr ward.
Was sollte sie antworten? Die Wahrheit? Sie würde nun nicht mehr anders können, und sie war froh darum, sie würde nicht lügen müssen, also würde sie ihren Josef nicht ans Messer liefern, sondern nur einfach sagen, was zu sagen wäre.
"Er ist tod."
"Du spinnst?", fragte der Postbote ungläubig.
"Tod.", sie brachte nur das eine Wort heraus, denn sie mußte weinen.
"Wirklich tod, hat es ihn also auch erwischt, ein Jahr nach seiner Frau, verdammt und ich hätte es wissen können, denn er hat schon seit Tagen den Briefkasten nicht geleert.", der Postbote stieg vom Rad, zeigte auf den Briefkasten, schaute den Schlitz, ja, da lagen sie, die Briefe, aus Amerika, im feinsten Deutsch verfaßt, wohl, denn bereits ihre Aufschrift gab all die zu vermutende Könnerschaft preis. Eine sanfte Schrift, aber durchaus klar und flüssig, auch, so ganz anders, als so manch andere Aufschriften, die mehr ein Dahingekliere darstellen. Und da kannte er sich aus, bei Aufschriften.
Sie gingen zusammen ins Haus, und alsbald erschien der Postbote wieder auf dem Hof, stellte sich in der Nähe des Brunnens um sein gerade erst eingenommenes Mittagsmahl wieder heraus zu bringen, und womöglich befand sich darunter nebst dem Frühstück auch noch das Abendmahl, und alles sah leicht rötlich aus, womöglich vom Rotwein, ein Genießer, der Postbote.
Sie riefen sogleich über das Handy des Postboten die Polizei, denn das war ihnen klar, auch wenn er natürlich gestorben schien, so dachte jedenfalls der ahnungslose Postbote, so würde doch die Polizei ein Verlangen nach der Leiche haben, und für die Feuerwehr war es eh zu spät, des Lebenden Unkömmlichkeit war zu früh gekommen und so wurde das Leben mit dem Tod bestraft.
Maria stand neben der Hütte, neben sich den Postboten. Sie redeten nicht, sie schwiegen und fernab krähte ein Hahn, auch ein Regenwurm kam des Weges, grüßte jedoch nicht, bevor er wieder in die feuchte Erde verschwand.
"Hauptmann, Kriminalpolizei, sie sind die Frau des Verstorbenen?"
"Nein, sie ist bereits tod."
"Sonstwie verwandt?"
"Nein"
"Sie ist so etwas wie die Freundin des Hauses.", beeilte sich der Postbote zu sagen, als er Marias Verlegenheit spürte.
Maria empfand diesen Hauptmann entsetzlich. Seine Fragen, anklagengleich formuliert. Er schien längst die Tat gesehen zu haben, längst alle mögliche Natürlichkeit des Todes ad acta gelegt zu haben. Nein, es handele sich um Mord oder doch zumindest um Totschlag oder wenn das nicht, dann doch um einem Unfall, so klagten die Fragen. Dazu dieses leichte Grinsen im feisten Gesicht.
Kein Beileid, nur Fragen, wer wollte das ertragen. Sie mußte. Denn sie war nun Tatverdächtige. Sie tat unschuldig, sagte nichts, als das, was sie sagen mußte, nämlich, daß sie ihn öfters besuchen würde, seitdem er mit einer schweren Lungenentzündung dereinst darniederlag, nur, weil er einen Fuchs erjagen wollte. Sie habe ihn gepflegt, ohne ihre Pflege, wer weiß, womöglich wäre er bereits vor Monaten gestorben, nur etwas natürlicher, was sie natürlich nicht sagte.
Sie weinte. Doch kein Mitleid. Der Kriminalpolizist schien dazu viel zu abgestumpft, er sah nur die auf ihn zukommende Arbeit, eine Akte wäre anzulegen, Zeugen zu ermitteln und zu befragen, ein Tatverdächtiger mußte her, ganz wichtig, ein Tatverdächtiger mußte her, aber schnell, zack zack.
Sie weinte. Doch keiner tröstete. Der Postbote gab seine Beobachtungen preis, ja, der Tote habe bereits tagelang seinen Briefkasten nicht geleert, der Kriminalpolizist untersuchte den Briefkasten, holte sich den Schlüssel aus der Hütte, öffnete den Kasten, nahm die Post an sich, als mögliche Beweismittel, sagte und redete etwas von Sicherstellung und redete ein wenig dahingesagt, so als würde ihn sowieso keiner verstehen, da ihn nur Seinesgleichen verstehen könne.
Sie weinte. Doch die Untersuchungen dauerten an. Ein Fahrzeug war vorgefahren, die Spurensicherung, extra aus der nächstgrößeren Stadt kamen sie, die Gemeinde war zu klein für solch ein spezielles Gefährt oder die Menschen produzierten dafür viel zu wenig unnatürlich Gestorbene.
"Sie sind also die Freundin des Verstorbenen?"
"Was meinen sie damit."
"Na, sie wissen schon."
"Ich weiß nichts."
"Haben sie ein Verhältnis mit ihm gehabt."
"Muß ich darauf antworten?"
"Gut, soll ich sie eine Verdächtige nennen? Gut, ich nenne sie fortan eine Verdächtige, jetzt müssen sie nur noch ihre Personalien bei mir hinterlassen, könnte ich bitte ihren Ausweis einsehen?"
"Bitte."
"Danke."
Maria tat und wußte nicht was sie tat, denn sie dachte nicht nach, sondern ließ geschehen. Sie, eine Freundin von ihm, natürlich. Na und, was besagt das schon, dafür geht man längst nicht ins Gefängnis. Viel mehr als dieser neue Befund, eine Verdächtige zu sein, machte sie die forsche Art des Kriminalpolizisten wütend. Ein Herr Hauptmann, der hatte also bereits seinen späteren Beruf in die Wiege gelegt bekommen. Rund einsneunzig groß, schütteres Haar, Bauchansatz und Cowboystiefel sowie Wildlederjacke, so kann man eigentlich nur in Texas etwas werden, dachte sie betroffen, nun gut, sie würde auch diesen Menschen überleben, solange er nicht seine Revolver umhängt, solange wird ihm kein Grundgesetzhüter verbieten können, in einem Kriminalfall zu ermitteln.
Maria setzte sich auf einem neben dem Brunnen verkehrt herum stehenden Eimer, schaute zum Wald und ließ die Sonne untergehen, sie dachte an nichts, während hinter ihr emsige Regsamkeit herrschte, bewegte sie sich zum Totpunkt hin, versuchte den Gipfel oder auch das Tal zu erreichen und das alles ganz unbwußt, und doch zielstrebig, denn jeder Motor durchschreitet etliche Totpunkte ohne daß er je stirbt. Und genau so funktionierte sie jetzt.
"Kommen sie mit."
"Ja."
Die Hütte hatte schon bessere Zeiten gesehen. Nun war sie zugesperrt, notdürftig mit einem Vorhängeschloß, denn sie hatte kein Türschloß. Dazu klebte ein Siegel der Kriminalpolizei zwischen Tür und Türrahmen, wer wollte, konnte es auftrennen, dann wäre er jedoch verdächtig gewesen, verdächtig aus Neugierde, darauf darf in manchen Ländern die Todesstrafe fußen, jedenfalls wenn die Geschworenen meinen, daß der Siegelbruch als Indiz, als Indiz einer Straftat, nämlich des Mordes an einen Menschen durch einen Menschen zu sehen wäre.
Kein Mensch stand neben der Hütte, vor dem Platz, alles war von Menschen leer. Die Leere allein gefüllt, mit Tierlauten und dem Wind, und weit und breit kein himmliches Kind. Gottverlassen war nun dieser Ort. Dieser Mordsort. Ein schwarzer Fleck, kaum getrocknet, erinnerte an den letzten Menschen, der hier wohnte. Dazu eben seine Behausung, eine Hütte, Holz und ein zwei Zimmer, Küche. Bad und Toilette außerhalb, wo das Wasser floß.
Die Hühner scharrten derweil im Sand und der Hahn krakelte herum, denn er war nun Herrscher und Einwohner dieses Ortes, König und Bettelmann zugleich. Denn er mochte mit seiner Macht nichts anfangen, außer den Hühnern nachzustellen, das war ihm jedoch auch zuvor erlaubt gewesen. Er hätte ja nun den Zaun ausbessern können oder wenigstens von seinen Hühnern dieses verlangen können, egal, die Natur würde sich allein reparieren müssen.
Ja, bereits in dreißig Jahren würde man kaum noch eine Hütte entdecken können, in sechzig Jahren ständen nur noch ein paar Steine des Brunnens in dieser Gegend herum, von Gras halbwegs überwuchert . Und wenn dann endlich neunzig Jahre vergangen sein würden, nichts erinnerte mehr an den Menschen, alles wäre wieder Natur und der Mensch, er, der Mensch, müßte buddeln, um sich wiederfinden zu können. Und er würde dann das Fundament der Hütte freilegen können, auch den inzwischen verfallenen Brunnen, irgend würden die Knöchelchen des Hahns zu finden sein und Eleonores Grab, ganz bestimmt, denn auf sie zeigte ein steinerner Finger, er würde der Zeit trotzen können, einstweilen, bis selbst der Stein zu Staub würde oder von Staub bedeckt würde.
Er hatte einen schönen Tod, werden sie im Dorf sagen, denn der Gerichtsmediziner würde feststellen, daß er zwar unnatürlich aber doch wenigstens schnell gestorben sei. Und wenn gestorben wird, dann freut es die Nachkommen und Nachbarn, wenn sie sagen können, daß das Sterben doch zumindest schön leicht gewesen war.
Und womöglich fände sich im Dorf irgend einer, der diesen einstigen Lebensort weiter beleben würde, ihn so erhielte, vor der Gier der Natur, die sich so gern alles zurück nimmt, was der Mensch ihr abgetrotzt. Ja, die Natur ist geizig, und nachtragend, sie tut nur so schön, und dem Schönen ist niemals zu trauen. Der Hahn grunzt, als verstünde er das erwähnte, als habe er die Fähigkeit in sich, den Gedanken zu horchen, die nicht seine eigenen sind.
Früher hatte die Hütte bessere Zeiten gesehen, eine Familie, die sich um sie kümmerte, nun würde sich die Natur kümmern müssen und die Hütte würde den Tag verfluchen, an dem sie es versäumte, den Beschützer zu beschützen. Allein der Sonne schien all das egal, sie schien und schien, bis sich die Erde von ihr abwandte, wohl, weil sie diese offenbare Sorglosigkeit nicht ertragen mochte, erst nach Stunden kehrte sie sich wieder der Sonne zu, wohl, weil sie ihren Grimm vergessen hatte, einstweilen vergessen hatte.
Lange war sie nicht mehr an diesem Ort gewesen. Ein zwei Tränen kamen ihr. Sie stand nun dort, wo zuvor ihre Kindheit war, und sie fühlte sich erwachsener als sie es eigentlich sein wollte.
Gegen Mittag kam sie mit dem Regionalzug an, schaute die Kleinstadt, nur kurz, dann kam der Bus, brachte sie über Land heim. Das Korn stand gut, es würde eine gute Ernte werden, dachte sie bei sich, während sie im Dorf ausstieg, der Busfahrer lächelte ein wenig mitleidig, er kannte sie wohl, von früher noch. Nur, sie erkannte ihn nicht mehr, verzweifelt schaute sie über ihn hinweg, nickte kurz, stupste ihre Brille nach oben, machte sich so ein wenig zurecht, zog ihre Tasche aus den Bus, amerikanisch: mit Rollen.
Das Dorf schaute weg, als sie kam. Aber das kannte sie schon, so war es immer gewesen. Heimat. Heim sein. Womöglich standen einige hinter ihren Gardinen, wenn sie denn die Muße dazu fanden. Sie war Dorfgespräch, sicherlich Dorfgespräch gewesen.
Jetzt wußte sie, was sie vermißt hatte, in New York, diese Ruhe, diese glückselige Ruhe, die hier herrschte. Kein Mensch war zu sehen, nur ein paar Häuser unterlagen dem Mittagslicht, aber auch am Abend und am nächsten Morgen würden sich nicht viel mehr Menschen auf der Straße finden, zu sehr waren sie beschäftigt, mit dem Althergebrachten, das, was immer war und immer sein würde, so lange Menschen existieren sollen.
Sie dachte an nichts weiter, sog alles in sich auf, die Straße, das Dorf, den Himmel, das Licht, das ganz besondere Licht, und die Luft, sie roch ein wenig nach Mahd, auch ein Schweinestall machte sich bemerkbar und der Staub der Straße. Hier hatte sich nichts verändert und das mochte sie, nichts ist schlimmer, als das Verlassene entfremdet zurückzufinden, alles soll doch bleiben, wie es war, auch wenn man sich selbst verändert, soll der Baum doch Baum bleiben.
Sie führte ihre Tasche die Straße entlang, die Rollen ließen sie mit einer gewissen Lautstärke ankommen, aber sie wurde dennoch nicht bemerkt, selbst die Bäckersfrau schaute nicht aus ihrem Laden hinaus, so ging sie weiter, die rollende Tasche immer bei sich, zwei drei Kilometer Weg hatte sie noch vor sich und sie ging dennoch recht frohgemut, denn sie ging den Weg ihrer Kindheit.
Jeden Morgen und jeden Abend war sie diesen Weg gegangen, um den Schulbus zu erreichen, der sie in die Kleinstadt fuhr, in der sie dann allerlei lernte, bis sie das Abitur ablegte, dann hatte sie genug gelernt und fand sich unversehens in New York wieder.
Unterwegs setzte sie sich an einen großen Stein, einem Findling wohl, der am Bachlauf lag, sie nahm sich aus ihrer Tasche eine Stulle, die sie sich noch in New York geschmiert hatte, Butter und Salami, sie aß die Stulle, schaute zufrieden dem Wasser beim Fließen zu, ein paar Wolken zeigten sich, häufchenweise, dazischen das strahlende Blau und die Sonne, ihr war zufrieden. Erst später wurde ihr bewußt, daß sie früher an diesem Ort sehr oft verweilte, wenn sie von der Schule kam, oft aß sie dann auch ein übrig gebliebenes Pausenbrot. Sie war nun angekommen, wirklich angekommen, heim.
Die Hütte hatte seit ihrem letzten Sehen Zeit aufgesogen, war nicht mehr so frisch, das Holz, die Farbe trugen nun Spuren in sich, an sich. Das Altern war nicht aufgehalten worden, die letzten Jahre. Wo einst ein wenig Wohlstand das Auge erfreute, war nun Armut zu schauen, die Patina der Armut, denn arm waren ihre Eltern nie gewesen, so viel war ihr klar, als sie vor der Hütte stand. Aber was nützt all das Geld, läßt man es einfach liegen, irgend liegen.
Sie betrat den Hof, ließ den umgeknickten Zaun links neben sich, betrat den Boden, auf dem sie ihre Kindheit verbracht hatte, nachdem sie aus der Stadt aufs Land gezogen waren, als sie vier Jahre alt war. Es roch noch nach dem Früher, sicherlich war es den Hühnern zu verdanken, die den Hof wie eh und je für sich nutzten, auch das Wasser des Brunnens roch ein wenig, schal, und die Hütte schien den letzten Dunst von Holz aus sich lassen zu wollen. Oder waren all das nur Ahnungen?
Fast wäre sie nieder gekniet, hätte am Boden gerochen, zur Vergewisserung, aber, sie tat es nicht, ging lieber zum Eingang der Hütte, während die Sonne alles im schönsten Licht beschien, Umrisse, Konturen klar erkennbar werden ließ, dazu den Schatten, von Brunnen und Hütte, und ihren Körper, seitlich neben sich wissend, als sie an die Tür trat.
Ein Siegel sicherte neben dem ihr bekannten Vorhängeschloß die Tür. Sollte sie es aufbrechen? Die Kriminalpolizei hatte längst ihre Ermittlungen abgeschlossen, hatte den Mörder ihres Vaters gefaßt, für ein Leben im Knast, und sie sollte erben, das Gericht sah es als erwiesen an, daß sie Erbin sei, von Haus und Hof, alternativ, der sich ihr zeigenden Hütte.
Sie brach das Siegel auf, kratzte es hinweg, mit dem Schlüssel ihrer New Yorker Wohnung. Vor zwei Wochen hatte sie einen Brief erhalten, sie sei als Erbin ermittelt, sie könne ihr Erbe ausschlagen, bla bla bla. Sie hätte lieber das Leben, ein Lebenszeichen ihres Vaters angenommen, nun das Erbe.
Sie dachte überhaupt nicht über das Erbe nach, nein, sie saß in ihrer New Yorker Wohnung, ein Raum mit Küche, und versuchte sich das Bild ihres Vaters ins Gedächtnis zurück zu rufen. Sie vermochte es nicht recht. Sie nahm ein Bild hervor, schon altersschwach, aber sonst, zum Erinnern, durchaus brauchbar, nun kamen all die Erinnerungen und sie ging hinaus, auf die Straße, schaute Menschen, die lächeln, sich unterhalten, lachen, auch zanken, über den Erfolg der letzten Diät oder darüber, welchen Film sie sich gemeinsam im Kino anschauen sollten.
Das Leben hatte nur ihr eigenes Leben angehalten und sie würde es erst wieder in Gang setzen können, wenn sie ihren Vater ins Grab gebracht hätte, ihn so aus den Augen verloren hätte, einstweilen, ihn Geborgenheit verschafft hätte, dort unten, im Sand, und so alles ihr noch Mögliche für ihn getan hätte, geglaubt hätte, getan zu haben. Und so zog sie aus, aus diesem New York, was ohne sie weiterhin funktionierte, Leben lebte, sie suchte einen neuen Anfang, allein, das letzte Ende schien noch nicht zu Ende gelebt, trotz alledem, so kündigte sie die Wohnung noch nicht, kaufte lediglich ein Flugticket und nahm unbezahlten Urlaub, auf unbestimmte Zeit.
Innen roch es moderig, innen war alles anders, anders als sie es kannte, obwohl sich äußerlich kaum etwas verändert hatte. Die gleichen Tapeten, Fußbodenbeläge, Schränke, Tische, Stühle. Es roch moderig.
Sie blieb ein wenig im Flur stehen, ließ die Eingangstür offen, dann ging sie in die Küche, öffnete auch das Küchenfenster, schaute sich in der Küche um, sah den letzten Augenblick im Leben ihres Vaters mit ihren Augen. Es könnte die gleiche Uhrzeit gewesen sein.
Zum Glück kamen ihr die Tränen, so mußte sie nicht nachdenken. Sie weinte, schluchzte, ja, sie krümmte sich vor Schmerz, hielt sich dabei am Küchentisch fest, versuchte erst gar nicht, aufzuhören, weinte, laut, beinahe kreischend, war nun so still, nur die Tränen blieben ihr.
Weinte sie um ihn? Oder weinte sie um sich selbst, SIE, die Nun-Verlassene, Vollwaise, viel zu frühe Vollwaise, hätte er nicht bleiben können, für sie? Nur für sie, wenigstens, wenn er sich denn erschlagen lassen mußte, dann hätte er es doch auch später tun lassen können.
Sie gab ihm eine Mitschuld. Es sind immer zwei schuld. Immer zwei. Auch wenn nur einer schuld ist, so sind es doch zwei, die schuldig sind, denn gäbe es das Opfer nicht, so gäbe es auch die Tat nicht. Es sind immer zwei schuld, auch wenn nur einer schuldig ist.
Sie hätte sich ihn beinahe tot gewünscht, als er nicht antwortete, auf ihre Briefe, auch ans Telefon war er nie gegangen. Niemals, obwohl sie ihn ständig versuchte zu erreichen, dann sogar Brief um Brief schrieb, hinein ins Leere, es zu füllen, mit Fragen, ihn anzustacheln, zurück zu schreiben, zu antworten, irgend zu reagieren.
Gern hätte sie ihm noch gesagt, daß sie ihn liebe.
Das hätte sie ihm gern gesagt.
Hätte es ihm geholfen? Ihr hätte es geholfen, wenigsten ihr selbst hätte es sicherlich geholfen. Ein wenig.
Sie stand unvermittelt vor dem schwarzen Fleck auf dem Fußboden in der Küche. Ihr war nicht ganz klar, woher dieser stammen konnte, sie fand ihn nur ein wenig ärgerlich, der schöne Holzfußboden, sie sah noch immer ihre Mutter, wie sie diesen ständig wischte, alles mußte glänzend sauber sein, bei ihr, ihr Vater war nicht so, rein, er war andersartig. Bei ihm konnte ein Krümel schon mal liegen bleiben, im Hause, nicht so ihre Mutter.
Schon holte sie einen Wischlappen, wollte den Fleck entfernen, bis sie von einem kruden Gedanken eingeholt wurde, es könnte, ja, es müßte das Blut ihres Vaters sein. Sie erschrak, entsetzte sich, Ekel, Angst, sie ging hinaus, sah hinaus, frische Luft, eine Wolke ließ ein paar Tropfen zur Erde fallen, Nässe, Pfützen, sie ging auf den Hof und hoffte, ein wenig der Nässe abzubekommen, der Regen hörte auf und sie setzte sich auf dem alten Eimer, der am Brunnen stand.
Der Fleck ging kaum weg. Sie schrubbte bereits den halben Vormittag an ihm herum. Zuerst nur mit Wasser und einem Lappen, dann die Bürste, zudem ein Putzmittel, ein noch stärkeres Putzmittel, Backofenspray und Essig und Kloreiniger, alles nacheinander.
Der Fleck war nun so gut wie weg, wenn man nicht wüßte, dachte sie, daß dort ein Fleck gewesen war, wo jetzt der Holzfußboden eine helle Stelle besaß, ja, man hätte es nicht wissen können. Wissen ist ohne Vorwissen nicht denkbar, dennoch beginnt das Leben ohne Vorwissen, jedenfalls bei dem historischen Wissen, allein die Gene lassen uns Vergangenheit spüren, erahnen. Die Nase, die Ohren, sie sind manchmal genau so, wie die vom Vater, von der Mutter, den Großeltern. Heike kannte dieses weniger, obwohl, obwohl sie damit gut leben konnte, denn sie liebte ihre Eltern und ihre Eltern liebten sie, das war die gemeinsame Grundlage ihrer Beziehung. Viel zu simpel, um es einfach mal zu denken, viel zu simpel für das geschriebene Wort, aber alles bedeutend für das Leben, nur mit Liebe läßt es sich doch überhaupt ertragen und auch dieses dachte sie nicht, denn ihr wäre sicherlich selbst dieses Denken viel zu simpel erschienen.
Das Brot hatte sie vom Fußboden gehoben, es war entzwei gebrochen, danach hart geworden, durch den Ablauf der Zeit, auch das Salz hatte sie zusammengefegt, es war recht viel, Salz. Und dann das Tongefäß in dem das Salz aufbewahrt war, sie hatte es der Mutter geschenkt, zum Geburtstag, es war ein Kindergeschenk, und ihre Mutter hatte sich gefreut, nun lag es in Scherben auf der Kehrschaufel, es lag dort, ruhig, recht ruhig, Erinnerungen ließen es zwar lebendig werden, aber nur im Geiste, tatsächlich blieb es zerbrochen, scherbig, nicht mehr mit den Augen als Gesamtheit zu fassen.
Gestern hatte sie einen Spaziergang unternommen, zum nahen Bachlauf, vorbei am Grab ihrer Mutter, gern hätte sie ihren Vater daneben gelegt, aber, er lag bereits auf dem Friedhof, gleich neben der Kirche, sollte sie ihn von dort fortholen lassen? Umbetten, nur weil sie es so besser gefunden haben würde. Soll man die Toten nicht ruhen lassen? Sich lieber mit dem Lebendigen beschäftigen, das wäre es doch.
Der Bach rauschte an diesem Morgen ein wenig mehr, als sie es von ihm gewohnt war, Wiedersehensfreude, wohl Wiedersehensfreude, sie hatte gerade die erste Nacht im alten Heim verbracht. Die Nacht war es kalt, aber sie empfand diese Kälte als angenehm, dann war sie aufgestanden, am frühen Morgen, und sie hatte die ersten Sonnenstrahlen hinter den Baumwipfeln hervordringen sehen, sie ging los, nun war sie da, am Bachlauf.
Jörg saß an der alten Stelle, an einer Biege des Baches, dort wo sie immer zusammen angelten, früher, in Kinderzeiten. Sollte sie weiter gehen? Sie blieb ihm fern, aber er rief bereits, hatte wohl gewartet, auf sie. Seine Stimme schien ihr männlicher, als damals, beim Abi-Abschluß-Ball. Sein Haar fiel aber immernoch in braunen Locken von ihm herab, er wirkte nun irgend abgeklärter auf sie, reifer, oder war es nur ein Mitbringsel vom Studium? Er wollte an der Humboldt Uni in Berlin studieren, so viel wußte sie noch von ihm.
"Mein Beileid", sagte Jörg, während er in ihre Augen schaute. Heike murmelte "Danke", nur, weil man es so tun mag, dieses Sagen, denn sie spürte keine Dankbarkeit, für was auch? Für das Beileid? Beileiden würde er sicher nicht, denn er kannte ihren Vater dafür allzu wenig, wozu also das beileidslose Mitteilen eines Beileides? Es begegnet einem wie das Türenaufhalten am Bahnhof oder das "Guten Tag" an jedem neuen Tag. Dennoch, sie empfand die zwei Worte, seine zwei Worte nicht als besonders falsch, sie waren eben da und sie mußten wohl auch da sein, denn wären sie nicht da, ins Leben gerufen worden, so fehlten sie und, man grübelte darüber nach, warum sie fehlten, viel mehr darüber, warum sie fehlten, als daß man darüber nachdenken würde, daß sie gefallen sind.
Die Leere füllte sich kaum. Sie setzte sich zwar, neben ihm, aber er schaute dennoch von ihr weg, zu seiner Angel, er wollte wohl noch den einen oder anderen Fisch angeln, immernoch angeln, obwohl er sie doch getroffen hatte, nach einem Jahr wieder getroffen hatte, es gäbe doch genug zu erzählen. Über Gott und die Welt, aber vor allem über Berlin, und was er dort getrieben habe. Auch wollte sie sich erleichtern, etwas von sich geben.
Stille, die Fischerskunst verlangte es so. Ein Fischer redet nicht viel, er fischt lieber Fische. Lautlos, beinahe hinterhältig, ohne Vorankündigung. Und er warf sein Netz aus und siehe da, es war voller Fische, ein Ungläubiger, der solches nicht glauben täte.
Die Angel blieb frei von Fisch. Mißmutig, oder freute er sich?, beendete er seine Angelei, fragte, ob er sie besuchen dürfe, sie sagte, ja, er entschwand, sie rief ihm nach, wann? Er sagte, Nachmittags um drei, sie sagte OK und blieb noch am Bach sitzen, während er mit dem einen Fisch, den er vor ihrer Ankunft tatsächlich an seiner Angel hatte, nach Hause lief, ihn zu braten.
Der Kuchen gedieh im Ofen gar prächtig. Sie freute sich. Er würde gleich kommen und er kam schon, der Kuchen brauchte noch ein paar Minuten, sie würde warten müssen, bis sie ihn abkühlen lassen kann, den Geriebenen, inzwischen wollte sie mit ihm reden, endlich reden.
"Tag, na, wie geht es, hab dir ein paar Blümchen mitgebracht,", er zeigte ihr ein Strauß von Rosen, rote, gelbe, orangene Rosen. Sie tat Wasser zu den Rosen, stellte sie auf dem Küchentisch, gleich am Fenster, welches sie erst am frühen Morgen geputzt hatte, fast streifenfrei geputzt hatte.
"Das mit deinem Vater, das war schon ein irres Ding."
"Er ist ermordet worden, sagt man.", sie kochte einen Kaffee.
"Nein, lieber Tee, hast du auch einen Tee?", fragte er, als er sie mit dem Kaffeekochen beschäftigt sah. Heike schaute nach, fand dann sogar Tee. Kamillentee. Ihm war es egal, Hauptsache Tee.
"Ja, war schon ein komisches Ding."
"Was hast du denn im letzten Jahr alles gemacht, hat es mit Berlin geklappt, und was studierst du eigentlich, Physik oder doch lieber Mathematik, oder beide Fächer." Heike wollte sich nicht über den Tod ihres Vaters unterhalten, sie wollte sich mit ihm und über ihm, Jörg, unterhalten.
"Oh, ich habe mit Mathematik begonnen, gerade hatten wir Wahrscheinlichkeitsrechnung, auf höherem Niveau als beim Abitur, weißt du."
"Und was habt ihr wahrscheinlichkeitsgerechnet?", wie kann ich nur so ein Blödsinn fragen, sagte sie sich sogleich, nun war die Frage aber gefragt, obwohl sie für Mathematik überhaupt kein Interesse hatte.
"Ja, zum Beispiel haben wir berechnet, ob ... das willst du doch gar nicht wissen!", er lachte, "Mathematik hat dich doch noch nie interessiert.!"
"Doch doch, sag schon, ihr habt berechnet, ob, was?", mein Gott, dachte sie, wie kann ich nur weiter so etwas Krudes fragen.
"Gut, also schön, wir berechneten die Wahrscheinlichkeit, ach, das interessiert dich doch gar nicht, das sehe ich doch, erzähl doch lieber, was du alles so getrieben hast, im letzten Jahr, das ist sicherlich spannender."
"Ach, ich?, ich war in den USA, habe dort ein Jahr herumgejobbt, hatte dort ein Stipendium, du weißt doch, aber war ganz nett.", was erzähle ich bloß, ich war quasi illegal bei den Amis, nur mit einem Touristenvisa, mehr nicht, aber laß nur, Heike, das muß er nicht wissen, das nicht, sagte sie sich, während sie aus dem Fenster zum Brunnen schaute.
"Du, es riecht so verbrannt.",
Heike roch es nun auch, ging zum Backofen, der Kuchen war leicht angebrannt. Jörg versicherte sofort, daß das nicht so schlimm sei, aber er sagte das wohl nur aus reiner Höflichkeit, denn er aß nur ein einziges Stück
Was hätte Sokrates gesagt, wenn er diesen Fleck gesehen hätte, fragte sie sich, während sie sich den lichten Fleck auf dem Küchenfußboden anschaute. Jörg sagte, er habe dort wohl gelegen, ihr Vater. Sie weinte. Er fragte nicht mehr. Abschied.
Sie ging zum Bachlauf. Jörg hatte sich nicht mehr gemeldet. Ihr war es recht so. Ein geblümtes Kleid, das von der Mutter, hatte sie übergestreift. Ihre Mutter trug es immer an besonders heißen Tagen, es sei ihr so schön bequem, sagte sie dann immer. Ja, bequem war es. Obwohl es sackartig zur Erde hing, kaum ein Detail des unterliegenden Körpers durchscheinen ließ, war es bequem, oder gerade deswegen war es bequem.
Sokrates hätte gesagt, wenn sich das Leben abdrückt, auf Erden, dann bleibt doch nichts übrig, außer der Abdruck. Ein heller Fleck. Sie stolperte über eine kleine Wurzel, zufällig in der Nähe des Grabes ihrer Mutter. Sie war noch gar nicht beim Vater gewesen, fiel es ihr ein. Sie würde ihn besuchen müssen, aber für den morgigen Tag hatte sich erst einmal ein Mitarbeiter der Telefongesellschaft angesagt, er würde den Telefonanschluß überprüfen, er war gestört, sicherlich schon monatelang, ihr Vater hatte es wohl nicht gemerkt. Was hätte er ihr gesagt, als letzte Worte? Sei nicht traurig, Kind. Oder, womöglich, alles ist vergänglich. Oder hätte er mit Sokrates geantwortet. Er liebte Sokrates. Und sie liebte auch Sokrates, denn er hatte solch einen spannenden Namen.
So-kra-tes, silbierte sie bereits als kleines Kind, und sie silbierte es wie eine Zauberformel, drei Mal schwarzer Kater und So-kra-tes. Ihre Mutter lächelte dann immer, während der Vater versuchte, ihr irgend etwas vom Leben zu erzählen, zumeist in Form von Märchen, sie mochte besonders Frau Holle, weil sie so gerne im Schnee spielte, sich gerne mit dem Schlitten fahren ließ, dem Vater beim Schneemannbauen zuschaute, dann sogar half, indem sie dem großen weißen Mann die rote Nase ins Schneegesicht stecken durfte, während sie vom Vater hochgehalten wurde.
Jörg saß nicht am Bach, an seiner Stelle. Sie war enttäuscht, obwohl sie nicht wegen ihm zum Bach gekommen war. Sie setzte sich an seinem Platz, sah sogar einen Fisch, war es ein Barsch oder gar ein Hecht?
Fast wäre sie unterdessen eingeshlafen, am Ufer des Baches, aber ein paar arbeitsame Ameisen hielten sie davon ab, krabbelten an ihren bloßen Beinen entlang, es kitzelte und als die "Biester" bissen, so nannte sie die Ameisen nun doch, trotz ihrer Arbeitsamkeit, ja, als die "Biester" bissen, stand sie auf, schüttelte sie von sich ab und ging weiter. Jörg würde nicht mehr kommen, es war längst die Mittagszeit erreicht, sie würde ihn morgen anrufen, das hatte sie sich vorgenommen.
Und wenn der helle Fleck nicht hell wäre, dann wäre er ein rechter Fleck und sie hätte nicht über Sokrates nachdenken müssen. Aber sie liebte Sokrates. Sie würde den Fußboden neu streichen, mit einer braunen Fußbodenfarbe, so wie es früher üblich war oder sie würde ihn von all seiner Farbe befreien , bloß legen, um ihn dann zu versiegeln, mit Holzschutzfarbe oder Holzschutzlack oder sie würde einfach nur Linoleum über den Fußboden legen, ihm seine Wunden lassen, sie lediglich abdecken.
Ein Telefon ist wie eine Verheißung, mehr nicht, es kann klingeln, es muß aber nicht klingeln, es kann benutzt werden, es muß aber nicht benutzt werden. Es war nun wieder ganz, die Störung beseitigt, der Mitarbeiter von der Telefongesellschaft brauchte nur Minuten, und es summte wieder fröhlich dahin. Das Kabel sei undicht gewesen, meinte er, und lächelte dabei. Aha, sagte sie, undicht, dann ist wohl das Klingeln ausgelaufen, der Freiton auch? Er lachte, wie man ebend nur mit 22 Jahren lachen kann. Wollte er sie lieben?
Heike schaute sich ihn genauer an, ein Männlein von einem Mann, aber lustig, hurmorvoll und clever, hatte er doch den Schaden an der Telefonleitung recht schnell beheben können. Sie bot ihm einen Kaffee an, er nahm das Angebot an, sie saßen gemeinsam in der Küche, Heike schaute aus dem Fenster, er schaute aus dem Fenster, Verlegenheit, Fachsimpeln über auslaufende Telefonleitungen.
Er aß sogar drei Stücken Kuchen, Holger hieß er, kräftige Nase, dunkle Augen, schwarzes mit Fett angelegtes Haar; dazu zierte ihn ein frecher Mund. Heike schwatzte vom Wetter, er erzählte etwas von einer ganz tollen Diskothek, in der es sich lohne, einzukehren, er wäre dort Stammgast, sie könne ja kommen, brauche nur an der Bar zu fragen, nach Holger, die Barbesetzung würde ihr dann schon sagen, wo er gerade stecke. Sie rollte mit den Augen, er fragte nach ihrem Namen, sie sagte Heike, er sagte, er fände diesen Namen besonders schön, er hätte so etwas Spannendes.
Heike fragte lieber nicht, worin die Spannung läge, in ihrem Namen, sollte er sie doch komplimentieren, sollte er doch, balzen, herumeiern, und dummes Zeug erzählen. Ach, ihr Haar gefiele ihm auch, sagte er. Sie fand ihn auch recht nett, er könne sie ja abholen, sagte sie, zur Disko, denn sie wüßte nicht, wie sie in die Stadt kommen solle, sie besäße kein Auto, seine Augen glänzten plötzlich fiebern, ja, er könne, und überhaupt, er habe einen Opel, und sie würde doch auch Opel fahren, Heike lächelte, er grinste, versuchte darüber nachzudenken, ob er sie bereits küssen könne, legte ihr dann doch nur den Reparaturauftrag zur Unterschrift vor, sie unterschrieb, er sagte, H-e-i-k-e, verabschiedete sich, und sie lächelte und fragte sich, warum sie ihn angebaggert hatte. Wegen Jörg?
Sie räumte den Tisch ab, spülte sofort das Geschirr, als wenn sie vor Jörg dieses Zusammentreffen verbergen müßte, sogar den Tisch wischte sie fein säuberlich ab, schaute dann noch in den Flurspiegel, sie war es noch, Heike, keine andere Person stand dort vor ihr, nur sie, sie, Heike, gerade Vollwaise geworden und schon mit zwei Jungs beschäftigt, sie weinte, alles half nichts, sie weinte, morgen wollte sie endlich zu ihrem Vater gehen, ihm sagen, daß das Telefon nun wieder funktionieren würde. Sie wollte so das letzte Mißverständnis zwischen ihnen beseitigen, wenigstens das.
Kinder sind das fleischgewordene Erbe aller Zeugenden an die Menschheit. Heike lächelte, als sie dieses Gesalms in der Zeitung las. Blödsinn. Aber schön geschrieben. Man kann drüber nachdenken, über diesen Satz. Ihn zerfleddern, wieder zusammensetzen. Er läßt sich auch ignorieren, ganz einfach ignorieren.
Zum Frühstück aß sie Brot und Butter, sie war gestern im Dorf gewesen, zum Einkaufen von Lebensmitteln, sie wollte noch eine Zeit lang im elterlichen Haus verbringen, ihren Eltern nachspüren, sie finden, in all den Erinnerungen, die von der Hütte wieder gespeist wurden, als gäbe die Hütte ihren Erinnerungen Nahrung, Energie, das nötige Antriebs-, ja Erweckungsmittel.
Der Friedhof lag still im Sommerlicht. Sie betrat ihn, ganz leise. Der Morgen war früh. Sie war allein. Ein breiter Weg führte an den Hauptgräbern vorbei, gleich links eine Kapelle, die mit dem Hauptweg verbunden war. Backstein. Kaum Fenster. Nur ein Eingang. Groß genug, Sarg nebst Trauergäste hinein- und rauslassen zu können, ohne größere Probleme.
Sie suchte das Grab ihres Vaters. Früher, als Kinder, hatten sie gespielt, auf dem Friedhof, verbotener Weise gespielt, Verstecken und die Jungs auch Räuber und Gendarm, oder, nachdem sie einen Dokumentarfilm über Archäologie in der Schule zu sehen bekamen, Ausgräber, einer wollte stets Schliemann sein, aber Troja war weit, ganz gesichert ganz weit weg, selbst ein wissenschaftlicher Außenseiter hätte Troja nicht auf diesem Friedhof vermutet. Und so waren die Funde eher rar, ein Pferdeschädel, wer hatte ihn nur verbuddelt? Aber dem Trojaner gab der Fund nur noch mehr Auftrieb, bis ihn der Friedhofsgärtner stoppte, er wurde dann gemeinnützig tätig, harkte Friedhofswege, erlernte später gar das Gärtnerfach, er wollte Friedhofsgärtner werden, so sein Berufswunsch.
Heike suchte mang den Gräbern nach ihrem Vater. Er versteckte sich ein wenig. Erst als sie einem linken Nebenweg nachging, fand sie ihn. Ein Haufen Sand lag auf ihm, ein paar vertrocknete Blumen, Schleifen, Gebinde, ein frischer Blumenstrauß, neben dem Vertrockneten. Ein Grabstein fehlte noch. Sie würde einen bestellen müssen.
Granit oder Marmor. Sie überlegte ein wenig, während sie das Grab abräumte, es befreite, von alt gewordenen Blumen. Nun liegst du hier und bist so schlau wie zuvor, dachte sie, und sie versuchte dabei zu lächeln. Er kam und er ist gegangen. Er war und nunmehr ist er wieder, dazwischen lebte er auf Erden. Ob es ihm etwas gebracht hat? Sie suchte eine Gießkanne, wollte das Grab ein wenig befeuchten und einen Rosenstrauch pflanzen. Alle Kannen waren fein säuberlich aufgehangen, an einem Stahlrohrgestell, dazu waren sie noch mit Ketten an diesem befestigt. Sie würde eine Gießkanne kaufen müssen, um sie dann an dieses Gestell festzumachen, damit sie eine haben würde, wenn sie diese dann bräuchte.
Als sie weinte, versuchte sie nicht zu weninen, aber sie weinte. Ach ja, sie murmelte noch etwas von einem Telefon und sie fragte ihm, ihren Vater, warum er nicht auf ihre Briefe antwortete. Sie grub nun mit den Händen ein kleines Loch, stetzte den Rosenstrauch ein, entnahm der grünen Plastikblumenvase die frischen Blumen, legte sie behutsam auf den Boden und holte mit der kleinen Vase Wasser, zum Angießen des Rosenstrauches, er würde doch sicherlich angehen, hoffte sie, nachdem sie die Blumen wieder in die Vase getan hatte, sie vorher noch mit Wasser füllte.
Das Gute am Leben ist seine Endlichkeit. Endlichkeit in dem Sinne, daß es sich wandelt, in eine andere Sphäre begibt, wenn die Lebenszeit zu Ende geht. Heike weinte nicht mehr. Aber sie sah auch nicht besonders glücklich aus, als sie dieses in der Zeitung las, irgend hatte gemeint, über Leben und Tod schreiben zu müssen, als ob es nicht tausend andere Dinge gäbe, über die zu schreiben lohnenswert wäre. Etwa über die Geburt oder auch den Geburtstag oder die Geburtstagstorte.
Heike war wieder beim Leben angelangt, als sie die nur notdürftig asphaltierte Dorfstraße entlang ging, neben sich ein paar Häuser, kaum höher als die Bäume, welche die Straße, den Platz vor der Kirche säumten. Dicke Bäume. Beinahe fett. Obwohl, sie haben etwas Gesundes, dicke Bäume. Heike suchte keinen Menschen und sie fand auch keinen Menschen, sie ging, allein, mit sich und doch allein. Sie hatte ihren Vater besucht. Besuch. Was für ein Besuch. Lebend trifft Tod zwecks Gedankenaustausch und Blumenbeschenkung.
Die Zeitung hatte sie zufällig bei sich gehabt. In ihr war der Rosenstrauch gewickelt, mit dem sie ihren Vater beschenkte. Dann, sie wollte die Zeitung bereits in einen Friedhofsmülleimer werfen, las sie den Artikel, zumindest die ersten Worte der Überschrift, "Das ewige Leben, eine Utopie?", sie war interessiert, zu lesen, das zu lesen, was einer meint, schreiben zu müssen, über Leben und Tod.
Die Sonne schien recht kräftig, keine Wolke hinderte sie am Scheinen, Heike schwitzte, ein wenig, während sie las, gleich neben dem Grab ihres Vaters las. Mutmacherworte. Aha, es soll nach dem Leben erst richtig losgehen, das Leben. Sie wollte es gern glauben, für ihrem Vater glauben, obwohl er ein gläubiger Atheist war, jedenfalls zeitlebens war er dies, womöglich hatte er ja seine Meinung inzwischen geändert. Aber kein Wink, kein Zeichen, von ihm, nur strahlender Sonnenschein, und der tritt regelmäßig auf, wann er will, richtet sich nicht nach Menschenschicksalen aus, zu sehr ist er damit beschäftigt, dem gesamten Leben auf Erden zu dienen.
Das Gehen fällt leicht, wenn einem die Gedanken auf andere Pfade locken, einem ablenken. Heike befand sich plötzlich vor der Hütte und wußte nicht recht, wie sie so schnell zu ihr gelangte. Die Tür stand weit offen, sie hatte wohl vergessen, sie abzuschließen.
Maria saß am Küchentisch, als Heike eintrat. Kurze Verwunderung, bei Heike.
"Ich habe ihn geliebt, wirklich geliebt, aber ich konnte es nicht verhindern."
"Was konntest du nicht verhindern?", fragte Heike, und es klang sogar ahnungslos, obwohl sie eine Ahnung hatte, schließlich war es Marias Mann gewesen, der das Beil führte.
"Mein Gott, daß er starb. Es ging alles, so schnell. Er war außer Rand und Band, weißt du."
"Wer?", Heike tat weiter ahnungslos, oder war es Gleichgültigkeit? Eigentlich wollte sie sich etwas hinlegen, ausruhen, Maria störte, aber sie bemerkte ihr Stören nicht, überhaupt nicht.
"Wer schon, Josef." Maria weinte, während sich Heike nicht ganz sicher war, um wem sie weinte, ihrem Vater oder Josef.
Maria ging recht bald, ein klärendes Gespräch klärt zuweilen nichts, nein, es verschleiert zuweilen nur, wirft neue Fragen auf, wie eine gefundene physikalische Formel, ein gerade entdecktes Naturphänomen, ein Essen, das seine Zutaten und seine Zubereitungsweise nicht sogleich zu erkennen gibt. Heike blieb zurück, sie mochte nicht mehr schlafen, sie hatte versprochen, Josef zu verzeihen, sie wollte sogar mit zur Haftanstalt gehen, ihn besuchen, das hatte sie Maria versprochen, sie lächelte glücklich, Heike fand keine Ruhe bis der Schlaf sie fand, irgend in der Nacht erwies er ihr seine Gnade und der Morgen fand sie dann ruhiger wieder, alle Kämpfe bestritten, vorerst bestritten.
Der Fuchs hatte ein Huhn mitgenommen. Heike sah noch die Schleifspur, auch ein paar Federn, ein wenig Blut. Guten Appetit, dachte sie, während sie die Federn aufsammelte, zum Müll trug. Was hatte bloß der Hahn getan, derweil? Lag er faul daneben, oder krähte er, und sie, sie selbst hatte es nicht vernommen?
Sie zählte die Hühner, sieben waren es noch, nebst zahlreicher Kücken, und dem Hahn. Sie gab ihnen frisches Wasser und suchte nach dem Futter. Wo hatte es ihr Vater bloß hingestellt? Sie suchte im Hühnerstall, dann in der Hütte, im Schuppen, dort fand sie ein zwei Säcke Kornzeugs, sie warf ein paar Handvoll davon den Hühnern vor die Füße, sie taten erstaunt, nahmen dann aber doch das Futter an.
Gestern war sie bei ihrem Vater. Er sah einmal stattlich aus, 1,90 Meter, breite Schultern, sonst auch recht massiv gebaut, nur die Haare waren ihm zuletzt etwas ausgegangen, nur die Haare.
Sie wurde von ihm wohl geliebt, trotz der Flucht nach Amerika, den USA, dem gelobten Land. Früher wanderten dorthin die Armen aus, nun wanderten die Träumenden aus und immer waren auch die dabei, die sich daraus ein Geschäft versprachen. Und mit den ersten Einwanderern wanderte der Tod gleich mit ein, es galt, Land in Besitz zu nehmen, das gelobte Land, und man nahm es in Besitz, man raubte es, wo man es nicht sonstwie ergaunern konnte, und doch und doch sollte daraus etwas werden, was man Demokratie nennt, nun Demokratie nennt.
Ihr Vater mochte das gelobte Land nicht, womöglich dachte er zu historisch. Warum dachte er nicht mehr wie ein Träumer? Das wäre ihrer Beziehung sicherlich ganz gut bekommen. Sie wunderte sich immernoch über die ablehnende Haltung ihres Vaters. Mochte er etwa, und das als Atheist, die zehn Gebote besser eingehalten wissen, als die meist so bibeltreuen Amerikaner? Du sollst nicht stehlen, also auch nicht das Land der Ureinwohner. Das meinte er wohl, als er sagte, das gelobte Land sei auf Unrecht aufgebaut auf einem großen Unrecht, das meinte er wohl. Aber dachte er nicht zu kurz? Dabei etwas zu kurz, denn ohne das Unrecht wäre es niemals zur Unabhängigkeitserklärung gekommen, quasi zur Reinwaschung, einem Gang nach Canossa vergleichbar. Alle Menschen sind gleich. Das ist es doch.
Ihr Vater mochte das Pathetische nicht, er sagte stets, nicht die Worte seien entscheidend, sondern die Taten. Sie liebte auch die Worte. Und sie liebte Amerika, und sie liebte auch die Ureinwohner, sie liebte Dieb und Bestohlenen zugleich, da war sie Gott wohl näher, als ihr Vater.
Morgen würde Holger kommen, und er würde sie mitnehmen, zur Disko. Sie freute sich, besonders, weil sie es nicht ertrug, allzu lange mit ihrem Vater allein zu sein, er war schließlich tot.
Nicht daß Holger kein guter Tänzer wäre, nein, sie hatte sich dennoch oder gerade deswegen nicht besonders wohl gefühlt, letzte Woche, als sie mit ihm zur Disko gefahren war. Er holte sie ab, mit seinem pinkfarbenen Opel, Sportausstattung, sagte er, sie sagte, harte Sitze, er sagte, das müsse so sein, eben sportlich, gut das Leben ist hart, aber der Sport noch härter, das begriff ihr Po nun.
Sie war froh, als es zu Ende war. Er war einfach doch nicht der Richtige. Wer wäre aber schon der Richtige, für sie? Sie lag vor der Hütte auf einem Liegestuhl, den sie sich zuvor aus dem Schuppen holte, genoß die letzten sommerlichen Sonnenstrahlen, es würde bald Herbst sein, bestenfalls Altweibersommer, und sie allein, mit sich, mit der Hütte, mit Vater und Mutter, beide tot.
Er war ja kein schlechter, sagte sie sich, während sie mit geschlossenen Augen zur Sonne sah, rotes, warmes Licht spürend. Aber der Funke, der berühmte Funke sprang einfach nicht auf sie über, oder er zündete ihn erst gar nicht. Tanzen, ja tanzen konnte er gut, so gut, daß es ihr beinahe peinlich wurde, weil sie sich neben ihm wie ein häßliches watschelndes Entchen fühlen mußte, und dann die Blicke der anderen, sie schauten auf seinen wippenden Körper, Männlein wie Weiblein schauten auf ihm, wie peinlich.
Als sie vom Tanzen losgekommen war, tranken sie noch ein zwei Mixgetrränke, die gar wunderliche Namen hatten, Manhattan oder auch Chicago, sie wußte dann nichts mehr, er brachte sie zurück zur Hütte, sie meldete sich nicht mehr, er meldete sich nicht mehr, doch, einmal rief er sie an, aber sie war in Eile, mußte zu ihrem Vater, zum Friedhof, er meldete sich dann nicht mehr, womöglich war sie am Telefon ein wenig unwirsch gewesen, egal.
Der Hahn krähte, mitten am Nachmittag, er hatte wohl noch nie etwas von Mittagsruhe gehört, sie würde ihn erziehen müssen, mit Worten, und wenn das nicht half, mit Schlägen, oder sie drehte ihm einfach den Hals um. Maria sagte, unter den Kücken befänden sich bereits ein zwei frische Hähne, sie nahm sie mit, wollte sie großziehen, damit sie später einen neuen Hahn habe und für selbst ebenfalls einen besser erzogenen habe. Hähne muß man sorgsam pflegen und man muß sie bereits in der Jugend erziehen, damit sie nur am Morgen krähen und dies auch nicht allzu früh, so gegen sieben, das wäre vollkommen in Ordnung.
Holger war schon ein recht netter Junge, wohlgestaltet und wohlerzogen, sie träumte ein wenig, während die Sonne langsam hinter ein paar Baumwipfeln verschwand.
Eigentlich hatte sie nach nichts gesucht, wollte nur ihre Neugierde befriedigen, als sie dann doch suchend wurde, sie fand Fotos über Fotos. In einem Karton, der sich in einer Truhe befand, die im Flur der Hütte stand, recht unauffällig, aber was war schon auffällig, an dieser Hütte, an der Einrichtung in ihr und an den Bewohnern, an den gewesenen Bewohnern, nichts.
Die Fotos schauten in Hochglanz zu ihr, Familienfotos, von besseren Zeiten erzählend, könnte man sagen, aber nein, sie empfand es nicht so, es waren für sie nur andere Zeiten, vergangene Zeiten, jetzt war jetzt, nicht besser und nicht schlechter, als andere Zeiten, nur anders, womöglich anders, für sie, für die Welt schon weniger, und für das Universum, Schweigen, in ihr war Schweigen, ja, man kann alles auf das Universum beziehen, dann bleibt ansonsten nur NICHTS. Alles ein Irrtum. Ruhm, Ehre, Fortpflanzung, Verewigung. Das Desinteresse des Universums an unseren weltlichen Interessen, das ist wohl das einzig Feststehende in all der unermüdlichen Beweglichkeit.
Aber doch, ja, sie fand die Fotos wichtig, wichtig für sich, und sie war doch auch Teil des Alles, so begriff sie sich jedenfalls, ohne daß sie darüber nachgedacht hätte, ein zwei Tränen zeigten sich bei ihr, als sie das Foto sah, welches sie und ihren Vater zeigte, sie lächelten, sonst nichts, sie lächelten, warum? Sie wußte es nicht mehr. Dennoch, sie glaubte dem Lächeln, ihrem Lächeln, sie mußte glücklich gewesen sein, damals.
Gestern hatte sie die Hütte geputzt. Staub gewischt, Fenster poliert und den Fußboden gefegt. Manchmal roch sie dabei ihren Vater, als stünde er neben ihr, und dann war ihr so, als wenn er sie zurückhalten wollte, sie solle Ruhe bewahren, nicht einfach alles zu schnell säubern, mit dem Besen nicht vorschnell fegen, mit dem Säubern könnte mehr verloren gehen, als gewonnen. Sie lächelte und fegte weiter, sie wollte die Hütte glänzen sehen, Jörg hatte sich angesagt. Liebe? Jedenfalls würde er nicht tanzen können, wie Holger, das wußte sie bereits. Welch ein Vorteil.
Als er anrief, verstand sie erst gar nicht recht, wer er war, beinahe hätte er ihn Holger genannt, zum Glück erzählte er schnell vom Angeln, ob sie mitkommen wolle, sie wollte, obwohl sie keine Angel besaß, wollte sie, aber ihr Vater hatte ja eine, Angel, die würde sie sich nehmen könne, als Erbe, als Teil seines Erbes, er würde es verstehen, womöglich sogar gut heißen, obwohl er sie früher kaum an sie ließ, es war eben seine Passion, das Angeln.
Die Bilder zeigten sie als Familie, Vater, Mutter und Tochter, geschossen von einem Unbekannten in einem unbekannten Ort, womöglich ein Ferienort, neben sich kurzbehoste Touristenmännchen und Frauen mit großzügig geschnittenen T-Shirts nebst Gummilatschen, eine Einkaufsgasse, sie überlegte, wo sie gewesen sein könnten, auf diesem Foto, es kamen jedoch unzählige Einkaufsgassen in Betracht, sie sahen sich recht ähnlich, es muß einen genetischen Code einer typischen Einkaufsgasse geben, dachte sie, als sie das Bild weglegte, um sich selbst anzusehen, bei einem Geburtstag, sie blies Kerzen aus, zehn an der Zahl, wohl.
Die Angel hatte sie längst bereitgelegt, sie würde morgen recht früh aufstehen müssen, dann wollten sie angeln, um den Fang hernach braten zu können, alternativ hatte sie Nudeln gekauft, Nudeln mit Tomatensoße, aber nur, wenn kein Fisch beißen würde.
Das Leben kann schön sein. Sie lag im Bett, auf dem Rücken, träumte, und flog dabei, mit sich um sich und in sich, sie liebte. Nein, sie wollte die, ihre Liebe jetzt nicht analysieren, ob sie mehr war, als Sex, ob sie genügen würde, zum Traualtar, zumindest bis dahin.
Jörg schlummerte noch. Sie betrachtete seinen Rücken, der halb frei lag, kaum bedeckt von der viel zu schmalen Decke. Er lag bäuchlings, recht entspannt, mit dem Gesicht zum Fenster, von ihr abgewandt. Schön, dachte sie, so schön, wie er dalag, in seiner Schönheit. Ach, sie schwafelte im Gedanken Geschwafeltes. Am liebsten hätte sie ihn berührt. Aber er würde sicherlich erwachen, sollte er doch weiter schlafen können, sagte sie sich, und sie schaute seinen Rücken, den Kopf, von der Seite, er hatte recht schmale Hände, fand sie und er atmet recht schwer, beim Schlafen, obwohl er ein Sportler ist.
Vor einer Woche hatten sie sich wieder getroffen, beim Angeln, es war wie beim ersten Mal, sie stellte komische Fragen, er wollte diplomatisch sein, was ihm kaum gelang. Irgend schien zu verhindern, daß sie sich nähern könnten, so schien es, bis bei ihr ein Fisch anbiß, sie sich versuchte, ihn ans Land zu hieven, und er dabei behilflich war, eine kapitale Plötze, aber immerhin, ein Fisch.
Endlich hatten sie ein Thema, um miteinader unbefangen reden zu können, und ein Wort ergab auf wunderbare Weise das andere, wie ein mathematisches Spiel, ein Spiel der Mathematik. Der Fisch war längst tot, als er sich über ihr Anglerglück immernoch lustig machte, und Mittags gab es, Nudeln mit Tomatensoße, der eine Fisch taugte wirklich nur zum Reden, mehr war an ihm nicht, längst war er zerredet, bevor er überhaupt hätte gegessen werden können, geschweige denn, mit dem Riechen hätte beginnen können.
Er sagte recht freundlich "Auf Wiedersehen", als er Nachmittags ging und sie sich verabredet hatten, für den nächsten Morgen zum Angeln. Sie angelten nun jeden Morgen miteinander und irgend lagen sie zusammen, und irgend war es wohl Liebe, aber es starben inzwischen viele Fische unter ihrer Liebe, Stück für Stück holten sie hervor, aus dem Bachlauf, sie lagen jetzt ausgenommen und gereinigt im Kühlschrank oder waren gebraten, gegessen, aber ihrer Liebe hatten sie geholfen, dennoch geholfen.
Jörg wachte langsam auf, schaute zu ihr, versuchte zu lächeln, während er sich die Augen ein wenig rieb, sie hatte sein Näherkommen erst gar nicht bemerkt, als seine Hand sie streichelte, und sie fühlte etwas mehr als nur Zuneigung, und als sie noch murmelten, "Guten Morgen", lagen sie schon beisammen, irgend verlegten sie sich und es war, ein guter Morgen.
Das Leben kann so einfach sein. Einfach nur leben. Sie genoß es. Einfach nur leben. Sie atmete auf. Einfach nur leben. Mein Gott, dachte sie, wo war ich die letzten Jahre, auf welchen Planeten? War ich abseits? Ganz abseits. Nicht da. Hier. Hier. Hier. Um zu lieben.
Sie wischte den Küchentisch ab. Er hatte mit dem Kaffee gekleckert, dann noch eine lustige Figur daraus gemacht, aus dem Fleck. Ein Mathematiker mit Sinn für Kreativität. Er schöpfte Zahlen und fand ein Männchen, kaffeefarben auf beiger Wachstuchdecke.
Und selbst damit, mit dieser Kinderei, versetzte er sie in eine Art von Euphorie, die sie lange nicht mehr in sich spürte, ja, sie wußte noch nicht einmal, wann sie das letzte Mal diese Euphorie in sich hatte, sie kannte lediglich dieses Gefühl von ständigem Frohsein. Frohsein über alles. Als wenn sie Antidepressiva geschluckt hätte, aber, sie hatte nichts geschluckt.
Alles Alte war ihr plötzlich so fern. Ihr Vater, der gerade erst verstorbene Vater, die Mutter, die Hütte, alles war so weit weg, Vorvergangenheit, wie totgeschaltete Gene, noch da, aber nicht mehr wirkend.
Sie wischte bereits zum vierten Mal den Tisch. Er war sauber. Längst sauber. Aber warum sollte sie ihn nicht wischen. Nichts verbat es ihr.
Es regnete. Nichts war trocken, im Draußen. Sie schaute kurz hinaus. Und, sie freute sich über den Regen. Eine tiefe Freude. Am liebsten wäre sie hinaus gegangen im Regen spazieren, sich drehen, mit dem Regen gehen, nass und, froh.
Hatte sie sich verliebt? Nein, sie war längst darüber hinaus, sie liebte. Es geschah längst mit ihr, ohne daß sie darauf hätte einwirken können und wenn Fortpflanzung geschehen kann, überhaupt noch geschehen kann, so muß es an diesem Wunder liegen.
Sie lächelte, und war dabei so wenig denkend, nur froh. Alles kam auf sie zu, sie mußte es nur noch auffangen. Und wenn er es nicht ist, dann keiner, sagte sie sich, und daß er es ist, das wußte sie, ja, das fühlte sie.
Als Jörg vom Plumpsklo kam, hatte sie längst alles aufgeräumt, es waren keine zehn Minuten her, als er ging, aber es waren ihre zehn Minuten gewesen, das Glück zu fühlen, es zu halten, wirklich in beiden Händen zu halten, als ob man Glück festhalten könnte, und sie war sich so sicher, daß man Glück festhalten kann, mit beiden Händen, daß sie es für sich festhielt, einfach festhielt, ganz fest.
Das Leben kann voller Überraschungen sein. Jörg wollte sie heiraten. Heike staunte.
"Heiraten", sagte er, "wäre doch richtig." Doch wäre heiraten wirklich richtig? Sie wollte ihn lieben, immer nur lieben, gut, und wenn Lieben auch heiraten bedeuten sollte, so hatte sie ihn längst geheiratet. Und sie würde bis zum Tod mit ihm zusammen leben, das würde sie dann wollen.
Der Himmel sandte keine Regentropfen mehr, es hörte auf zu regnen und die Sonne kam hervor, sie lachte, lachte lauthals, "Heiraten!, Gut, heiraten wir, gleich morgen, ja?".
Jörg versuchte sie zu küssen, während sie sich im Kreise drehte und er küßte sie, als sie zum Stehen kam, und ihr wurde schwindlig und er hielt sie, fest, ganz fest, mit beiden Händen, Armen, sie spürte seinen knochigen Körper, sie küßte ihn, und er schien glücklich.
Der Tag ging dahin, als kannte er ihr Glück nicht. Sie saßen in der Küche, sponnen Zukunft, erklärten sich zu Mann und Frau, gaben sich mit jedem Wort das -Ja-Wort, noch nie war ein Text gesprochen, der nur aus -Ja-Worten bestand oder, jedes Paar hat solch einen Text schon irgend in seinem Leben gesprochen, sofern es liebte.
Die Zukunft kann so schön sein, kommt sie als Plan daher. Eine Zukunft wie für das Paradies gemacht, lebenssüß, weltvergessen, und doch, auch auf das Diesseits bezogen, denn ihr Plan ist ein endlicher, höchstens über seine Kinder würde man fortleben, aber was heißt das schon, Spender des Lebens zu sein, es gilt den Kindern doch nur das eigene Leben und leben sie ihr eigenes Leben, so haben sie schon alles getan um ihren Eltern das ewige Leben zu gewähren.
Heike schaute den Himmel während Jörg bei ihr lag. Sie schaute den Himmel. Sie schaute den Himmel. Jörg lächelte, als er es tat und sie versuchte, es auszukosten, so lange es eben ging und als es nicht mehr ging, da war ihr froh, denn sie wußte, es würde noch viele Male geben und sie würde immer wieder den Himmel kosten dürfen, tausend Geigen und ein Schelm, der dabei an Kitsch denkt und tausend Geigen, und tausend Geigen, ja, es war, und es ist, und es wird sein. Sie pupste, aber ihm kümmerte es nicht, sie lächelte, das Leben kann so einfach und so schön sein.
Das Morgen läßt manchmal auf sich warten. Es erscheint nicht immer gleich morgen, sondern auch mal später oder auch gar nicht, das Morgen, der Plan der Zukunft. Wird es Zukunft geben? Sie war dafür. Er war dafür. Jörg und Heike, hatten sie in einen Baum geritzt, gleich neben ihrer Angelstelle. Jörg und Heike, würden Zukunft haben, schon, weil der Baum Zukunft haben würde.
Sie wollten heiraten und sie würden heiraten, nicht gleich morgen, so wie sie es sich gedacht hatten, nein, es wartete die Bürokratie lieber ein Weilchen auf sie, ließ sie warten, denn dieses Ja sollte überlegt sein, auch würden Unterschriften gesetzt und Ringe übergestreift, geküßt, geherzt, gefeiert. Jörgs Eltern wußten noch nichts von alledem. Aber sie sollten heute kommen, zur Hütte. Jörg und Heike versuchten sie deshalb glänzend zu machen.
Jörg übertraf sich beinahe beim Putzen, holte noch den kleinsten Krümel vom alten Dielenfußboden, ließ kein Stäubchen zurück und Heike versuchte sich am Backen, legte all ihr Talent in einen Abgeriebenen, dazu noch Liebe, man muß mit Liebe backen, sagte ihre Mutter stets, wenn Heike nach einem Rezept fragte. Kuchen gelingt nur mit Liebe, viel Liebe, sagte sie und lächelte verschmitzt. Warum das so sei, fragte sie ihre Mutter, als sie noch jung genug für diese Frage war. Weil die Milch sonst gerinnt, antwortete sie lächelnd. Ja, weil die Milch sonst gerinnt. Denn sie fühlt ganz genau, ob sie mit Liebe behandelt wird.
Heike lächelte, während sie die Milch ganz langsam zum Mehl dazu gab. Ganz langsam, ganz behutsam. Und alles mit einem hölzernen Löffel rührte, mit dem Löffel, den sie ewig kannte, dem Backlöffel, ein recht großer, stabiler Löffel, er mochte den Teig so richtig rühren, so wie es sein muß, soll alles miteinader harmonieren, ja, soll letztendlich alles ein wenig Blasen schlagen, und dann, dann, wenn der Teig zu reden beginnt, ihre Mutter sagte stets, schau, Heike, der Teig redet mit uns, er will nun gebacken werden, und Heike schaute ungläubig, bis sie die Blasen sah, die sich am Löffel vorbeischoben, gute, schöne Blasen.
Der Teig redete wieder, Heike lächelte, und schaute zum Fenster hinaus, Jörg harkte gerade den Hof, die Hühner hatte er längst weggesperrt, sie krakelten ein wenig ob ihrer plötzlichen Gefangennahme, aber Ordnung muß sein, auch wenn es eine erzwungene ist. Gestern hatte er bereits den Torpfosten repariert, war beim Baumarkt ein neues Holz zu holen, dann sägte und hämmerte er. Heike sah es gerne. Ein Multitalent. Vermochte zu rechnen, zu fischen und zu nageln, was will man mehr, mehr benötigt kein Glück, fand Heike.
Zum Glück war ihr die erste Frohheit längst entschwunden, sie glaubte ihr nicht recht, weil sie sich durch sie am Denken gehindert fühlte. Sie wollte das Echte, das Wirkliche ergründen. Würden sie auch ohne Dauerfrohsein zueinander passen und wenn nicht passen, so zumindest einander gehören, ja, gab es da mehr, als den ersten Augenblick, auch wenn der erste Augenblick Wochen andauerte.
Sie schaute zum nahen Wald, er hatte sich bunt gefärbt, es würde Herbst werden oder es war längst Herbst, Jörg würde nach Berlin zurück müssen, zum Studium. Sie wollte ihm folgen, aber sie wußte noch nicht, was sie in dem Berlin sollte, für die Bewerbung um ein Studienplatz war Jörg zu spät gekommen, die Fristen längst abgelaufen, sie würde frühestens im April beginnen können, mit Germanistik oder womöglich Kriminalistik oder Journalsitik. Sie mochte alle Studienfächer, die mit "istik" endeten, sie wußte auch nicht, warum, aber so war es.
Vor drei Tagen hatten sie ein längeres Gespräch, es ging um Kinder und Kinderfolgen, er redete nüchtern, ein rechter Mathematiker, sie eher aufgewühlt, alles drehte sich in ihr, er wollte zehn Kinder, sie sollten aber nicht in Berlin aufwachsen, sie wollte, ach, sie wußte nicht, was sie wollte, erst einmal wollte sie sich ausbilden, in irgend einem istik-Fach, dann wollte sie ergründen, was sie wollte. Warum bekommen Männer keine Kinder, fragte sie ihn, er sagte, weil sie dann keine Männer seien, sondern Frauen.
Es wird für das Retortenbaby Zeit, sagte sie, kann doch nicht allzu schwer sein, das wäre der einzige Wege, sich über die Biologie des Menschseins hinweg setzen zu können. Er lächelte. Sie fand sein Lächeln recht unangenehm. Zehn Kinder will er, das kann doch nur ein Scherz sein. Er lächelte. Nein, das war sein ernst. Sie würde diese Last tragen müssen, diese Last, ihn enttäuschen zu müssen. Er lächelte, bevor er den Besen zum Schuppen brachte, sie lächelte zurück, ein aufmunterndes Lächeln, seine Eltern würden gleich kommen.
Zum Glück gibt es Rituale, dachte Heike, als sie ihre Schwiegereltern begrüßte. Zum Glück gibt es Rituale, dachten die Schwiegereltern, als sie freundlich ihre Hand nahmen. Zum Glück gibt es mich, dachte Jörg, während er versuchte, zwischen Eltern und Heike zu vermitteln.
Das Leben kennt Rituale, weil es nur so zu leben ist. Die Kaffeetafel ist so ein Ritual, sagte sich Heike. Zum Glück gibt es die Kaffeetafel, diese Tafel der Glückseligkeit. Jeder mag sich Kuchen nehmen, dazu Kaffee oder auch Tee oder Milch mit Kaffee, ein Gefühl der Geborgenheit, ein, das kenne-ich-Gefühl. Hier fühle ich mich wohl.
Die Eltern ließen ihre Augen schweifen, sahen das große Wohnzimmer, es müffelte ein wenig nach altem Holz und frischem Reinigungsmittel, die Tapeten schienen von Vorvorgestern, dazu eine Couch und der Eßtisch, dort, an ihm saßen sie nun, und schauten sich, den Kuchen, das Zimmer, sagten zunächst nichts, versuchten zu lächeln, versuchten sich gut einzufügen in das neue Alte, ja, versuchten zu leben.
"Wie habt ihr euch denn kennengelernt", wollte der Vater wissen, ein recht grober Mensch, der dennoch feinsinnig sprach, er war Professor an einer Uni, hatte Jörg gesagt, ohne das Fach zu nennen.
"Beim Angeln", sagte Jörg.
"Wir kannten uns aber schon von der Schule her, jedenfalls entfernt."
"Ach, dann bist du die Heike, von der er immer erzählt hat."
"Das hast du mir ja noch gar nicht gesagt."
"Was"
"Na das"
"Er hat schon immer für dich geschwärmt, ich darf doch Du zu ihnen sagen?", fragte die Mutter mit leichter Ironie.
"Das freut mich, ich bin Heike."
"Du kannst mich Mimi nennen, alle nennen mich Mimi.", sie lächelte, und Heike lächelte.
"Mich kannst du Jörg nennen, Heike.", versuchte der Vater sich ein Du abzuringen.
"Gut, dann Jörg, Jörg Senior."
Die Kaffeetafel hielt, was sie versprach, der Abgeriebene schmeckte, so wie er schmecken mußte, unaufdringlich nach ein wenig Butter, Vanille, Zitrone, dazu schön saftig. Er war beinahe zu perfekt gelungen, als daß er geliebt werden könnte.
Und als die Eltern weg waren, gegangen, nachdem sie das Paar gleich morgen zum Mittagessen einluden, lächelte Jörg, und Heike lächelte, sie versuchten sich zu lieben, aber es artete in Sex, blankem Sex aus, gleich auf der Kaffeetafel, ein Teil des guten Porzellans zerbrach, während sie im Genuß ihrer beiden Körper verharrten, versuchten, mehr zu finden, als das, was sie fanden.
Endlos zieht das Leben dahin bis es endlich zu Ende ist, aber davon wollte Heike noch nichts wissen, nein, sie dachte noch nicht einmal dieses, obwohl sie ihr Leben bereits aufs Ende hin organisierte. Sie würde bald heiraten, dann Kinder, studieren wohl auch, draußen krähte der Hahn, während sie im Bett lag und tagträumte.
Jörg war letzte Woche nach Berlin gefahren, Semesterbeginn, dazu passend zogen sich die Bäume aus, nackend würden sie bald dastehen, lediglich vom Wind umgeben, auch ein wenig Schnee im Winter dazu all die Normalheit ihrer Nacktheit. Der Sex war gut. Ihr letzter Sex vor der Abreise. Jörg küßte sie noch am Zug, bevor er fortfuhr.
Erste Nachrichten erhalten, stellte sie bald darauf für sich fest, ein Liebesgedicht:
Auch wenn ich dich nicht sehe
fernab von dir lebe
so sollst du doch bei mir sein
niemals zu zweit allein.
Kitsch Kitsch Kitsch, aber schöner Kitsch, dachte sie, während sie ein zwei Tränen verlor, die auf den Boden fielen, vor den Füßen der Hühner, die gackerten, als hätten sie jedes Wort verstanden. Dummes Federvieh, sagte sich Heike, während sie schmunzelte.
Das Mittagessen bei den Schwiegereltern war grandios verlaufen. Das Essen schmeckte, japanische Hühnersuppe, sagte jedenfalls der Vater, und der ist schließlich so etwas wie ein Japankundiger, so sagte es ihr jedenfalls Jörg. Die japanische.Hühnersuppe schmeckte wie die deutsche Hühnersuppe, was sie nicht besonders wunderte, denn Huhn bleibt schließlich Huhn, egal, in welchen Suppentopf es nun sein Leben beschließt.
Die Schwiegereltern waren ausgesprochen nett und taktvoll, man unterhielt sich über Musik und Literatur und über Nachbars Schweinestall, munter wechselten die Themen, das Landleben kann eben selbst für einen Intellektuellen Überraschungen bieten. Den Schweinestallbesitzer würden sie gerne verklagen, aber wenn sie ihn verklagten, dann könnten sie gleich dazu das Dorfleben verklagen, sagte Mimi lächelnd, während sie das Fenster schloß.
Nein, sie waren nicht verärgert, über das Landleben, eigentlich genossen sie es, und alles was sie scheinbar verärgerte, das nahmen sie zum Thema ihres gutmütigen Spotts. Sie selbst erschienen dennoch wie ein fremdes Ding im Dorf, obwohl sie sich einfügten, rein baulich jedenfalls, indem sie ein altes, zuvor jahrelang verlassenes Bauernhaus wieder bewohnbar machten, ja, keine einfache Villa in diese Gegend klotzten, sondern lieber das Alte erhielten, auch wenn sie vom Alten keine Ahnung hatten, jedenfalls nahm der Nachbar lieber mit der Moderne vorlieb, gleich neben seinem Schweinestall hatte er sich ein Haus aus Stahl und Glas bauen lassen.
Zuletzt redeten sie noch über die Zukunft. Jörg erzählte von zehn Kindern während sie vom Studium erzählte und ihre Schwiegereltern lächelten dabei, schauten ihren Sohn jedoch ins Gewissen, als dieser wirklich immer wieder von seinem Kinderwunsch erzählte, sollte er doch Kindergärtner werden, sagte sein Vater verschmitzt, Jörg tat beleidigt, bevor sie beide lachten.
Er, Jörg, ist nun schon drei Wochen fort. Sie kniete im Hühnerstall, ihn zu säubern, vom Unrat der letzten Tage, Hühner sind saubere Tiere, aber doch eben nur Tiere, was sie als stubenrein empfinden, das muß der Mensch noch lange nicht akzeptieren.
Die Sonne schien, das Laub der Bäume fiel und unten, auf der Erde, bildete sich bereits ein zentimeterhoher Teppich des Laubes. Die Welt schien bunt, das Laub wollte es so, und sie ging nun den Weg des Bachlaufes, sie ging, schob dabei das Laub auseinander, Kinderspaß, das Laub zu stieben, es zu werfen, mit den Füßen überall hin, zu sehen, ob es raschelt und Neugier, was sich unter ihm verbirgt, das Leben, das Leben tausender Insekten, Staub von Staub und ein Weg, getreten von den Füßen der Menschen, jahrhundertelang, nicht ermattend, immer wieder sich zeigend, der Natur, sie zu zwingen, den, den einen Weg aufzwingend.
Sie versuchte sich zu erfreuen, an all das Umgebende und sie kam damit voran, lenkte sich ab, ließ keine Gedanken aufkommen, die anderes wollten, Leid und Dumpfheit. Nein, sie sah die Natur und als sie sie sah, war sie mit sich eins, welch große Worte für das Gehen eines Herbstweges, und sie dachte diese Worte auch nicht, sie dachte gar nicht, sie ging einfach dahin und ließ sich mitziehen, von der Sinnlichkeit des Augenblicks.
Jörg wollte nächstes Wochenende zurück kommen und sie sollte unbedingt nach Berlin kommen, Ihr juckte ein Pickel, am Hals, als sie an Berlin dachte. Zu groß war ihr die Stadt, vor einigen Jahre besuchte sie Berlin, das Übliche, Pergamonmuseum, Fernsehturm, das KadeWe und Kultur im Prenzlauer Berg, dazu ein Theaterabend am BE, es ging um irgend welche Hosen, genau, um den Einkauf von Hosen, hätten sie doch einen Rock gekauft, sie wäre um einiges interessierter gewesen, so interessierte sich nur ihr Vater und komischerweise auch ihre Mutter.
Der Weg langte an das Grabmal ihrer Mutter an, Eleonore, ein Begriff der Unwirklichkeit, ihr war es gar nicht so aufgefallen, daß es ein komischer Name ist, aber Jörg, Jörg staunte über den Namen und als er staunte, sagte sie, Jörg sei auch ein komischer Name und als sie das sagte, befand sie sich bereits in seinen Armen, seinen komischen Armen.
Kein Schmetterling flog mehr. Der Herbst hatte sie zu Raupen verwandelt, geschützt in Kokons, allein auf das Frühjahr, den Sommer wartend.
Hauptbahnhof Berlin, Ankunft, Jörg wartete, als sie mit der S-Bahn einfuhr. Großstadtgetümmel, überall Tauben, sie flogen am Himmel und watschelten auf dem Bahnsteig, auf dem fast menschenleerem Bahnsteig.
"Wie war die Fahrt."
Jörg küßte sie, nahm seine kalten Hände dabei hoch, um sie zu umarmen, und sie versuchte etwas zu sagen, zumindest "Guten Tag", aber mit zwei Zungen im Mund spricht man nicht. Als sich sein Unten wölbte, sie es ganz genau bemerkte, da genau dort ein Schenkel von ihr saß, rein zufällig, fühlte sie sich geschmeichelt und auch, ein wenig verstört.
"Jörg!", sie löste sich von ihm.
"Was?",
"Das!"
"Versprich mir, hier, hoch und heilig, daß du mich nie wieder verlassen wirst."
"Was?"
"Ja, versprich es."
"Du, du bist mir einfach zu unverschämt."
Sie rannte ein Stück, ließ sogar ihre Tasche zurück, Jörg rannte ihr hinterher, nahm ihre Tasche auf. "Du, ich meine es ernst."
Sie gingen eiligen Schrittes weiter, immer weiter, vor dem Bahnhof hatte Jörg sein Auto stehen, ein alter Passat, Studentenwagen, sagte er, als müsse er dieses Vehikel begründen, nein, er mußte nichts begründen, die Sonne schien und sie fuhren durch die Stadt, scheinbar planlos, denn sie konnte keine Richtung erkennen, bis sie vor einer Berliner Mietskaserne im alten Prenzlauer Berg zum Stehen kamen, er habe hier sein Zimmer, WG, und so, Heike tat interessiert, obwohl sie lieber mit ihm allein gewesen wäre, geblieben wäre. Die anderen zwei kämen erst am Montag wieder, sagte er wie nebenbei.
Heike atmete auf, sie würde ein Wochenende mit ihm allein verbringen können. Im Hausflur roch es muffig, sogar ein wenig nach Urin, als hätte vor nicht allzu vielen Stunden ein halb Betrunkener mit diesem Flur gerade noch ein innerstädtisches Straßenklo ausfindig gemacht. Er wohnte in der zweiten Etage, recht ordentlich, für eine Männer-WG, fast zu ordentlich für eine richtige Männer-WG, aber wo gibt es schon noch richtige Männer?
Heike lächelte über Sisal und Hochbetten, abgezogene Dielen und Hochbetten, das ganze Programm eben, IKEA stand auch überall herum, auch hatte sich jemand als Zeichner versucht, erste Farbkleckse auf Leinwand verloren, Untertitel, "LUST", in gotischen Buchstaben. Heike versuchte zu lächeln während sie etwas von Kunst sagte und Jörg meinte, dies sei übrig geblieben, von seinem Vorgänger, ein Informatiker mit Künstler-Gen.
Jörg öffnete sein Zimmer, Ankunft, sie legte sich hin, auf das Hochbett und sah zu ihm, während er aufs Klo ging, Heike stand auf, setzte sich an seinen Schreibtisch und sah von diesem auf den Hof, drei Mülltonnen, ein wenig Asphalt, leere Fenster, mit grünen Töpfen dekoriert, auch ein halbnackter Mann und eine Taube, die sich im Hof verirrt hatte. Ankunft.
"Sechs mal Sechs ist sechsunddreißig, alle Buben sind so fleißig ..."
"Alle?"
"Ja, wirklich alle."
"Ich dachte, ich allein sei fleißig."
Sie lag auf dem Bauch, schaute vom Hochbett zum Fenster, lächelte, schaute ein wenig des blauen Himmels, darunter die Hauswand, in grau. Jörg saß auf dem Hochbett mit angewinkelten Beinen, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, an der die Rauhfasertapete hing, vom Vorgänger, wie er ihr sagte. Er schaute nur sie, wie sie dalag und schaute.
Frauen sind die besseren Seher, sie sehen mehr, als nur das vor ihnen liegende und Männer sind so viel mehr für den Augenblick geschaffen, schauen immer das vor ihnen Liegende zuerst.
"Was wäre, wenn ich zu dir zöge?", sie fragte es leicht aufgeregt, so als wenn sie eine Absage erhalten könnte, aber er hatte doch längst gesagt, gleich auf dem Hauptbahnhof, Berlins neuem gigantischen Hauptbahnhof, daß sie bleiben solle, könne, müsse.
Jörg versuchte sie zu küssen, während sie vom Bett sprang, er lächelte und sprang hinterher, die Dielen gaben ein wenig Laut, ansonsten Ruhe, während sie sich küßten, allein das Jaulen einer Katze drang zu ihnen, vom Hof her, durch das geöffnete Fenster, sie wird doch nicht neidig gewesen sein?
"Hab ich doch gesagt, daß du bleibst."
Sie lagen auf dem Dielenfußboden, Jörg hatte gerade die Bettdecke vom Hochbett geholt.
"Und wenn ich bliebe, wo sollte ich dann schlafen?"
"Hier, natürlich hier, bei mir, vorerst, wir können uns ja eine kleine Wohnung suchen, nur wir zwei, ganz allein."
Ihre Augen schauten ihn, während ihre Hände sein Gesicht berührten und er die Bettdecke als störend empfand, während alles doch ein großes Durcheinander war und alles doch ein Einander war, sie hatte ihn wohl verführt oder er sie, egal, sie hatten sich auf den Dielenfußboden geführt, während im Flur die Wohnungstür aufging und einer der Mitbewohner Jörgs Zimmertür öffnete, es war Montag früh um sieben, eigentlich wollte Heike längst wieder im Zug sitzen, aber sie war geblieben, Jörgs Tür schloß sich wieder, während sie sich weiter schauten.
Tausend Tränen weinen
sie möchten dich ereilen
ich wollt, ich wär dein Schatz
an deines Herzen Platz.
Er schreibt immer so gut. Sie weinte, während sie den Brief immer und immer wieder las. Bereits sechs Wochen hatten sie sich nicht mehr gesehen, da kam ihr jedes auch noch so kitschige Gedicht recht und womöglich war es gar kein Kitsch, sondern Kunst oder zumindest kunstvoller Kitsch.
Das alles dachte sie nicht, zu tief empfand sie das Alleinsein, welches nur durch die täglich eintreffenden Briefe unterbrochen war. Sie wußte auch nicht recht, warum sie damals abreiste. Wollte sie den Beginn des Winters zu Hause erleben? Zu Hause, wo Schnee und ihre Spuren im Schnee nicht verwischen durch andere Spuren, nur durch neu herabfallenden Schnee oder durch einen warmen Tag an dem sich die ein zwei Zentimeter Schnee, diese hauchdünne weiße Decke von ein zwei Zentimeter Schnee wieder auflösten?
Sie blieb noch eine Woche bei ihm, aber sie fühlte sich dabei nicht wohl, ein Gefühl, in dem Frohsein war aber doch auch wieder nicht, es war im Grunde Angst. Die blanke Angst. Oder war es nur Furcht oder Neid? Ein Gefühl des Neides. Nur, wer Angst um sein Ich hat, kann überhaupt Neid empfinden. Darüber, daß er studierte und sie dazu verdammt war, im WG-Zimmer zu hocken oder auch die touristischen Höhepunkte Berlins zu erleben.
Einmal war sie mitgegangen zu einer mathematischen Vorlesung, zur Humboldt-Uni. Sie fuhren mit dem Bus die Straße unter den Linden direkt bis zum Universitätsgebäude. Die Humboldts grüßten rechts und links vom Sockel, davor Büchertische mit gebrauchten Büchern und dahinter, hinter einem großen metallenen Zierzaun der U-förmige Eingangsbereich, drei Etagen hoch, Sandstein und Putz. Sie gingen an ein Denkmal vorbei, Helmholtz, ein Mathematiker, wohl, früher jedenfalls, jetzt ein Denkmal, von der Seite grüßt mit ironischem Lächeln Mommsen, er hat sich lieber ein stilles Örtchen auf der Wiese ausgesucht.
Die großen hölzernen Türen öffneten sich, dahinter der helle von Pfeilern gehaltene Vorraum, hinter dem Vorraum die Showtreppe, dort ging es zum Senatssaal hinauf, dem Saal für die besonderen Anlässe, rechts und links vom Vorraum Gänge, die zu anderen Gängen führten und so wurden die Gehenden gegängelt, so weit diese Ableitung sprachlichen Sinn macht.
Schon beim Hineingehen fühlte sie so etwas wie Angst oder war es Neid, egal, sie ging mit ihm, setzte sich brav in den Hörsaal, hörte mit, und so war sie plötzlich eine Hörerin. Jörg war recht stolz auf das, was er ihr zeigen konnte und dann ging es noch ins Berliner Nachtleben, die Hackeschen Höfe, obwohl Jörg lieber nach Friedrichshain wollte, in eine studentische Restauration.
Sie liebten sich noch mehrmals, und sie liebte ihn auch so, und sie wollte bleiben, aber es ging nicht, sang es aus dem Radio, nein, es ging wirklich nicht, sie fand sich plötzlich im Zug wieder, hatte noch einen Brief geschrieben, was sollte sie in Berlin, Hausmädchen spielen?
Und sollten wir uns wiedersehen
ich wollt, es würde uns zu zweit geben
und sollten wir uns wiedersehen
ich wollt, du würdest mit mir leben.
Sie schluchzte während sie vom Briefkasten zur Hütte ging, der Schnee begann zu tauen, sie lief durch den Matsch und in den Ästen der Bäume wehte der Wind, versuchte eine Melodie anzustimmen, sie weinte und sie wußte nicht so recht, warum.
Bald würde Weihnachten sein, sie hatte sich für die Humboldt-Uni beworben, Germanistik, sie mochte Heine, nein, sie mochte ihren damaligen Deutschlehrer, der wie Heine aussah und so bewarb sie sich für Germanistik, nein, sie hatte bereits eine Stelle in Aussicht, als Lektorin, eine Freundin meinte, sie könne sie unterbringen, dort, in diesem Geschäft und wenn nicht, nicht? Um dieser Frage und letztendlich der in der Zukunft liegenden Antwort aus dem Wege gehen zu können, hatte sie zudem ein Lehramtstudiengang gewählt.
Gestern schrieb sie das Geschehene Jörg, mit stolzen aufrechten Buchstaben, nicht mehr so geduckt, geknickt, denn sie würde jetzt auch studieren, sogar an der gleichen Uni, so hoffte sie und Jörg sollte es wissen. Sieben Wochen hatte sie ihn nicht mehr gesehen, er könnte sich total verändert haben, dachte sie, womöglich hatte er eine andere gefunden, sie wollte zu ihm fahren, aber sie wollte das Ergebnis ihrer Bewerbung abwarten und dann gleich, als quasi Gasthörer, die ersten Vorlesungen besuchen, das Studieren studieren, damit sie sich nachher auskennen würde.
Die Hütte lag im morgendlichen Nebel, sie lag im Bett und hatte gerade geträumt, sie habe sich für die Uni beworben. Sie erschrak, bevor sie ein zwei Tränen hinunterwürgte. Sie hatte sich nicht beworben. Und sollte sie es nicht tun? War es nicht so, daß sie es tun müßte, jetzt und sofort?
Germanistik, ein Fingerzeig Gottes, wenn Gott sprach, spricht, sprechen würde, dann doch wohl in der Sprache Heines, auch wenn Heine sie nicht sprach, so wie sie Gott dereinst sprach. Der Hahn krähte und sie drehte sich noch einmal um, schaute durch das Fenster in den Nebel, während sie ihren Körper fühlte, wie er sich unter der Decke, unter der weichen Daunendecke dem Wohlfühlen hingab.
Sie würde Jörg schreiben müssen, so sagte sie es sich, während sie den Hühnerstall ausmistete. Wie bewirbt man sich am besten, das müßte er doch wissen, wenn nicht er, wer dann? Die Hühner gackerten im Stall, draußen lauerte das gefahrenvolle Leben, dort drinnen mochten sie in Ruhe gebären, in heimeliger Stallatmosphäre, Weihnachten war bald, und sie brauchte Eier, für den Kuchen, auch für Oblaten, sie hatte ein Rezept ihrer Mutter gefunden, das wollte sie ausprobieren.
Als die Sonne unterging, war der Tag noch lange nicht zu Ende, Schneekrümel fielen vom Himmel, Heike sah ihnen beim Tanzen zu und versuchte einen wohlüberlegten Brief zu verfassen, ganz ohne Fehler, sonst würde er sicherlich nur lachen, eine Germanistin, die Herumfehlerte, egal, sie bildete kurze Sätze, das erspart die falschen Kommata, dazu nur bekannte Wörter, und als letzten Gruß, ihr Name, auf das Herz verzichtete sie, jetzt, wo sie sich auf dem Wege zu einem ernsthaften Leben befand.
Ein lausiger Tag zum Warten. Zu viel tat sich auf. Die Sonne schien und ließ die Welt in einem rötlichen Licht erscheinen. Wie eine Traumwelt. Abolut surreal. Nein, real, aber man nennt diese Realität wohl surreal. Heike wartete auf Antwort.
Die Hütte lag wie immer da im Bett der Natur und sie stand am Brunnen, Wasser zu holen, ein zwei Hühner hatten sich an ihre Seite verirrt, sie wollten wohl Futter, nein, das bekamen sie erst in zwei Stunden, schließlich sollten sie nicht fett werden, sie mochte keine fetten Hühner, sie sollten und mußten athletisch sein, nur so würden sie ordentlich Eier legen können.
Gestern war Maria da, brachte ein Brot mit. Heike lächelte, versuchte etwas zu sagen, Maria entschuldigte sich, wie oft hatte sie sich bereits entschuldigt, für ihren Mann entschuldigt? Aufbrodelnde Gefühle. Er war tod, der Vater, tod, da halfen keine Entschuldigungen. Und warum sollte gerade Maria, die doch quasi auch ein Opfer war, sich entschuldigen.
Maria kam mit roter Schürze, darauf weiße Flecke, sah recht nett aus. Heike verwundert. Maria sagte, sie habe Geburtstag gehabt. Heike gratulierte. Gedanken ganz woanders. Jörg. Wo war er. Was war er. Warum war er. Alles durcheinander. Warum rief er nicht an, oder zumindest ein Brief, das wäre es doch gewesen, ein Brief. Sie würde nach Berlin fahren müssen, zu ihm. Maria verabschiedete sich.
Heike versuchte die Zeit an sich vorbei gehen zu lassen. Dachte an Maria, nochmals Maria. Hatte sie das Gratulieren nicht aus Versehen vergessen? Entschuldigung? Sie war geladen, zur Feier, am Sonnabend, heute war Freitag. Sie würde ein Geschenk mitnehmen. Dazu eine Entschuldigung, vorbeugend, wie eine Grippeschutzimpfung. Vorgestern erst Tamiflur gekauft. Waren die letzten Tabletten. Könnte sie ja verschenken. Maria. Vielleicht.
Der Postmann kam, er radelte heran. Sie grüßte. Er grüßte. Ein Brief? Nein, nur Werbung. Aber womöglich morgen, morgen könnte es sein. Heike lächelte. Der Postmann verliebte sich augenblicklich. Sie lächelte nicht mehr. Zu viel Lächeln kann falsche Gedanken erzeugen. Sie blickte finster. Der Postmann lächelte, womöglich hatte sie ihn bereits entzündet, nachher, im Haus, Kaffee und Werbung, Fließdecke für 19,90, von Tschibo. Die berühmte Tschibodecke.
Wenn er nicht kommt, komme ich zu ihm. Sie konnte wieder lächeln. Ja, die einfachen Gedanken sind es manchmal, die einen auf bessere Gedanken bringen. Der Kaffee schmeckte, die Tschibodecke würde warten müssen, sie wollte Jörg besuchen, keine Zeit für Einkäufe, die Sonne ging unter und der Hahn krähte. Das Bett war weich und kalt, sie schlief ein und lächelte.
War sie zu früh zu spät? Das Wohnzimmer leer, nur Möbel. Draufzu eine Couch mit großformatigem Blumenstoff bezogen, Rosen, hell, freundlich, plüschig, darauf, auf der Rückenlehne, Teddys, alle möglichen Variationen von Teddys, darüber ein Poster, New York, nachts. New York schaut nachts ganz anders aus, nicht so kitschig, dachte Heike, egal, links eine Anrichte, hübsches Imitat aus Kirschbaumholz, darauf Deckchen und Väschen und ein Bild, von ihm, ihrem Mann.
Heike schaute nach rechts, rechts das Fenster, groß, und mit einer Tür, davor die Terasse, Betonsteine, rot, Töpfe mit Blumen und Stühle, Metall, der neueste Schrei, Bauhausimitat, sicherlich. Ach ja, den Fernseher hätte sie beinahe übersehen, an der Wand, über der Anrichte, Großformat in LCD, Heike staunte.
Es paßte alles irgend nicht ganz zusammen, aber womöglich ist es ja gerade das, was zusammenpaßt, das Unpassende, der neue Trend, kopflos, geheimnislos, allen Menschen Gleichheit bringend, das Genie der Raumkultur bleibt unerkannt, alle richten sich ein, wie es gerade kommt.
"Bin ich zu früh?"
"Nein, Kind, ich wollte, daß du ein bißchen früher da bist, vor den anderen Gästen.", antwortete Maria, die in einem bunten Stoff mit riesigen Rosen gehüllt war, dazu einen Hut trug, mit einer Nelke dran, Schuhe vom Wochenmarkt, Hausschuhe nach alter Hausfrauenart.
Der Tisch war bereits mit Tellern und Tassen belegt, auch dort Rosen über Rosen, das neue Rosenzeitalter, das Rososo, mußte hier ausgebrochen sein.
"Ich liebe Rosen,", sagte Maria, "willst du meine Rosen im Garten sehen, sie sind wunderschön."
Heike war sofort einverstanden, sie ging mit Maria in den Garten, alle möglichen Rosen zu schauen, die Hauswand mit letzten Kletterrosen zugehangen, ein Duft ausströmend, der angenehm war, nicht allzu schwer, etwas süßlich, rechts von der Terrasse Rosen über Rosen, den ganzen Weg entlang, der zu einem kleinen Teich führte, Seerosen bergend, auf der Wasserfläche liegend. Der Winter hatte erst angeklopft, die Rosen schauten wohl gerade weg, nur zu sich, zu sich, Schönheit macht für sich eingenommen, wohl.
"Weißt du, dein Vater war ein ganz besonderer Mensch. Ich war sehr oft mit ihm zusammen gewesen, vor dem, du weißt schon."
"Ja, das war er.", Heike versuchte nicht zu weinen, beugte sich zu einer rosafarbenen Rose, die sich wie selbstgepflanzt am Wegesrand befand, sie zu riechen.
"Ja, das war er, wußtest du eigentlich, daß er letztes Jahr beinahe an einer Lungenentzündung gestorben wäre, der Dumme, wollte Füchse jagen, und dabei hatte er sich erkältet, die Lunge, sie war wohl bereits leicht angegriffen gewesen."
"Ich weiß so wenig von ihm.", Heike weinte, leise, ein Taschentuch, von Maria, sie schaute zum Himmel.
"Ich hab deine Briefe aus Amerika noch, ich hab ganz vergessen, sie dir zu geben."
"Ich hab sie schon gesucht. Er, ich dachte, er hätte sie weggeworfen, ungelesen."
"Nein, er hat sie geöffnet, er hat sogar einiges auf ihnen geschrieben, schwer zu entziffern, stell dir vor, die ganzen Rückseiten hat er beschrieben."
"Er hat nie geantwortet."
"Ach, die ersten Gäste kommen, Heike, ich geb sie dir nachher, die Briefe, ja."
Vom Garten aus konnte man die ersten Gäste sehen, wie sie kamen, Heike war es recht, sollten sie kommen, feiern, feiern, feiern, wo blieb bloß Jörg, sie schaute nach den Gästen und lächelte über ihre blöde Neugierde.
War er das, hatte er das geschrieben? Und mit dem "er" meinte sie ihren Vater. "Vom Aufhören des Denkens", stand dort am Beginn, auf den Rückseiten ihrer Briefe. Sie war gerade zurück, von Marias Geburtstag, Kaffee und Kuchen; zum Ende hin, Gebratenes und Gekochtes, Schnaps, Bier, Likör, Sekt, sie mußte gehen, sonst hätte sie sich übergeben. Maria gab ihr zum Abschied die Briefe. Alles in einem alten Briefumschlag, bauchig, schmierig, auf ihm war eine Briefmarke, abgestempelt, noch mit DM-Betrag, die gute alte Zeit, DM-Zeit, die Zeit, die Wunden schlägt, bis zum heutigen Tage Wunden schlägt, als sei sie nicht zur Ruhe gekommen.
Sie schaltete die große Küchenlampe ein, die kleine Lampe am Tisch genügte ihr nicht. Sie wollte alles sofort sehen. Die Briefe rochen nach ihrem Vater. Sein Schweiß hatte sich im Papier verfangen, als er diese Zeilen schrieb. Oben rechts immer die Seitenzahl, klein geschrieben, kaum zu erkennen, so wie alles sehr klein geschrieben war. Sie sortierte die Briefe, die Seitenzahlen stimmten mit der Reihenfolge ihrer Briefe nicht überein, sie waren wild durcheinander beschrieben, als hätte ihr Vater keine Acht darauf gehabt, nur sein Schreiben hatte ihn wohl interessiert.
Sie las:
"Als die Welt noch nicht bestand, in einer Zeit, als es nur den Gedanken gab, nichts als den Gedanken, da sollte es so sein, daß sich die Gedanken manifestieren wollten. Eine Schnapsidee, sicherlich, aber so entstand die heutige Welt. Alles, was sonst nur Gedanke war, wurde plötzlich Wirklichkeit. Eine Wirklichkeit voller Gedanken. Diese Zeit war höchst amüsant, denn alle Gedanken mochten sich zuerst frei manifestieren. So war keine Ordnung zu erkennen, alles war Unordnung, die perfekte Unordnung, denn selbst eine zufällige Ordnung war Ausdruck dieser Unordnung.
Und während sich die Gedanken manifestierten, begann die Zeit zu wirken, es entstand der Raum. Jetzt hatten die Gedanken den Raum, und der Raum hatte sie. Die Zeit, als unabdingliches Teil einer jeden Manifestation. Und die Zeit ging und ging und ging und die Manifestation der Gedanken schritt mit ihr voran, die Erde, die Sonne, das Weltall entstanden, alles entstand, und alles war der Zeit verfangen.
Gleichzeitig, mit jeder neuen Manifestation wurden die Gedanken unfreier. Sie mußten Rücksicht nehmen. Freie Gedanken kann es nur ohne Manifestation geben, sobald sie sich in ein Kleid kleiden, plötzlich Baum, Steppe, Mensch sind, so setzen sie anderen, weiteren Gedanken Grenzen.
Das grenzenlose Zeitalter hatte sich abgelöst und dafür war nun das begrenzte Zeitalter getreten. Nichts als Grenzen, jede Manifestation begrenzte die andere, und jede Manifestation bedingte die andere, ein Gewirr von Manifestationen um letztendlich zu einer Ordnung zu kommen, einer Ordnung und damit die zwangsläufige Begrenzung des Chaos. Das Chaos hatte sich selbst gefangen. Die Gedanken hatten sich in die Gefangenheit des Seins begeben und das freiwillig, aus einem Jux heraus, und indem sie nun Sein waren, hörten sie auf, zu existieren, das Aufhören des Denkens konnte beginnen."
Heike hatte die ersten zwei Seiten überflogen. War ihr Vater Autor dieser kruden Story? Hatte er sie ersonnen? Warum schrieb er so etwas? Hatte er nicht andere Probleme? Und hat er wenigstens ihre Briefe gelesen?
Sonntag. Heike fühlte sich unwohl. Womöglich befand sich ihr Gleichgewicht im Ungleichgewicht. Das Geschriebene ihres Vaters hatte sie gefangen genommen. Morgens trotzdem einen Kaffee getrunken, dazu eine Schmalzstulle und ein Pudding, schrieb sie in ihr Tagebuch.
Sie hatte begonnen, Tagebuch zu schreiben, sie wollte ihre Gedanken festhalten, wenn sie auch nur Tagesabläufe niederschrieben, nicht mehr, womöglich lag ja im Banalen das Erhabene, dachte sie begeistert.
"Kaffee getrunken!", hatte sie geschrieben. Kaffee getrunken. Gibt es eine banalere Eintragung? Gut, nach 1945 könnte man daraus einiges schließen, aber jetzt, in der neueren Zeit? Sie hätte noch zuschreiben müssen, welchen, der gute von Albrecht oder der teure von Tschibo. Dann wäre daraus eine Erkenntnis zu entnehmen gewesen. Oder daß sie ein Magenleiden habe, dann könnte der Leser auf ein so genanntes Magenattentat schließen. Aber sie hatte kein Magenleiden, spannend wäre es jedoch gewesen, eines zu haben, fürs Tagebuch.
Vielleicht schrieb sie das Tagbuch nur, um den Tag daran festmachen zu können, es geschah nichts, außer dem Kaffeetrinken. Signalisiert es nicht auch Geborgenheit? Wohlstand? Normalität? Genießertum? Und Anstand?
Warum Anstand? Sie lächelte, während sie versuchte, noch ein paar Worte für ihr Tagebuch zu finden. Über Jörg hatte sie noch gar nichts geschrieben. Sie wollte eigentlich jeden Tag über Jörg schreiben, nur was? Sie schrieb "Jörg -" , bald wollte sie "Jörg +" schreiben, dann würde er bei ihr gewesen sein.
Sie sah ihn vor sich, mit seinen schmalen Lippen, den dunklen Augen, den Haaren, die leicht wirr in seine Stirn hingen. Sie fand ihn. Sie fühlte ihn. Und versuchte, es zu genießen, auch wenn es nicht das war, was sie wirklich bei ihm suchte, suchen wollte. Zwischenspiel.
Sollte sie doch ein Plus hinter Jörg machen? Oder ein Andersenzeichen? Nichts als Märchen, nichts als Märchen, würden dann in ihrem Tagebuch stehen. Und wäre sie erst einmal eine bekannte Germanistin, ja, Literatin oder Lehrerin, sie lachte über sich, während sie einen zweiten Kaffee kochte.
Die Briefe mit den Gedanken ihres Vaters über die Gedanken lagen noch auf dem Küchentisch, sie wollte in ihnen bereits weiter lesen, als Maria kam.
Maria ging und Heike war wieder allein, allein mit sich und dem Sonntag. Maria hatte noch etwas vom Geburtstag mitgebracht, damit es nicht vergammelt, Buletten und Belag, Käse, Schinken, dazu ein zwei Stück Torte, mit der guten Butter, der selbstgewonnenen.
Heike dachte an das vom Vater Geschriebene, vom Aufhören des Denkens. Die Briefe lagen neben dem Paket mit dem Geburtstagsübrigkeiten. Heike verstaute das noch zu Essende im Kühlschrank, kochte einen Kaffee, essen mochte sie nicht, gestern hatte sie für heute vorgegessen, wie man am frühen Morgen in Zeiten des Ramadan vorißt, das hält Leib und Seele zusammen. Der Körper gewöhnt sich daran, wenn er nur will. Das Vatergeschriebene war ihr einfach wichtiger.
Sie las im Geschriebenen weiter:
Nachdem sich die Gedanken durch ihr Sein selbst begrenzten, versuchten sie aus ihren Grenzen auszubrechen, die Freiheit galt ihnen nun als höchstes Gut. Genau die Freiheit, die sie wegen einer Schnapsidee dereinst sausen ließen, ja, einfach ohne groß nachzudenken ins Leben warfen.
Zuerst versuchten sie es durch Verhandlungen. Ein Gedanke sollte nachgeben, damit der andere Gedanke sich weiter manifestieren konnte. Wie man es auch heutzutage noch kennt, war alle Friedlichkeit jedoch nur ein leerer Redensbrei, zudem, nachdem die Gedanken erkannten, daß sie im Kriege miteinander rascher zum Ziele kämen.
So führten sie Krieg um Krieg, und doch, sie fühlten sich nicht wohl dabei, denn Zerstörung ist zuallererst des Krieges Beruf. Und als die Welt gerade noch im Entstehenskampf war, beschlossen die Gedanken, ihren Manifestationen nur eine gewisse Lebenszeit zu gönnen, darin lag der Ausweg aus dem Aufhören des Denkens, denn alles, was durch Zeitablauf verfallen würde, konnte mochte sollte erneuert werden.
Maria schaute aus dem Küchenfenster, es hatte letzte Nacht geschneit, der erste Schnee im frühen Winter. Sie schaute zu den Bäumen, an deren Äste der pappige Schnee klebte, zum verschneiten Hof, sie würde den Schnee beiseite fegen müssen, wenigstens den Weg zum Plumpsklo, das könnte sie dann auch in ihr Tagebuch vermerken, wer weiß, sie mochte das Geschriebse vom Aufhören des Denkens, auch wenn es sich ihr Vater ausgedacht haben mochte, womöglich als eine Fieberphantasie, kurz vor seinem Tode. Alles ist vergänglich, damit neue Gedanken in unser Leben treten können, murmelte sie vor sich hin, während sie den Schneebesen in der Hütte suchte.
Sie fegte den Schnee, die kalte Luft machte ihr dabei nichts aus, im Gegenteil, sie wollte die Luft fühlen, wollte sie erleben, denn sie würde danach die geheizte Hütte um so mehr lieben wollen, das dachte sie sich, während sie den Schnee beiseite schob, womöglich würde sie einen Schneemann bauen, morgen. Ihr Vater mochte Schneemannbauen, als Tochter mochte sie es auch, denn sie wollte es mögen, auch wenn sie stets davon recht kalte Hände bekam.
Was tut eine Germanistin? Sie saß über ihre Studienplatzbewerbung, die zentrale Stelle für die Vergabe solcher Plätze sollte von ihr ein Lebenszeichen erhalten. Hallo, hier bin ich, und ich will Germanistik studieren. Warum?
Warum ist die Banane krumm und die Gurke gerade, weil es die Europäische Union so will. Jörg würde sich sicherlich freuen, wenn sie erst bei ihm wäre. Sie wollte ihm schreiben. Lange nichts mehr voneinander gehört, würde sie schreiben, Freunde ... dahinter: Fragezeichen, Ausrufezeichen oder Punkt.
Als Germanistin müßte sie sich entscheiden können. Vielleicht gäbe dies den entscheidenden Grund zu diesem Studium. Sie reinigte ein wenig das Grab ihrer Mutter, es war noch mit dem Herbstlaub bedeckt über dem sich eine dünne Schicht des gestrigen Schnees gelegt hatte. Der Tag war hell, keine Wolke am Himmel, nur ein wenig Nebel, am frühen Morgen, er hatte sich inzwischen verzogen.
Sie ging den Bachlauf entlang, es knirschte ein wenig, während sie auftrat. Ihr froren noch die Hände, vom Reinigen des Steines, ihre Mutter hatte stets eisige Hände, außer wenn sie miteinander diskutierten, dann taute sie manchmal auf, dann sah sie bald recht furchterregend aus, mit ihrem rotem Gesicht, den rotfarbenen Händen. Aber sie diskutierten nicht oft, einmal nur, erinnerte sie sich, war es recht gewaltig.
Über den Schnee am Bachlauf war bisher noch keine andere Seele gegangen, sie durfte als Erste Spuren versuchen, ein wenig betrieb sie es mit einem gewissen Ernst, lief vorwärts und rückwärts, so daß es ausschaute, als seien Menschen über Menschen, alle mit den gleichen Schuhen bekleidet, an dem Bach entlang gelaufen.
Sie fand die Hütte damals zu einsam, und das sagte sie ihrer Mutter, sie wollte wieder zurück zur Stadt. Sie war erbarmungslos, damals, ohne Verständnis für die Mutter. Und sie verstand sie heute auch noch nicht, sie hatte sich eingelebt, verstehen wollte sie dieses Leben aber nicht.
"Germanistin", schrie sie und wartete auf eine Antwort. Was würde Jörg sagen, der Mathematiker? Sicherlich: gut, dann tu es. Mehr nicht. Er meinte stets, jeder müsse seine eigene Meinung haben, und beinahe asozial vertrat er die Ansicht, jeder dürfe seine Meinung behalten, wie herzlos und langweilig.
Der Angelplatz lag da, wie immer, zu kalt nur, jetzt, und Karpfen kauft man im Geschäft.
Lebenszeichen von Jörg. Heike dankte dem Lebenszeichen, womöglich dankte sie auch Gott, Jörg war wieder in ihr Leben getreten. Ein simpler Brief, kaum zwei Seiten lang, mit großen Buchstaben gefüllt, die für den Versuch standen, preußisch ordentlich dazustehen, dazu Bleistift, wer schreibt schon noch mit dem Bleistift? Das sparsame Preußenberlin wird Jörg inspiriert haben.
Was ist Freude? Lediglich ein Begriff, für den, der nur Leid erfährt und für den, der sich freut viel mehr. Bereits als sie zum Briefkasten ging, hatte sie eine Vorahnung, noch gestern dachte sie sich, wenn er nicht vor Weihnachten schreibt, dann wohl nie wieder. Sie machte sich Vorwürfe, ach, eigentlich nur einen Vorwurf, zu früh abgereist zu sein.
Nun der Brief, sie rannte zur Hütte, ihn dort zu lesen, obwohl sie eigentlich gehen wollte, gefaßt, wegen des Briefträgers, der noch am Briefkasten mit seinem Fahrrad stand, hatte wohl Probleme mit der Gangschaltung, versuchte sie wieder in Gang zu bringen.
Innen, drinnen, in der Hütte, kochte sie sich erst einmal einen Kaffee. Sie wollte das Lesen des Briefes feiern, und zum Feiern gehört die Vorfreude, Weihnachten, Ostern, Geburtstag, das Warten läßt einem das Schöne erahnen, und derart wunderschön erahnen, daß keine einzige tatsächliche Begebenheit dieses Erahnen aufzuwiegen mag, jedenfalls sehr oft, zu oft.
Der Kaffee war schnell gekocht, sie saß am Küchentisch, draußen war der Postbote noch zu Gange, sonst Ruhe, gut, der Hahn krähte, war wohl übergeschnappt, wegen der winterlichen Kälte, die Hühner wollten alleine kuscheln, er krähte wie ein Mann, soll er, Heike lächelte, als sie vom Kaffee trank, weiter, zu den kahlen Bäumen des nahen Waldes schaute, deren Äste noch immer mit ein wenig Schnee überzogen waren.
Sie müßte endlich die Studienplatzbewerbung abschicken, fiel ihr plötzlich ein. Sie lag auf dem Küchentisch, halb ausgefertigt, ein paar Punkte würde sie noch ausfüllen müssen, Wunschuni?, Humboldt-Uni, natürlich, Zweit-Uni?, wer braucht eine Zweit-Uni, wenn er an der Erst-Uni studieren kann, gut, Berlin läßt auch noch die FU und die TU zu, Jörg würde sie sowieso nicht sehen können, während ihrer Studien, dachte sie sich, dann wären auch FU und TU gut.
Berlin strotzt vor Unis, dachte sie, ja, da werden in Berlin bald wieder Siemense, Boschs, Humboldts, Kerrs und Virchows, vielleicht auch Döblins vom Himmel regnen und eine kleine Heike, ein Jörg, wer weiß es, sie mußte lächeln, während sie das Formular eigenhändig unterschrieb, wie es von ihr verlangt ward.
Warum nur hatte ihr Vater nie geantwortet, ihre Briefe hatte sie unter dem Formular für die Studienplatzbewerbung wieder entdeckt. Unordnung, sie haßte Unordnung, deshalb versuchte sie immer wegzuschauen, manchmal gelingt es, manchmal nicht. Sie räumte auf, ein wenig, Brief in die Tüte, Briefe ins Wohnzimmer, Eßgeschirr vom Frühstück in die Spüle. Abwaschen? Ja, abwaschen.
Sie wollte Jörg ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk machen, sie versuchte deshalb schon einige Zeit lang zu überlegen. Schlimm, wenn man so schlau wie ich bin, dachte sie, als sie überlegte, immer denkt man, man sei schlauer als die anderen, manchmal denkt man sogar, man könne sie verarschen, ohne daß sie es mitbekommen, einmal hatte sie einem dicken Freund, der ihr Freund sein wollte, einen Korb geschenkt, voller Süßigkeiten, er war dann sofort nicht mehr ihr Freund. Am liebsten hätte sie sich darüber die Haare ausraufen mögen, wenn sie ihr nicht von selbst ausgefallen wären, als sei ihr Herbst gekommen, was womöglich an der Blondiercreme lag, aber wer weiß es schon so ganz genau. Nein, zu schlau darf so ein Geschenk nicht sein, schon gar kein Weihnachtsgeschenk, nachher ersäuft man in seiner eigenen Schlauheit das dann doch nur Blödigkeit ist, weibliche Großblödigkeit.
Sie würde ihm einfach einen Schal stricken, sagte sie sich, und damit das schneller ginge, würde sie nach Berlin fahren müssen, dort hatte sie an dem einen Ende der Schönhauser Allee ein ausgezeichnetes Strickwarengeschäft entdeckt. Das Etikett würde sie einfach raustrennen, merkt kein Mensch und erst recht kein Mann, sagte sie sich, während sie Jörgs Brief immer und immer wieder las.
Er hatte eine schöne Schrift. Eine ungewöhnlich schöne Schrift, für einen Mathematikstudenten, dazu mit Bleistift geschrieben, als wäre er ein kleiner Schiller, ach, wie liebte sie ihn aus der Ferne. Er würde zum heiligen Abend zu ihr kommen, danach würden sie zu seinen Eltern fahren, dann gäbe es die Bescherung und zuletzt wollte er ihr sein Jugendzimmer zeigen.
Für die potentiellen Schwiegereltern hatte sie so gar keine Geschenkidee, stellte sie leicht bekümmert fest. Was könnte sie ihnen bloß schenken, die haben doch alles, dachte sie, als sie sich das Haus der Schwiegereltern noch einmal vor Augen führte. Ein schönes, geräumiges Haus. Vielleicht ein Blumentopf? Sie war im Verzweifeln, wenn da nicht dieses PS. gewesen wäre, was sie bisher immer übersehen hatte, da er es auf die Rückseite seines Briefes geschrieben hatte. Sie solle keine Geschenke einkaufen, er habe bereits alles gekauft, sie würde dann einfach als Schenkerin miterwähnt: "von uns", stellte er lakonisch, aber lieb, fest.
Sie freute sich. So ein Freund ist schon ein Ereignis, kauft selbst die Weihnachtsgeschenke, ohne groß zu lamentieren. Als wenn Männer gerne nach Weihnachtsgeschenken herumsuchen würden, aber gut, er lebt in Berlin, da läßt sich schnell was finden, dazu ist er Student, hat mehr Zeit als die Welt zu vergeuden hat, er kann wirklich ein glücklicher Geschenkekäufer sein.
Ach ja, sie mußte los, nach Berlin, Jörg besuchen.Überraschung! Ob er Überraschungen liebt? Egal, Hauptsache er liebt sie. Sie stieg in ihre Winterstiefel, schloß die Hütte, den Gartenzaun ab, die Hennen sperrte sie ein, Maria würde nach ihnen sehen und zwei davon schlachten, für Weihnachten, bloß nicht weinen, sie sterben ja für einen guten Zweck, sagte sich Heike, während sie versuchte zu lächeln.
Berlin lag im Nebel, als sie mit dem Zug einreiste. Das Tageslicht begann sich gegen die morgendliche Dämmerung zu behaupten. Sie stieg aus, Kälte, ihre Handschuhe lagen noch in der Hütte herum, sie versuchte die Hände in die Manteltaschen zu tun, die langen Henkel der Reisetasche dabei über die rechte Schulter hievend, das Gehen fiel ihr schwer, kein Gepäckboy oder wenigstens ein Euro-Jobber unterwegs, Berlin war nur bis 33 eine Dienstleistungsmetropole, danach wurde sie zum Führerhauptquartier und aus den Dienstboten wurden Hitlerjungen.
Jetzt war die Stadt wiedervereint worden. Die Dienstboten waren jedoch im Krieg geblieben oder wurden nach Sibirien verbracht oder sie wurden entnazifiziert anstatt sie einfach wieder zu Dienstboten zu machen. Dann kam schon 68 und alle Bürgerlichkeit war zu Ende. Erst 90 wieder ein Lichtblick, das Vor-33 hatte gegen das Nach-45 gesiegt, aber erst mit Hartz gelang die Dienstleistungsgesellschaft zu neuen Blüten, erst im stillen Kämmerlein in Braunschweig, dann wurde das braunschweigerische Experiment auf Deutschland übertragen, nun soll es wieder Dienstleistung geben, der Mensch möchte sich bitte selbst vermarkten, zumindest seinen Körper, die Seele darf er behalten, denn an diese glauben sowieso nur die Vordarwinisten.
In Berlin hatte Hartz noch keine Wirkung entfalten können. Sie würde also ganz allein zu Jörg finden müssen. Ein Kinderspiel. Schließlich hatte sie sich auch in New York zurecht gefunden, warum nicht in Berlin. Zuerst die S-Bahn, dann die U-Bahn und schon würde sie dort sein, wo sie hinwollte. Den Pendelverkehr hatte sie nicht mit eingerechnet, da lachte zwar der Maulwurf vom Plakat der Bahn aber sie lachte nicht mit, warum auch? Jedoch kam sie an, und das ist schließlich das Wesentliche, sonst wäre ihre Geschichte bereits beendet, im Berliner Dickicht versackt.
Jörg lächelte. Heike freute sich, umarmte ihn, die Tasche hinderte ein wenig, die Schulter schmerzte, vergessen, Jörg lächelte, ein eingeübtes Lächeln, sie hatte seine Lippen berührt, kalte Lippen, sie versuchte sie zu wärmen, es ging nicht. Ein Mathematiker kennt keine Wärme. Nein, nicht lakonisch werden, dachte sie, auch nicht ironisch, er liebt mich doch, dieser Brief, erinnerte sie sich, er muß mich lieben.
"Ich hab dich gar nicht erwartet, Heike, ist etwas passiert?"
"Ich liebe dich."
"Ich dich doch auch, aber ..."
"Kein aber ...", sie küßt ihn, er redet redet redet.
"Du, Heike, ich habe morgen eine Zwischenprüfung, versteh doch, ich muß, lernen."
"Du, du Genie, mußt lernen?", sie kaute ihm beinahe an seinem Ohr herum.
"Abgesehen davon, daß ich kein Genie bin, ja, ich muß lernen, klar, ohne Lernen geht es nicht."
"Nur das Genie muß nicht lernen, und du bist mein Genie.", Heike zog ihn den Pullover aus, versuchte ihn auf das Bett zu drücken, was ihr gelang, denn ihm verging die Lust auf das Lernen, und als sie kam und er noch lange nicht kam, da war er froh, daß sie gekommen war und ließ es noch eine Weile andauern, bis er kam und das war alles, was sich an diesem Morgen zwischen ihnen tat, danach lernte er weiter und Heike schaute bei dem Strickwarengeschäft in der Schönhauser Allee vorbei, in dem sie einen schönen Schal zu einem annehmbaren Preis fand.
Ein Genie, das lernen muß, Heike lachte, während sie in einem Cafe' saß und verluderte Gestalten beobachtete, die alle Genies spielten, Berlin ist eine Stadt der Schauspieler, genauer, der schauspielernden Genies, sie alle lernen nicht oder auch gar Nichts, egal, Jörg war so süß, sie trank den Cafe' Latte aus, bis zum letzten Tropfen, denn sie saß gut, in diesem Cafe'.
Das Weihnachten der Liebe ist den Christen ihr liebstes Fest. Jörg müffelte bereits den ganzen Morgen herum. Heike versuchte ihn aufzuheitern. Zog Grimassen. Vergoß den Tee. Zauberte schwarze Toaststullen und kochte harte Fünfminuteneier.
"Ich hab es vermasselt!", schwafelte Jörg, während er auf die geschwärzte Toaststulle stinkenden Käse tat, den er extra bei Butter Lindner gekauft hatte.
"Den Käse rechtzeitig zu essen?", Heike lachte, während sie Tee trank und nach dem rechten Radiosender suchte.
"Nein, Blödsinn, der stinkt immer so.", Jörg schaute zum Hof hinaus, gegenüber schaute auch jemand aus dem Fenster, sie begrüßten sich mit kurzem Kopfnicken, ein winziges Lächeln, mehr wie ein schwacher Lichtstrahl, der zufällig auf ein Gesicht fällt, als selbst verursacht.
"Der stinkt immer nach Furz?", Heike hatte ihren Radiosender gefunden, Klassik am Morgen.
"Ich warne dich, mach dich nicht über meinen Käse lustig, sonst mußt du von ihm kosten, er ist echt lecker.", er biß ein besonders großes Stück von der Toaststulle ab und schmatzte beim Kauen und versuchte dabei zu lächeln.
"Ach, du lächelst."
"Ja, wieder. Gestern war echt scheiße."
"Deine Klausur oder das Theaterstück!"
"Beides. Nein, nur die Klausur."
"Hättest du eben lernen müssen." Heike war bereits auf dem Weg zum Bad, sie wollte ihren Körper waschen, so wie es Frauen zu tun pflegen.
"Die hat gut reden.", brabbelte Jörg in sich hinein, während er die zweite Toaststulle dick mit Käse belegte.
"Was brabbelst du?", fragte Heike vom offenstehenden Bad aus, welches sich berlintypisch gleich neben der Küche befand, und gern als sogenanntes Schlauchbad benannt wird.
"Ich hätte mehr lernen müssen!", schrie er nun mit halbgekautem Käse und Toast im Mund.
"Lernen, papperlapapp, du bist ein Genie, und das verpflichtet, das weißt du doch. Hast du eben drei Punkte weniger. Egal. Vergeß dir nachher bloß nicht die Zähne zu putzen, dieser Käse. Und danach gehen wir ins KaDeWe, ja, in die Freßabteilung, ja?"
"Ich, ein Genie! Das hab ich niemals gesagt."
"Brauchst du auch nicht, du, mein kleines Genie.", sie war längst wieder zur Küche gekommen, beugte sich über den Tisch, versuchte ihn zu küssen, er wehrte sich, dann doch, ihre Hände griffen nach seinem Kopf, zogen ihn, sie küßten sich, sie schmeckte den Käse, "Iieh! Iiiehgitt! Scheußlich!", rief sie, stieß ihn weg, während er lächelnd weiter aß.
Ein Traum in Weiß. In Berlin hat es geschneit. Über Nacht. Dächer und Straßen im fröhlichen Weiß. Die Pfützen gefroren. Schnee in den Ohren, beim Gucken aus dem Küchenfenster, fiel der Schnee vom Dach hinab, Jörg lachte.
Berlin, ein Wintermärchen. Und doch so real, alles auf Sparflamme. Das Leben soll schön sein, und doch schön sein. Jörg war wieder bei Heike unter der Bettdecke verschwunden, ein wenig Schnee hatte er mitgebracht, Heike zu erschrecken. Sie lachte keck. Kein Schreck. Und er war wieder einmal bei ihr, sie band ihn an sich, er fühlte und es wurde Morgen, er wollte jeden Morgen loben, für dieses Spiel ins Glück.
Sein Mitbewohner war bereits am gestrigen Abend zu seinen Eltern gefahren, sie waren allein, für ihr Schreien, wild und ungemein, so zerreißend, die Stille am Morgen, das Fenster stand ein wenig offen, Jörg hatte es geöffnet, es war zu besorgen, daß die Nachbarn sie hören, Heike war es egal, ein Schrei, als wären sie vollkommen allein. Sie feierten den Morgen, sie feierten sich, sie feierten das Leben.
Der Zug fuhr an, sie saßen zwischen all dem anderen jugendlichem Volk, welches zu Weihnachten die Stadt verließ. Studenten, zumeist Studenten, aber auch Schwerenöter, die die schwere Not erdulden mögen, ob ihrer Kunst, die sie frönen. Maler, Bildhauer, Schreiberlinge, Schauspieler und schauspielernde Schreiberlinge. Der eine las ein Buch, Gedichte vom Schreiberling, er las sie genügsam, so wie man liest, Gedichte, die frivolen und die lustigen, die nachdenklichen und die, die alles haben, die alles können, Gedichte, so wie sie nur vom Leben geschrieben sein können, vom Nichtleben, vom Draußen, denn nur das Draußen kann nach Innen schauen, das Innen schaut bestenfalls nach Draußen aber niemals nach Innen, will es nicht irr dran werden.
Sie küßten sich schamlos. Er buddelte mit seiner Zunge in ihrem Mund herum und sie versuchte, sich mit ihm am Nordpol zu denken. Sie küßten sich schamlos, alle versuchten an ihnen vorbei zu sehen. Sie küßten sich schamlos, denn sie waren verliebt. Später würden sie ihre Scham wiederfinden, womöglich belustigt auf die anderen Schamlosen schauen oder, sie werden sie sogar bekritteln, ja, sich, ihre einstige Verliebtheit, damit selbst verleugnen.
Draußen schneite es, die Schienen waren kaum zu sehen, nur Dank des gewichtigen Lok war überhaupt ein Weg zu finden. Gleisarbeiter stapften im Schnee herum, suchten Weichen zu enteisen, die nicht von selbst bereit dazu waren, denn die Technik versagt immer dann, wenn man sie benötigt.
Halt im Zoo. Zu ihnen setzte sich ein älteres Paar. Schamlos schaute es die Küssenden und sie versuchten es zu unterlassen, schauten zu den Älteren und lächelten. Es entspann sich sogar ein Gespräch. Er wollte wissen, wohin die Reise geht, sie wollte wissen, ob sie schon verlobt seien. Und er wollte wissen, was sie an Berlin gut fänden. Und sie wollte wissen, ob sie nicht einen Kaffee mittrinken wollten, sie hätten zufällig eine Thermosflasche dabei und vier Tassen, das täten sie stets so, denn es sei nicht schön, sein Gegenüber dursten zu lassen, während man selbst trinkt.
War es ein Kuss, welches sich das ältere Paar gab, oder nur aus Versehen geschehen, während sie die Thermosflasche aus dem Rucksack holte und er nach den Tassen suchte? Egal, er lächelte, sie lächelte, Jörg nahm seine Hand von Heikes Gebein, während er die Tasse entgegennahm. Die Fahrt wurde ein kurzweilig Ding. Man unterhielt sich, lachte, schnäuzte sich, und verurteilte den Bahnchef, das gehört zur guten Sitte und als es endgültig feststand, daß der Zug zehn Minuten Verspätung haben würde, war allen klar, es lag an der Bahn.
Jörg hatte seinen Eltern ihre Ankunftszeit mitgeteilt, auch die sich ankündigende Verspätung. Minutengenau hätten sie daher am Bahnsteig bereit stehen können, sie zu empfangen. Der Bahnsteig, war leer, kein Mensch zu sehen, als sie ausstiegen, ihr Gepäck auf Schulter und in den Händen nahmen. Alle Planung ist sinnlos, sagte sich Heike und grinste.
Jörg schien ihren Gedanken erraten zu haben, jedenfalls sagte er etwas von blöder Planwirtschaft und daß die niemals gelingen könnte, alle Planung ist "für den Arsch". Ja, so drückte er sich aus, wobei er versuchte, dieses "für den Arsch" so zu betonen, daß es in etwa klang "Schatz, heute Abend gehen wir in die Oper.".
"In Berlin gab es die Zauberflöte!", sagte denn auch Heike, als erriete sie in all seinem Sagen auch das Ungesagte. "Wären wir doch in die Oper gegangen.", schwärmte sie. "Zauberflöte kann ich selbst auch sehr schön spielen.", sagte Jörg, lächelte dabei verschmitzt, während sie den Bahnhofsvorraum betraten, entleert, dafür eisig, keine Mitropa, noch nicht einmal eine Imbißbude, der Fahrplan hing wie aus Versehen an einer Wand herum, es roch nach alten Putzmitteln, deren Geruch wohl niemals zu beseitigen sein würde, außer, man entkernt den Bahnhof und baut in diesen dann einen neuen Bahnhof, die hohe Kunst der Architektur feiernd.
Sie waren guter Laune, seine Eltern. Trotz Schneegestöbers hätten sie den Weg zum Bahnhof recht schnell zurücklegen können, redete Jörgs Mutter, während der Vater versuchte, das Schalten eines Fahrzeuges ungeheuer wichtig erscheinen zu lassen, jedenfalls schaltete er recht vorsichtig, fuhr sogar mit dem zweiten Gang an, weil es mit dem zweiten besser geht, jedenfalls bei winterlicher Glättebildung, sonst ist der erste besser, das referierte er, während sich Heike und Jörg groß anschauten, hinaus schauten, Wälder und Felder sahen, schneebedeckt, vereinzelt drei, vier Vögel, auf derSuche nach Nahrung, Vögel können sich scheinbar auch von Schnee ernähren.
Jörgs Mutter erkundigte sich derweil höflich über ihre Fahrt, Small Talk auf vier Rädern, egal, es gelang, sie war mutig, witzig, eloquent und sie war eine Frau und Jörgs Mutter, sie war gut angezogen, mit einem dicken Pelz, sie konnte nicht frieren, dazu eine Mütze und Handschuhe, selbst im Auto, sie wollte nicht frieren, aber so sind Mütter, dachte Heike, während sie ihre Mutter sah, vor sich sah, komisch Jörgs Mutter erinnerte an ihre, sie war ihr wohl wesensverwandt oder, es liegt am Müttersein, das prägt, dachte Heike.
Sie hielten an einem kleinen Lokal in einem kleinen Dorf nebst Dorfteich und Kirche, Backstein, und davor Grabsteine der alten Gräber, daneben die Steine der neuen und die Wiese für das neue Bestattungsritual. Schon schwärmte die Mutter, sie hätten dieses Lokal erst neulich entdeckt, was heiße neulich, verbesserte der Vater, Vorgestern, ja, Vorgestern war es, dort gäbe es phantastische einheimische Küche, ganz fein zubereitet, verfeinert, auf das Vortrefflichste, sie hätten sogar vor, dieses dem Siebeck zu berichten, sozusagen als Info, gleich per Mail.
Beinahe hätte Heike gefragt, wer Siebeck sei, als Jörg dieses Mißgeschick bereits ahnte, sogleich ein Referat über Siebeck hielt, dessen Schreibe mindestens genau so fein wie sein Gaumen sei. Ach, alle schwärmten, nur Heike war dieser Siebeck total egal, aber kommt die Zeit kommt Rat, sagte sie sich, muß ich ihn mal lesen, womöglich stimmt ja diese Lobhudelei mit dem tatsächlichen Siebeck überein.
Das Essen war fein, aber nicht überwältigend, meinte Jörgs Vater. Ach, er vermißte das Gute von Vorgestern, aber Heute war Heute, und Heute hatte wohl der Hilfskoch gekocht oder der Koch hatte sich verliebt, oder das gute Essen von Vorgestern war einfach nur ein Versehen gewesen. Heike fand das Essen dagegen recht gut, wollte jedoch nicht gegen solch ausgewiesene Feinschmecker etwas sagen, zumal sie das Essen bezahlten, und wer zahlt hat immer recht, wer nicht zahlt, dem kann das recht sein.
Das ausgebaute Bauernhaus war mollig warm beheizt, als sie alle erschienen, es ging sogleich zum Kaffee, dann zogen sie sich zurück, in Jörgs Stube, eigentlich hatten sie keinen Plan für diesen Vorabend, aber sie waren glücklich planlos, draußen hämmerte ein Specht ein Loch in das Holz eines Baumes und Schneeflocken fielen vom Himmel, die Sonne ging unter in ein Abendrot gekleidet, ein Hirsch brüllte, Brunftzeit, wohl, das Radio säuselte die Zauberflöte, Heike hatte einen Klassiksender eingestellt.
Heike war sich nicht sicher, ob das alles, was sie die letzten Tage erlebt hatte, real war. Harmonie über Harmonie, alles floß in Harmonie. Schaut man von einem Berg ins Tal, dann schaut man Harmonie, schaut man von einem Ozeandampfer zur Weite des Meeres, des Horizonts, dann schaut man Harmonie, schaut man die Dünen der Wüste, dann schaut man Harmonie, ein Getreidefeld, ein Wald, eine Wiese, auch Großstadtwege, der Marktplatz der kleinen Stadt, der Weg durchs Dorf, man schaut Harmonie, aber Menschen, Menschen schaut man nie in Harmonie. Oder es ist eine verlogene, eine aufgesetzte, eine geschauspielerte.
Gut, womöglich die Heiligen, auch Buddha und Zarathustra mögen Harmonie ausgestrahlt haben, weil sie in der Harmonie zur Welt lebten, aber der Mensch, die Menschen, die Familie. Ein Grundübel unserer Zeit ist der Mensch, das meinte Heike, seid sie mit ihrem ganzen Willen allein denken wollte, also seid der Pubertät. Und nun, diese Familie. Harmonie Harmonie Harmonie. Entweder es sind Heilige oder Schauspieer oder beides, und sie wußte noch nicht einmal, ob sie das zum Kotzen finden sollte, oder ob sie sich in dieser Harmonie betten lassen sollte, in dieser ihr doch so eigenartigen Harmonie.
Ja ja ja, dachte sie, meine Familie war auch recht harmonisch, kaum Streit und wenn Streit, dann mußte es sein, entweder, wegen des Grundes, oder weil man ergründen wollte, ob man noch lebt, Streit als Lebensversicherung, als Versicherung des eigenen Daseins. Harmonie hat etwas Todesartiges. Heike fror, trotzdem sie sich unter drei Decken eingepackt hatte. Jörg schwitzte, er hatte sogar die Bettdecke halb von sich gestriffen, lag jetzt offennackt da. Sie schaute, und fand ihn nett, aber sie wollte nicht daran denken, nicht jetzt, aber ihr war nicht mehr ganz so kalt.
Weihnachten war einfach grandios, nicht nur wegen der Geschenke, sie hatten ein KPM-Service bekommen, einfach so, zu Weihnachten, für das gemeinsame Heim. Heike nahm es als das, was es war, nicht das Service war das Entscheidende, sondern das Gemeinsame an dem Geschenk. Sie war auf Wohlwollen gestoßen, auf Akzeptanz, womöglich sogar auf Liebe, Jörg lächelte, als sie es auspackte, sie würden wohl zusammen ziehen, wenn sie in Berlin studiert, sich zusammen eine kleine Wohnung suchen, sie, die angehende Germanistin, er, der Mathematiker.
Jörg drehte sich im Bett um, jetzt konnte sie sein Gesicht sehen. Friedlich. Er schaute zufrieden, also friedlich, nur zufriedene Menschen sind friedlich. Sie streichelte ihn, strich sein Haar glatt, er durfte nicht aufwachen, aber er brummte nur, sie schaute zur Decke, lächelte, er hatte dort ein Poster des Planetensystems angebracht.
Sie versuchte zu schlafen, ihr Glück zu fassen, es nicht mehr fortzulassen, als sie ein zwei Schreie hörte, von unten, wo das Schlafzimmer der Eltern lag, dann wieder, sie stritten wohl. Ein Streit. Das war wohl ein Streit. Sie konnte zwar nicht verstehen, um was es ging, zu welchem Thema der Streit zuzuordnen war, aber sie war erleichtert und kaum stellte sie das für sich fest, atmete sie ein zwei Mal tief durch und schlief ein, ein tiefer, ruhiger, ja, friedlicher Schlaf.
Die Hütte lag im Nebel, als sie der Hütte nahe kam. Kaum sichtbar, nur schemenhaft, Umrisse, das Dach, dann die Umrisse ein wenig deutlicher, sie schaute und vertraute darauf, daß noch ist, was sie sich hinzu denken mußte, zu den Umrissen, die Hütte, so wie sie die Hütte kannte.
Der Frost war über Weihnachten in die Hütte gelangt, sie zündete ein Feuer, verharrte ein wenig, vor dem Feuer, bis es loderte, dann ging sie hinaus, der Schnee lag nur einige Zentimeter hoch, der Frost ließ ihn knirschen, der Brunnen, vereist, sie würde ihn aufpicken müssen, dort unten, die Eisschicht, erst versuchte sie es mit dem Metalleimer, ließ ihn auf die Oberfläche des Eises aufschlagen, sein Fallen half nicht, dann stieg sie hinab, dunkel war es, sie hatte kein Licht bei sich, nur die Axt, mit der sie die Eisdecke aufschlagen wollte.
Der Kaffee schmeckte, heiß und bitter, sie fror nicht mehr, obwohl die Hütte kaum erwärmt war, der Ofen gerade einmal sich selbst erwärmt hatte, Stunden, noch Stunden würde es dauern, bis die Hütte warm geworden ist, eine gewisse menschenfreundliche Temperatur aufweisen könnte. Das Eis im Brunnen war zum Glück nicht sehr dick gewesen, zwei drei Schläge mit derAxt genügten, und das Eis war gebrochen, alles andere Normalität, Wasser holen, Kaffee kochen, Kaffee trinken.
Der Morgennebel hatte sich ein wenig verzogen, sie konnte bereits den nahen Wald sehen, das Feld daneben, in seinen Anfängen, es war weit, dieses Feld, ein weites Feld, Fontane hätte es beschreiben mögen, sie lächelte, Fontane, sie liebte Fontane, denn sie liebt Genies, auch die späten Genies. Die, die nie zu spät kommen können, da muß man spontan sein, ein Sponti, um sie erkennen zu können, bevor sie wieder weg sind, wenn sie es eilig haben, man sieht sie und man muß sie schon erkennen und festhalten.
Jörg war gegangen. Wieder nach Berlin, er war aber nicht fortgegangen, nein, er war bei ihr geblieben, er hatte gesagt, er würde sich um eine Wohnung kümmern, in Berlin, sie dann nachholen, und sie solle sich schon einmal bewerben, damit sie ab April in Berlin studieren könne. Zukunft. Warme Gedanken um die Gegenwart zu erwärmen. Hoffnung. Der letzte Schimmer, dem es egal ist, ob er zum Plagiat wird, Hoffnung existiert nur in der Gegenwart, betritt man die Zukunft, dann ist die Hoffnung, die sie betrifft, längst nicht mehr, längst nicht mehr.
Sie wollte eigentlich nicht so viel nachdenken, ha, vielleicht sollte sie Philosophie studieren, so richtig studieren, die alten Meister an ihre Bärte gehen, sie zersauseln, wie sie es immer gern mit dem Bart eines Freundes ihres Vaters tat, da war sie drei und der Freund verzieh es ihr, auch wenn sie ordentlich am Barte herumzupfte, ihn zersauselte, durcheinander brachte, so daß kein Haar mehr am rechten Platz war, ja, der Bart kaum noch nach Bart ausschaute, alles Dagewesene zersaust war, nur noch das Neugewesene blieb, sie liebte es, Bärte zu zerzasuseln, sie gegen den Strich zu wuseln, ja, vielleicht doch Philosophie?
Aber sie war keine drei mehr und die Bärte wollen von Erwachsenen gepflegt sein, sie wollen nicht zersauselt werden, sonst gibt es schlechte Noten, Verweisung, ab in den Steinbruch der Produktion, ab zum Kellnern, das dachte sie, als sie versuchte, nicht zu denken, einfach nur das zu genießen, was sie sah, als sie aus dem Küchenfenster schaute, und doch, sie war zu einer wahren Küchenfensterphilosophin geworden.
Im Ofen knallte das Holz, zu viel Kiefer, zu viel Kiefer, hatte dann ihr Vater immer gesagt, sie mochte das Knallen des Holzes, es strahlte eine gewisse Gemütlichkeit aus, das Knallen gehörte einfach dazu, es mußte im Ofen knallen, nur dann war das Feuer gut, ein richtig gutes Feuer. Ihr Vater verstand ads nie.
Sie kochte sich noch einen Kaffee, was Jörg jetzt tun wird, fragte sie sich, ha, wie herzlich doch der Abschied war, von seinen Eltern, und der Vater wollte sie sogar bis zur Hütte fahren, nein, sie lehnte ab, sie fuhr mit dem Bus, dann der Fußmarsch, dann der Nebel, sie schaute, er war plötzlich weg, sie konnte die Pappeln sehen, die ein zwei hundert Meter entfernt standen, sogar die Pappeln konnte sie sehen.
Wochen schienen ihr vergangen, seitdem sie das letzte Mal mit Jörg zusammen gewesen war. Sie hätte anrufen oder simsen können, in der Zwischenzeit, aber es war doch erst ein Tag her, als sie sich trennten. Ein Tag. Ein Tag kann viel bedeuten in der endlosen Anreihung von Tagen. Nur, niemand weiß, ob es gerade dieser Tag sein wird, dieser Tag, der gerade gelebt wird, ob es dieser Tag sein wird, der alles verändert.
Sie wollte nicht so eine Simse sein, die den Freund ständig nervt, mit SMS terrorisiert. Sie wollte warten, das Telefon lag vor ihr, auf dem Küchentisch, hob sich nett ab, von der Wachstuchdecke, das Neue vom Alten. Vielleicht kommt er selbst auf die Idee, wenigstens eine SMS zu senden, sagte sie sich, vielleicht würde er ihr mitteilen, daß sie ihm fehle, vielleicht würde er auch ganz neue Worte nehmen, Worte, die in noch keiner einzigen Vorabendserie gefallen sind, etwas ganz Neues erfinden, um das ewigwiederkommende zu sagen, ich liebe dich.
Der Ofen mußte entfacht werden, ein kleines Feuer, um die Hütte zu wärmen, draußen lag noch Brennholz herum, im Schuppen, gleich neben den Hühnern, sie gackerten friedlich, waren von Maria gut versorgt worden, geschlachtet auch, ja, aber wer würde sie gut versorgen, wenn er sie nicht schlachten wollte. Sie sind ja keine Schoßhunde, Katzen oder Fische im Aquaerium. Ihre Existenz ist ernsthafterer Natur, sie arbeiten für den Menschen, ja sie geben sogar ihr Leben für den Menschen. Die Erhaltung des Menschen ist ihr Lebensinhalt.
Sie fand das Holz, wollte nicht mehr an die Hühner denken, als eines besonders laut gackerte, sie schaute nach, ja, sie würde ein wenig Korn nachfüllen müssen, auch Wasser. Gleich gleich, sie würde erst in den Ofen das Holz legen, es entfachen, dann würde sie die Hühner füttern und sich danach wundern, warum sie es tun muß, denn wer ist hier der Herr im Haus, das Huhn oder der Mensch?
Ein Grinsen machte sich in ihrem Gesicht breit, der Mensch oder das Huhn. Es scheint, als hätten beide etwas zu sagen, keiner ist dem anderen Untertan, denn beide sind einander verpflichtet, sie sind einen Vertrag eingegangen, der Mensch umsorgt die Hühner und die Hühner sorgen für Eier und Fleisch. Gut, ob sie auch ihr Fleisch geben wollen, sicherlich nicht, so etwas würde kein denkendes Huhn unterzeichnen wollen, da ist der Mensch plötzlich wieder Herr im Hause, er bestimmt, wann der letzte Tag des Huhns gekommen ist.
Die Hühner gackern. Haben sie ihr Denken verstanden? Heike gab, wie zur Entschuldigung, noch ein wenig mehr des guten Korns als Futter her. Eines der Hühner gackerte trotzdem weiter. Wohl das erste Huhn im Stall, das Sprecherhuhn, der Primus inter pares, der Erste unter Gleichen, denn auch dieses Huhn mußte Eier legen und würde geschlachtet werden.
Sie vergaß darüber ganz das Telefon. Und als es klingelte, erschreckte sie. Ein wohliges Gefühl. Rote Ohren. Der Magen ein wenig flau. Sie rannte schnell zum Telefon, schaute, er war es, Jörg stand auf dem Display. Die grüne Taste drücken, das Gespräch annehmen, ermahnte sie sich, bevor das Klingeln aufhörte. Sie würde zurückrufen müssen, kein Durchkommen, der Anrufbeantworter, er hatte gleich die nächste Person angerufen, hatte er etwa in Berlin eine zweite Freundin? So, einfach so, nur für Berlin. Ein Huhn, das besondere Huhn war ihr gefolgt, gackerte drauflos, Heike versuchte nach dem Huhn zu treten, ließ es dann aber dabei bewenden, es aus der Hütte zu scheuchen.
Er rief nicht an. Heike erwachte und hörte das erste Vorfrühlingskonzert der Vögel. Laut, klar, deutlich, gut vernehmlich, ein Konzert der Superlative, es war so neu, kaum eingespielt, frisch, ja, frisch, wie frische Butter, gut schmeckend, aber stets ein Mißbehangen auslösend, weil es so gut schmeckte und doch auch Fett war, das böse Fett, und nicht nur das böse Fett, das ganz böse Fett, das gesättigte, das einem fett werden läßt, ganz von allein fett werden läßt, das magische Fett.
Sie genoß es, das Konzert. Sollte sie sich wegen des Genusses schämen? Nein, dazu war die Zeit nicht reif, zum Schämen. Sie ist jung, hübsch und voller Hoffnungen, wofür sollte sie sich schämen, Scham entwickeln, dafür, daß sie es mochte, den Vögeln beim Gesang zuzuhören, es in sich aufsteigen zu lassen, das neueste Musikstück, frisch komponiert, fast wäre ihr die Wut darüber, über das Schlemmerhören, verflogen, ob seines Fehlens, seines fehlenden Anrufes.
Sie rief ihn an, wieder. Ja, sie hatte es sich vorgenommen, nicht anzurufen. Sie rief einfach an. Fünf Rufzeichen, dann sein Anrufbeantworter. Sicherlich war er bereits in der Stadt unterwegs, eine passende Wohnung zu finden, eine richtig gute Wohnung, zwei Zimmer, dazu Flur und Bad, Küche, Dielenfußboden, abgezogen, Wände gewickelt oder nur gestrichen, egal, sie würde helfen, mit anpacken, im Renovieren war sie Spitze, auch das, auch darin war sie Spitze.
Das Konzert der Vögel war längst beendet. Vögel geben am liebsten am frühen Morgen ein Konzert. Womöglich dachten sie sich sogar etwas dabei, begrüßten die Sonne, verabschiedeten Mond und Sterne, dazu ihre Träume. Auch Vögel träumen, wie sollten sie sonst leben können?
Die Hütte rief, zum Glück, sie wollte gesäubert sein, bis auf dem Fleck in der Küche hatte sie bisher alles recht ordentlich gesäubert, gut, der Fleck, der blieb, aber sie versuchte nicht an den Vater zu denken, jetzt nicht, obwohl, sein Vermächtnis, es mußte noch gehoben werden, womöglich ist es der Beginn einer neuen Philosophie, sie würde das Rad beginnen zu drehen, also alles in schöner Schrift übertragen und an einen Verlag geben, der kann es dann drucken lassen oder auch nicht, wenn nicht, dann würde sie es selbst drucken lassen, das Vermächtnis, ihr Vater würde berühmt werden und sie eine berühmte Tochter.
Den Keller hatte sie bisher nicht gesäubert, fiel ihr ein, im Keller war sie lange nicht gewesen, warum sollte sie ausgerechnet jetzt in den Keller gehen, der darf ruhig dreckig sein, ein Keller muß sogar dreckig sein, voller Spinnweben und Mausekot, sonst ist er kein richtiger Keller, sondern etwas anderes, vielleicht ein Spießerkeller oder auch nur ein Fitneßkeller oder Clubkeller.
Sie öffnete die Luke, die sich in der Küche befand, eingelassen im Dielenfußboden, stieg hinab, versuchte Spinnwebe um Spinnwebe auszuweichen, es gelang ihr leidlich, zumeist verfingen sie sich in ihr Haar, echtes Spinnwebenhaar bedeckte sie jetzt, unten standen Mutters Konserven, fein aufgereiht im Regal, darüber Staub, und der Schlitten mit dem sie als Kind unterwegs war, hing an der Wand, an einen rostigen Nagel, ein altes Fahrrad stand mit platten Reifen in einer Ecke herum, ja, auch Autoreifen. Klingelte das Telefon? Sie war sich nicht sicher, lief dennoch hinauf, im Wohnzimmer angelangt, Stille, das Display zeigte einen entgangenen Anruf an. Er! Sollte sie zurück rufen? Sie tat es. Sein Anrufbeantworter meldete sich. Er ruft wieder eine andere an. Sie war sich sicher, er hatte in Berlin eine Nebenbraut.
Der Zug fuhr langsam, die Weichen mußten wohl vom Schnee befreit werden, beim Fahren, und das dauert, da ist Vorsicht geboten, damit der Zug nicht aus dem Gleis springt, nicht vom Weg abkommt, stürzt, über sich selbst, seiner Unvorsichtigkeit. Heike überlegte, was sie ihn fragen sollte, was sie sagen sollte. Schluß oder Anfang, Beginn, Weitergang. Sie wollte ihn in seine Augen sehen, wenn sie es ihm sagen würde, sie hielt nicht viel davon, von diesen SMS-Schlußmachern, womöglich mit einem vorgeschriebenen Text, lediglich der Name ist einzufügen.
Gegenüber saß ein Mann, sie konnte ihn jedoch nicht sehen, er las die Faz, ein Faz-lesender Mann, sie hätte ihn gern näher gesehen, obwohl dieses eigentlich schon genügen könnte, zum Kennenlernen dieses Verstecken hinter diesen riesenhaften Zeitungsseiten, sie könnte ihn genau danach beurteilen, sie bräuchte keine weiteren Anhaltspunkte. Alles andere, was dazukommen könnte, Haar, Augen, und Kinn, Nase, Mimik, und Schulter, Hände, gut, die Hände sah sie zumindest teilweise, gepflegte Hände, als ließe er sich diese maniküren. Der Geruch geriet auch zu ihr, ein Männerduft wie von Boss oder?, sie kannte nicht besonders viele Männerdüfte, ihr Vater hatte immer nur nach Mann gerochen, Jörg versuchte ebenfalls seinen Eigengeruch zu kultivieren, Mathematiker, die weltfremden Genies.
Ach, er bewegt sich doch, Heike amüsierte sich, hübsch, jung, Ende Dreißig, mit Brille, schaut intelligent aus, ein Pickel, paßt zu ihm, dachte sie. Jetzt durfte sie den Kulturteil der Faz lesen, er hatte diesen zu ihr gewendet. Ein Theaterkritiker, der sich über das Theater aufregt. Gut geschrieben, sie las von der ersten bis zur letzten Zeile und, es war, wenn nicht eine Offenbarung, so doch große Kunst, das wollte sie wissen, sie angehende Germanistin. Ha, Kritikerin könnte sie auch werden, aber Kritiker haben es nicht leicht, das ist überall so, sie werden nur von ihren Lesern hofiert, für die anderen sind sie einfach zu kritisch.
Der Zug fuhr schneller, immer schneller, war er etwa bereits entgleist? Der Gegenübermann rührte sich nicht, kein Angsthase, dachte Heike, plötzlich ruckelte der Zug, die Zeitungsseiten flogen auf den Boden, er lächelte, Heike freute sich über das Lächeln, die einzelnen Zeitungsseiten waren allzu schnell aufgehoben. Er versteckte sich wieder hinter der Faz, sein Geruch hatte sich jedoch weiter ausgebreitet, war nun etwas schärfer geworden, Heike genoß es, während sie versuchte, zu lesen, nun jedoch Sport.
Am Sport interessierte sie nur das Doping, das Unerfahrbare, das war das Spannende am Sport, das, was hinter der Fassade zu sein scheint, so sehr zu sein scheint, daß es plötzlich selbst zur Fassade wird, alles andere verdeckt, wie das Talent, das Training, den Kampfgeist, den Mut, die Entbehrung und die Freude, die Mitfreude, die Tränen, auch die Tränen.
Er räusperte sich. Was wird er jetzt denken, versuchte sie zu ergründen, bestimmt etwas Schlaues, solche Leute denken stets etwas Schlaues, Kluges, Überkluges, da wollte sie kein Prophet sein, das wollte sie einfach so wissen.
Irgend hatte sie sich in ihn verliebt, stellte sie verwundert fest, sie hatte sich blitzverliebt, blitzverliebt sein ist wie auf Blitzeis fahren, man kann sich nicht mehr kontrollieren. Und Jörg? Und Jörg? Warum fahre ich überhaupt zu ihn, will ihn zur Rede stellen, ich müßte mich selbst zur Rede stellen, sagte sie sich, in den erstbesten Faz-Leser verliebe ich mich, einfach so, stellt sie für sich fest, während sie sich räusperte. Er antwortete nicht, er blieb stur, sie ließ den Lippenstift fallen, nichts, er las einfach seine Zeitung weiter. Also unglücklich blizverliebt, Mist, sie haderte mit ihrem Leben, ging zum Speisewagen und bestellte sich eine heiße Schokolade.
Es ist aus, alles ist aus, sie weinte bitterliche Tränen, nein, die Tränen waren eher salzig, aber sie hatte gelesen, daß es bitterliche sein müßten, wenn alles aus ist, Lesen bildet Wissen, Detailwissen, alles ist aus, sie stieg aus dem Zug, die Tränen schmeckten immernoch ein wenig salzig, die Finger schwitzten ihr, und der Faz-Leser hatte einfach gar nichts gesagt, außer, "Was ist?", und den Kopf geschüttelt. Sie wird nie wieder einen Mann ansprechen, sagte sie sich und sie fühlte diese Doofigkeit des Ansprechens immernoch nach, wie ein fades Steak oder den schalen Mundhöhlengeschmack des Morgen. Sie fühlte eigentlich nichts Besonderes, nur das, was sonst die pickeligen fünzehnjährigen Jungs erfahren, die sich darauf eingelassen haben, ein Mädchen anzusprechen und die eine Absage erhielten. 101 Prozent aller Jungs machen solche Erfahrungen, dennoch denkt jeder von ihnen, daß es nur ihm so gehen würde, bis er merkt, daß auch andere Jungs in seinem Alter die gleiche Erfahrung auf ihren weiteren Lebensweg mitnehmen dürfen.
Das Haus vor dem sie angelangt war, ist aschgrau, alter Putz, glatt, ohne Stuck, der Stuck sicherlich abgehauen, nach dem Krieg, als Berlin andere Probleme hatte, als die Erneuerung und Ausbesserung von Verzierungen, als alles dem Lebenserhalt dienen sollte, das Schöne, wenn auch kitschig Schöne nicht zugelassen war, bis in Berlin wieder Leben einkehrte.
Jörg müßte eigentlich zu Hause sein, dachte sie, während sie leicht angewidert das Haus schaute, wirklich, es strahlte keinerlei Eleganz aus, auch Glattes kann elegant sein, aber nichts davon war zu sehen, nur die Not, das Elend, obwohl die Gegend gut bürgerlich war, zu sein schien, jedenfalls brachte der Briefträger die Post, sie sah gerade einen auf gelbem Fahrrad, dazu noch einen auf blauem Fahrrad, die Berliner bekommen gleich zwei Mal am Tag Post, Metropolenflair, mit Zurechnung des Paketdienstes konnte, wer wollte, sogar auf vier Zustellungen kommen und dann noch BoFrost und Ups, ja, dann wären es gleich sechs Zustellbetrieblichkeiten die Berlin am Tage verzaubern, das pralle Leben spiegeln. Ein Hund versuchte das gelbe Fahrrad anzugreifen, die Feindschaft zwischen Postbote und Hund war immernoch nicht beigelegt, obwohl die meisten Postboten längst keine Beamten mehr sind.
Sie schob die schwere Holztür auf, es roch ein wenig nach Urin, die Spur einer Stadtkatze oder eines Kneipengängers, Heike nahm die Treppen mit eleganten schnellen Steigbewegungen, schaute die Wohnungstür, lauschte erst, bevor sie die Tür aufschloß, sie hatte von Jörg die Wohnungsschlüssel erhalten, ein Vertrauensbeweis. Vor der Tür hörte sie unterdessen keinen Laut, auch hinter der Tür nicht, sie befand sich allein in der Wohnung, das WG-Mitglied nicht anwesend, Jörg fehlte ebenso.
Ein Kaffee war schnell gebrüht, auch das Radio angeschaltet, Unterhaltungsmusik plätscherte in den Raum, lediglich unterbrochen von Stauwarnungen und Tips für Raser, die sich vor Geschwindigkeitsüberprüfungen verstecken wollen. Dazu Werbung, einprägsam, aber sie wollte sich diese nicht merken, denn die Werbung kam sowieso jede halbe Stunde, egal, ob sie qualitätsvoll ist oder nicht, bei der Werbung zählt nur das Geld, bisher hat noch kein Radiosender einen Spot wegen mangelnder Qualität abgelehnt, sogar die selbstfinanzierten "Du bist Deutschland"-Spots wurden gesendet, Qualitätsbewußtsein muß sich erst einmal bilden, meinte Heike, während sie das Radio abstellte, in Jörgs Zimmer ging, und begann, selbstvergessen in seinen Sachen herum zu suchen.
Was suchte sie? Den anderen Jörg? Der, der einfach fremd geht, einfach so. Ja ja ja, sie kam sich schlecht vor, aber sie mußte einfach nach seinen Schlechtigkeiten suchen, das war in ihr, das mußte raus, da konnte sie nicht an sich halten. Selbst die Hosentaschen seiner getragenen Jeans durchsuchte sie, fand Taschentücher, gebrauchte neben ungebrauchten, sie ekelte sich nicht, denn sie wollte finden. Paar Kondome fand sie auch, im Nachtisch, den Playboy, dann setzte sie sich auf sein Bett, eigentlich hätte sie jetzt eine Befreiung spüren müssen, ihr war jedoch übel, leider konnte sie nicht kotzen, so blieb ihr weiterhin übel, während sie sich sagte, jedes Mädchen hätte das getan, einfach jedes.
Als Jörg kam, hatte Heike bereits alles wieder eingeräumt, so wie es zuvor war, allein ihr Wissen darum hatte sie nicht zurücklegen können, das war es, was nun in ihr war, vielleicht vom Gehirn irgend aussortiert würde oder in Lebenskeit erstarrt bliebe, auf daß sie sich noch in fünfzig Jahren daran erinnern könnte.
Eigentlich war es nur ein kurzer Moment, aber sie dachte daran bereits während zweier Stunden nach, der Zug fuhr recht langsam, hatte wohl nichts vom Fahrplan gehört, vorbeiwandernde Bäume, Strommasten, Kühe auf der Weide, grün und saftig, Pfützen, große, kleine, Vögel, Hasen, sie sah sogar einen Hasen vorbeihoppel, der Zug stand inzwischen auf dem Gleis herum, er wartete auf ein Signal zum Weiterfahren, er erhielt das Signal nach einigen Minuten, die Borddurchsage, eine Entschuldigung, man entschuldigt sich heutzutage, für Verspätungen.
Der Bus war gefahren, als sie aus dem Bahnhof heraus trat, sie würde eine Stunde warten müssen, der Bahnhof lud zum Warten ein, Raum ohne Sitzgelegenheiten, dazu eine gewisse Zugigkeit, Kälte, die Uhr tickte recht laut, nicht wohnzimmerfähig, aber was war hier schon wohnzimmerfähig? Gut, der Fußboden war so sauber, daß man von ihm hätte essen können, wenn es denn etwas zu essen gegeben hätte, der Bahnhof lud zum Verweilen ein, in seiner Ausgeräumtheit, der Wartende sollte ihn füllen, mit sich, mit Gedanken um sich, Kindergeschrei, endlich Kindergeschrei, Frau mit zwei Kindern, sie betrat gerade den Bahnhof, schaute Fahrpläne, Ankunft, Abfahrt, dazwischen war das Warten, nicht extra eingezeichnet, aufgezeichnet, es ergab sich aus der Ankunftszeit und der Abfahrtszeit, rechnen, wenn man rechnen kann, ein bißchen, plus und minus, multiplizieren und dividieren nicht notwendig, Bruchrechnung von Übel, keine Kurvendiskussion, kein X für ein U, keine Gleichung mit entfernten noch nie gesehenen Verwandten, nur plus und minus, einfachste Rechenarten, Haben und Soll.
Der Bus kam, Heike war froh, diesen Ort nicht mehr mit sich füllen zu müssen, der Bus hatte freie Sitzplätze, nach Minuten war ihr kalt, der Busfahrer hatte die Kühlung eingestellt, damit keiner schwitzt, sicher als Vorsichtsmaßnahme gegen die Grippe, 15 Grad Celsius über Null mußten genügen. Draußen Straßen und Feldwege, Bäume, auch schon blühende, Obstbäume für das Frühobst oder Mandelbäume, dazwischen Felder, wie vorhin, halb nass, schön grün, mit fettem Gras überwuchert, ein Kranich und die wilde Gans.
Das Dorf lag im Stillen. Es dämmerte. Die Kirche hatte den letzten Glockenschlag des Tages getan. Ein Traktor fuhr vorüber, mit ihm ein Mann, Heike kannte ihn, grüßte, ging weiter, sie würde noch eine halbe Stunde brauchen, dann wäre sie Daheim, in ihrer Hütte, würde nach den Hühnern schauen, ob sie Eier gelegt haben und ob Maria auf sie aufgepaßt hat.
Jörg kam einfach mit einer Mitstudentin. Miss. Überschlauklug dachte Heike ehe sie lachte und verschwand. Sie lachte, wirklich, sie lachte. Sie hörte sich noch immer lachen, ein boshaftes Lachen, und verschwand, kein Wort, sie ließ ihn nicht reden, alles war ihr klar. Alsbald erhielt sie SMS um SMS, sie wollte die Kurzmitteilungen nicht lesen, wer will schon die schlechte Nachricht lesen, Schluß, jetzt ist Schluß, Heike weinte leise in ein Taschentuch während sie weiter ihren Weg ging. Die Hütte lag im Dunkeln als sie zu ihr kam, die Tür knarrte ein wenig, drinnen duftete ein frisches Brot, ja, sie hatte Maria angerufen, von der Bahn aus, ihr mitgeteilt, daß sie früher kommen würde, diesen Anruf hatte sie längst vergessen.
Hatte sie etwas falsch gemacht? Nein, sie hatte nichts falsch gemacht. Das war ihr klar. Dennoch, in ihr war ein dummes Gefühl, irgend ein dummes Gefühl, als hätte sie etwas falsch gemacht. Und sie hätte das Falsche wieder richtig stellen können, einfach richtig stellen können, Sie hätte nur auf eine dieser SMS-Zeichen antworten müssen, sie tat es nicht. Lieber saß sie in der Küche und schaute aus dem Fenster zum Hof, paar Hühner liefen draußen rum, versuchten Sonnenstrahlen einzufangen, Körner, Würmer, einen friedlichen Tag.
Das Haus mußte geputzt, frühjahrsgeputzt werden, stellte sie für sich fest, während sie ein wenig die Augen verdrehte, um dann doch zu beginnen, zuerst die Schränke, ganz oben, abzuwischen, sich langsam nach unten vortastend, am Ende war sie dann beim Fußboden angelangt, eine Träne zu verlieren, der weiße Fleck in der Küche, den Keller hatte sie noch nicht geputzt, sie wollte ihn morgen reinigen, vom Staub befreien.
Wieder eine SMS, Jörg erschien auf dem Display. Sie ärgerte sich, wußte er etwa nicht, was er falsch gemacht hatte, eine wildfremde Person mit auf sein Zimmer nehmen, insgeheim lobte Heike die alte Zeit, als die Pensionsmutter aufpaßte, auf herrenlose Söhne und Töchter, die in der Stadt weilten, um zu studieren, einen Beruf zu erlernen. Warum nur ist es so weit gekommen?
Die Frauenbewegung hat die Frau befreit, vor sich selbst, aber auch von den Männern. Heike haßte die Frauenbewegung, nur die Schwarzer fand sie gut. Sie lachte. Die Ikone der Frauenbewegung gut finden und die Frauenbewegung hassen. Jörg wäre im Früher besser aufgehoben gewesen, in der Stadt, kein Mädchen hätte sich getraut, mit ihm zur Pension zun gehen, und im Treppenflur hätte die Pensionsmutter über Jörgs Unschuld gewacht.
Schwarzer fand sie dennoch gut. Warum? Es war ein Gefühl, ein Bauchgefühl. Vielleicht sollte sie Journalistik studieren, dann zu Emma, wäre doch interessant, Frauenbewegung zu machen ohne frauenbewegt zu sein, das gäbe doch ganz neue Blickwinkel. Sie mußte schon wieder lachen. Nein, die Idee war dennoch gut, sie würde Journalistik studieren und dann Jörg interviewen, den hoch angesehenen Mathematiker, der gerade einen Nobelpreis, halt, eben irgend einen ähnlichen Preis abgeräumt hat.
Sie würde ihm zeigen, was er alles an ihr verpaßt hat. Das würde sie. Sie liebte ihn, das merkte sie, noch immer. Sie liebte ihn. Sie weinte um ihn, um sich, um alles, um die Welt, um nichts Geringeres als die Welt, das Taschentuch nahm all die gerade entstandene Körpernässe in sich auf, eine Rose war auf dem Taschentuch gestickt, sie hatte es von Maria erhalten.
Morgen sollte sie mitfahren, zum Gefängnis, sie sollte ihn, den Mörder ihres Vaters besuchen, um ihn zu beruhigen, es sei ein Unfall gewesen, Unfälle geschehen genau so oft, wie Kinder gezeugt werden, jedenfalls in Deutschland, sie hatte einen solchen Artikel gelesen, kam ihr komisch vor, diese Gegenüberstellung, ihr wurde übel, wieso hatte sie Hering und Erdbeereis gegessen, weil es sich gerade im Hause befand? Egal.
"Hallo Heike, ich war da. Bitte melde Dich, ich bin bei meinen Eltern. Jörg", Heike schaute den Zettel, der auf dem Küchentisch lag. Er war ausgerechnet gekommen, als sie weggegangen war. Ein Zeichen. Sie versuchte nicht zu weinen. Ein paar Tränen. Sie schaute nach draußen, paar Hühner wackelten herum, suchten Körner und Würmer. Die Sonne war fast verschwunden. Dämmerung. Die Vögel veranstalteten ihr Abendpfeifen. Heike lauschte, während sie Jörgs Geruch wahrnahm. Adidas, ja, wohl auch er selbst, ein wenig herb, verärgert.
Läßt sich Ärger riechen? Heike war das so klar, wie sonst nichts. Er mußte gerade gegangen sein. Sie schaute noch einmal nach, draußen, vielleicht saß er auf dem Plumpsklo, hatte sich dort verheddert, nein, es war leer und es roch auch nicht nach ihm, mehr nach Chlor und anderen Desinfektionsmitteln, die sie großzügig in die Grube gestreut hatte, morgen würde der ganze Mist abgeholt werden, morgen.
Hatte sie ihn verpaßt. Ein Zeichen? Sie versuchte es zu deuten und sagte sich, wenn es nun doch kein Zeichen ist. Das wäre allemal besser. Womöglich war es nur ein Versehen des Schicksals, welches sie auseinandergeführt hatte und nicht mehr zusammenführen will. Vielleicht müßte sie aber selbst den nächsten Schritt gehen. Sie griff zum Handy, rief ihn an, Freizeichen, er ging nicht ans Telefon, blöd. Ein weiteres Zeichen!
Sollte sie sich auch um dieses Zeichen kümmern? Dann wäre keine Hoffnung mehr. Sollte sie es lieber vergessen, dann wäre Hoffnung, womöglich nur trügerische, aber immerhin Hoffnung, dem Überleben genügend, und bis zur Heirat hast du es längst vergessen, hörte sie plötzlich die Stimme ihrer Mutter in sich. Das hatte die Mutter gerne gesagt, wenn sie sich das Knie aufgeschlagen hatte oder wenn der Schulfreund nicht zur Kindergeburtstagsparty kam oder wenn sie nur eine Zwei im Musikunterricht erhielt, obwohl sie doch viel besser als die Musiklehrerin singen konnte.
Nein, nicht immer ist es entscheidend, besser zu sein, jedenfalls nicht für gute Noten, dort, in dieser Beziehung kann es sogar verheerend sein, automatisch besser als die Lehrer zu sein, einfach nur verheerend, das mag kein Lehrer, außer der eigene Vater, aber wer hat schon den eigenen Vater zum Lehrer, Mozart, ja, aber wer ist schon wie Mozart, aber für eine Eins im Musikunterricht hätte es dicke gereicht. Kind, bis zur Hochzeit hast du es längst vergessen. Dann werde ich wohl niemals heiraten können, sagte sie sich, versuchte zu lachen, nein, es war ihr ernst.
Die Nacht hatte längst begonnen. Das dunkle Loch gebend, umgeben von Sternen und Mond und Laternen und Fernsehbildröhren, Leuchtstofflampen, Autoscheinwerfern. Heike versuchte ein gutes Buch zu lesen. Sie wollte sich endlich auf ihr Studium vorbereiten, sozusagen durch Vorlesen, am besten mit Schlink, damit sie nachher Zeit für Jobs haben könnte, denn alle, die studieren, haben Jobs, da wollte sie keine Ausnahme sein, gerade weil sie Jobs nicht nötig hatte, um studieren zu können, aber schlimmer als Jobs annehmen zu müssen, war ihr doch die Möglichkeit des Außenseitertums, die reiche Zicke oder so, nein, dann lieber die arme Verbrämte. Das Stück würde aber erst gespielt werden müssen, und das geschieht, wenn sich die Hauptdarstellerin oder zumindest das Schicksal für dieses Spiel entscheidet.
Was für ein Tag! Ein ganz und gar unbesonderer Tag. Heike lächelte dennoch der Sinn, die Seele, das Leben, das Aufstehen war bereits begleitet von diesem diffusen Schönen, das sich seinen Weg bahnen sollte, wie die Strahlen der Sonne durch einen Schleier von Wolken, plötzlich dringen sie durch den Schleier hindurch, schauen nach dem Leben, suchen es zu beglücken.
Heike wußte nicht, warum sie sich gut fühlte. Hatte sie gut geträumt? Allerdings war ihr kein schöner Traum ins Bewußtsein gekommen. Hatte sie vielleicht Geburtstag? Am Geburtstag kam stets dieses besondere Gefühl zu ihr, bemächtigte sich ihres Körpers, ihres Geistes, Heike wußte, daß sie erst in Monaten Geburtstag feiert, auch Ostern, Pfingsten, Weihnachten waren weit. Vielleicht hatte sie einfach gut geschlafen, grundlos gut geschlafen.
Der Kaffee schmeckte, sogar das alte Brot schmeckte besonders, und die Butter und die Marmelade, einfach alles. Sie schaute eine Spinnwebe, die über Nacht von einer fleißigen Spinne gewebt sein mochte, selbst darüber freute sie sich. Spinnweben, das Werkzeug der krabbelnden himmlichen Fischer und Verspeiser. Fischen und Speisen. Heike eklete noch nicht einmal bei diesem Gedankengang, sie aß die trockene Stulle mit der Butter, der Marmelade, schaute dem Regen beim Fallen zu.
Vielleicht sollte sie einfach Lebenskünstlerin werden. Ein Beruf mit Zukunft. Und jede Woche würde sie einmal eine Kolumne darüber schreiben. Das wäre es. Oder doch lieber Germanistin mit Hang zum Lehrertum. Was hätte die Mutter gesagt? Sie versuchte sich die Mutter vorzustellen, wie sie sich an den Küchentisch setzen würde, sich zu ihr hinüber beugt, dabei lächelt, versucht, mit den Augen zu ergründen, was ihre Tochter gerade denkt, während ihre Hände mit den zarten, fast etwas zu lang wirkenden Fingern ruhig auf dem Tisch liegen würden.
Vielleicht hätte sie zum Studium geraten, vielleicht auch zum Künstlertum, vielleicht auch zu beiden Möglichkeiten, vielleicht hätte sie aber zu gar nichts geraten. Schlau genug wäre sie dazu gewesen, zum Garnichtsraten, denn aller Rat kann einem teuer kommen. Welch Kalauer, Heike versuchte nicht zu lachen, also, sie hätte gar nichts geraten, vielleicht hätte sie einfach gesagt, du bist alt genug, das mußt du selbst wissen, sie hätte gesagt, tu, was du tun willst, und wenn du das Falsche tust, dann kannst du immer zu mir kommen, um auszuruhen, um zu ergründen, was du nun tun willst. Das hätte sie gesagt, sicherlich, aber, sie ist tot, das Versprechen würde sie nicht einlösen können.
Der Vater? Er ist auch tot. Heike versuchte dennoch seinen Rat zu ergründen. Was hätte er gesagt? Sicherlich hätte er zum Studium geaten. Kind, studiere, danach kannst du machen, was du willst. Kinder zeugen, eine Familie gründen, heiraten und dich scheiden lassen, arbeiten und nicht arbeiten, weiter studieren oder Künstlerin sein oder einfach nur auf die Welt schauen. Er war immer so wenig ratvoll. Er hat nie gesagt, das oder das mußt du tun. Er sagte immer, das oder das kannst du tun.
Ein Tag zum Ahnen befragen! Die Großmütter und die Großväter könnten befragt werden, sicherlich. Heike versuchte nicht mehr an die Notwendigkeit einer baldigen Entscheidung zu denken. Gegenwärtig würde sie zum Plumpsklo gehen müssen, gut, auch nicht müssen, aber sie würde es tun, weil sie es nicht schätzt, es woanders zu tun, als auf dem Plumpsklo, alle anderen Entscheidungen würden warten müssen.
"Wer war diese blöde Zicke?", Heike hörte in sich dauernd diese blöde Frage, diese Frage, die gleichzeitig auch Unterstellung und Antwort war. Ihre Frage. Ihre Frage an Jörg. Er kam, und sie hatte sogleich diese Frage gestellt. Er hatte noch nicht einmal seine Jacke ausziehen können, stand vor der Hütte, als sie ihn fragte.
Er lachte. Dieses Lachen, das alles sein konnte, Entschuldigung, Selbstanklage, Abwehr, wie auch die Annahme, daß sie sich irren könnte. Mit dem Lachen kam ihr die Wut. Zuerst war es nur Hilflosigkeit, diese Frage, nur Hilflosigkeit, jetzt Wut, aus Wut. "Wer war sie?" Was für eine blöde Frage, klar antwortete er, eine Kommilitonin. Mit ihr würde er zusammen studieren, Mathematik. "So sieht sie auch aus!", Heike haßte sich für dieses Sagen, aber es mußte raus, obwohl sie gar nicht so schlecht aussah, aber darin lag wohl das größte Problem, ihr größtes Problem.
Fast wäre er gegangen. Zum Glück zog ein Gewitter auf, Hagelkörner, groß wie Pillen, erheblich kleiner als Taubeneier, dennoch bereits recht unangenehm, dazu Donner und Blitz, ein Getöse, und dunkel wurde es, allein, das Schauspiel trieb ihn in die Hütte, er zog seine Jacke aus, Heike kochte einen Kaffee, am Küchentisch ließ es sich gut beobachten, das Gewitter. Es entsteht, wenn Gegensätze zusammentreffen, kalt und warm, das reibt ungemein, wie im echten Leben geht es also auch in der Natur zu und Reibung erzeugt Energie, es blitzt und donnert. Heike mochte dieses Schauspiel schon immer, Jörg weniger, als Kind ängstigte es ihm, als Jugendlicher ärgerte es ihm, weil es durch keine Revolution zu beeinflussen war, jetzt ließ es ihn gleichgültig sein, er hatte sich normal entwickelt.
Heike versuchte einen zweiten Anlauf, fragte ruhiger, gezielter, warum er nicht geantwortet habe, worauf er antwortete, er habe es versucht, aber sie hätten sich ständig verpaßt, ein Blitz schlug ganz in der Nähe ein, danach ein Donnern, dann fiel ein Ast einer alten Eiche, die nahe am Waldrand stand, Eichen sollst du meiden unter Buchen sollst du ruhen, oder so ähnlich, fiel Heike eine Lebensweisheit ein, die nach neuesten Erkenntnissen keine sein soll, während Jörg ein wenig ängstlich schaute, er hatte sich erschreckt, Heike lachte, endlich lachte sie, und Jörg versuchte es auch, das Lachen, es gelang ihm leidlich.
Sie würde ihm vertrauen müssen. Sich das Vertrauen trauen müssen. Überwachen würde sie ihn sowieso nicht können, im fernen Berlin, das würde sie nicht können, selbst hier, im Dorfe wäre es recht zwecklos, sagte sie sich, selbst aus diesem Rahmen läßt es sich gut springen, ohne daß das Springen auffallen muß, das wußte sie genau, dachte sie jedenfalls.
Jörg legte unaufgeregt, das Gewitter war gerade gegangen, ein paar Unterlagen auf den Tisch. Er hatte Wohnungsangebote mitgebracht, für Berlin. Heike lächelte. Er dachte also doch an sie, an ihre gemeinsame Zukunft. Jörg lächelte. Sie schauten die Angebote, eines gefiel besonders, wegen der Uninähe, die Wohnung befand sich in Mitte, sie würden sich die mögliche Bleibe anschauen.
Jörg lag neben ihr, friedlich schlief er, während Heike die Sterne zählte und dabei immer wieder an diesen unmöglichen Satz denken mußte, dieser Frage, die mit einer Antwort gekoppelt war, blöde Zicke, sie versuchte zu schlafen, die Aufregung zu vergessen, einen schönen Traum zu haben, auch wenn sie gerade lebte, und lebte, und lebte, wie sie es sich vorgestellt hatte, als Mädchen, als junge Frau, hatte sie ihn gefunden? Vor Aufregung fand sie keinen Schlaf, bis der Schlaf sie fand, recht unvermittelt, mitten in der Nacht spürte sie seinen Atem, bevor es Morgen wurde, der Hahn krähte und sie beschlossen ein wenig länger, zumindest ein paar Minuten länger, im Bett zu bleiben.
"Die Vorstellung ist beendet, das Warten hat ein Ende."
"Was für ein Warten?", Jörg rekelte sich unter der Bettdecke.
"Das Warten auf Godot."
"Hä, das Warten auf den Tod?", fragte Jörg schlaftrunken. "Heike, wir leben doch, komm, wir wollen leben.", er versuchte sie unter der Bettdecke zu fassen, während sie sich ihm entzog.
"Kennst du etwa Beckett nicht?", fragte Heike, während sie aufstand, versonnen zum Fenster hinaus schaute und sich anzog.
"Natürlich, Beckett kenn ich, das meinst du also mit dem Godot und so.", Jörg versuchte in der Bettdecke ein wenig Nachschlaf zu finden, drehte sich von Heike hinweg, schaute mit seinem Gesicht ins Laken, überlegte sicherlich, wer dieser Beckett sei.
"Du kennst Beckett nicht!", Heike versuchte entsetzt zu wirken, sie war es indes nicht, eher belustigt, denn woher sollte ein Student der höheren Mathematik Beckett kennen, das wäre jedenfalls ungewöhnlich, dachte sie, während draußen eine Amsel sang durch den dichten Nebel hindurch sang, der sich über Nacht ausgebreitet hatte, ausgebreitet hatte, um alles in sich zu nehmen, alles Sichtbare, allein das Stimmchen der Amsel frohlockte über ihn, schien ihn teilen zu können, den Nebel teilen zu können. Ganz deutlich sah Heike die Amsel, ganz deutlich und wie sie jubilierte, ja, das Warten habe ein Ende gefunden, die Vorstellung beendet, längst beendet, das Stück gespielt und nach dem Spiel ist das Ende des Wartens erreicht.
In ihr war so ein Gefühl das sagte, ständig sagte, er ist es, auch oder gerade, weil er Beckett nicht kannte, das Kaffeewasser war bereit zum Aufguß, Heike genoß den Kaffee, saß in der Küche, Jörg schlief, Männer schlafen stets nach anstrengenden Nächten lange während Frauen nach anstrengenden Nächten kurz schlafen, weswegen sie dazu prädestiniert sind, das Essen zu bereiten und die Kinder zu versorgen, sofern vorhanden, sagte stets ihre Mutter Eleonore, meist schnippig, meist ironisch, nur ein Mal ärgerlich, es war an einem Muttertag, als Heike verschlief und der Vater verschlief und sie allein dem Bett entstieg, allein in der Küche saß und darauf wartete, bedient zu werden, auch wenn das nur eine einzige Heuchelei gewesen wäre, wäre sie doch daraüber froh gewesen, über das Bedientwerden, am Muttertag.
Als Jörg erschien, setzte er neues Kaffeewasser auf, brühte sich einen Kaffee, ja, fragte sogar, ob sie ebenfalls einen haben wollte, nein, nein, aber Danke, sagte sie, und freute sich, er ist es wohl wirklich, dachte sie, er ist es.
Der Nebel hielt sich recht standhaft, hatte sich kaum aufgemacht, die Welt zu erkunden, blieb in der Luft hängen, kaum zehn Meter vermochten sie aus dem Fenster schauen, das Plumpsklo entrückte so in unersehbare Ferne, der Brunnen war nicht zu sehen, die gackernden Hühner jedoch zu hören und die Amsel immernoch, jedenfalls in Heike, sie hatte die Stimme der Amsel im Ohr behalten.
"Was für ein Warten hat ein Ende?", durchbrach Jörg mit seiner fragenden Stimme die Stille des Morgens.
"Das Warten eben. Das habe ich nur so gesagt. Einfach so."
"Einfach so?"
"Das verstehst du nicht. Wollen wir gleich heute nach Berlin fahren, uns die Wohnungen anschauen?"
"Können wir nicht noch eine Weile hier blieben, ein wenig warten?"
"Dir gefällt es hier?"
"Und ob, mit dir hier. Ewig könnt ich das aushalten, mit dir hier." Irgend wie fanden sich ihre Hände. Irgend wie. Sie fragten nicht darum. Irgend wie ergab sich alles und sie ergaben sich dem alles, Berlin würde warten müssen, während sie sich nahe sind und die Amsel singt, ein frohes Lied des Morgens in den stetig heller werdenden Tag hinein.
Das Leben liebt sich besonders gerne. Heike ging zum Plumsklo, versuchte dabei, ein wenig den Pfützen auszuweichen. Auf dem Klo war es kalt, dafür roch es weniger, als im Sommer, der Frühling hat seine Vorteile, besonders, wenn er eisig, so eisig wie eine Jungfer daher kommt, eine verbrämte Jungfer, die ihr Leben damit zubrachte, es nicht zu lieben, auf daß es sich selbst lieben mußte, notgedrungen selbst lieben mußte.
Die Grube unter dem Plumsklo müßte ich abpumpen lassen, dachte sie, während sie horchte, welche Entfernung das von ihr fallende Ausgeschiedene zurücklegte, um dann endlich auf die Oberfläche der Erde zu treffen, der Weg war recht kurz, sie würde das Klo abpumpen lassen. Dafür war sie bislang nicht zuständig gewesen, dafür hatten ihr stets Vater und Mutter zur Verfügung gestanden, das war deren Zuständigkeitsbereich, schon beim Wechseln der Windeln hatte sie nicht behilflich sein können, so auch beim Plumsklo.
In der Hütte suchte sie die Rechnungen, den Ordner, den ihr Vater stets akribisch führte, im Wohnzimmerschrank fand sie diesen, er stand recht aufrecht, der Deutschen Ordnung huldigend. Sie suchte, fand jedoch nicht. Fast das gesamte letzte Jahr fehlte, und da ihr Vater stets nur das letzte Rechnungsjahr aufbewahrte, fand sie den Ordner so gut wie leer, aber ordentlich aufgeräumt. Fast hätte sie in das Telefonbuch geschaut, eine Firma heraus zu finden, etwa unter Kloake oder Plumsklo, womöglich auch Urin-und Stuhlgangsabfuhr e.V., ein eingetragener Verein, der gemeinnützig tätig ist, denn so etwas müßte und kann doch nur gemeinnützig betrieben werden.
Nein, es kam alles ganz anders, sie fand einen Haufen von unsortierten Rechnungen in einem Schubfach, welches sonst nur Postkarten und Briefe enthielt, nun also Rechnungen, er wird verwirrt gewesen sein, dachte Heike, während seiner letzten Monate, und dazu hatte er alles Recht, während der letzten Tage darf jeder Mensch verwirrt sein, das ist ein Menschenrecht, das Verwirrtsein während der letzten Tage, denn so kann der Mensch sie ertragen oder, so kann er sie vergessen, egal.
Heike sortierte die Rechnungen, stapelte sie auf verschiedene Häufchen, sortierte die einzelnen Rechnungen der Häufchen nach dem Datum der einzelnen Rechnungen, beginnend mit dem Januar, endend mit dem Dezember, so in etwa jedenfalls, nachher lag in jedem Häufchen die älteste Rechnung ganz unten und die neueste oben, wie im Leben eben, nicht anders, womöglich ist es sogar das Leben, die Spur des Lebens, unsere Rechnungen.
Eine Rechnung für das Abpumpen der Kloake befand sich nicht unter den Rechnungen , vermutlich war ihr Vater nicht mehr sehr oft auf der Toilette, im Alter lassen eben die Bedürfnisse des Menschen nach, so auch dieses eigentlich doch immerzu so unvermeidliche Bedürfnis.
Sie würde eine Firma finden müssen, im Telefonbuch, aber, das hatte Zeit, das Leben ließ ihr die Zeit dazu, kaum dachte sie dieses, saß sie bereits in der Küche, am Fenster, trank einen frischen Kaffee und schaute hinaus, es regnete, hatte gerade wieder damit begonnen, sie liebte den Regen, die Luft wurde davon meist recht klar, erfrischend, auch säubert der Regen gern den Boden und die Pflanzen schienen grüner zu leuchten, bereits wenn der erste Tropfen den Boden erreichte. Das Läuten der Tropfen auf dem kleinen Vordach über dem Eingang der Hütte gefiel ihr besonders, es trippelte auf dem kleinen Dach, beruhigend, stetig, leise, sanft, sie mochte es.
Maria war vor einigen Tagen bei Heike gewesen, wieder einmal, sie kam jetzt immer öfter, strahlte jedes Mal recht hübsch, sagte "Tag, mein Mädchen." und packte dabei das Brot aus. Nebenbei schwatzten sie über den Besuch des Gefängnisses. Wie er sich gefreut habe und überhaupt, sein Gewissen habe ihn sichtlich geplagt, die Sicherheitsschleuse, auch darüber redeten sie und nebenbei über das Plumsklo, daher hatte Heike die Adresse und die Telefonnummer der Abfuhrunternehmung erhalten.
Die Abfuhr selbst geschah recht schnell, ein alter W 50 Laster aus der bekannten Lkw-Schmiede der verschiedenen DDR in Ludwigsfelde hatte das Gut aufgenommen, mit einem Saugrüssel, keine zehn Minuten dauerte das Abpumpen, danach war die Grube leer und der freundliche Fahrer wieder hinweg gefahren, mit dem W 50 der einen Aufbau trug, in dem auch Bier, Benzin und Milch transportiert werden könnte, rein von der Statur her, ein paar technische Änderungen, die Umnutzung wäre machbar, wenn es keine Plumsklos und Sickergruben mehr gibt, wenn sie nicht mehr vorrätig sind, dann könnte er Milch fahren oder auch Benzin, Bier.
Der Tag hatte recht schön begonnen. Die Sonne beschien den Hof, ließ die Schatten der Dinge scharf erscheinen, ließ sie sich auf dem Boden der Erde schön abzeichnen, Heike fütterte die Hühner, sie gackerten vergnügt, sie suchte die Eier und sie fand die Eier, recht viele Eier, sie würde der Eierschwemme gehorchend ihre Ernährung von Fleisch auf Eier umstellen oder zehn Kuchen backen oder die Eier auf dem Wochenmarkt verkaufen, sinnierte Heike, während sie längst wieder in der Küche am Küchentisch saß, zum Fenster hinaus schaute, der Himmel war vor lauter Wolken kaum zu sehen, freier Himmelsblick wäre ihr angenehmer gewesen, aber wer hat den schon? Er ist nicht käuflich, freier Himmelsblick, Meerblick, Naturblick sind käuflich, sonst keine Sicht, und wer kein Geld hat, der muß sehen, was übrig bleibt.
Heike versuchte an nichts zu denken, während ihr die schriftlichen Hinterlassenschaften ihres Vaters einfielen, "Vom Aufhören des Denkens!". Ist es nicht das Leben selbst, welches vom Aufhören des Denkens erzählt, fragte sie sich, wir leben, um nicht denken zu müssen. Das ist es. Lebenslange Meditation, lebenslang nicht denken, dafür leben und leben. Lebe, Kind, sagte die Mutter stets, wenn sie sich gerade wieder einmal in sich vergraben hatte, Bücher las, sich beim Fernsehen vergaß oder einfach nur herumsaß, bestenfalls den Himmel schaute.
Lebe. Ich will doch leben! Aber was ist schon, leben? Jörg ist Leben. Jörg! Sie stand auf, ging umher, bis sie eine Beschäftigung fand, sich einen Kaffee brühte, ihn beim Trinken genoß, vergaß, das Leben vergaß, um zu denken und das Denken vergaß, um zu, sie lächelte, schön, sie zog stets den gleichen Kreis, den gleichen Kreis, immer wieder den gleichen Kreis, sollte sie es Leben nennen?
Ich lebe. Sie sagte sich diesen Satz, der lediglich aus zwei Wörtern besteht, schier entwortet daherkommt, ja, kaum mehr ist, den Tag entlang, während sie versuchte, das Leben zu leben. Das ist nicht leicht, das ist hart, sehr hart, sagte sie sich, nicht alles ist so hart, wie das Leben leben. dennoch ist es zu tun. Eine Selbstverständlichkeit.
Jörg war gegangen. Oder, sie hatte ihn gehen lassen. Ein Streit, was sonst, mit viel Lärm, nun war Nichts mehr. Sie versuchte zu leben. Putzte die Wände mit einem Staubbesen, sogar aus den Deckenecken nahm sie die Spinnweben, krauchte unter Couch und Schränke, schaute den Keller, zum Kehren und Wischen, das Fenster, das Küchenfenster glänzte wie seit Muttern nicht mehr, dachte sie sich, wie seit Muttern nicht mehr.
Die Hütte lebte mit ihr, womöglich lebte die Hütte sogar für sie, die Hütte, ihr Lebensvehikel. Sie sah sauber aus. Richtig sauber. Jede Ecke, Gerade, Ebene gekehrt, gewischt, gewienert. Alles sauber. Kein Krümel versteckte sich mehr zwischen den Ritzen der Dielen, alles war sauber, selbst der Fleck in der Küche war ein wenig heller geworden, heller als sonst.
Draußen schien die Sonne, bis zur Erde hinab, der Boden erwärmte sich und mit dem Boden erwärmte sich der Samen, der in ihm steckt. Er mochte keimen, sich zeigen, dem Sonnenlicht, und den Verzehrern Seinerselbst. Der Sproß, noch grün, und doch ein Genuß, dichtete Heike, veruchte es sogar ein wenig mit Heine, die Verse blieben ihr weg, sie mußte selber weiter dichten, versuchte den nächsten Vers, ach, bist so grün, dein Grün kann nicht lügen, so rein, so unerfahren, bleibst du mein.
Sie versuchte weiter zu kommen, ließ es sein, sie wollte das Dichten studieren, zuerst studieren, wollte die rechten Verse lernen, zum Schmieden neuer Verse, immer neuer Verse, eine Schmiederei wollte sie gründen, eine Versschmiederei. Das Eisen muß geschmiedet werden, so lange es glüht, und die Verse müssen geschmiedet werden, so lange die Worte fließen und doch, zuerst kommt das Erlernen des Verseschmiedens.
Das Telefon. Das Klingeln des Telefons hatte sie bereits seit Tagen überhört, absichtlich. Soll er doch selbst kommen, in Sack und Asche, soll er sich nieder knien, seine Stimme allein würde nicht genügen, Liebe braucht Bilder.
Das Klingeln hörte auf, wie so oft hörte es auf. Lange hat er nicht durchgehalten, sagte sie sich, hätte doch noch ein wenig warten können, er liebt mich nicht, ein Pflichtanruf, dachte sie, lauter Pflichtanrufe, ihr könnte ja etwas zugestoßen sein, oder ein neuer Freund könnte bei ihr sein. Ein neuer Freund, einer wie Jörg, aber eben nicht gerade Jörg, einer, der so ist wie er, aber doch auch anders, einer, wie sie ihn lieben könnte, uneingeschränkt, eben einer wie Jörg. Sie versuchte nicht zu weinen und sie versuchte sich nicht eine dämliche Kuh zu nennen, davon, von dieser Selbstbeschimpfung hatte sie genug.
Als sie durch das Fenster schaute, sah sie gerade den Briefträger fortfahren, auf seinem Fahrrad recht steif sitzend, eine Amtsperson, eben eine richtige Amtsperson. Vielleicht hatte er einen Brief von Jörg in den Kasten hinein getan, sie suchte zum Briefkasten zu gehen, bemerkte dann jedoch, daß sie vergessen hatte den Kaffee zu trinken, sie hatte sogar vergessen, ihn zu brühen.
Der Brief eine Rechnung, eine offene Rechnung. Heike lachte. Irre, dachte sie dabei, vollkommen irre, zu denken, daß Jörg einen Brief schreiben würde. Eine Rechnung des Energiekombinates, nein, des Energiekonzerns, Strom ist teuer, teurer als an der Börse, ein Vorrecht aller gutgehenden Konzerne, den Preis für ihre Produkte bestimmen zu können.
Jörg ging neben ihr her, als sie die Rechnung entzifferte, sich daran erfreute, an dieser Sachlichkeit, dieser neuen Sachlichkeit. Sie würde den Strom bezahlen, klar, warum nicht, der Strom ist so etwas wie das Lebenselixier ihrer modernen Haushaltsgegenstände, das, womit es sich Brot backen und Wäsche waschen läßt.
Vor zweihundert Jahren gab es keinen Strom. Ein Leben ohne Strom. Heike versuchte lieber an Jörg zu denken. Bislang scheint es ihr jedoch wichtiger, Strom zu haben, als ihn, den Mann. Quatsch, beides würde sie gern auf sich nehmen, im Doppelpack, und dafür eines umsonst. Nehmen sie zwei und erhalten sie dafür eines umsonst, so die Werbung.
Der Himmel schrie derweil nach Gerechtigkeit. Blitze fuhren hinab, brachten Strom, ganz umsonst. Haltet her, eure Stromleitungen zum Bändigen des Stromes, des Stromes an Blitzen. Ein Blitz hat nicht genau 220 Volt, dort müßte Gott nachbessern, das hat er sich nicht besonders gut überlegt, bei 220 Volt wäre alles kein Problem, ab in die Steckdose mit den Blitzen.
Jetzt donnerte es. Der Donner braucht den Schall zum Kommen, deshalb ist er etwas langsamer als der Blitz und er kann nicht genutzt werden, als Energie, bloß ohrenbetäubender Lärm geht von ihm aus. Die ersten dicken Tropfen fallen herab, merkwürdig warm, Heike fühlte sich an ein Sommergewitter erinnert, dabei war das Frühjahr erst im Entstehen, hatte gerade seine ersten Atemzüge vollbracht.
Als sie an der Tür der Hütte ankam, war ihre Kleidung bereits vollkommen durchweicht, die Nässe war überall angelangt, schnell und ergiebig. Der dunkle Himmel dröhnte während ihm Blitze durchzogen. Kindchen, nun esse auf, sonst kommst du nicht in den Himmel, erinnerte sich Heike an den Spruch ihrer Mutter und freute sich insgeheim, daß sie meistens nicht aufgegessen hatte.
Der Brief hatte sich trotz Gewitter gut gehalten. Rechnungen gehen niemals kaputt, ein Grundprinzip von Rechnungen. Das mag an Wunder grenzen, aber Heike hatte genug von Wundern, sie wollte einfach nur Jörg sehen. Ihn sehen, mit ihm leben, Jörg. Das sommerliche Frühlingsgewitter verschwand, während sich Heike ihrer nassen Sachen entledigte, die trockenen überstriff und besorgt nach den Haaren schaute, wenn er jetzt käme, oh Gott, dachte sie.
Sie hätte gern den ganzen Tag lang an Jörg gedacht, aber sie war beschäftigt, mit der Wäsche, mit den Hühnern, mit sich selbst. Sie suchte Beschäftigung, um nicht denken zu müssen, nicht an Jörg, auch nicht an sich. Ja, nicht an sich selbst, das war ihr vielleicht wichtiger, nicht an sich selbst denken zu müssen.
Alle großen Denker werden der Mühsal des Lebens entbunden, um denken zu können, dachte sie, während ihre Hände die halbnasse Wäsche auf eine Leine hängte, die sie zwischen zwei Pfosten gespannt hatte, welche vor der Hütte, gleich neben dem Brunnen standen. Ja, sie versuchte, sich Mühsal aufzuladen, um nicht denken zu müssen, nur das Gewöhnliche denken zu müssen, eben, wie die Wäsche aufzuhängen sei, ob das Wetter zum Aufhängen der Wäsche tauge, inwieweit die Hühner der Wäsche aus dem Wege gehen würden, wie tief darf sie hängen, damit sie ungestört hängen kann?
Große Denker denken manchmal großen Scheiß, sagte sie sich. Das liegt daran, daß sie sich mit kleinem Scheiß erst gar nicht abgeben, wenn schon, dann muß das Gedachte groß sein, selbst wenn es wie Scheiße stinkt. Und die wirklich großen Denker sind dann die, die das bemerken wollen, sich dann lieber in die Ironie der Wissenden begeben, um sich und die Umwelt davor zu schützen, dem eigenen Denken unkritisch zu folgen.
Sie mochte große Denker. Jörg war ihr so einer. Ein Mathematiker, aber doch, ein Großer. Er hätte problemlos all die Wäsche aufhängen können, ohne lahme Arme zu bekommen, vom allzu großen Strecken gen Himmel. Große Denker können das. Als sie das dachte, hörte sie wieder einmal das Telefon läuten. Sollte es läuten. Sie würde nicht den Hörer abnehmen, wenn er nicht selbst zu ihr findet, sich von Angesicht zu Angesicht erklärt, dann wäre er ihr sowieso nicht der Richtige.
Das Telefon klingelte nicht mehr, dafür krähte eine Krähe gen Himmel und zur Erde. Recht laut. Zu laut für diese ruhige Nachmittagsstunde, während der die meisten Vögel zu ruhen schienen, viel zu laut. Eine Warnung? "Iiieh.", schrie Heike, während vor ihren Füßen so etwas wie ein Gruß der Krähe landete. Sie hatte aber Glück gehabt, weder Wäsche noch ihr Haar waren getroffen, allein, es hatte ein wenig gespritzt, so frisch war es gewesen, die Farbe des vom Himmel gefallenen paßte jedoch gut zu ihren Gummilatschen, die manchmal auch FlipFlops genannt werden, wohl, weil sie mit Hilfe des Schweißes der Fußsohlen so gerne flipfloppen. Ein erfrischendes Geräusch.
Eigentlich war gar nicht viel geschehen, zwischen Jörg und ihr, sie wollten eigentlich eine Wohnung in Berlin besichtigen, aber irgend wie stritten sie sich darum, was sie studieren solle, er meinte, Germanistik sei eine brotlose Kunst, zumindest das Lehramt müsse sie anstreben. So jung und doch schon so berechnend! Heike war total überrascht und polterte daruf los, ja, verteidigte ihren Hang zur brotlosen Kunst und wenn er nicht wolle, so brauche sie ihn eben nicht, schrie sie auf dem Hauptbahnhof ins weite Glasdach.
Komisch, er war überhaupt nicht debattenfest, nicht streithart, noch nicht einmal ein kleiner Fels der Ruhe, er ging einfach, nur weil sie es gesagt hatte. Mathematiker sind Idioten, rief sie ihm nach und daß Mathematik seelenlos sei, womöglich rief sie sogar Idiot, das wollte sie nun aber nicht mehr wissen, der Streit war ihr längst halb vergessen, vom Hirn aufbereitet zum Schöndenken.
Mathematik ist ein hochkomplexes Gebilde, etwa vergleichbar mit dem Einzeller, Heike versuchte sich einen Einzeller vorzustellen. Was für ein Wunderwerk mußte dieser Einzeller sein, der allein mit einer Zelle sein gesamtes Leben bestreiten kann. Einfacher kann das Hochkomplexe nicht dargestellt werden, als durch einen Einzeller.
Im Radio kursierten derzeit die ersten Wahrscheinlichkeitsrechnungen zur Weltmeisterschaft des Fußballs. Gern wird erörtert, wie wahrscheinlich die deutschen Fußballer Weltmeister werden könnten. Alle möglichen Parameter werden dazu heran gezogen, bis hin zum Fernsehen. Welcher spielübertragende Sender, ARD oder ZDF, garantiert eher einen Sieg der Deutschen Fußballer? Heike wollte bereits anrufen, wichtig sei allein, daß die Spiele nicht totkommentiert werden, in beckmannscher Manier, oder so ähnlich. Das wollte sie sagen. Wer bringt mehr Glück, Netzer und Delling oder Beckenbauer und Beckenbauer, ARD oder ZDF? Bei der Winterolympiade lag das ZDF klar vorn, übertrug das Zweite so heimsten die Deutschen mehr und mehr Medaillen ein, als beim Ersten und die ARD übertrug das letztmalige Finale der Fußball-WM, mit bekanntem Ausgang.
Egal, Heike schaute zum nahen Wald. Wahrscheinlichkeitsrechnungen! Waren ihr egal. Wahrscheinlichkeitsrechnungen treffen doch nur das Wahrscheinliche, niemals das Wunderbare, eben niemals den Einzeller, diesen hochkomplexen Einzeller, der dort draußen, in der Natur, in der natürlichen Natur, also der Wildnis, überlebt, obwohl er dazu lediglich eine Zelle besitzt, wahrlich arm an Zellen ist.
Jörg hatte sich wieder nicht gemeldet, gut, er rief an, aber warum kommt er nicht vorbei? Er weiß doch, wo ich wohne, sagte sich Heike. Er weiß es, und er muß nicht einmal in Sack und Asche kommen, das könnte nur eine Päpstin von ihm verlangen, was mehr als unwahrscheinlich wäre, eine Päpstin auf dem Papstthron, absolut und wirklich unwahrscheinlich.
Sie ging ein wenig aus der Hütte hinaus, sich die Natur anschauen, gelangte nach einer Weile zu ihre Mutter, Eleonore, nahm vom Grabstein ein wenig Blattzeugs, welches vom Wind dorthin getrieben war, ging am Bach entlang, schaute auf die Kehre, wo sie Jörg traf, als er angelte, wo sie ihn wieder traf, sich seine Freundin, Geliebte, nannte, in der Hoffnung, sich irgend seine Frau nennen zu können, die Frau des Jörg, und zudem hoffte, er würde sich Mann der Heike nennen, dazu müßte jedoch ein neues Namensrecht für Deutschland gefunden werden. Daran ist ihre zarte Beziehung zerbrochen. Ein schallendes Lachen kam über die Kehre. Sie lachte so laut, wie sie das letzte Mal allein mit ihrem Vater lachte, sicherlich aus nichtigem Anlaß.
Sie hörte dem Lachen zu, wie es gluckste, sich steigerte, vervielfältigte, echote, ein wenig, kein Fels war in Sicht, für ein richtiges Echo, nur ein wenig Wald, ein Bach, eine Kehre, ein Feldstein, dennoch, ein wenig echote es, ihr Lachen, wunderbar, sie probierte es weiter und immer weiter, das Lachen und versuchte dabei an nichts weiter zu denken, er wäre es sowieso nie geworden, dachte sie, während ein Fisch aus dem Wasser sprang, nach Luft oder einer Fliege schnappte, wollte wohl von der Fliege das Fliegen lernen.
Gestern war er bei ihr, Jörg, endlich bei ihr, sie lachte in sich, blieb zu ihm jedoch ernst, vollkommen ernst, spielte die Ernste, er würde sich entschuldigen müssen, wie in einem guten Heimatfilm, sie schaute bereits die Szene, grüne Wiese, Butterblumen, eine Kuh in der Ferne, die gerade am Gras kaute, dazu blauer Himmel, ein paar lose Wolken und er und sie, mitten auf der Wiese auf einer Decke liegend, dem Tag beim Verstreichen zuschauend. Er würde sagen: "Entschuldige Heike, ich habe es wirklich nicht so gemeint.", sie würde sagen: "Jörg, ich verstehe dich ja, aber du mußt wissen, ich will Germanistin werden, ohne Wenn und Aber, einfach nur Germanistin.", darauf er: "Gut, wenn du eine richtige Germanistin werden willst, ohne Brotberuf, dann werde es ruhig, ich werde dich immer unterstützen.", sie entgegnte: "Wirklich?", er, "Natürlich, Schatzi.", sie küssen sich, während in der Ferne die Kuh beim Wiederkäuen schmatzt.
Dann wachte sie auf, das Schmatzen hatte sie wohl selbst im Traum erledigt, so feucht war ihr um den Mund, sonst war alles nur geträumt, egal, alles nur geträumt, ohne Drogen zu nehmen, befand sie sich in einem kunterbunten Farbfilm, der Schlaf machte es möglich.
Sie ärgerte sich, träumte sie bereits von ihm, und das in einem Kitschitraum, vollkommen Kitschi, Mensch, ich will Germanistin werden, wozu dann dieser Kitsch? Das fragte sie sich immer wieder, bis sie bermerkte, daß sie nicht einmal über ihren eigenen Traum lachen konnte. Sie hatte den Humor verloren, irgend war er ihr abhanden gekommen, während der letzten Tage, Liebe tötet alles, sogar den Humor, sie versuchte zu lachen, ein verkrampftes Kiechern löste sich aus ihrem Rachen, sie versuchte dazu ein lustiges Gesicht, eine Grimasse gelang zumindest.
Der Kaffee schmeckte öde, dazu bitter, und blöd. Kaffee kann blöd schmecken, wieder versuchte sie zu lachen, schaute dabei aus dem Fenster, der Himmel war kaum beleuchtet. Diffuses Licht, gebrochen durch eine immense dunkelgraue Wolkenschicht, drang zur Erde, mehr nicht, die Hühner gackerten und der Hahn hatte bestimmt gekräht, als sie träumte, hatte er gekräht, sicherlich. Sie würde Eier suchen gehen, heute, Nachlese, gestern war Vorlese, mal sehen, ob wieder ein paar herum liegen, im Stall.
Sie versuchte den Kaffee zu genießen, stellte sich den allerbesten arabischen Kaffee vor, teuer veredelt, in Vakuum verschweißt, wird er geöffnet, duftend wie ein Gewürz, die Nase füllend, recht angenehm, ein Kaffee der nicht duftet, kann nicht schmecken, sagte sie sich, versuchte einen Geruch am Kaffee zu entdecken, nichts, wahrscheinlich überlagert, irgend wird sicherlich ein Kaffeeberg eines Spekulanten herum liegen, dort kommt der Kaffee her, der nicht mehr riecht, und nicht mehr schmeckt, der das alles jedoch mit seinem höheren Preis auszugleichen versteht. Denn was teuer ist, muß einfach schmecken, letztlich bereits deshalb, weil keiner gerne Geld umsonst ausgibt.
Schon wieder schaute Jörg vorbei, während sie auf ihrem Stuhl saß, festsaß, von der Hütte war sie längst genommen, während sie von Jörg tagträumte, sogar tagträumte, weil sie nicht mehr wegkam, von der Hütte, wohl nicht mehr wegkam. Sie liebte die Hütte. Ihre Kindheit, das ist die Hütte, ihre Eltern, das ist die Hütte, ihr Leben, das ist die Hütte. Das alles dachte sie nicht, sie träumte von Jörg, tagträumte von Jörg, während das Licht ausging.
Im Keller war es recht dunkel, ohne Licht, sie fand in der Küche eine Haushaltskerze, entzündete sie recht ungelenk mit ein paar Streichhölzern, mit denen sie hernach nicht wußte wohin, verbrannte sich beinahe die Finger, wenn sie nicht schnell zur Spüle gesprungen wäre, um dort die brennenden Streichölzer hinein zu werfen. Der Sicherungskasten war im Kerzenlicht schnell entdeckt, im Keller gleich links, ja, so wie sie es in der Erinnerung hatte, eine Sicherung war durchgebrannt, sie sah es an dem kleinen Blättchen, welches am Kopf der Sicherung sonst haftete, vorsichtig schraubte sie die mit Keramik ummantelte Sicherung aus der Fassung, suchte eine neue Sicherung, fand sie nicht, erinnerte sich zum Glück an die Vorgehensweise ihres Vaters, wenn gerade keine neue Sicherung zur Hand war, holte ein wenig Alufolie aus der Küche, schraubte auch die Hauptsicherung heraus, um dann die Alufolie in die Fassung der kaputten Sicherung zu tun und sie mit dieser wieder zu verschließen, dann noch die Hauptsicherung, ole, es wurde Licht. Germanisten sind eben auch praktisch veranlagt, sagte sie sich, während sie versuchte, nicht an Jörg zu denken.
Gestern die Bewerbungsunterlagen für das Studium abgeschickt, schrieb Heike in ihr Tagebuch, dazu, in etwas gedrückter weniger geschwungenen Schrift, jedenfalls in den Umschlag gesteckt und mit Anschrift versehen auf den Küchentisch gelegt.
Ja, da lag sie nun, ihre Bewerbung. Germanistik auf Lehramt. Sie wollte Brot und Kunst verbinden, nun doch. Woher der Wandel? Manches wandelt sich, ohne daß man den Grund des Wandels begreift. Wie das Wetter oder das Leben oder das Denken. Jörg hätte gesiegt, sagte sie sich, während sie dachte, nein, er hätte nicht gesiegt, denn ich war mir noch vor Jörgs Empfehlung unsicher, ob nun Germanistik mit oder ohne Lehramt.
Der Brief lag beruhigend auf dem Küchentisch, sie hatte ihn endlich auf den Weg gebracht. Befreiend lächelte sie zum Fenster hinaus. Sie fühlte sich wohl, heute fühlte sie sich wohl, jetzt, unmittelbar. Sie fühlte es mit der Haut, wie die Haut sie entspannt umspannte, sie fühlte sich gut in ihr, was sie natürlich so nicht dachte, sie fühlte einfach nur, ohne Denken, einfach da sein, das Dasein genießend.
Jörg meldete sich seit einigen Tagen nicht mehr, kein Ton von ihm. Sonst klingelte das Telefon recht regelmäßig, fast hatte sie sich daran gewöhnt, jetzt kein Laut mehr, so kurz war also seine Liebe, die er doch so übergroß deutete, ja, sie als Alles oder Nichts darstellte. Ebend doch ein kühler Berechner des Lebens, kein Romantiker, der sich zumindest unvernünftige Gedanken zu seinem Leben macht, wenn er schon nicht den Werther in sich entdeckt, entdecken will.
Nein, sie wollte keine Schuld haben, an dem, was hätte kommen können. Zumal er nicht der Typ dafür war, dachte sie, während sie zum Fenster hinaus schaute, eine Leine entdeckte, die am Klohäuschen befestigt war, als wäre sie zu irgend einem Gebrauch sinnvoll.
Vorahnungen sind blöd, entschied sie für sich, das ist nicht so einer, der berechnet alles ganz kühl, hat eben ein paar Wochen lang angerufen, dann ihre Liebe abgehakt, wie eine Position auf dem Einkaufszettel, jetzt stand dort sicherlich ein anderer Name, Ines, oder so, sicherlich.
Zeit verging, Zeit ging, Zeit, Blöde Kuh nannte sie sich plötzlich. Und wenn und wenn schon. Das Gewissen ist ein Instrument, welches in den höchsten Tönen summt, erhält es ein Wissen. Ich weiß es nicht, verdammt, ich weiß es nicht, sagte sie zu sich, er kann so oder so veranlagt sein, ich werde ihn anrufen, nein, das tust du nicht, wer bestimmt hier, du oder ich, ich rufe an, nein, nein doch, sie wußte nicht weiter, das Hirn spielte verrückt, der Brief lag auf dem Tisch, daneben die Tasse Kaffee, draußen der Hahn, er stolzierte auf dem Hof, und das Klohäuschen stand verschämt an der Seite herum.
Berlin Hauptbahnhof, Heike war wieder in Berlin. Eine Stadt, und so wenig eine Großstadt und doch eine große Stadt, viel Grün, viel Lärm, viel Nichts, viel Theater, viel Regierung, viel Lobby, viel Menschen, viel Hautfarbe, im Sommer näherte sie sich ein wenig an, die Hautfarbe, ein gewisses Braun überwiegte, Sonnenbräune, obwohl, die Genbräune hielt tapfer dagegen, Heike versuchte ein Lächeln, der Glaspalast wirbelte um sich, sie stieg aus dem Zug, schaute den Bahnsteig, den ewig langen Bahnsteig entlang, Hitze, die Sonne erschien durchs Glas, dazwischen Schweiß und grummelnde Gesichter, Berliner Gesichter, sie ging den Bahnhof entlang, Vorfreude, klamme Vorfreuide, Ahnung, Vorahnung, sie hoffte das Beste.
Zu Jörgs Wohnung führte ein kurzer Weg, sie hatte immernoch die Schlüssel, mußte lediglich die Türe aufschließen, sie wäre dann dort, bei ihm, angekommen, und doch nicht angekommen, die Tür blibe unaufschließbar, der Schlüssel paßte nicht, ein anderes Schloß war inzwischen eingebaut, zweiter Blick, Jörgs Name fehlte an der Tür, er war nicht mehr, jedenfalls hier nicht mehr, nicht daß er umgezogen ist, in die Wohnung, in die sie gemeinsam ziehen wollten?
Sie haßte plötzlich ihre Spontanentschlossenheit. Heute Morgen hatte sie noch den Hahn beim Krähen geschaute, saß gemütlich in ihrer Küche, dann kamen diese ungemütlichen Gedanken wieder, obwohl sie längst die Leine vom Klohaus entfernt hatte, womöglich diente sie einst als Wäscheleine, makaber, aber wahr, womöglich hing gleich neben dem Klo die Wäsche, quer über dem Hof, hin zu dem Brunnen, dann zum nächsten Baum, ein Pflaumenbaum, und wieder zurück, zwanzig Meter, wohl, jede Weißer Riese Werbung wäre stolz auf diese Wäscheleine gewesen. Heike mochte sich daran nicht erinnern, ihre Mutter hängte die Wäsche stets hinter der Hütte auf, aber vielleicht, als sie klein war, genau dort, wo der Weiße Riese sie am liebsten gehabt hätte.
Der Kaffee schmeckte nicht mehr, sie schaute in den Fahrplan der Bahn, der rein zufällig auf dem Tisch lag, nachdem sie ihn ohne großes Nachdenken aus der Flurkommode genommen und zur Küche gebracht hatte, der nächste Zug würde in zehn Minuten abfahren, dann alle zwei Stunden, sie packte ihre Sachen und ging, sie packte ihre Sachen, die aus wenig mehr, als der Handtasche und Jörgs Wohnungsschlüsseln bestanden, und ging, sie packte ihre Sachen und schaute nicht zurück, sie ging, die Hütte blieb, der letzte Tropfen Kaffee in der Tasse, der Hahn krähte, die Hühner wackelten, sie hatte Maria angerufen, sie würde sich kümmern, wie immer.
Auf dem Bahnhof saß sie dann und schaute die Schienen, die dort herum lagen, mit Schrauben an das unterliegende alte Holz befestigt, die Mitropa gab es längst nicht mehr, dafür echte Stahlsitzmöbel auf dem Bahnsteig und die obligatorische Mülleimersortieranlage, zum Sortieren des Mülls, in einem Eimer landete der Restmüll, so stand es auf ihm, die anderen beherbergten den Anfangsmüll.
Eine Bahnhofsansage aus dem Nichts, "Vorsicht an der Bahnsteigkante, Einfahrt erhält der Zug ..", Heike sprang vor Aufregung auf, ich liebe ihn wohl doch, sagte sie sich, ich liebe ihn, doch, doch, ich liebe ihn, irgend hatte sie Lust auf ihn, jetzt und sofort, sicherlich das Sommerwetter, ideal zum Lustbekommen, egal, sie stieg in den Zug, eine leichte Kühle, vereinzelt saßen Menschen auf den gepolsterten Sitzen, schauten gelangweilt, einer nicht, er schaute weniger gelangweilt, sie schaute deshalb besonders gelangweilt, als sie an ihm vorbei ging, auf dem Weg nach oben, der Doppelstockzug wollte auch oben Fahrgäste sehen, Heike fand ihren Platz, gleich an der Tür, der Zug fuhr los, nun stand sie dort und wußte nicht weiter, Jörg fehlte.